Tund und Ergehen

Lukas 13, 1 – 5

 1 Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte.

 Pilatus, das wissen wir, hat einiges an harten Aktionen zu verantworten. Er kennt kein Zögern, wenn es darum geht, die römische Macht zu behaupten und die Ruhe im Land herzustellen. Es ist in seinen Augen wohl auch nicht schlimm, wenn es eine Friedhofs-Ruhe ist. Es geht um ein Ereignis, das die Zeitgenossen Jesu heftig erregt hat: Im Tempelbezirk hat Pilatus galiläische Pilger umbringen lassen, die beim Opfer waren. Das weist auf die Passah-Zeit hin, denn nur da gibt es das, dass die Pilger selbst opfern. Es ist brutale Gewalt: Beim Vollzug einer religiösen Handlung selbst zum Opfer zu werden, wohl unter dem Vorwurf des Terrorismus. Schon der Verdacht der Unruhen, die Vermutung der möglichen Gewalt genügt den Römern, um hart einzugreifen. Und es spricht für ein Maß an Arroganz und Ignoranz der jüdische Seite, religiösen Gefühlen gegenüber, das schwer zu ertragen ist.

 2 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? 3 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.

 Jesus greift den Bericht und die mit dem Bericht gestellte Frage auf: Haben sie es sich selbst zuzuschreiben? Greift auch hier der Tun-Ergehen-Zusammenhang, der von alters her ein Fundament jüdischen Denkens ist, der aber auch unser Denken heute noch tief bestimmt. „Entspricht der gewalttätige Tod nicht der Schwere der Sünde?“ (F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas, EKK III/2; S. 376) So fragen die Erzählenden mit ihrem Erzählen und Jesus bringt ihr Fragen ans Licht.

 Aber er lässt es nicht dabei, dass nach „den anderen“ gefragt wird. Er wehrt die Frage nach der größeren Schuld ab, weil er die Frage nach der Schuld jeden Lebens in Blick nimmt. Ihr alle seid doch schuldig. Es geht um euch und euer Leben. Es geht nicht darum, andere zu beurteilen. Es geht immer darum, das eigene Leben Gott zuzuwenden. Μετανοία – Umkehr ist das Gebot der Stunde. Die Hinkehr zu Gott ist das, was das Leben in die richtigen Bahnen lenkt, unabhängig davon, was die Römer treiben. Wer glaubt, ohne diese Umkehr leben zu können, der bereitet sich selbst den Untergang. Er wird das Schicksal der Galiläer teilen. Dieser knappe Satz Jesu wird später (21, 5 – 29) wieder aufgegriffen und entfaltet werden.

4 Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? 5 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.

 Neben den politischen Gewaltakt stellt Jesu den Unglücksfall. Konnte man bei den Pilgern vielleicht noch irgendwievon „Mitschuld“ reden – was ist mit denen, die zufällig zu Tode kommen, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind? Ein Haus stürzt ein und begräbt achtzehn Menschen unter sich. Wer wollte da von Schuld reden?

 Und doch gibt es auch in solchen Fällen ja immer die, die es ganz genau wissen. Die deshalb die Toten eines Tsunami nachträglich der ungezügelten und gott-losen Lebensführung bezichtigen. Die deshalb die Opfer eines Verkehrsunfalls immer unter den General-Verdacht „Raser“ stellen. Die es fertig bringen, bei Krebserkrankungen über unsolide Lebensführung und psychische Instabilität als Ursache zu schwadronieren. Der Tun-Ergehen-Zusammenhang als oft genug lieblose Erklärung macht vor Unglücksfällen nicht Halt.

Und wieder sagt Jesus: Schaut auf euch. Urteilt nicht über andere. Maßt euch keine Urteile an. Es ist nicht Gottes Sache, Menschen für ihre verborgenen kleinen und großen Sünden durch öffentliche Unglücksfälle zu strafen. „Jesus ersetzt sowohl den in allem herum schnüffelnden wie den fernen Gott durch einen zärtlichen, der auf uns wartet und der uns, bevor er uns erwartet, einlädt.“ (F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas, EKK III/2; S. 378) Aber der Ruf zur Umkehr, zur Metanoia, gewinnt gerade so an Dringlichkeit. Denn wer sich diesem zärtlichen Gott nicht zuwendet, dem ist nach den Worten Jesu das Verderben, das Unheil in der Zeit gewiss. In alledem geht es aber um das Heil und Unheil in der Zeit. Es gilt vorsichtig zu sein, daraus flugs Aussagen über die Ewigkeit abzuleiten. Der Weg in die Freiheit ist der Weg der Hinkehr, Umkehr zu Gott – in dieser, unserer Lebens-Zeit.

Jesus                                                                                                                                    wie tief bin ich gefangen in diesem Denken von Ursache und Wirkung                                  Tun und Ergehen                                                                                                                 Wie lieblos lässt mich das über andere urteilen

Du willst nicht                                                                                                                      dass wir andere beurteilen                                                                                                 verurteilen                                                                                                                             und selbst weiter bleiben                                                                                                        wie wir sind

Du willst unsere Umkehr                                                                                                        in unserem Beurteilen                                                                                                         Verurteilen                                                                                                                                 in unserem Leben                                                                                                                     hin zu dem Gott                                                                                                                      der uns sucht in Dir. Amen