Ermutigt zum Bekennen

Lukas 12, 1 – 12

 1 Unterdessen kamen einige tausend Menschen zusammen, sodass sie sich untereinander traten. Da fing er an und sagte zuerst zu seinen Jüngern: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, das ist die Heuchelei.

 Merkwürdig: Obwohl Jesus so schroff reden kann, wie es die vorigen Abschnitte zeigen, kommen die Leute in großen Haufen zusammen. Einige tausend Menschen, die sich um ihn drängeln. Chaotische Szenen werden hier signalisiert: sodass sie sich untereinander traten. Jesus hat offensichtlich kein Interesse an einer wohl geordneten Bewegung. Wie es überhaupt seine Intention nicht zu sein scheint, eine Bewegung auszulösen.

 Seine Aufmerksamkeit ist anders ausgerichtet, das zeigt die Mahnung an die Jünger. Das ist ja weniger eine Warnung vor den Pharisäern als mehr der Hinweis: Achtet darauf, dass ihr nicht in die gleichen Verhaltensmuster verfallt. Es ist so leicht, in einen Zwiespalt zwischen Innen und Außen, zwischen Fassade und Inhalt zu geraten. Das Achten auf das eigene Bild, das Image, ist nicht erst in der modernen Gesellschaft ein übergroßes Thema – es scheint mehr ein Menschheits-Thema zu sein.

 2 Es ist aber nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 3 Darum, was ihr in der Finsternis sagt, das wird man im Licht hören; und was ihr ins Ohr flüstert in der Kammer, das wird man auf den Dächern predigen.

 Innen und Außen – das gibt es auch im Leben der Jünger. Es gibt ein Hören im Verborgenen, ein Reifen im Verborgenen. Es gibt die Zeit, die der Öffentlichkeit entzogen ist. Jesus hat seine Jünger nicht nur öffentlich belehrt. Er hat mit ihnen auch „unter vier Augen“ gesprochen. Und er wird sie – so ist es die Vorstellung des Lukas ja – nach der Auferstehung wieder im Kreis der Jünger lehren: „Ihnen zeigte er sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes.“ (Apostelgeschichte 1,3) Und erst so belehrt sendet er sie aus: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Apostelgeschichte 1,8) Aber zuvor gibt es die Zeit der Lehre im Verborgenen. Nur, dass dies nicht das Ziel aller Dinge und kein Selbstzweck ist.

 Das Ziel der Lehre in der Verborgenheit ist die öffentliche Verkündigung. Das Ziel ist das Ausrufen der Botschaft vom Reich. Das Ziel ist die Proklamation des Reiches. Weil das so ist, ist es töricht, es unter der Decke halten zu wollen. Wer die Botschaft vom Reich empfangen hat wie die Jünger, der wird nicht anders können als sie auch öffentlich zu machen. Das Evangelium ist und war nie als Geheimlehre gedacht – es ist vielmehr ein Angriff auf alle Geheimnistuerei in Sachen Gott und Glauben.

4 Ich sage aber euch, meinen Freunden: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und danach nichts mehr tun können. 5 Ich will euch aber zeigen, vor wem ihr euch fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der, nachdem er getötet hat, auch Macht hat, in die Hölle zu werfen. Ja, ich sage euch, vor dem fürchtet euch.

Dieser Weg in die Öffentlichkeit ist furcht-besetzt – für die Jünger so gut wie für die Gemeinde, die das Lukas-Evangelium liest. Denn in der Öffentlichkeit droht der Widerspruch, droht die Feindschaft, droht die Lebensgefahr.

Wie klingt das in den Ohren der Leser des Lukas: Keine Furcht vor denen, die den Leib töten und danach nichts mehr tun können. Wie klingt das in den Ohren von Leuten, die es gehört haben, wie Christen in der Arena gelandet sind, Opfer blutiger Tierjagden, Opfer brutaler staatlicher Willkür im Rom Neros? Wie klingt das in den Ohren derer, die Martyrium nicht nur als historische Erinnerung kennen sondern als die Wirklichkeit von Mitchristinnen und Mitchristen?

 Es singt sich leicht:                                                                                                          Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr’, Kind und Weib:
Laß fahren dahin, sie haben’s kein’n Gewinn,
Das Reich muß uns doch bleiben. Martin Luther

 Aber das zu leben, was man so leicht einmal singen kann – bei festlichen Anlässen und Jubelfeiern, ist alles andere als leicht. Das ahnen sogar wir in unseren sicheren Zeiten.

 Und doch ist da die Herausforderung: Furcht, wenn es denn sein muss, verdient nur die Möglichkeit des anderen Todes, die unmögliche Möglichkeit, dass wir von Gott verworfen werden. Das scheint mir außer Frage: Jesus will uns hier nicht Angst vor dem Teufel machen. Die Macht des Teufels findet bei ihm keine so große Hochachtung. Sondern es geht um so etwas wie eine geistliche Furcht – dass wir unser Leben so vertun könnten, dass es von Gott verworfen wird. „Der Gott des Lukas, der stärker ist als der Tod, ist auch gefährlicher als er.“ (F. Bovon, Das Evangelium, nach Lukas, EKK III/2, S. 254) Ihn zu fürchten hilft der Furcht vor den Menschen standzuhalten.

 6 Verkauft man nicht fünf Sperlinge für zwei Groschen? Dennoch ist vor Gott nicht einer von ihnen vergessen. 7 Aber auch die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.

 Jesus aber bleibt nicht bei den Worten von der Furcht stehen. Es braucht Stärkeres als die Furcht, um sich nicht zu fürchten. Vertrauen ist stärker als die Furcht. Gottvertrauen erst recht. Und so stärkt Jesus das Vertrauen auf Gott. Gott vergisst seine Leute nicht. Es ist der Schluss a minore ad majorem, vom Kleineren zum Größeren, den er hier gebraucht. Wenn Gott schon die Sperlinge nicht vergisst – wie viel weniger wird er euch vergessen. Wenn er schon eure Haare zählt, wie viel mehr zählt er auf euch, zählt er euch, hält er euch in der Schar seiner Kinder fest?

 Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt ?
Weißt du, wie viel Wolken gehen weit hinüber alle Welt ?
Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet
an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.

Weißt du, wie viel Mücklein spielen in der heißen Sonnenglut,
wie viel Fischlein auch sich kühlen in der hellen Wasserflut ?
Gott, der Herr, rief sie beim Namen, dass sie all ins Leben kamen,
dass sie nun so fröhlich sind, daß sie nun so fröhlich sind.

Weißt du, wie viel Kindlein frühe stehn aus ihren Betten auf,
dass sie ohne Sorg und Mühe fröhlich sind im Tageslauf ?
Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen,
kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und hat dich lieb.

 Das ist große Theologie im Kinderlied, das Weiterschreiben der Worte Jesu so, dass sie das Herz berühren. Das ist das Vertrauen, das der Furcht Einhalt gebietet, weil es sich geborgen weiß in der Liebe, die nie vergisst.

 8 Ich sage euch aber: Wer mich bekennt vor den Menschen, den wird auch der Menschensohn bekennen vor den Engeln Gottes. 9 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, der wird verleugnet werden vor den Engeln Gottes.

 Jesus bleibt bei seinem Thema und treibt es weiter. Das öffentliche Geschrei des Evangeliums. Bekennen und nicht bekennen – beides hat Folgen. In der Zeit und in der Ewigkeit. Es gibt eine Geschichte der Abkehr, die aus dem Bekennen folgt: Menschen kehren sich ab. Aber der Menschensohn und die Engel Gottes, die kehren sich zu, die wenden sich zu. „Der Herr wende sein Angesicht auf dich.“ Was wir als Segen zusprechen ist die Wirklichkeitsfolge des Bekennens und löst Bekennen als Wirklichkeitsfolge aus. Gott wendet sich zu, sein Angesicht, seine Freundlichkeit. Und weil er sich zuwendet, gibt es Leben.

 Und eben umgekehrt: Wo Gott sich abwendet, erlischt das Leben. Wo Gott sich verweigert, ist es mit dem Leben vorbei.

„Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie;                                                           nimmst du weg ihren Odem,                                                                                                so vergehen sie und werden wieder Staub.“ (Psalm 104, 29)

 Das ist die Folge verweigerten Glaubens, verweigerten und versäumten Bekennens: Gott wendet sich ab: Ich kenne euch nicht! (Matthäus 25,12) Es geht, so wird hier gerade in der Härte der Worte deutlich, um mehr als um missionarische Möglichkeiten, die auch einmal verpasst und versäumt werden können. Es geht um ein Aufkündigen der Gemeinschaft mit Jesus, wenn er verleugnet wird – und das hat Folgen. Gott sei Dank ist das nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit! Auch Lukas weiß ja noch die andere Geschichte von der Verleugnung zu erzählen und dass es da eine glücklichen Ausgang gibt: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen.“ (24, 34)

 10 Und wer ein Wort gegen den Menschensohn sagt, dem soll es vergeben werden; wer aber den Heiligen Geist lästert, dem soll es nicht vergeben werden.

 In diesem Zusammenhang steht auch das Rätselwort von der Sünde gegen den Heiligen Geist. Mögen Leute außerhalb der Gemeinde den Menschensohn lästern und verspotten – das ist ihrer Unwissenheit geschuldet. Und diese Unwissenheit – das zieht sich durch das lukanische Doppelwerk entschuldigt vieles. Aber sie gilt nicht mehr für die, die in der Gemeinde sind. Die sind ja da, weil der Geist sie gezogen hat. Die sind ja da, weil sie in der Klarheit des Geistes Jesus als den Herrn erkannt haben, als den Christus Gottes. Lukas könnte es wohl mit Paulus sagen: „Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.“ (1. Korinther 12,3)

 Wer aber von diesem Bekenntnis abfällt, für den wird es schwer, fast unmöglich, einen Rückweg zu finden. Es ist die große innerchristliche Debatte um die zweite Buße, die hier mitspielt. Dieses Wort aus dem Lukas-Evangelium gehört zusammen mit dem Hebräerbrief – Denn es ist unmöglich, die, die einmal erleuchtet worden sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe und Anteil bekommen haben am Heiligen Geist und geschmeckt haben das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt und dann doch abgefallen sind, wieder zu erneuern zur Buße, da sie für sich selbst den Sohn Gottes abermals kreuzigen und zum Spott machen.“ (Hebräer 6, 4 – 6)zu den Stimmen, die hier sehr ernst aller Leichtfertigkeit wehren.

 11 Wenn sie euch aber führen werden in die Synagogen und vor die Machthaber und die Obrigkeit, so sorgt nicht, wie oder womit ihr euch verantworten oder was ihr sagen sollt; 12 denn der Heilige Geist wird euch in dieser Stunde lehren, was ihr sagen sollt.

 Und wieder wechselt der Ton – es geht nicht darum Angst zu machen und durch die Angst zum Bekennen zu treiben. Jesus ist kein Drohbotschafter, auch hier nicht. Er weiß, dass die Angst den Mund verschließt. Nur das Vertrauen kann helfen, den Mund aufzutun. Darum stärkt er wieder das Vertrauen. Ihr müsst nicht im Voraus wissen, wie tapfer ihr seid. Ihr müsst nicht im Voraus wissen, was ihr sagen werdet. Ihr müsst keine Reden fertig haben, auswendig gelernte Bekenntnissätze. Der Heilige Geist – die Kraft der Gemeinschaft Gottes – wird euch lehren. Nur das eine ist wichtig, dass ihr an ihm bleibt, in ihm bleibt. Er wird in euch bleiben und durch euch reden.

 Das ist nicht zufällig, dass ich hier „johanneisch“ rede. Es geht ja genau darum, dass das Bleiben in Jesus, in seinem Wort, an seinem Wort die Worte in uns werden lässt, die dann zu sagen sind. Aus dem Mund des johanneischen Jesus klingt das so: Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Johannes 14, 25-26)

Jesus                                                                                                                                    birg mich in Dir                                                                                                                         Birg mich in Deiner Liebe                                                                                                        In aller Furcht                                                                                                                            lass mich geborgen sein                                                                                                           in Dir

Hilf mir                                                                                                                                       in der Stille                                                                                                                            mich Dir zu öffnen                                                                                                                 auf Dich zu hören                                                                                                                  Lass Deine Worte Gestalt werden in meinem Wort                                                           Lass Deinen Glauben Gestalt werden in meinem Handeln

Lass mich so hineinwachsen                                                                                                   in die Gemeinschaft mit Dir                                                                                                     dass ich gar nicht anders kann                                                                                            als Dich zu bekennen mit Worten und mit Werken                                                              im Reden und im Schweigen. Amen