Am Ende nichts als Segen

Hebräer 13, 15 – 25

 15 So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. 16 Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.

 Vor meinem inneren Augen entstehen Bilder. Immer wieder in unendlich vielen Variationen Bilder einer Gottesdienst feiernden Gemeinde. Sie singen miteinander, beten miteinander, achten aufeinander, stärken einander, helfen einander. Es sind Bilder meiner Sehnsucht, die ich hier sehe und in denen ich meine Sehnsucht nach dem Ankommen am Ziel, nach der Vollendung im Himmel spüre. Gott sei Dank – es bleibt nicht bei schönen Worten, bei sehnsuchtsvollen Visionen. Es kommt zum schönen Tun. Gott hat seine Freude daran.

 17 Gehorcht euren Lehrern und folgt ihnen, denn sie wachen über eure Seelen – und dafür müssen sie Rechenschaft geben -, damit sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn das wäre nicht gut für euch.

Es braucht Vertrauen, um sich Lehrern anzuvertrauen. Es braucht das Zutrauen: Was sie mir sagen, eröffnet Lebenswege. Es ist ein großes Geschenk, solchen Leuten zu begegnen, mit ihnen ein Stück Weg zu gehen, die einem das Leben aufschließen können. Hinter der Forderung gehorcht steht kein Machtanspruch, sondern das Wissen um die Verantwortung, die die Lehrer wahrnehmen. “Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert” (Lukas 12,48) – das ist das Los derer, die leiten und lehren, ὴγουμένοι , Vorweggehende sind.

Und auch das ist wahr: Damit sie das nicht stöhnend tun, widerwillig, braucht es die Zustimmung derer, die geleitet werden. Autorität wird zugeschrieben, wird zugesprochen und zugestanden. Wo sie eingefordert werden muss, ist schon fast alles verloren.

 18 Betet für uns. Unser Trost ist, dass wir ein gutes Gewissen haben, und wir wollen in allen Dingen ein ordentliches Leben führen. 19 Umso mehr aber ermahne ich euch, dies zu tun, damit ich euch möglichst bald wiedergegeben werde.

 Das hängt wohl zusammen – der Blick auf die Lehrer und die Bitte: Betet für uns. Es braucht das Einstehen derer, die sich leiten lassen für die, die leiten. Mir ist einmal der Satz entschlüpft: “Jede Gemeinde hat den Pfarrer, den sie verdient.” Dahinter steht der Gedanke: Eine Gemeinde trägt ihren Pfarrer betend und sie hilft ihm betend, seinen Dienst zu tun und sein Leben zu gestalten. Wenn Gemeinden nicht mehr für ihre Pfarrer beten – wie soll da Segen werden? Es ist weit mehr als nur eine beeindruckende Geste von Papst Franziskus gewesen, dass er die Leute auf dem Petersplatz bat: “Betet für mich, bevor ich für euch bete.” Da geht es um die Möglichkeit, sein Amt gesegnet, zum Segen auszuüben.

 Die Bitte findet ihr Gegenüber in der Selbstverpflichtung: Wir, die Lehrer darf ich wohl ergänzen, geben uns Mühe, ein ordentliches Leben zu führen. Das gehört zum festen Bestand des Denkens über die Lehrer die Gemeinde. „Ein Bischof aber soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, maßvoll, würdig, gastfrei, geschickt im Lehren, kein Säufer, nicht gewalttätig, sondern gütig, nicht streitsüchtig, nicht geldgierig, einer, der seinem eigenen Haus gut vorsteht und gehorsame Kinder hat in aller Ehrbarkeit. Denn wenn jemand seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie soll er für die Gemeinde Gottes sorgen?“(1. Timotheus 3, 2-5) Auch Privat-Leben redet mit, manchmal lauter als es Manchem lieb ist.

 Gegen diese enge Verknüpfung, die Rücksichtnahme im privatem Leben auf das gemeindliche Amt, auf die beruflicher Tätigkeit im Rahmen der Kirche, wird heute heftig Sturm gelaufen. Das sei nicht zumutbar, lese und höre ich. Das sei ein Eingriff in die Privatsphäre. Der „Betrieb“ hat im Privatleben nichts zu suchen. Wohl wahr, wenn es um eine Autowerkstatt geht. Ich halte im Gegensatz zu diesen Stimmen die Verknüpfung von Gemeinschaft und privatem Leben zusammen mit dem Hebräerbrief für unaufgebbar. Weil Glauben eben nicht Privat-Sache ist und Arbeiten in der Kirche mehr ist als einen Job haben, der einigermaßen sicher ist und menschenfreundlich ausgestaltet wird.

 Es geht konkret weiter: Durch dieses Einstehen im Gebet wird vielleicht auch wieder Begegnung möglich. Es klingt, als sei hier ein Wiedersehen gemeint, das bislang verhindert wird, womöglich durch Gefangenschaft.

 20 Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes, 21 der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

 Bisher hat der Schreiber kräftig ermahnt und ermutigt. Er hat sich nicht gescheut, seinen Leserinnen und Lesern Anstrengungen abzuverlangen. Es ist sein Anliegen, dass sie den Glauben festhalten, dass sie Glaubensmüdigkeit überwinden, dass sie nicht aufgeben. Er hat sie gerufen, beieinander zu bleiben.

 Das alles mündet jetzt ein in ein Segenswort. Aus Forderung und Aufforderung wird Zusage und Zuspruch. Der Gott des Friedens mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen. Es ist nicht nur der gute Wille der Leser gefragt. Der ist ja vielleicht doch rasch am Ende. Es ist der Wille Gottes, der „Heil und Leben mit sich bringt“ (Georg Weisel 1623), der wirkt in den „Hebräern“ und dem dürfen sie sich öffnen. Der Segen stellt auf den festen Grund: Gott wirkt „beides, das Wollen und das Vollbringen“ (Philipper 2,13). Darum können sich die Hebräer auch mühen.

 Damit fängt Segen an, dass er uns erinnert, zu wem wir gehören: Inmitten einer Welt voller Unfrieden seid ihr Leute, die zu dem Gott des Friedens gehören. Wo ich im Frieden mit einem Menschen lebe, da kann ich ihm offen begegnen, da muss ich mich nicht vor ihm in Acht nehmen, da muss ich ihm nicht ausweichen. Zwischen uns stimmt es, die Beziehung ist in Ordnung.

 Genau dies meint “Gott des Friedens”. Gott hat das Verhältnis zwischen sich und uns intakt gebracht, hat uns sich gerecht gemacht und lässt uns sich Recht sein. Am Kreuz hat er Frieden angestiftet zwischen sich und uns. Da hat er alles, was trennend zwischen ihm und uns, uns und ihm stand, weggeräumt. Gott hat sich diesen Frieden unendlich viel kosten lassen. So viel sind wir Gott wert, dass er den guten Hirten drangibt, sich selbst in dem guten Hirten drangibt (Johannes 10,11), damit wir zu ihm gehören und in ihm Frieden finden. Hier darf man sicherlich Shalom als die Gabe und das Wesen Gottes mithören. Shalom als Fülle des Lebens, die aus der Versöhnung kommt und in die Versöhnung führt.

 Gott wird weiter beschrieben, in dem, was er getan hat. Er hat Jesus, der der gute, der große Hirte ist, aus den Toten herauf geführt. Wie schön, dass hier noch einmal anklingt, was Generationen um Generationen gelernt haben, Juden und Christen.

Der HERR ist mein Hirte,                                                                                                      mir wird nichts mangeln.                                                                                                           Er weidet mich auf einer grünen Aue                                                                                  und führet mich zum frischen Wasser.                                                                                   Er erquicket meine Seele.                                                                                                     Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.                                          Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,                                                                           fürchte ich kein Unglück;                                                                                                  denn du bist bei mir,                                                                                                            dein Stecken und Stab trösten mich.                                                                                      Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.                                           Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.                                                Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,                                       und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.                    Psalm 23

 Damit ist alles gesagt: Der Weg ist frei. Der neue Bund steht offen. Das himmlische Jerusalem wartet.

 Es ist möglich, Gutes zu tun, dem Willen Gottes zu entsprechen. Mutter Theresa von Kalkutta, die so kleine, große Ordensfrau, die ihr Leben an die Armen in Indien geschenkt hat, hat einmal gesagt auf die Frage nach ihrer Kraftquelle: „Ich möchte etwas Schönes für Gott tun.“ Deshalb hat sie angefangen, um Brot für Hungernde zu sorgen, um Medizin für Kranke, um ein Bett für Sterbende, um ein Gebet für Trostlose, um das Evangelium für Menschen ohne Hoffnung.

 22 Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, nehmt dies Wort der Ermahnung an; ich habe euch ja nur kurz geschrieben.

 Jetzt eilt das Schreiben dem Ende zu. Der Schreiber empfindet seinen theologischen Traktat als kurz. Aber er hat ja auch schon gesagt, dass er auf Anfangs-Lektionen verzichtet. Seine Maßstäbe sind offensichtlich nicht die Unseren. In aller Kürze aber trifft er den Ton seines Schreibens. „Es geht nicht um Trost oder Mahnung, sondern um tröstende Mahnung bzw. mahnende Tröstung“. (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/III; Neukirchen 1997; S.410)

 Nach meiner Einsicht und meinem Verstehen geht es im Brief insgesamt immer wieder um Ermutigen, um Zuspruch, um Rückenwind. „Haltet durch. Haltet fest. Seid standhaft. Stärkt einander. Achtet aufeinander, dass ja keiner zurück bleibt.“ Immer, immer wieder. Das alles steckt ja im Griechischen παρακαλω̃ ich ermahne euch. Was ich eben viel lieber mit Ich ermutige euch übersetze. Weil der erhobene Zeigefinger fehlt und statt dessen das freundschaftliche „Du schaffst das schon“ sichtbar wird.

23 Wisst, dass unser Bruder Timotheus wieder frei ist; mit ihm will ich euch, wenn er bald kommt, besuchen. 24 Grüßt alle eure Lehrer und alle Heiligen. Es grüßen euch die Brüder aus Italien.

 An diese Sätze knüpfen sich exegetische Debatten. Die einen hören in ihnen einen, der Verbindungen zu Paulus hat und darauf hinweist. Andere lesen sie als den Versuch eines Späteren, zu signalisieren, dass diese Schrift gewissermassen apostolische Verbindungen und Vollmacht hat. Dahinter steht der Versuch, die Entstehungszeit des Briefes durch solche Überlegungen genauer zu klären. Ich weiß nicht, wer Recht hat. Ich weiß nur: Briefe des Neuen Testamentes sind oftmals näher an diesen menschlichen “Kleinigkeiten” als unsere kirchenoffiziellen Schreiben. Und es ist doch eine gute Nachricht: Timotheus ist wieder frei. Und es ist eine auch schöne Aufforderung: Grüßt alle, die, die der Gemeinde vorstehen, aber auch alle Anderen, die Heilige sind, weil sie zu Christus gehören.

 25 Die Gnade sei mit euch allen!

 „Macht es gut!“ Mit diesen Worten würden wir vielleicht einen Brief beenden. Oder: „Mit freundlichen Grüßen!“ Oder: „Herzlichst!“ Der Schreiber bleibt sich selbst treu. Was am Ende zählt, sind nicht unsere guten Wünsche, unsere freundliche Verbundenheit, auch nicht unser gelungenes Christenleben. Am Ende zählt, was die Gnade wirkt. Darum ist der Zuspruch der Gnade sein letztes Wort. Er legt den Segen und mit dem Segen die Gnade Gottes auf die Gemeinde.

So sagt es uns dieses Wort zu:                                                                                           Ihr könnt und dürft unter dem Segen Gottes gehen.                                                              Er will bei dir sein, damit dir die Luft nicht ausgeht, damit du gnädig mit dir selbst und anderen umgehen kannst in einer Welt, die so oft gnadenlos ist.                                          Er will bei dir sein, damit dir der Friede nicht ausgeht, damit du friedlich mit dir und anderen umgehen kannst.                                                                                                    Er will bei dir sein, damit dir das Licht nicht ausgeht, wenn du Angst hast, dass alle Lichter der großen und kleinen Hoffnungen ausgehen.                                                                     Er wird bei dir sein.                                                                                                                Und du wirst bei ihm sein.

Allein Deine Gnade genügt                                                                                                       die in aller Schwachheit Stärke uns gibt                                                                              Das will ich mir gesagt sein lassen                                                                                       Das willst Du                                                                                                                           Jesus                                                                                                                                     mir ja immer wieder zusprechen                                                                                          und willst auch                                                                                                                      dass ich es Anderen zuspreche                                                                                         Wir dürfen uns bergen in die Gnade                                                                                        die nie versiegt

So segnest Du uns in Deiner Gnade                                                                                       So dürfen                                                                                                                        können                                                                                                                                sollen wir segnen                                                                                                                     die mit uns auf dem Weg sind                                                                                            hineinstellen in die Gnade                                                                                                    die das Leben schenkt                                                                                                           das den Tod durchbricht                                                                                                          Dein Leben. Amen