Verlockt zum Glauben

Hebräer 13, 1 – 8

 1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.

 Mit den Beinen auf der Erde. Es zeichnet diese Schrift aus, dass sie zwar viel von der Wirklichkeit des Himmels redet, aber darüber nicht die Erde vergisst. Die Hoffnung auf die himmlische Ruhe setzt Verhalten frei, prägt es, formt es. Gerade die am Himmel orientierten Christen bleiben der Erde treu. Sie überfordern sie nicht in ihren Erwartungen. Sie müssen nicht aus ihr ein Paradies machen. Es reicht, die Verhältnisse, vor allem die sozialen Verhältnisse, so zu “verbessern”, dass sie dem Leben dienen.

Es ist eines der großen Anliegen des Briefes, dass die Gemeinschaft unter den Christen tragfähig bleibt. Keiner soll zurück gelassen werden, keine abgehängt, keine allein und sich selbst überlassen. Wenn es stimmt, dass die Adressaten Christen in der Bedrängnis sind, unter Druck von außen, dann leuchtet sofort ein, dass die gegenseitige Unterstützung so wichtig ist.

 Φιλαδελφία, brüderliche Liebe ist geboten. Weil der Glauben in Beziehung stellt, zu Gott und zu den Schwestern und Brüdern, deshalb ist es auch eine Frage der Bewährung des Glaubens, wie Christen liebevoll miteinander umgehen. Zuspruch, Aufmerksamkeit, Trost, Beistand in Nöten, gute Worte – alles das sind Zeichen der Liebe. Diese Liebe ist zentrales Thema in der Christenheit, nicht nur für den Hebräer-Brief. “Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.” (1. Johannes 4, 11) heißt es in einer Meditation, die das Thema breit entfaltet.

 Es ist konkretisierender Anschluss, wenn der Hinweis auf die Gastfreundschaft folgt. Gastfrei zu sein vergesst nicht. Das ist zugleich einer der Punkte, wo deutlich wird: die erste Gemeinde hat auch ethische Standards, die anschlußfähig an die Werte der Umwelt sind. Gastfreundschaft ist ein großes Thema im ganzen Orient – bis heute.

 Wahrscheinlich ist das eines der großen Lernfelder für die mitteleuropäische Christenheit. Wie steht es um unsere Gastfreundschaft als Volk, als Kirche, angesichts von millionenfacher Flucht – aus Hunger, aus Verfolgung, aus Furcht vor dem Krieg. Ich bin sehr dafür, dass Kirchen und Kirchengemeinden an dieser Stelle aktiv werden – und zwar nicht nur mit Appellen an die politischen Verantwortungsträger, sondern mit eigenen Initiativen. Es könnte sein, dass Gott uns Engel schickt und wir lassen sie draußen vor der Tür. Reinhard Mey hat das besungen in seinem Lied „Der Bruder“ und auf seine Weise ein Jesus-Wort aufgegriffen: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“(Matthäus 25,40) Er erzählt in seinem Lied davon, dass er in den USA einen schwarzen Anhalter stehen lässt. Und sein Schlussvers ist es, der die Brücke zu den Worten des Hebräer-Briefes bildet.

Vielleicht war es der Messias, der nach zweitausend Jahr‘n
Noch mal gekommen ist, und du, du hast ihn nicht gefahr‘n,
Mit deinem chromblitzenden, air-condition-daunenweichen Thron.
Oh, das kriegst du nicht so einfach wieder gutgemacht,
Du hast den Bruder nicht nach Haus gebracht!
Und einem Vater nicht seinen verlorenen Sohn.                  R. Mey, CD Flaschenpost

Manchmal reden uns Christen säkulare Musiker, die mit Kirche nicht so schrecklich viel im Sinn haben, doch eindringlich ins Gewissen.

4 Die Ehe soll in Ehren gehalten werden bei allen und das Ehebett unbefleckt; denn die Unzüchtigen und die Ehebrecher wird Gott richten.

Ehe ist nicht alles. Es gibt auch Ehelosigkeit. Aber wo Ehe ist, da steht sie unter dem Schutz des Wortes Gottes. “Das ist ganz die höchste Kunst im ehelichen Leben, zu wissen, dass man den Stand ansehen lerne nach der höchsten Ehre, nämlich dass er Gottes Stiftung ist und Gottes Wort hat…Ach, wollte Gott, dass ein jeder in einem solchen Sinn daherginge, dass er von Herzen sagen könnte: Dass ich mit meinem Ehegemahl hier sitze und lebe, dessen bin ich gewiss, dass es Gott so wohl gefalle, dass es Gott so gestiftet und geordnet hat, dass mich Gottes Wort solches heißt.”(Martin Luther in einer Hochzeitspredigt am 8. Januar 1531, zitiert nach: Luthers Epistelauslegung, Bd. 5, Göttingen 1983, S.429-430) So sieht es Luther, der an anderer Stelle durchaus auch sagen kann, die Ehe sei ein weltlich Ding.

 Mit dem Neuen Testament ist die laxe Sexual-Moral unserer Zeit, die mancherorts hinter der Relativierung der Ehe als guter Lebensordnung steht, nicht zu rechtfertigen. Lax in dem Sinn, dass “erlaubt ist, was gefällt”, was der Triebstruktur entspricht. Lax auch in dem Sinn, dass sie verschweigt, wie viel Schmerz zerbrochene Beziehungen mit sich bringen, wie viel Verelendung innerlich und äußerlich. Lax auch darin, dass es nicht wirklich klar gesagt wird, dass Kinder einen zu hohen Preis für die “Freiheit” der Eltern bezahlen, sich zu trennen.

 Mit diesen harten Worte übersehe ich nicht, dass es auch ein Scheitern in Ehen gibt trotz guten Willens, trotz harten Kämpfens um neue Anfänge. In der medialen Öffentlichkeit wird das nicht genügend dargestellt. Da geht es mir zu glatt ab – von wegen: Wir trennen uns und bleiben Freunde.

 Paulus jedenfalls, als anderer Autor des Neuen Testaments, grenzt im Blick auf ethische Verantwortung und Freiheit ein: “Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.“(1. Korinther 3,22-23) und wenig später noch einmal, deutlich im Zusammenhang mit unseren Trieben: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.“ (1. Korinther 6, 12)

 Es mag sein, dass diese Worte, auch die des Hebräer-Briefes, in unserer Zeit altertümlich und altmodisch klingen, dass es auch wie aus der Zeit gefallen ist, eheliche Treue hoch einzuschätzen. Aber genau dies ist die Position der Worte des Schreibers. “Die Ehe ist mehr als nur legitimierte Geschlechtsgemeinschaft… Da an ihrem Bestand die Weitergabe des Lebens und die Grundordnungen der menschlichen Gesellschaft hängen, ist sie im Alten und im Neuen Testament Gegenstand des göttlichen Rechtes. Der Mensch, der sie als Grundordnung zerstört, wird vor Gott schuldig und untersteht seinem künftigen Gericht.”(A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 246)

 Es steht der Kirche, vor allem meiner lieben evangelischen Kirche, gut zu Gesicht, wenn sie bei aller Vielfalt der Lebensformen, denen sie Freiheit zuspricht und Respekt zollt, nicht vergisst, dass die Ehe zwischen Mann und Frau von einer besonderen Dignität ist. Das Gebot Gottes schafft einen Schutzraum um die Ehe und die, die in einer Ehe leben. Das soll und darf nicht in der berechtigten Suche nach Gerechtigkeit und Freiraum für andere Lebensformen untergehen und verschwiegen werden.

 5 Seid nicht geldgierig, und lasst euch genügen an dem, was da ist. Denn der Herr hat gesagt (Josua 1,5): »Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen.« 6 So können auch wir getrost sagen (Psalm 118,6): »Der Herr ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten; was kann mir ein Mensch tun?«

 Auch das ist wieder völlig neben der Zeit. Der Zeit heute. Aber so sind biblische Autoren. Sie fragen nicht nach den Meinungsumfragen unserer Tage. Sie glauben einfach nicht, dass Gier ein positiver Wert ist. Die Geldgier, die Machtgier, die Gier nach Einfluß und Anerkennung – das alles wird in der Schrift eher unter dem Leitbegriff Sünde verhandelt. Es ist ein Ausdruck fehlenden Gottvertrauens, der die Gier nach dem Geld so zügellos ins Kraut schießen lässt. “Als ich euch ausgesandt habe ohne Geldbeutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr da je Mangel gehabt?” fragt Jesus seine Jünger. “Sie sprachen: Niemals.” (Lukas 22, 35)

Dass auch hier der Hebräerbrief nicht wie ein Fremdling in seiner Zeit und seiner ethischen Umgebung steht, sei nebenbei angemerkt. Es gab immer ethische Entwürfe, die “Gier” eher für eine Entgleisung und die Genügsamkeit für eine Tugend gehalten haben. Wahr ist doch sehr schlicht; Mit einem genügsamen Menschen ist besser auszukommen als mit einem, der von seiner Gier beherrscht wird – was immer auch der Gegenstand seiner Gier sein mag.

7 Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach. 8 Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Hier habe ich Menschen vor Augen. Menschen, die mir den Glauben nahe gebracht haben. Das Evangelium lieb gemacht. Es sind große Namen darunter und solche, die kaum einer kennt. Theologische Lehrer und Lehrer des Lebens. Vorbilder, an denen ich sehen konnte: So geht Christ-Sein. Menschen, an denen für mich sichtbar geworden ist: So handelt Christus in der Welt. Er bringt seine Leute an das Ziel. Und ein Gut-Teil meiner Frömmigkeit ist bis heute: Nachmachen, was sie mir vorgemacht haben – in Worten und Werken, im Verhalten und im Erleiden.

 Was sehe ich an solchen Menschen? Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Das ist Bekenntnis in Worten. Aber es ist auch Bekenntnis im Tun. Mir will es scheinen, als sagte der Hebräer-Brief: Das ist an ihnen ablesbar, dass Christus da ist, nah ist, die Vergangenheit trägt und die Ewigkeit öffnet. Ich höre hier weniger einen Lehrsatz als mehr einen Jubelruf. Auf ihn, Jesus Christus, haben sich die Lehrer unseres Lebens verlassen, die Apostel, von denen wir das Evangelium empfangen haben. Auf ihn können auch wir uns verlassen.

 Herr Jesus                                                                                                                               ich danke Dir für die Menschen                                                                                              die mich auf den Weg des Glauben geleitet haben                                                            manche ohne große Worte                                                                                                    nur durch ihr Beispiel                                                                                                           Ich danke Dir für die                                                                                                             die mich Dein Wort lieben gelehrt haben                                                                             die mir in ihrem Denken und Reden                                                                                  Wege gebahnt haben                                                                                                               Lust gemacht haben                                                                                                               für das Evangelium einzustehen

Ich danke Dir                                                                                                                      dass Du mich so zum Glauben                                                                                             verlockt hast und nicht mehr loslässt                                                                                  Dir lebe ich entgegen. Amen