Einander stärken

Hebräer 12, 12 -24

 12 Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie 13 und macht sichere Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde.

 Weiter geht es mit den Folgerungen, dem Aufzeigen von Konsequenzen. Es geht um Achtsamkeit, aber nicht nur für sich selbst. Achtsamkeit als Ermutigung für die, die erschöpft sind, müde geworden, von tiefer Resignation bedroht. Nicht: „Feuert euch selbst an“, sondern: Ermutigt euch gegenseitig. Imperative, die nicht befehlen, sondern befreien, aufmuntern, den Rücken stärken.

 Es kommt mir wie ein dichtendes Nachsprechen der Worte des Hebräer-Briefes vor:

 Kommt, Kinder, lasst uns gehen, der Abend kommt herbei;
es ist gefährlich stehen in dieser Wüstenei.
Kommt, stärket euren Mut, zur Ewigkeit zu wandern
von einer Kraft zur andern; es ist das Ende gut.

 Sollt wo ein Schwacher fallen, so greif der Stärkre zu;
man trag, man helfe allen, man pflanze Lieb und Ruh.
Kommt, bindet fester an; ein jeder sei der Kleinste,
doch auch wohl gern der Reinste auf unsrer Liebesbahn.       Gerhard Teersteegen 1738


Darum gibt es Gemeinde, dass Einer dem Anderen den Rücken stärkt, dass wir gute Worte füreinander finden, dass wir uns helfen, dass wir gemeinsam weitermachen, dass wir einander den Blick nach vorne öffnen, auf das Ziel gerichtet unterwegs bleiben helfen. „Ich bin nicht nur auf meinen eigenen windschiefen Glauben angewiesen. Wir teilen den Glauben wie man Brot teilt in kargen Zeiten….Es entsteht eine neue Sehnsucht: sich einzufügen in den Gesang aller – der anwesenden Geschwister, der Engel und der Toten“ (F. Steffensky, in: Andere Zeiten, 3/2013, S. 5)

 14 Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird, 15 und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume;

 Es versteht sich nicht von selbst, dass bedrängte Leute am Frieden festhalten. Sie können innerlich auf Kriegs-Modus schalten, sich mit der ganzen Welt in schier ohnmächtigem Kampf sehen. Es ist stark, dass der Brief hier gegensteuert: Jagt dem Frieden nach. Jedermann – das sind auch die, die einem das Leben schwer machen können. Das sind Menschen, die sich feindselig gebärden können, von oben herab schauen auf diese merkwürdigen Christen, aus ihrer Ablehnung keinen Hehl machen. Ihnen gegenüber auf Frieden aus sein? Nicht klein beigeben, sondern im Gegenteil – ein großes Herz bewahren, großmütig sein, nicht Böses mit Bösem vergelten (Römer 12,17), nicht zurückschlagen, nicht verfluchen.

 Es ist die Fußspur Jesu, in die hier gerufen wird: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5, 44-45) Es ist ein Verhalten, dass in vielen Texten des Neuen Testaments als grundlegendes Verhaltensmuster allen Christen ans Herz gelegt wird. So auch hier.

 Wir dagegen haben uns mit dem großen Wort „Feindesliebe“ ein bisschen davon dispensiert. Das kann doch nicht ernsthaft von uns erwartet werden. Jesus mag ja so gelebt haben und auch so gestorben sein. Aber wir können so nicht leben und wollen so auch nicht sterben. Die Aufgabe aber, die der Hebräer-Brief sieht, ist die Umsetzung der Feindesliebe in beharrliches Alltagsverhalten. Der unbequeme und wunderliche Nachbar, die sonderbare Chefin, unfreundliche Kollegen sind gemeint. Mit ihnen gilt es auszukommen.

 Es ist eine merkwürdige Formulierung: Jagt der Heiligung nach. Wie kann ich etwas anstreben wollen, ihm nachjagen, das kein zu erstrebendes sittliches Ziel (E.Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/III; Neukirchen 1997; S.287), sondern eine Gabe ist? Eine Gabe kann ich nur empfangen. Dafür braucht es leere Hände. Wenn unsere Heiligung ist, dass wir Christus gehören – dann braucht es dazu die Bereitschaft, mir das gefallen zu lassen. Und es braucht die Bereitschaft, aus dieser Zugehörigkeit heraus zu handeln, zu leben.

 Ich glaube: Heiligung zielt auf Alltagsverhalten. Das schließt Frömmigkeit nicht aus. Heiligung ist sicherlich auch Beten lernen, Gottvertrauen einüben, sich im Gottesdienst der Gnade Jesu versichern, achten auf das eigene sittliche Verhalten. Aber es wird zur Engführung, wenn wir nur das mit diesem Wort hören. Heiligung ist vor allem ein Sozialverhalten, das anderen eine Brücke zum Glauben baut, dass sie einlädt und nicht abschreckt, dass sie trägt und nicht abstößt, dass sie ermutigt und nicht klein macht. „Alle in der Gemeinde haben hier eine Aufgabe in der Art gemeinsamer fürsorgender Mitverantwortung.“( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 235) Die Zugehörigkeit zu Jesus wird im Zusammengehören mit den Brüdern und Schwestern gelebt. Das meint Heiligung.

 Wenn ich es ganz einfach sage: Wir kommen nicht allein in den Himmel, sondern nur zusammen mit denen, die Gott uns als – manch,mal auch wunderliche und anstrengende – Weggefährten mit auf den Weg unseres Lebens gestellt hat. Und wir tragen Verantwortung dafür, dass sie Gottes Gnade nicht versäumen. In meiner Sprache: Dass sie durch mein Tun und meine Worte entdecken können, dass Gott ihnen gut sein will.

 dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie unrein werden; 16 dass nicht jemand sei ein Abtrünniger oder Gottloser wie Esau, der um der einen Speise willen seine Erstgeburt verkaufte. 17 Ihr wisst ja, dass er hernach, als er den Segen ererben wollte, verworfen wurde, denn er fand keinen Raum zur Buße, obwohl er sie mit Tränen suchte.

 Es geht nicht um gegenseitige Kontrolle. Es geht nicht darum, aus der Gemeinde eine Überwachungsanstalt gegen moralische Verfehlungen zu machen. Aber es liegt dem Brief viel daran, dass die Christen einander helfen, nicht ausgeliefert zu werden an die Begierden, an Triebe, an die Angst, das Leben zu verpassen. Esau ist für die Leserinnen damals ein abschreckendes Beispiel, weil er um der Augenblicks-Befriedigung willen seine Erstgeburt verkaufte. Darauf zielt das Argument; Seid Leute, die sich nicht an den Augenblick verlieren und darüber ihre ewige Zukunft bei Gott preisgeben.

 18 Denn ihr seid nicht gekommen zu dem Berg, den man anrühren konnte und der mit Feuer brannte, und nicht in Dunkelheit und Finsternis und Ungewitter 19 und nicht zum Schall der Posaune und zum Ertönen der Worte, bei denen die Hörer baten, dass ihnen keine Worte mehr gesagt würden; 20 denn sie konnten’s nicht ertragen, was da gesagt wurde (2.Mose 19,13): »Und auch wenn ein Tier den Berg anrührt, soll es gesteinigt werden.« 21 Und so schrecklich war die Erscheinung, dass Mose sprach (5.Mose 9,19): »Ich bin erschrocken und zittere.«

 Es folgt wieder die schon bekannte Denk-Figur, die dem Kleineren das Größere gegenüber stellt. Israel wurde an den Gottesberg geführt und erlebte dabei den Schrecken vor Gott. Israel erfuhr am Gottesberg, dass der heilige Gott und das unheilige Volk nicht zusammen passen. „Weh mir, ich vergehe!“(Jesaja 6,5) ruft der Prophet, als er im Tempel die Gottesgegenwart erfährt. Wir passen nicht zusammen – der heilige Gott und wir Sünder. Das ist eine Grunderfahrung des Menschen schlechthin.

 22 Sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu den vielen tausend Engeln und zu der Versammlung 23 und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten 24 und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus, und zu dem Blut der Besprengung, das besser redet als Abels Blut.

 Die Christen haben auch die Gottesgegenwart erfahren in Christus. Sie aber haben sie, im Unterschied zu Israel, erfahren als Ruf zum Leben, als das Geschenk der Gemeinschaft. Πανήγυρις ist nicht einfach eine Versammlung, sondern eine Fest- und Freuden-Versammlung. Das ist das Ziel, das jetzt schon für die Christen vor Augen ist. Sie haben ihre Versammlung erfahren als die Eröffnung einer Zukunft, die den Himmel aufschließt, die den Weg in die Freude Gottes öffnet. Steht der Gottesberg noch halb verhüllt und drohend da, so wird der Blick auf das himmlische Jerusalem gerichtet als auf den Ort niemals endender Freude.

 Dieser Ausblick, diese Zukunft ist Geschenk. Sie ist Gabe des Mittlers des neuen Bundes, Jesus. Alle Mühe des Lebens, alle Anstrengung lohnt sich, weil sie die große Verheißung hat: Wer so lebt, dass er diesen Weg auf sich nimmt, die Jagd nach dem Frieden, die Solidarität mit den Mitchristen, die Treue im Bekenntnis, der wird den Herrn sehen. Letztlich wird so der Blick auf ihn gerichtet. Jesus ist die Zukunft der Christen. Ihm geht es entgegen.

 Herr Jesus                                                                                                                             hilf mir heraus aus den großen Worten                                                                                   Hilf mir hinein in das Leben                                                                                                  alltäglich                                                                                                                                mit seltsamen Leuten                                                                                                                mit schwierigen Nachbarn                                                                                       herausfordernden Freunden                                                                                                  Hilf mir                                                                                                                                   aus dem Glauben Taten werden zu lassen                                                                             Taten der Liebe                                                                                                                     der Versöhnung                                                                                                                   der Geduld                                                                                                                              Taten                                                                                                                                     die den Weg zu Dir öffnen. Amen