Gottes Pädagogik?

Hebräer 12, 1 – 11

 1 Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, 2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.

Wieder Darum. Die Argumentation des bisherigen Textes wird weitergeführt. Es kommt nicht etwas Neues, ein anderes Thema, sondern es werden Folgerungen aus dem bisher Gesagten gezogen.

Vorgeführt hat uns das Schreiben die Wolke von Zeugen. Die vor uns gelebt haben, sind für den Schreiber nicht einfach weg. Sie sind als Wolke um uns. Nicht lauter Einzelne, sondern dichtgedrängt, viele, Myriaden. „Wolke“ ist weiter der Hinweis auf die himmlische Wirklichkeit. Jesus wird von einer Wolke vor den Augen der Jünger weggenommen (Apostelgeschie1,9). In ihr ist er in die Wirklichkeit Gottes eingegangen. Die ist nicht weit weg, sondern nahe, um uns.

Ich mag diesen Ausdruck von der Wolke der Zeugen. Er hilft mir, in einer leeren Kirche, in der sich ein paar Einzelne verlieren, zu glauben, dass wir nicht unter uns sind, nicht die letzten Übriggebliebenen einer früher einmal großen Geschichte. Auch deshalb sind manche Kirchen so groß, himmelwärts gerichtet, damit die Wolke der Zeugen in ihnen Platz hat. Das klingt, zugegeben, schräg. Mir macht es Mut.

 Diesen Mut braucht es ja auch, um Ballast abzuwerfen. Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert. Das Bild vom Start zu einem Marathon-Lauf erscheint vor meinem inneren Auge. „Was hindert und beschwert, wird von den Läufern abgelegt. Der Begriff des „Ballastes“ ist etwas zu hart gewählt, zeigt aber an, dass die Leser den Sachverhalt einer niederdrückenden Bürde ernstnehmen müssen, wollen sie ans Ziel kommen.“ ( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 230)

 Es ist ein vernünftiger Rat: Trage nicht mehr mit dir, als du wirklich brauchst. Es gibt im Leben überflüssigen Besitz, unnötigen Ballast. Das müssen gar nicht immer nur „Dinge“ sein – es gibt Gewohnheiten, die schleppt man immer weiter mit sich. Es gibt Feindschaften, die schleppt man mit sich und trägt sie Anderen wie eine Altlast nach. Es gibt Kränkungen, von denen wir sagen: „Das vergesse ich dir nie“ und wir schleppen uns damit ab.Ein Ballast wird direkt angesprochen: Lasst uns die Sünde ablegen.Sünde – das ist hier kein Moralbegriff. In dem Wort Sünde steckt „abgesondert“, ganz allein, nur auf sich zurückgeworfen. Tief in uns steckt, dass wir immer so tun, als ob es Gott nicht gäbe, als müssten wir alles selbst regeln, als müssten wir alles selbst ans Ziel bringen. Und die Sünde ablegen heißt nun: Diesen Glauben verlassen und statt dessen anzufangen, Gott und den Menschen zu trauen: Ich bin nicht allein – Gott ist bei mir und eine Menge Menschen auch.

Es ist ein unglaublicher Entlastungsfaktor, wenn Einer das glauben kann: Gott wird es gut machen, auch wenn Manches unvollkommen bleibt.

 Ablegen ist die eine Aufforderung – Aufsehen die andere. Sie hängen zusammen. Fast könnte man sagen: sie bedingen einander. Sich nicht mehr an dem orientieren, was ich habe, sondern mich umorientieren – an dem, hinter dem ich herlaufe.

 Das ist gemeint: Orientierung an Jesus suchen. Er wollte nicht ganz nach oben – er ist ganz zu uns nach unten gekommen – dahin, wo Menschen leiden, sich fürchten, klagen. An ihm sehen wir: Gott hat ihn durchgebracht. Jesus hat seinen Weg durchgehalten, der wahrlich nach unseren menschlichen Maßstäben keine Erfolgsgeschichte ohne Ende war. Er hat seinen Weg durchgehalten, der ihm Feindschaft eingebracht hat, der ihn in Gefahr und schließlich ans Kreuz gebracht hat.

Warum sich an Jesus orientieren? Weil er uns vorgelebt hat, wie frei ein Mensch ist, der sich ganz auf Gott verlässt. Jesus war nicht dem Erfolg verpflichtet, sondern der Wahrheit. Er war nicht auf Macht aus, sondern hat aus der Liebe gelebt. Er hat niemandem alte Geschichten nachgetragen, sondern festgelegte und verfahrene Lebensgeschichten neu für die Zukunft Gottes geöffnet. Jesus hat vorgelebt, welch guter Grund für das Leben die Geborgenheit in Gott ist. Er hat uns – so sieht es der Hebräerbrief – hinein genommen in diese Geborgenheit – so wie einen ein Größerer mit hinein nehmen kann unter seinen weiten Mantel oder ein Gastgeber einem das eigene Haus öffnen kann.

 3 Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

 An ihm sehen, dass Durchhalten lohnt. An ihm sehen, dass Widerspruch nichts ist, was überraschen sollte. Wer auf Jesus sieht, der sieht ihn im Konflikt, im Widerstreit, angefeindet. Christen erleben nichts Anderes als Jesus Christus, zu dem sie gehören. Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. …. Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen.“ (Johannes 15, 18.20) Auch das meint das Wort Nachfolge – Schicksalsgemeinschaft.

Das zu sehen, hilft nüchtern sein. Nicht überrascht. Und den Mut zu bewahren. Nicht matt werden. Hier, so mein Eindruck, greift der Schreiber wieder einmal weit zurück, auf das biblische Wissen seiner Leser: „Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jesaja 40, 30-31) Auf den Herren sehen führt dazu, auf ihn zu harren und stellt in seinen Kraftstrom.

 4 Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden im Kampf gegen die Sünde 5 und habt bereits den Trost vergessen, der zu euch redet wie zu seinen Kindern (Sprüche 3,11-12): »Mein Sohn, achte nicht gering die Erziehung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. 6 Denn wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt.« 7 Es dient zu eurer Erziehung, wenn ihr dulden müsst. Wie mit seinen Kindern geht Gott mit euch um; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? 8 Seid ihr aber ohne Züchtigung, die doch alle erfahren haben, so seid ihr Ausgestoßene und nicht Kinder.

 Bis dahin kommt unsereiner gut nach. Aber jetzt wird es schwierig. Gott als Zuchtmeister. Und züchtigen – ist das nicht „schwarze Pädagogik“? Prügeln. Misshandeln. Das Leben als Erziehungsweg. Prüfungsweg. Wer es nicht schafft, fällt durch und ist abgeschrieben. Das sind Bilder, die Widerspruch auslösen. So haben wir uns Gott nicht vorgestellt.

 Es ist ein schwacher Trost, dass das griechische Wort παιδεία Erziehung meint und nicht Züchtigung, wie es noch in älteren Übersetzungen heißt. Es tröstet nicht wirklich, wenn man sich klar macht, dass solche Sätze oft genug zur Rechtfertigung harter und brutaler Strafen herangezogen worden sind. In frommen Familien und in kirchlichen Einrichtungen, gleich, welcher Konfession. Und es klingt in meinen Ohren entschuldigend und fast verharmlosend: „Die antike Schule war zwar streng, aber ihr Bildungsideal wird keinesfalls vom Tatbestand der Züchtigung (=Prügelstrafe) her angemessen erfasst. Es mag genügen, wenn wir sagen, dass immer die Formung des Menschen eigentliches Leitbild war, nie etwa die Bestrafung eines Vergehens“.( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 233)

 Wahr ist natürlich: Es ist immer misslich, von den Wertmaßstäben der eigenen Zeit her andere Zeiten zu beurteilen. Man wird ihnen so nicht wirklich gerecht. Wir haben keine Grund, uns früheren, strengeren Zeiten gegenüber aufs hohe Ross zu setzen. Ob unsere vernachlässigten und an kindliche Früherziehungs-Einrichtungen, Kitas etc. abgegebenen Kindern so viel besser dran sind als die früheren, die mit großer Strenge behandelt und manchmal auch gestraft wurden, steht noch dahin. „Schlag mich lieber bevor du mich nicht beachtest.“ hat eine Freundin meiner Jugendtage ihrer Mutter gesagt. Ein Satz, der mich nachdenklich sein lässt.

 Wahr ist auch: Hier wird der Versuch unternommen, das Schwere des Lebens, das was belastet, nicht einfach nur wegzudrücken, zu verleugnen, sondern es zu verstehen. Wenn das Belastende des Lebens auch aus den Händen Gottes kommt – dann muss es Anderes sein als bloßer Willkürakt. Darum kommt der Hebräer-Brief auf die Pädagogik. So wie ein Vater, ein Lehrer seinen Zöglingen Schweres zumutet, damit sie daran ihre Kräfte erproben, daran wachsen, so mutet Gott uns Schweres zu, damit wir daran wachsen.

So ist sein Gedankengang. Ist uns das gar so fremd? Ich kenne Leute, die mir sagen:; Was ich bin, wie ich bin, das hat ganz viel mit dem zu tun, was ich an Belastungen zu bewältigen hatte. Nicht die einfachen Wege, die schweren Zeiten haben mich reifen lassen, zu dem gemacht, der ich heute bin. Wenn ich das als Selbstzeugnis hören kann, kann es mir dann nicht auch zu einer allgemeineren Einsicht helfen?

 Es war einmal in einer wunderschönen Oase eine kleine, junge Palme. Eines Tages kam ein finstrer Geschäftsmann dorthin. Er war sehr unglücklich und ergötzte sich am Leid anderer. Er sah die kleine Palme hob einen schweren großen Stein auf und legte ihn in die zarte Baumkrone. Hämisch lachend zog er weiter.

Die kleine, junge Palme schüttelte sich, so gut es nur ging. Bog sich weit zur Seite und versuchte die große Last loszuwerden. Aber es gelang ihr beim besten Willen nicht. Zu fest saß ihr der Stein in der Krone. Da verwurzelte sich der kleine Baum immer tiefer im Boden und drückte gegen die steinerne Last nach oben. Seine Wurzeln erreichten das kühle Wasser, seine Wedel streckten sich zur Sonne und so entwickelte er sich zu einem stattlichen Baum.

Nach vielen Jahren kam der finstre Geschäftsmann wieder an diese Stelle und wollte nachsehen, wie verkümmert diese Palme nun aussehen würde. Doch er konnte nur schöne Bäume wahrnehmen. Plötzlich beugte sich die größte und schönste Palme zu ihm herunter und er konnte sehen, dass ein großer Stein in ihrer Krone lag. Der Baum sprach: „Guter Mann, ich muss dir danken, ohne deine Last wäre ich nicht so königlich und stark geworden.“

 Wie nahe ist diese Geschichte bei dem, was der Hebräer-Brief in einer ausgesprochen herben Sprache überlegt und was uns eher erschrecken lässt.

9 Wenn unsre leiblichen Väter uns gezüchtigt haben und wir sie doch geachtet haben, sollten wir uns dann nicht viel mehr unterordnen dem geistlichen Vater, damit wir leben? 10 Denn jene haben uns gezüchtigt für wenige Tage nach ihrem Gutdünken, dieser aber tut es zu unserm Besten, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil erlangen.

Es ist nicht einfach Rechtfertigung von Strenge, auch nicht von strenger Erziehung. Es ist der Versuch, die Härte des Lebens zu verstehen und in ihr zu sehen, dass auch das Harte, das Schwere des Lebens zu unserm Besten dienen muss, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil erlangen. Und: Es ist der Vater, der uns das zumutet.Mit Vater für Gott geht der Hebräerbrief sehr sparsam um. Wenn er hier vom Vater redet, dann zum Einen im Gegenüber zu den leiblichen Vätern, zum Anderen aber auch, um hervorzuheben: Es ist der Vater, der uns lieb hat.

 Im Griechischen steht da: πατήρ τω̃ν πνευμάτων. Vater der Geister.Einmalig im ganzen Neuen Testament. Es gibt auch die Lesart, die erlaubt zu übersetzen: „Vater der Geistlichen“ – und dann wäre gemeint: Gott ist in seinem Handeln der, der damit zu „Geistlichen“ erzieht. Bei Paulus findet sich das immer wieder einmal, dass er die Christen darauf anredet, dass sie nicht mehr fleischlich, sondern geistlich sind. So könnte ich mich mit diesem Ausdruck – und auch mit dem Ziel anfreunden. „Alles Geistliche muss natürlich, alles Natürliche muss geistlich werden.“ (Zitat unbekannt)

 Es ist das Ziel damit wir an seiner Heiligkeit Anteil erlangen, von dem her der Hebräerbrief seine Sätze sagt. So fremd es uns sein mag – er ist damit in „guter Gesellschaft“ – jedenfalls, wenn man die Bergpredigt und den Bergprediger als „gute Gesellschaft“ ansieht: „Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.“(Matthäus 5, 29-30) Ganz so streng haben wir uns wohl den Herrn Jesus auch nicht vorgestellt.

 11 Jede Züchtigung aber, wenn sie da ist, scheint uns nicht Freude, sondern Leid zu sein; danach aber bringt sie als Frucht denen, die dadurch geübt sind, Frieden und Gerechtigkeit.

 Zum Schluss wird uns noch eine Brücke gebaut: Wir müssen es nicht gut finden, wenn es hart im Leben zugeht. Wir müssen uns nicht freuen, wenn es uns schwer trifft. Es gibt das Wissen, dass die Lasten des Lebens zum Stöhnen bringen, dass man sich ihnen gerne entziehen möchte. Christen sind da nicht anders als alle anderen. Es wird nicht verlangt, dass wir in die Hände klatschen, wenn uns einer stirbt, dass wir jubeln, wenn uns das Leben zu Boden drückt, dass wir uns freuen, wenn es uns schlecht geht.

 Es ist eine ziemlich verrückte Sicht des Glaubens, die Einem das aufdrücken will: Sei froh, dass du leiden darfst – es zeigt Dir, dass Gott Dich liebt. Dagegen darf man sich mit guten Gründen und auch mit dem Hebräerbrief als Bundesgenossen wehren: Jede Züchtigung aber, wenn sie da ist, scheint uns nicht Freude, sondern Leid zu sein. Oder, wie es auch aus dem Mund Jesu heißt „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.“ (Johannes 16, 20-23)

Bis dahin aber ist Zeit der Fragen. Bis dahin darf man sich an der „Erziehung Gottes“ reiben. Gott hält das aus.

Christus                                                                                                                                Du bist nach unten gegangen                                                                                                   in die Tiefe                                                                                                                               in den Schmerz                                                                                                                       in die Angst                                                                                                                               in das Leiden                                                                                                                        bis in den einsamen Tod am Kreuz                                                                                   dem Zeichen des verworfenen Lebens

Du bist diesen Weg gegangen                                                                                               in der Liebe zum Vater und in der Liebe zu uns

Gott, Du                                                                                                                                    unser Vater im Himmel                                                                                                          lass uns hinschauen auf das Leben                                                                                   das sich schenkt                                                                                                                  auf den Schmerz                                                                                                                 der um andere leidet                                                                                                             auf den Zorn                                                                                                                            der Gerechtigkeit sucht                                                                                                        auf die Ohnmacht                                                                                                                 die die Liebe durchhält                                                                                                           auf das Leiden                                                                                                                          das den Leidenden nahe kommt                                                                                             auf den Tod                                                                                                                              der den Tod zerbricht

Lass uns hinschauen auf Jesus                                                                                            Deinen Christus, unser Heil. Amen