Was der Glauben vermag

Hebräer 11, 1 – 7

 1 Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

 Das klingt wie eine zeitlose Definition des Glaubens. So wird es auch gerne gelesen und zitiert. In der ein wenig dümmlichen Kurzform: Glauben ist Nichtwissen. Aber das steht da nicht. Sondern was hier steht ist die Summe der seitherigen Argumentation: Im Himmel ist schon Wirklichkeit, was wir noch nicht sehen, worauf wir aber hoffen: Jesus sitzt zur Rechten Gottes und vertritt uns. Das ist das Wissen des Glaubens. Darin macht er sich fest. Das schafft feste Zuversicht, lässt feststehen. So legt es auch das griechische Wort υ̉πόστασις, Gewähr, feste Position, nahe.Also alles andere als: Man weiß nicht so recht….

 2 Durch diesen Glauben haben die Vorfahren Gottes Zeugnis empfangen.3 Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, sodass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.

Das ist die Wirkung solchen Glaubens. Er macht offen für das Reden Gottes. Er öffnet den Blick, so dass die Wirklichkeit und Wirksamkeit Gottes in der Welt gesehen wird. Dieser Glaube bringt Erkennen hervor. Er macht nicht blind, sondern hellsichtig, die Wirklichkeit durchsichtig auf ihren Grund hin: Die Welt ist durch das Wort Gottes geschaffen. “Und Gott sprach” (1. Mose 1) sollen Leserinnen wohl hier mithören. Es verdient, hervorgehoben zu werden: “Die unmittelbare, ein intellektuelles Moment einschließende Verkoppelung von Glauben und Wissen ist sonst ohne Beispiel im Alten und Neuen Testament.” (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/III; Neukirchen 1997; S. 106) So erweist sich auch hier bei aller Verwurzelung in der gemeinsamen Glaubenssicht die Originalität des Hebraer-Briefes.

Zugleich aber gibt es in der Argumentation Berührungen mit anderen Schriften des Neuen Testamentes. “Gott macht die Toten lebendig und ruft das, was nicht ist, dass es sei.” (Römer 4,17) heißt es bei Paulus und dort wird so Hoffnung begründet, ähnlich wie hier. Gottes Wort erschafft sich seinen Gegenstand, so wie die Liebe Gottes. „Die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft ihn sich erst. Menschliche Liebe entsteht an ihrem Gegenstand“ (M. Luther, Heidelberger Disputation – 28. These, 1518) Das meint im strengen Sinn des Wortes “creatio ex nihil”, Schöpfung aus dem Nichts.

 4 Durch den Glauben hat “Abel” Gott ein besseres Opfer dargebracht als Kain; deshalb wurde ihm bezeugt, dass er gerecht sei, da Gott selbst es über seinen Gaben bezeugte; und durch den Glauben redet er noch, obwohl er gestorben ist. 5 Durch den Glauben wurde “Henoch” entrückt, damit er den Tod nicht sehe, und wurde nicht mehr gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; denn vor seiner Entrückung ist ihm bezeugt worden, dass er Gott gefallen habe.

Jetzt folgt eine Art „Bibelstunde“ aus den Texten des Alten Testamentes und der Tradition des Judentums. Beispiele für die Wirkungen des Glaubens. Abel und Henoch werden als Erste genannt. Der Eine wird zum Opfer und dennoch ist er gerecht. Der Andere wird entrückt und so dem Zugriff des Begreifens entzogen. Sie fallen aus dem Schema unserer Vorstellungen heraus – und gerade damit sind sie Beispiele dafür, was der Glauben vermag. Er geht nicht in dem auf, was so gängige Vorstellung ist.

6 Aber ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott zu gefallen; denn wer zu Gott kommen will, der muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ihren Lohn gibt.

Die Sprachebene wechselt. Auf die beiden Beispielen folgt eine Art Lehrsatz. Es ist der Glauben, der den Weg zu Gott offen erfährt. Es ist der Glauben, der den Weg gehen lässt. Und es ist gewissermassen die Mindest-Bedingung an Inhalt des Glaubens, dass einer weiß: Gott ist. Was manche Zeitgenossen heute schon für das Vollmaß des Glaubens halten, das ist für den Hebräerbrief und auch für andere Schriften des NT noch längst nicht alles. “Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben’s auch und zittern.”(Jakobus 2,19) Erst wo aus dem Rechnen mit der Existenz Gottes ein Weg zu ihm wird, Vertrauen auf Gott, erst da ist auch im Sinn des Hebräer-Briefes wirklich Glauben.

Dass der Glauben so wichtig ist, zentral, wirklich alles entscheidend im Angesicht Gottes, coram deo, das kann unsere Zeit nicht wirklich denken. “Am Anfang war die Tat” sinniert Goethes Faust und trifft damit das Denken unserer Tage schon vor fast 200 Jahren auf den Kopf. Auf das Handeln kommt es an. Ob einer, der gut handelt, glaubt oder nicht, scheint nebensächlich. Und das Urteil über unsere Taten sprechen die Menschen. Vor ihnen gilt es gut dazustehen.

 Mir will es scheinen, dass der Hebräer-Brief tiefer gräbt. Was einer glaubt, ob er sich geborgen weiß in Gott, wird sich unmittelbar auf sein Handeln auswirken. Wer nicht glauben kann, dass er in Gott geborgen ist, muss sich selbst bergen und notfalls dafür Bunker bauen. Wer nicht glauben kann, dass das Erbarmen Gottes in die tiefsten Tiefen reicht, der wird statt auf gnädiges Erbarmen auf fleckenreine Fehlerlosigkeit setzen müssen und fast zwangsläufig in der Perfektionsimus-Falle landen. Wer nicht glauben kann, dass Gott das letzte Wort hat, sondern es den Menschen zuschreibt, der wird abhängig von den Urteilen, die Menschen über ihn fällen, in seinem Umfeld, in den Medien, in den Geschichtsbüchern. Ich bündele diese Gedanken in einen sehr knappen Satz: Was wir von Gott halten, wird sich auswirken darauf, wie wir uns verhalten.

 7 Durch den Glauben hat “Noah” Gott geehrt und die Arche gebaut zur Rettung seines Hauses, als er ein göttliches Wort empfing über das, was man noch nicht sah; durch den Glauben sprach er der Welt das Urteil und hat ererbt die Gerechtigkeit, die durch den Glauben kommt.

 Der Autor kehrt zu seiner Bibelstunde zurück. Zu Noah. Was war das anders als Glauben, als er die Arche baute? Auf ein göttliches Wort hin. Von Regen, von Sintflut noch keine Spur. „Noah ist ein Vorbild, weil er aus Glauben die Arche baute, obwohl es menschlich unsinnig erschien und obschon die “Furcht“ vor dem kommenden Unheil lähmend wirken musste.“( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 213) Noah machte sich zum Gespött. Aber in Wahrheit war es anders: Sein Tun wurde bestätigt und so zum Urteil über die, die ihn verlachten. Er ererbt Gerechtigkeit – das ist hier schlicht: Leben.

Himmlischer Vater                                                                                                               wir heutzutage haben keine so hohe Meinung vom Glauben                                                Wir setzten mehr auf Wissen                                                                                                Wissen ist Macht                                                                                                                  Wir setzen auf Macht                                                                                                            Wir setzen auf Stärke

Glauben klingt vielen nach Unsicherheit                                                                       Vermutungen                                                                                                                      Spekulation

Stärke Du uns den Glauben                                                                                               dass er unserem Lebens Festigkeit gibt                                                                          dass er uns handeln lässt                                                                                                   dass wir Dich im Glauben fassen                                                                                          und uns festmachen in Dir. Amen