Durchhalten

Hebräer 10, 32 – 39

32 Gedenkt aber der früheren Tage, an denen ihr, nachdem ihr erleuchtet wart, erduldet habt einen großen Kampf des Leidens, 33 indem ihr zum Teil selbst durch Schmähungen und Bedrängnisse zum Schauspiel geworden seid, zum Teil Gemeinschaft hattet mit denen, welchen es so erging. 34 Denn ihr habt mit den Gefangenen gelitten und den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, weil ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt.

 Mit dieser Erinnerung sucht der Autor die Verständigung mit seinen Lesern. Die unausgesprochene Frage heißt: Wenn ihr den Glauben aufgebt, ist dann nicht alles vergeblich, was ihr auf euch genommen habt? Sie haben ja einen hohen Preis bezahlt: Schmähungen, Bedrängnisse, zur Schau gestellt, Eigentumsverluste,bloßgestellt – es ist eine beeindruckende Liste von Nachteilen und gesellschaftlicher Missachtung, die hier zum Vorschein kommt.

 In einer Zeit, in der Manche auf Distanz zur Kirche gehen, weil sie Steuern sparen wollen, liest sich das seltsam. So hoch kann der Preis des Christseins also sein. In anderen Gegenden der Welt wird man das auch heute noch direkt verstehen – in Ägypten, Syrien, Indonesien zum Beispiel.

 35 Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. 36 Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt.

 Der Ton hat sich jetzt völlig verändert. Kein Drohen mehr. Werben. Bitten. Ermutigen. Werft euer Vertrauen nicht weg. Hinter der Bitte steht ja auch der Schmerz: Das Vertrauen zu Gott war bei Manchen nur eine Episode. Wer das miterlebt hat, kann nicht mehr hochmütig davon reden, dass einer halt gegangen ist. Der spürt den eigenen Schmerz darüber. Und: Wenn hier und da und dort Einer aufgibt – was macht das mit uns selbst? Es ist ja nicht so, dass einige Glaubenshelden völlig unbeeindruckt einfach weiter machen, wenn Andere gehen. Da ist die Sorge: Werden wir womöglich mitgerissen in eine Welle des Aufgebens?

In der Sprache der Religionssoziologen: Glauben lebt auch davon, dass er von Anderen bestätigt wird. Dass er plausibel ist. Wenn aber die Anderen gehen, dann wird die Plausibilität in Frage gestellt. Und wenn zu viele gehen, dann bricht das Ganze des Glaubens vielleicht wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Deshalb gibt es zu allen Zeiten den Kampf: Geh Du nicht auch noch weg von hier! (G. Schöne) Hisse du nicht auch noch die weiße Fahne des Aufgebens.

 Wenn man sich den griechischen Wortlaut dieses Abschnittes anschaut, dann bekommt dies Wort noch einen anderen Klang: Lasst den Zugang zu Gott nicht ungenutzt. Es geht hier nicht um eine Vertrauensfähigkeit, die in uns liegt. Es geht vielmehr um einen Weg, der offen vor uns liegt, und den wir gehen sollen. Vor uns liegt der offene Weg zu Gott. Er ist offen, weil er geöffnet worden ist, geöffnet durch Jesus Christus. Diesen Weg sollen wir gehen.

Ich stelle mir vor: Da ist die Tür aus einem brennenden Haus offen, die Treppe ist noch frei   und dann steht einer oben und sagt: Aber wenn ich nun naß werde, wenn ich aus dem Haus renne! Das ist nur ein schwaches Bild für das, was hier auf dem Spiel steht: Weil Christsein kein leichter Weg ist, weil Christsein mit Unannehmlichkeiten verbunden ist, weil Christsein manche Türen zuschließt und manche Lebensmöglichkeiten zu Unmöglichkeiten macht, deshalb sollte ich die offene Tür zum Vater nicht nutzen? Dieser Weg, an den wir so viele Fragezeichen machen, ist der Weg, von dem der Hebräerbrief sagt: Großer Lohn.

 Bewusst wird der Blick gelenkt: Vertrauen lohnt sich. Durchhalten lohnt sich. Da sind die Verheißungen Gottes. Da ist großer Lohn in den Himmeln. “Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich schürzen und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen.”(Lukas 12,37) Es ist die Erwartung der ganzen Schrift: Am Ende stehen die, die auf Gott vertraut haben, nicht mit leeren Händen da. Sie erfahren, wie Gott selbst ihre Hände füllt.

 37 Denn »nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben. 38 Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm« (Habakuk 2,3-4).

Nur noch eine kurze Zeit. Nur noch ein wenig durchgehalten. Gott verzieht nicht mit seinem Kommen. Das ist ja eine der großen Herausforderungen an die junge Christenheit. Sie rechnet bald schon mit dem Kommen des Herrn. Sie sehen das Ende der Zeit und den Anfang der schönen Ewigkeit unmittelbar bevor stehen. Manche geben auf, weil sie sagen und fragen: Wo bleibt er denn, der wiederkommende Herr? Das ist ein Schmerz für alle Anderen, die ja durch dieses Aufgeben auch in Frage gestellt werden: Machen wir uns etwas vor?

 39 Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten.

 Wir aber – so schließt sich der Schreiber mit seinen Lesern zusammen. Wir geben nicht auf. Wir halten die Hoffnung fest. Wir warten weiter. Es ist ein Einreden, das sich selbst und den Anderen Mut macht.

 Noch eine kurze Frist, dann ist’s gewonnen,                                                                    dann ist der ganze Streit in nichts zerronnen,                                                                  dann darf ich laben mich an Lebensbächen                                                                          und ewig, ewiglich mit Jesus sprechen.                    Sören Kierkegaard 1813 – 1855

Gott                                                                                                                                        so kenne ich mich                                                                                                             mutlos – müde – erschöpft                                                                                                 dem eigenen Glauben gegenüber fremd                                                                                  gar nicht selten dem Aufgeben nahe

Die Stimmen, die sagen                                                                                                     Lass deinen Gott fahren                                                                                                       Es ist doch alles ganz sinnlos                                                                                             Finde dich mit dem kleinen Glück ab – mehr gibt es nicht                                                 sind nicht nur Stimmen von außen                                                                                       Sie sind in mir drin                                                                                                                Sie melden sich in meinen Gefühlen                                                                                  meinem Denken                                                                                                                     in meinem Herzen

Und ich werde sie nicht los                                                                                              wenn ich die Ohren zuhalte                                                                                                   sie übertöne mit Musik                                                                                                        weglaufe in Aktionen

Manchmal                                                                                                                          mitten im Gottesdienst überfällt es mich                                                                             Was willst du noch hier?

Aber                                                                                                                                 Wohin soll ich gehen?                                                                                                           Ich brauche in meiner Anfechtung                                                                                       gegen meine Müdigkeit                                                                                                   gegen meinen Zweifel das Wort von außen                                                                        die Stimme von außen

Gib nicht auf                                                                                                                      Halte dein Vertrauen im Spiel                                                                                               Wirf das Herz über die Mauern der Fragen                                                                            Ich brauche die Anderen                                                                                                     deren Glauben ich sehen kann                                                                                           deren Beten ich zuschauen kann                                                                                    deren Hoffen ich spüren kann

Und Dich brauche ich                                                                                                           mein mir verborgener Gott

Dann kann ich weitermachen Schritt um Schritt                                                                   in Mühe und kleinem Glück und das Vertrauen gewinnt neue Kraft                                        Wir sind unterwegs zu größerem Ziel                                                                                 und Du kommst uns entgegen und sagst                                                                        Willkommen zuhause                                                                                                          mein Sohn, meine Tochter. Amen