Der Weg ist frei

Hebräer 10, 19 – 31

 19 Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, 20 den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, 21 und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes, 22 so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.

Der Weg ist frei. Geht ihn nun auch. „So besteht nun in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat.“ (Galater 5,1 nach Luther 1912) Es ist der gleiche Gedanke. Jesus hat alles getan, uns den Weg zu ebnen. Wir haben einen freien Zugang zu Gott. Es ist an uns, ihn zu nützen und ihn nicht zu versäumen. So lasst uns hinzutreten. Es ist die Angst, die diese Freiheit verspielt, sie nicht als Geschenk nimmt, sie nicht im eigenen Handeln bewährt, sich nicht auf diesen Weg traut.

 Ein skrupelhaftes Gewissen, das nichts falsch machen möchte, hört in den Worten Lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben Perfektionismus-Forderungen. Wahrhaftig. Vollkommen. Sind wir nicht immer meilenweit davon entfernt? Nichts liegt dem Hebräer-Brief ferner, als moralischen oder geistlichen Perfektionismus einzufordern.

 Um zu verstehen, was hier gemeint sein kann, blicke ich auf eine Szene des Evangeliums. „Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Matthäus 18,2-3) Das ist der Vorsprung, den Kinder haben – ungeteilte Herzen, wahrhaftig, und ein Vertrauen, das kaum zu erschüttern ist, dass es die Eltern gut mit ihnen meinen. Es geht um die Einfalt, die sich beschenken lässt, die der Autor hier ins Licht rückt.

23 Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat; 24 und lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken 25 und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht.

 Diese Freiheit wird bewährt im Festhalten am Bekenntnis und im Bleiben in der Gemeinde. Es ist schon charakteristisch, dass der Schreiber hier auf die Gemeinde zu sprechen kommt. Die Alleingänge im Glauben, die Privatisierung des Glaubens sind späte Erfindung des abendländischen Christentums, nicht Bild vom Glauben der neutestamentlichen Autoren. Hier ist die Vorstellung – für unsere Ohren fast unerfreulich deutlich – klar: Es braucht die Anderen, um die Hoffnung durchzuhalten. Es braucht die Anderen, um selbst am Glauben zu bleiben. Es braucht die Anderen, denen ich liebevoll begegnen kann und die mir liebevoll begegnen. Es braucht die Anderen, damit wir den Weg des Glaubens nicht verlieren. „Allein gehst Du ein.“

 „Ich kann auch alleine Christ sein.“ Dieser Satz ist für unseren Schreiber undenkbar. So wie er auch für Paulus, für Johannes, für Markus, Matthäus und Lukas undenkbar ist. Es ist keine Verirrung irgendwelcher Gemeindefreaks, wenn es im Glaubensbekenntnis heißt: „Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen.“ Das trifft den Grundkonsens der ersten Christenheit. Es ist eine der Lebensbedingungen des Glaubens, dass wir ihn mit anderen teilen und ihn eben nicht zur Privatsache erklären.

 Noch schärfer gesagt: Es ist nicht Gott, der diese Gemeinschaft braucht. Er will sie, aber um unseretwillen, weil es „nicht gut ist, wenn der Mensch allein sei.“ (1. Mose 2,18) Wir sind darauf angewiesen, Gefährten zu haben, Gehilfen, Weggenossen – nicht nur im engen Sinn der Ehe, sondern auch im weiteren Sinn der Weggemeinschaft von Brüdern und Schwestern.

 Es ist wie eine Begründung dieser Mahnung des Hebräer-Briefes: „Der Christ braucht den Christen, der ihm Gottes Wort sagt, er braucht ihn immer wieder, wenn er ungewiss oder verzagt wird; denn aus sich selbst kann er sich nicht helfen….. Er braucht den Bruder als Träger und Verkündiger des göttlichen Heilswortes. Der Christus im eigenen Herzen ist schwächer als der Christus im Worte des Bruders; jener ist ungewiss, dieser ist gewiss.“(D. Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, München 1939, S. 14) Wer sich aus der Gemeinde entfernt, so der Gedanke, beraubt sich selbst des Segens, der von Gott mit der Gemeinde gestiftet ist.

 26 Denn wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, haben wir hinfort kein andres Opfer mehr für die Sünden, 27 sondern nichts als ein schreckliches Warten auf das Gericht und das gierige Feuer, das die Widersacher verzehren wird.

Der Brief kehrt zu dem Thema zurück, das seinen Schreiber bedrängt: Was ist mit denen, die sich vom Glauben abwenden? Was ist mit denen, die mutwillig – das heißt doch wohl: In vollem Bewusstsein und mit klarer Erkenntnis, dass ihre Abwendung von Gott die Liebe Gottes und seine Vergebung missachtet – sündigen? Es geht nicht um gestohlene Eier oder hinterzogene Steuern, nicht um die so genannte Notlüge oder den sexuellen Fehltritt, den einer gerne einmal als Betriebsunfall deklarieren möchte. Es geht um die wissentliche und willentliche Abkehr von dem Gott, dem ich mein Leben verdanke und dem ich es auch einmal willentlich und „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all meiner Kraft“ (5. Mose 6,5) anvertraut habe. Und jetzt sage ich: „Das kannst Du in die Tonne kloppen.“

Da und nur da sieht der Hebräer-Brief keinen Raum mehr zur Umkehr. Das doch wohl deshalb, weil der, der sich so abwendet, sich selbst diesen Raum nimmt und nicht mehr zugesteht. Es geht auch hier – davon bin ich überzeugt – nicht um ein letztes Urteil Gottes. Es geht vielmehr darum, dass wir Menschen manchmal Sätze sagen, die zu letzten Urteilen über uns selbst und gegen uns selbst werden. Wir binden uns selbst und können die Fesseln nie mehr lösen.

 28 Wenn jemand das Gesetz des Mose bricht, muss er sterben ohne Erbarmen auf zwei oder drei Zeugen hin. 29 Eine wie viel härtere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Bundes für unrein hält, durch das er doch geheiligt wurde, und den Geist der Gnade schmäht? 30 Denn wir kennen den, der gesagt hat (5.Mose 32,35-36): »Die Rache ist mein, ich will vergelten«, und wiederum: »Der Herr wird sein Volk richten.« 31 Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.

Ist es nicht Selbstbestrafung? Strafe verdienen klingt nach fremdem Handeln. Aber jemand, der den Sohn Gottes sieht und sagt: Ich will das nicht – beraubt er der sich nicht selbst? Ich kenne die Sätze: „Ich brauche keine Vergebung, sie macht mich nur klein. Ich komme alleine zurecht. Ich will das mit der Gnade nicht – ich stehe für meine Fehler selbst ein. Ich trage sie, sie gehören zu mir.“ Es gibt eine Ablehnen des Glaubens, weil er angeblich klein macht, weil er die Selbstständigkeit raubt, weil er gegen die Autonomie steht. Wer so denkt, der muss ohne das Geschenk der Gnade leben. Das ist „Strafe“ genug. So baue ich mir eine Brücke, um mit den Worten zurecht zu kommen, vor allem mit dieser Formulierung den Geist der Gnade schmähen. 

 Gleichwohl zeigen diese Worte des Briefes ein Bild von Gott, mit dem ich es schwer habe. Nicht, dass ich mich über die Schrift stellen möchte. Nicht, dass ich es einfach weg-argumentieren möchte. Ich habe es schwer, dieses Bild in Übereinstimmung zu bringen mit dem anderen Bild, an dem ich mit jeder Faser meines Herzens und meines Glaubens hänge: „Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn…. Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.“ (Lukas 15,20+24) Die Scham ist dem Sohn nicht erspart. Das Eingeständnis der tiefen Schuld kommt zur Sprache. Es ist die erfahrene Versöhnung, die so frei macht. Die Angst vor Gott macht nicht frei.

 Als Warnung vor Leichtsinn, falscher Sicherheit und Gleichgültigkeit kann ich die Sätze des Schreibers wohl lesen. Aber nicht als das letzte Urteil. Das ist über den Sohn gesprochen. Er hat den Schrecken der Gottesferne getragen. Das genügt. Ein für allemal.

Herr Jesus                                                                                                                             dafür danke ich Dir                                                                                                              dass Du den Weg frei gemacht hast                                                                                   alle Hindernisse weggeräumt                                                                                                                         alle Angst weggenommen                                                                                                      Du hast uns das Bild des Vaters vor Augen gestellt                                                              der auf uns wartet                                                                                                               uns mit offenen Armen entgegenkommt                                                                                uns mit bedingungsloser Liebe liebt

Lass mich dieses Bild aufnehmen in meine Seele                                                              und ihm Glauben schenken                                                                                                      weil ich Dir glaube. Amen