Der Mittler

Hebräer 9, 1 – 15

1 Es hatte zwar auch der erste Bund seine Satzungen für den Gottesdienst und sein irdisches Heiligtum. 2 Denn es war da aufgerichtet die Stiftshütte: der vordere Teil, worin der Leuchter war und der Tisch und die Schaubrote, und er heißt das Heilige; 3 hinter dem zweiten Vorhang aber war der Teil der Stiftshütte, der das Allerheiligste heißt. 4 Darin waren das goldene Räuchergefäß und die Bundeslade, ganz mit Gold überzogen; in ihr waren der goldene Krug mit dem Himmelsbrot und der Stab Aarons, der gegrünt hatte, und die Tafeln des Bundes. 5 Oben darüber aber waren die Cherubim der Herrlichkeit, die überschatteten den Gnadenthron. Von diesen Dingen ist jetzt nicht im Einzelnen zu reden.

Der erste Bund hat seine Satzungen. Und: Er hat seine Schönheit. Schon die karge Beschreibung lässt etwas ahnen, wie das Heilige seine äußere Gestalt gewinnt. “Mit einer gewissen Liebe zur Sache und zum Detail werden die Einrichtungen aufgezählt.”( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S.168) Der Tempel ist nicht wie alles andere, es ist durch seine Schönheit und die Kostbarkeit der Materialien ein Hinweis auf die innere, unsichtbare Kostbarkeit. Es ist ja bis heute so: Eine schöne Kirche trägt in sich das Versprechen, dass der Himmel schön sein wird.

6 Da dies alles so eingerichtet war, gingen die Priester allezeit in den vorderen Teil der Stiftshütte und richteten den Gottesdienst aus. 7 In den andern Teil aber ging nur “einmal” im Jahr allein der Hohepriester, und das nicht ohne Blut, das er opferte für die unwissentlich begangenen Sünden, die eigenen und die des Volkes.

 Die Unterscheidung der Räume im Tempel wird als ein Hinweis genommen für die Vorläufigkeit der irdischen Ordnungen. Das hat man ja in Israel immer schon gewusst, dass das Irdische nicht wirklich fähig ist, das Himmlische zu fassen und der Tempel nicht ausreicht als Wohnort Gottes. Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, damit du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir: Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. Du wollest hören das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte betet, und wollest erhören das Flehen deines Knechts und deines Volkes Israel, wenn sie hier bitten werden an dieser Stätte; und wenn du es hörst in deiner Wohnung, im Himmel, wollest du gnädig sein.“(1. Könige 8,27-30)

 Und auch das wusste man wohl: So wenig wie der Tempel Gott fassen kann, so wenig vermögen die Opfer, die im Tempel gebracht werden, ihm wirklich gerecht zu werden.

 8 Damit macht der Heilige Geist deutlich, dass der Weg ins Heilige noch nicht offenbart sei, solange der vordere Teil der Stiftshütte noch bestehe; 9 der ist ein Gleichnis für die gegenwärtige Zeit: Es werden da Gaben und Opfer dargebracht, die nicht im Gewissen vollkommen machen können den, der den Gottesdienst ausrichtet. 10 Dies sind nur äußerliche Satzungen über Speise und Trank und verschiedene Waschungen, die bis zu der Zeit einer besseren Ordnung auferlegt sind.

 Es sind vorläufige Ordnungen, schwache Bilder, die vor allem Eines deutlich machen: Wir Menschen sind angewiesen darauf, dass Gott sich unser Tun gefallen lässt. Und, fast modern: Das alles, was da an Riten stattfindet, reicht nicht wirklich hin, um die Gewissen zu beruhigen, um die Fragen des Gewissens zur Ruhe kommen zu lassen.

 Es ist Wirkung des Geistes, dass wir verstehen lernen. Der Geist ist in seiner Wirkung nicht darauf beschränkt, Rückenwind zu geben, vorwärts zu treiben, Wege zu zeigen, die wir vorher nicht gesehen haben. Der Geist lehrt. Der Geist eröffnet Einsichten, die wir nicht von selbst haben. Der Geist lehrt das Wort zu ergreifen und ab und an auch zu begreifen. Der Hebräer-Brief redet sparsam vom Heiligen Geist. Er hat es nicht so sehr mit Enthusiasmus, mehr mit Zähigkeit und Nachdenklichkeit und Festhalten am Bekenntnis. Er wirkt darin ein wenig “konservativ”.

 11 Christus aber ist gekommen als ein Hoherpriester der zukünftigen Güter durch die größere und vollkommenere Stiftshütte, die nicht mit Händen gemacht ist, das ist: die nicht von dieser Schöpfung ist.

 Darum geht es dem Autor in der Gegenüberstellung irdisch-himmlisch. Christus ist der Hohepriester am Heiligtum des Himmels, am “Original”. Es geht um das “Haus, nicht mit Händen gemacht” (2. Korinther 4,1). So wird ja von Paulus beschrieben, was unsere Zukunft ist. Das Bild von Haus wird zum Bild für das eigene Leben. Und alle Argumentation mit der himmlischen Stiftshütte zielt auch darauf, das Vertrauen auf die eigene Zukunft, auf dieses himmlische Haus zu stärken.

 12 Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erworben. 13 Denn wenn schon das Blut von Böcken und Stieren und die Asche von der Kuh durch Besprengung die Unreinen heiligt, sodass sie äußerlich rein sind, 14 um wie viel mehr wird dann das Blut Christi, der sich selbst als Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist Gott dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott!

 Diesem himmlischen Haus als dem großen Ziel entspricht, dass es nicht durch Blut von Böcken und Stieren gewonnen wird. Der Yom Kippur, an dem der Hohepriester die Schuld des Volkes auf einen Widder legt, wird durch den Karfreitag überholt Es wird gewonnen durch die Hingabe des Einen, durch das Blut Christi. Nach diesem Opfer, dieser Hingabe gibt es keine Opfer mehr. “Wo die Sünde weggeschafft ist, hat sich jeder irdische Kult erledigt.”(E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/1I; Neukirchen 1993; S.162 )

 Christus ist das Ende aller Opfer.In Jesus, durch ihn haben wir reine Gewissen. Durch ihn werden wir fähig, befähigt, gewürdigt, dem lebendigen Gott zu dienen. Wieder steht hier: ε̉φάπαξ ein für alle Mal. Unumstößlich.Unabänderlich.

Wenn ich das schreibe: Christus ist das Ende aller Opfer. habe ich Opferzahlen vor Augen: Kriegsopfer, Missbrauchsopfer, Opfer häuslicher Gewalt, Opfer der Bankenkrise, Opfer von Betrügern und Kriminellen, Tieropfer für den Fortschritt der medizinischen Forschung. “Opfer müssen gebracht werden” sollen die letzten Worte des abgestürzten Otto Lilienthal gewesen sein. Es steht uns als Kirchen gut an, darauf hinzuweisen, dass es zu viele Opfer in der Welt gibt, bis heute und dass Gott keines davon für sich selbst will und braucht.

 15 Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.

Darum. Das ist das Ziel: Alles geschieht, damit er den neuen Bund in Kraft setzt. Damit er die Erlösung bewirkt, damit er das Leben befreit aus den tausend Bindungen, aus der Angst, die die Übertretungen bewirken, als könnten sie den Zugang zu Gott für immer versperren. Er ist der Mittler des neuen Bundes. Das ist im Neuen Testament ein ziemlich seltener Ausdruck. ΜεσίτηςMittler, Bürger, einer, der vermittelt. Denn es ist “ein” Gott und “ein” Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus.“(1. Timotheus 2,5) Nur hier wird das so gesagt. Sonst taucht der Begriff nicht auf. Das könnte daran liegen: „Es gibt vom Menschen her nichts zu vermitteln – außer durch Jesus.“(E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/II; Neukirchen 1993; S.169) Vielleicht liegt es daran, dass unser Wort Mittler, wie es ja auch im Begriff Mediator mitschwingt, eine Gleichwertigkeit voraus setzt, die das Neue Testament an keiner Stelle gegeben sieht. Die Versöhnung ist Geschenk. Sie ist nicht Ergebnis einer Mediation zwischen Gleichwertigen, auf Augenhöhe.

 Gleichwohl singen wir, weil das Bild uns so vertraut ist:

 Es ist das Heil uns kommen her von Gnad’ und lauter Güte,
Die Werke helfen nimmermehr, sie mögen nicht behüten,
Der Glaub’ sieht Jesum Christum an. Der hat g’nug für uns all’ getan,
Er ist der Mittler worden.                                              Paul Speratus 1523

 Im Hintergrund ist im Text des Hebräerbriefes immer dieses andere Bild mit wirksam: Er, Jesus, hat durch sein Opfer den Weg in den Himmeln frei gemacht. So ist er „der Mittler“. Nicht als Mediator, sondern als Wegeröffner. Niemand kann mehr zuschließen, wo er die Türen geöffnet hat. Auf dem Weg in das himmlische Heiligtum hat er, der sich den Weg durch die Leiden der Welt nicht erspart hat, die Himmel durchschritten. Und nun ist durch sein Opfer der Weg frei, das verheißene ewige Erbe zu empfangen.

Du                                                                                                                                      mein Herr Jesus                                                                                                                     bist der Mittler                                                                                                                         Du verbindest Gott mit uns                                                                                                   und uns mit Gott                                                                                                                   Du lässt uns nicht wegbringen von Gott                                                                               Nichts darf uns fernhalten                                                                                                Nichts darf uns den Weg versperren                                                                                       Du hast alles weggeräumt                                                                                                 Dafür hast Du Dich eingesetzt                                                                                          Dein Leben

Begreifen werde ich das nie                                                                                               Aber danken kann ich Dir dafür mein Leben lang. Amen