Melchisedek

Hebräer 7, 1 – 10

 1 Dieser Melchisedek aber war König von Salem, Priester Gottes des Höchsten; er ging Abraham entgegen, als der vom Sieg über die Könige zurückkam, und segnete ihn; 2 ihm gab Abraham auch den Zehnten von allem. Erstens heißt er übersetzt: König der Gerechtigkeit; dann aber auch: König von Salem, das ist: König des Friedens. 3 Er ist ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum und hat weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens. So gleicht er dem Sohn Gottes und bleibt Priester in Ewigkeit.

 Jesus, ein Hoherpriester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks. So hat der Schreiber formuliert. Und jetzt erläutert er diese Formel, indem er über Melchisedek meditiert. Er nimmt eine Szene aus 1. Mose 14, 18-20 auf. Melchisedek segnet den aus dem Kampf siegreich heimgekehrten Abraham. Das und dass Abraham ihm den Zehnten gibt ist Hinweis genug: Melchisedek ist “größer” als Abraham. Sein Name ist doppelt bedeutsam: König der Gerechtigkeit und König des Friedens. So ist er, von dem nicht gesagt wird, wo er herkommt – ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum – wie eine Vorabbildung des Sohnes Gottes.

 Ein wenig stolpert man schon beim Lesen: Von Jesus ist bekannt, woher er kommt: Aus Nazareth, Zimmermanns-Sohn mit einer langen Ahnenreihe. Zumindest wird eine solche von den Evangelisten Lukas (Lukas 3,23-38) und Matthäus (Matthäus 1, 1-16)überliefert, wenn auch in je eigentümlicher Ausprägung. Das aber interessiert unseren Schreiber nicht. Er sieht den Sohn von Ewigkeit her – präexistent – und in alle Ewigkeit bei dem Vater.

Es ist diese geheimnisvolle Überzeitlichkeit, die er bei Melchisedek wahrnimmt und auf Jesus hin deutet, auf die es ihm ankommt Dabei empfinden wir heutigen Leser es irritierend, wie aus dem Schweigen des biblische Ursprungstextes über eine Person wie Melchisedek eine Fülle an Aussagen abgeleitet werden kann. Denn was im Ersten Msebuch steht, ist ja höchst spärlich: “Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein heraus. Und er war ein Priester Gottes des Höchsten.” (1. Mose 14,18) Und auch die Erwähnung in Psalm 110 gibt nicht wirklich viel her: “Der HERR hat geschworen und es wird ihn nicht gereuen: »Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks.« (Psalm 110,4)

 Diese karge Ausbeute schlägt sich auch im Neuen Testament nieder. “Mag sich hinter diesem Namen alte kanaanäische Tradition verbergen, so ist die Bibel, zumal das NT, daran gerade nicht interessiert…. Melchisedek hat selber keine Heilsbedeutung. Er bildet nur Christus im voraus ab.” (Osterloh/Engelland, Biblisch-Theologisches Handwörterbuch, Göttingen 1954, S. 389) Aus diesem spärlichen Befund macht der Hebräerbrief viel.

4 Seht aber, wie groß der ist, dem auch Abraham, der Erzvater, den Zehnten gab von der eroberten Beute. 5 Zwar haben auch die von den Söhnen Levis, die das Priestertum empfangen, nach dem Gesetz das Recht, den Zehnten zu nehmen vom Volk, also von ihren eigenen Brüdern, obwohl auch diese von Abraham abstammen. 6 Der aber, der nicht von ihrem Stamm war, der nahm den Zehnten von Abraham und segnete den, der die Verheißungen hatte.

 Manchmal wird der Schreiber ein Opfer seines großen Wissens. Er schweift ab. Durch das Stichwort Zehnten kommt er darauf. Auch die Leviten haben ja das Recht, den Zehnten zu nehmen. Aber sie sind nicht „größer“ höher, als die, von denen sie diese Abgabe empfangen. Das aber will er von Melchisedek schon sagen, um der Parallelität willen zu Jesus, dem Sohn Gottes.

7 Nun ist aber unwidersprochen, dass das Geringere vom Höheren gesegnet wird. 8 Und hier nehmen den Zehnten sterbliche Menschen, dort aber einer, dem bezeugt wird, dass er lebt. 9 Und sozusagen ist auch Levi, der doch selbst den Zehnten nimmt, in Abraham mit dem Zehnten belegt worden. 10 Denn er sollte seinem Stammvater ja erst noch geboren werden, als Melchisedek diesem entgegenging.

 Dieses letzte Argument wird jetzt noch einmal unterstrichen: Segen geht immer von oben nach unten. Der Größere segnet, der/das Geringere wird vom Höheren gesegnet. Darauf läuft es hinaus: Es gibt Größeres als Abraham, einen Größeren als ihn, der doch der Stammvater Israels ist und aus dem – über die Generationen hin, die Leviten stammen. In Melchisedek ist es auf dem Plan. „Melchisedek taucht auf als der Vorbote einer Ordnung, die nicht Moseordnung ist.“ (W. Löw, Der Glaubensweg des Neuen Bundes, Die urchristliche Botschaft 18, Berlin 1931, S.54) Von der Art der Argumentation ist es die Form, die der Hebräer-Brief gerne nützt: Das Größere als Überbietung des Kleineren, das Jüngere als Überbietung des Älteren.

Warum argumentiert der Schreiber in dieser Weise? Es geht, auch in der Überbietung, um den Zusammenhang der Geschichte Gottes. Das ist sein Ansatzpunkt: Gott hat vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet zu den Vätern.“ (1,1) In die Reihe dieses Redens gehört auch , was über Melchisedek erzählt wird. Was jetzt, heute verbindlich, tragfähig sein soll, muss in einem Zusammenhang zu diesen alten Worten Gottes stehen. Gott redet nicht heute so und morgen ganz anders.

Das Neue Testament ist insofern an das Alte Testament gebunden, als es niemand freisteht, das Weitergehen Gottes in seiner Offenbarung losgelöst von dem bis dahin kundgegebenen Gotteswillen zu verstehen.“(W. Löw, Der Glaubensweg des Neuen Bundes, Die urchristliche Botschaft 18, Berlin 1931, S.52) Diese Vorgabe hilft zur Unabhängigkeit gegenüber zeitgeist-dominierten theologische Phantasien wie den Deutschen Christen 1933. Sie bindet zuallererst und bedingungslos zurück an das Wort und fordert die oft mühsame Auseinandersetzung und das Fragen nach dem richtigen Verstehen.

Es geht dem Hebräer-Brief – und in seiner Spur auch aller Auslegung dieses Briefes, also auch hier – um Kontinuität, Verlässlichkeit, Beständigkeit – auf der Seite der Menschen und auf Gottes Seite. Dass Gott sich treu bleibt in seinem Tun und seinem Wort, das zu zeigen ist das Anliegen auch dieser Passagen über Melchisedek.

Mein Gott                                                                                                                           manchmal lese ich Dein Wort                                                                                               und frage mich                                                                                                                     Hat das noch Bedeutung für mich heute                                                                                  in dieser Zeit

Aber dann sehe ich                                                                                                             Durch die Zeiten hindurch erfüllst Du Dein Wort                                                                 Manches ist wie ein Vorspiel                                                                                                wie ein Versprechen                                                                                                           Und Du verlierst es nie aus dem Blick ‘                                                                                  Du gehst Schritt um Schritt

Öffne mir die Augen                                                                                                           Deine Beständigkeit in der Vielfalt der Wege zu sehen. Amen