Er lernte Gehorsam

Hebräer 4, 14 – 5, 10

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. 15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. 16 Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

So lasst uns festhalten am Bekenntnis. Darum geht es. Das will der Schreiber. Er will, dass die Christen festhalten. Nicht locker lassen. Die Christen können das, weil Christus den Weg frei gemacht hat. Es gibt keine Barriere mehr, die uns von ihm fernhalten könnte. Es gibt keine Himmelsmächte, die diesen Weg versperren könnten. Christus hat die Himmel durchschritten. Das ist beides – Rückgriff auf die Himmelfahrt und Hinweis: Der das getan hat, ist der, der über die Erde gegangen ist als Mensch, einer wie wir.

Er kennt sich als Mensch aus mit dem, was Mensch-Sein ist. Versucht in allem wie wir. Die Versuchung der Macht, die Versuchung der eigenen Größe, des Eigenwillens, Versuchung, sich selbst in Szene zu setzen – alles ist an ihn herangetragen worden. Noch am Kreuz hat er es gehört: „Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben.“ (Matthäus 27, 42) Gott den Gehorsam aufkündigen, das eigene Leben statt den Willen Gottes wählen, das war die „Letzte Versuchung“ (Scorsese). Er aber hat sie alle abgewiesen.

 Weil es ernsthafte, echte Versuchungen waren, deshalb kann er uns verstehen und deshalb kann er uns in unseren Versuchungen auf beistehen. Das macht ihn zum großen Hohenpriester. Er steht vor dem Thron des Vaters und bringt das Wesen der Menschen vor den Vater. Nicht nur unsere Siege, auch unsere Niederlagen. Nicht nur unsere Glaubensschritte, auch unsere Zweifel und unser Scheitern. Und hüllt es ein in seine Barmherzigkeit und Gnade.

Was der Hebräerbrief hier in den Worten der Kultsprache sagt, hat Jesus wieder und wieder selbst gesagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“(Matthäus 11,28) Das hat Jesus selbst gesagt im Gleichnis vom verlorenen Sohn, wenn er darin alle verlorenen Söhne und Töchter seines Vaters zurückruft in das Vaterhaus. Das hat Jesus selbst gesagt im Ruf an die Jünger, als er rief: „Folge mir nach.“ (Markus 2,13) Das hat er selbst gesagt im Abendmahl, als er sagte: „Nehmt und esst   mein Leib für euch. Nehmt und trinkt, mein Blut für euch.“(Lukas 22,19-20)

 Es scheint, als wolle der Hebräer-Brief, der gewiss um das Ringen um den Glauben weiß und der eine kämpferische Haltung bei den Christen sucht – festhalten! – doch darauf hinweisen: Am Ende leben wir von der Barmherzigkeit und Gnade. Sie lässt durchhalten, festhalten. Sie ist die Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. (2. Korinther 12, 9)

 1 Denn jeder Hohepriester, der von den Menschen genommen wird, der wird eingesetzt für die Menschen zum Dienst vor Gott, damit er Gaben und Opfer darbringe für die Sünden. 2 Er kann mitfühlen mit denen, die unwissend sind und irren, weil er auch selber Schwachheit an sich trägt. 3 Darum muss er wie für das Volk, so auch für sich selbst opfern für die Sünden. 4 Und niemand nimmt sich selbst die hohepriesterliche Würde, sondern er wird von Gott berufen wie auch Aaron.

 Was macht einen Hohenpriester aus? Er ist eingesetzt für die Menschen zum Dienst vor Gott. Er ist der Stellvertreter des Menschen vor Gott. Er steht ein für die Schwachheit, für die Hinfälligkeit, für dieses vergehende Wesen, in dem so wenig Beständigkeit ist. Und weil er selbst menschlich ist, kann er mitfühlen mit denen, die unwissend sind und irren. Das ist der Sinn der Menschwerdung: Schmecken und Fühlen durch den Sohn Gottes, wie sich Mensch-Sein anfühlt. Zum Hohenpriester aber kann sich keiner selbst machen.

 5 So hat auch Christus sich nicht selbst die Ehre beigelegt, Hoherpriester zu werden, sondern der, der zu ihm gesagt hat (Psalm 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.« 6 Wie er auch an anderer Stelle spricht (Psalm 110,4): »Du bist ein Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.«

 Auch Christus nicht. Er ist berufen worden, eingesetzt durch Gott selbst. Es ist der Hinweis auf die Taufe Jesu, der durch das Psalmwort gegeben wird. Das sagen ja die Evangelien, dass er in der Taufe im Jordan ein Wort Gottes empfängt: „Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. ( Matthäus 3, 17) Ist es hier fast wie ein Hinweis an die, die die Taufe miterleben, so ist es bei Lukas direkter Zuspruch: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“(Lukas 3, 22) Beide Male wird das Wort aus Psalm 2 aufgenommen. Jesus ist berufen und erwählt.

 7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. 8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. 9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden, 10 genannt von Gott ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks.

 Diese Berufung bewährt er in seinem irdischen Weg. Er bewährt sie, auch hier schimmert wohl ein Wissen um die Erzählungen des Evangelisten Lukas durch, im Ringen um den Weg des Gehorsams bis zum Tod am Kreuz: „Und er rang mit dem Tode und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.“ (Lukas 22, 44) Auch das mag im Hintergrund mitschwingen: „Und Jesus gingen die Augen über.“(Johannes 11, 35) Er geht nicht in stoischer Ruhe unberührt durch die Welt. Es geht ihm an die Nieren, das Leid ergreift ihn. Und in dem, dass er so dem Schmerz ausgesetzt ist, lernt er Gehorsam. ὺπακοή. Die Haltung zum Leben, die das Ziel christlichen Glaubens ist – ein vertrauendes Hören und Gehorchen gegen den Weg Gottes, lernt Jesus – und lernen die Christen an ihm und durch ihn.

 Darin, dass er das vollendet, durchhält bis zum Äußersten, wird er und wird seine Haltung zum Urheber des ewigen Heils,σωτηρίας αίωνιου. Das steht unverrückbar fest. Das ist der Grund, auf den der Hebräer-Brief ruft. Über alle Zeiten hinweg bis Heute.

Herr Jesus                                                                                                                                Du hast uns geliebt bis zum Äußersten                                                                                Du bist im die Tiefe des Todes gegangen                                                                                damit wir Dich dort in unserem Tod vor Augen haben

Du hast alles auf Dich genommen                                                                                     was uns das Leben zur Last machen kann                                                                         Du weißt aus Deinen Wegen                                                                                                Deinen Sehnsüchten                                                                                                             Deinen Ängsten                                                                                                                    wie sich Leben anfühlt                                                                                                            im Schönen und im Schweren

Ich danke Dir                                                                                                                         dass Du so unser Leben geteilt hast                                                                                      und es mit uns teilst                                                                                                                  hoffend                                                                                                                                    betend                                                                                                                                      segnend                                                                                                                              Rühre uns an mit Deiner Kraft. Amen