Anfangs-Lektionen

Hebräer 5, 11 – 6, 8

 11 Darüber hätten wir noch viel zu sagen; aber es ist schwer, weil ihr so harthörig geworden seid. 12 Und ihr, die ihr längst Lehrer sein solltet, habt es wieder nötig, dass man euch die Anfangsgründe der göttlichen Worte lehre und dass man euch Milch gebe und nicht feste Speise. 13 Denn wem man noch Milch geben muss, der ist unerfahren in dem Wort der Gerechtigkeit, denn er ist ein kleines Kind. 14 Feste Speise aber ist für die Vollkommenen, die durch den Gebrauch geübte Sinne haben und Gutes und Böses unterscheiden können.

 Es klingt hart, schroff, fast ein wenig tadelnd. Harthörig: Das war nicht immer so – und man möchte fragen: Was hat dazu geführt, dass aus den Hörern des Anfangs harthörige Leute geworden sind? Welche Erfahrungen stecken dahinter? Dazu sagt der Brief nichts. Er stellt nur klar: Ihr steckt fest in den Anfängen. Ihr seid nicht weitergekommen. Ihr müsstet doch schon viel weiter sein. Das ist nicht die Pädagogik, die ich bevorzuge. Ich möchte durch Ermutigen Menschen auf den Weg bringen und nicht durch Kritik, die sich wie Tadel anhört.

 Aber vielleicht ist es ja nur realistisch, Leute so an ihre Situation zu erinnern, sie zu ent-täuschen, damit sie sich nichts über sich selbst vormachen. Anfangsgründe der göttlichen Worte, Milch, nicht feste Speise. Von mir weiß ich: Ich komme mir bis heute wie ein Anfänger vor, wenn es um das Verstehen biblischer Texte geht. Ich hänge an den Worten und ringe um das Verstehen der Worte. Das ist oft ein mühsamer Weg.

 Aber ich habe es auch für mich geklärt: Ich will nicht so tun, als gäbe es eine Wahrheit hinter den äußeren Worten, als wären die Worte nur eine Vorstufe, über die hinauszukommen der eigentliche Höhenweg des Glaubens wäre. Die Worte der Schrift sind nicht nur äußere Einkleidungen einer tieferen, verborgenen esoterischen Wahrheit. „Nicht mystische Erkenntnis – so in der Gnosis – sondern der Gebrauch erworbener Fähigkeiten, das Rechte zu sehen und zu tun, ist der Beweis der vollen Reife des Christen.“ ( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 133) Das ist handfest. Nach einem schönen Wort Luthers sind die Worte der Schrift die „Windeln, in denen wir Christus empfangen.“

 Bei mir läuten alle Alarmglocken, wenn ich für die Vollkommenen höre,wenn ich auf diesen Gedanken stoße, dass es die Fortgeschrittenen gibt, und dann eben die Vollkommenen. Sind das die, die Christus nicht mehr nötig haben? Sind das die, die „Geheimnisse Gottes“ (1.Korinther 4,1) entschlüsselt haben, „Himmelsreisen“ absolviert, „entrückt waren bis ins Paradies“ (2. Korinther 12,3-4)?

 Und erst recht bin ich alarmiert, wenn es so klingt, als käme man dahin, indem man fleißig übt. Die Fähigkeit, Gutes und Böses zu unterscheiden ist ein zweischneidiges Schwert. Hier, im Hebräer-Brief, hört es sich wie der Gipfel der Erkenntnis an. Aber in der Urgeschichte ist es die Versuchung schlechthin: „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“(1. Mose 3,3)

Was hier steht, ist einmalig im ganzen Neuen Testament. Die Umwelt denkt so, wie es der Hebräer-Brief hier sagt: „Die Unterscheidung von gut und böse ist das Kennzeichen sittlicher Reife.“ (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XII/I Neukirchen 1990; S. 331) Stoiker denken so. Versucht, so frage ich, der Schreiber hier, Menschen abzuholen in ihrem Denken, die aus dieser philosophischen „Schule“ kommen?

 Für das Denken des NT gilt sonst: Es wird alles falsch, wenn das Leben der Vollkommenen etwas anderes sein soll als Empfangen aus den Händen des gnädigen Gottes, satt werden am Bild des Gekreuzigten. Das macht keineswegs passiv. Es geht auch dann um den Gehorsam des Glaubens, in der Spur dessen, der Gehorsam gelernt hat (5,9) auf dem Weg seines Lebens.

Ein Blick in andere Übersetzungen beruhigt mich ein wenig. Da werden aus den „Vollkommenen“ der Luther-Bibel „gereifte Christen„, „Menschen, die im Glauben erwachsen sind„. Das ist weit weg von einer Stufen-Lehre, die viel Druck ausüben kann. Erwachsener Glaube – das gefällt mir. Aus dem Hineinwachsen in den Glauben, den mir Andere vorgesprochen und – hoffentlich – auch vorgelebt haben, ist eigener, selbst verantworteter Glaube geworden. Manche Sätze, die ich einmal gelernt habe, kann ich nicht mehr ohne Weiteres mitsprechen. Sie sind für mich frag-würdig. Manche Erfahrungen müssen neu durchdacht werden. Aber ich bin darin gereift, durch das Leben und durch das zähe Festhalten am Glauben.

 1 Darum wollen wir jetzt lassen, was am Anfang über Christus zu lehren ist, und uns zum Vollkommenen wenden; wir wollen nicht abermals den Grund legen mit der Umkehr von den toten Werken, mit dem Glauben an Gott, 2 mit der Lehre vom Taufen, vom Händeauflegen, von der Auferstehung der Toten und vom ewigen Gericht. 3 Das wollen wir tun, wenn Gott es zulässt.

Das sind Anfangs-Lektionen – in der Sicht des Hebräer-Briefes. Wort und Tat gehören zusammen. Wir vertrauen auf Gott. Wir leben aus dem Geschenk der Taufe. Wir empfangen Kraft durch Berührungen, durch den Segen, den uns Andere zusprechen. Die Auferstehung der Toten ist eine Anfangs-Lektion. Und dass wir alle einmal Rechenschaft ablegen werden über unser Leben, konfrontiert mit dem Scheitern und Gelingen – und gelebt durch Scheitern und Gelingen hindurch – auch das gehört zu den Grund-Lektionen.

 Komme ich jemals darüber hinaus? „Christ-sein ist keine naturhafte Vollkommenheit, sondern ein ständiges Ergreifen und Weitergeben jener Wahrheiten, die das Leben gestalten und auf ein Ziel ausrichten.“( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S.134 ) Oder anders gesagt: „Bekehrung und Glaube sind Grundvoraussetzungen für alle, die das Heil ererben wollen, durch Taufe und Handauflegung wird man in die Gemeinde aufgenommen.“(E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/I; Neukirchen 1990; S. 344) Das ist der Kleine Katechismus des Hebräer-Briefes.

4 Denn es ist unmöglich, die, die einmal erleuchtet worden sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe und Anteil bekommen haben am Heiligen Geist und geschmeckt haben 5 das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt 6 und dann doch abgefallen sind, wieder zu erneuern zur Buße, da sie für sich selbst den Sohn Gottes abermals kreuzigen und zum Spott machen.

 An diesem Satz haben wir schwer zu kauen. Vermutlich die Leser damals auch schon. Es ist ja eine seelsorgerliche Frage ersten Ranges: Gibt es eine Umkehr für die, die den Weg des Glaubens wieder verlassen haben? Gibt es eine zweite Chance? Womöglich auch eine dritte, vierte? Es geht um die „Einmaligkeit der Bekehrung zu Christus“.( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 136). Wer sich ihm zuwendet, der bekommt alles, was er zu der Seelen Seligkeit braucht – den Heiligen Geist, das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt.

 Vielleicht kann man es so sagen: So wenig die Taufe wiederholt wird, so wenig ist es möglich, die Gaben wiederholt zu erhalten. Alles gibt es nur einmal – und es reicht für immer. Das ist eine gute Botschaft: Es reicht für immer. ά̉παξ steht da – ein für allemal.

 Es reicht auch dann, wenn ich mich einmal verrannt habe. Es reicht auch dann, wenn es konkrete Verfehlungen gibt. Der Hebräer-Brief weiß, wie alle Schriften des Neuen Testamentes, dass wir auch durch den Glauben nicht auf einmal „sündlos“ in dem Sinn sind, dass wir kein Unrecht mehr tun, niemand mehr durch Wort und Tat kränken, nicht auch Taten der Liebe versäumen. Für diese Sünden gibt es das Geschenk der Vergebung.

„Es ist nicht der Abfall von irgendwelchen theologischen Wahrheiten oder moralischen Normen“(E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XII/I Neukirchen 1990; S. 354), der den Schreiber beschäftigt. Das Problem des Hebräer-Briefes heißt: Gibt es eine Umkehr für die willentliche und wissentliche Abkehr, den Abfall vom Glauben? Da sagt er: Nein. Meine Frage heißt: Höre ich dieses NEIN als ein Urteil, das Gottes Urteil ausspricht oder als einen Erfahrungssatz, der aber sehr grundsätzlich gemeint ist? Wenn es ein Urteil Gottes wäre, ist jede Diskussion zu Ende.

 Wenn es aber ein Satz der Erfahrung des Schreibers ist, dann sagt er ihn ja gerade deshalb so hart, um Menschen vor dem Abfall zu bewahren! Er weiß darum, dass es sozusagen „unmöglich“ ist, wieder zurück zu kehren, wenn man sich losgesagt hat. Davor, das leichtfertig zu tun, möchte er bewahren. Psychologisch gesehen hat er sicher Recht. Es ist unendlich schwer, einen Rückweg zu finden, wenn man sich von einer Überzeugung, einem Glauben einmal bewusst losgesagt und abgewandt hat.

 7 Denn die Erde, die den Regen trinkt, der oft auf sie fällt, und nützliche Frucht trägt denen, die sie bebauen, empfängt Segen von Gott. 8 Wenn sie aber Dornen und Disteln trägt, bringt sie keinen Nutzen und ist dem Fluch nahe, sodass man sie zuletzt abbrennt.

 Nach meinem Empfinden ist dieser Vergleich eine Beleg dafür: Es geht um einen Erfahrungs-Satz! Wo der Regen auf die Erde fällt, wächst Frucht. Aber es kann auch sein, dass dort, wo Frucht werden soll, Disteln und Dornen sprießen. Da greift der Bauer ein. Er arbeitet am Feld. Er wird die Disteln und Dornen ausreißen. Er wird darum kämpfen, dass gute Frucht entsteht. Das soll ich hören: Der Herr des Ackers vernichtet nicht den Acker. Aber er verwirft die falsche Frucht. Die Mühe Gottes soll sich lohnen, am Ende dann doch. Deshalb hält er sie durch – gegen alle Fruchtlosigkeit.

„Euer Vater im Himmel lässt seine Sonne über Bösen und Guten aufgehen und lässt es regnen für Gerechte und Ungerechte.“(Matthäus 5,45) so redet Jesus von Gott. Und als Petrus sich an Jesus wendet und fragt: »Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er immer wieder gegen mich sündigt? Siebenmal?« – »Nein«, gab Jesus ihm zur Antwort, »nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal!« (Matthäus 18,22) Wie sollte er nicht auch die Umkehr suchen, wo sie – menschlich gesehen – längst unmöglich geworden ist?

Herr Jesus                                                                                                                           damit wir umkehren können                                                                                                 uns wieder nach Hause trauen                                                                                            den Weg zum Vater wagen                                                                                                      dazu bist Du gekommen                                                                                                      Du zeigst uns das Gesicht des Vaters                                                                                     der liebend gerne vergibt                                                                                                           die Arme weit öffnet                                                                                                              der uns entgegen kommt in Dir

Gib Du doch                                                                                                                         dass unsere Worte keinem den Weg zurück verbauen                                                         Gib Du                                                                                                                                dass wir Brücken schlagen                                                                                                      Türen öffnen                                                                                                                         zur Umkehr ermutigen                                                                                                              in unseren Worten und unserem Tun. Amen