Aufsehen auf Jesus

Hebräer 3, 1 – 6

1 Darum, ihr heiligen Brüder, die ihr teilhabt an der himmlischen Berufung, schaut auf den Apostel und Hohenpriester, den wir bekennen, Jesus 2 der da treu ist dem, der ihn gemacht hat, wie auch Mose in Gottes ganzem Hause.

 Worauf spreche ich Menschen an? Auf ihr Leistungsvermögen, sagt unsere Zeit. Auf ihre Hoffnungen, sagt die Werbung. Auf ihre Werte, suggeriert die Politik. Auf ihre Defizite – so erleben wir es oft genug. Der Hebräerbrief spricht seine Leser auf ihr Sein an: Ihr heiligen Brüder, ihr habt teil an der himmlischen Berufung. Mag sein, die Berufung ist noch verborgen, noch nicht offenkundig vor aller Augen, aber sie ist schon wirklich. „Auf Grund dessen, was die Anredeten sind – heilige Brüder und Genossen der himmlischen Berufung -, können sie behaftet werden bei dem, was sie sollen: den zuverlässigen Jesus betrachten und so das Bekenntnis durchhalten.“ (E.Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XII/I Neukirchen 1990; S. 157)

Das löst durchaus nicht zwangsläufig Passivität aus, sondern kann einen Menschen höchst aktiv in Bewegung setzen, weil er sich grundsätzlich bejaht sieht:

Ich möchte gerne so sein wie Gott mich haben will                                                           weil er mich so behandelt als wäre ich schon so.,“             Hannelore Frank

 Damit das Wirklichkeit wird im eigenen Leben, sollen wir „Aufsehen auf Jesus“(O. Michel) Was ich anschaue, verwandelt mich. Das ist eine Überzeugung, die sich in der Bibel wiederfindet, die sich aber auch im alltäglichen Leben bewahrheitet. Die Bilder, denen ich meine Seele aussetze, machen etwas mit mir. Dieses Wissen hat zu solch wunderbaren Kunstwerken wie dem Isenheimer Altar in Colmar geführt. Er ist im großen Saal eines „Siechenhauses“ (= Krankenhaus) aufgerichtet worden in der Überzeugung, dass das Anschauen des leidenden Christus den Leidenden in der Zeit Heil bringt – und manchmal wohl auch Heilung.

3 Er ist aber größerer Ehre wert als Mose, so wie der Erbauer des Hauses größere Ehre hat als das Haus. 4 Denn jedes Haus wird von jemandem erbaut; der aber alles erbaut hat, das ist Gott. 5 Und Mose zwar war treu in Gottes ganzem Hause als Knecht, zum Zeugnis für das, was später gesagt werden sollte, 6 Christus aber war treu als Sohn über Gottes Haus. Sein Haus sind wir, wenn wir das Vertrauen und den Ruhm der Hoffnung festhalten.

 Es folgt wieder die bereits vertraute Argumentationsfigur vom Kleineren zum Größeren: Es kommt auf den Erbauer an, nicht auf das Gebäude. Mose steht hier für das Haus – aufgegriffen wird die Vorstellung, dass Israel das Haus Gottes ist. „Hört meine Worte: Ist jemand unter euch ein Prophet des HERRN, dem will ich mich kundmachen in Gesichten oder will mit ihm reden in Träumen. Aber so steht es nicht mit meinem Knecht Mose; ihm ist mein ganzes Haus anvertraut. Von Mund zu Mund rede ich mit ihm, nicht durch dunkle Worte oder Gleichnisse, und er sieht den HERRN in seiner Gestalt. (4. Mose 12, 6-8) Ist Mose schon groß, so ist Christus doch noch größer. Mose ist der Knecht im Haus Gottes, Jesus aber ist der Sohn.

 Und dann geht der Brief einen höchst bedeutsamen Schritt weiter: Sein Haus sind wir. Wir – Schreiber und Leserinnen, Gemeinde Jesu Christi in der Zeit. Im Wir schließt sich der Schreiber mit seinen Lesern über alle räumliche und zeitliche Distanz hinweg zusammen. Auf den ersten Eindruck hin könnte man hören: Da wird ein zweites Haus neben dem Haus Gottes errichtet – neben das Haus Israel tritt das Haus Jesu Christi. Aber so denkt der Hebräerbrief nicht. Als sein Haus sind wir Haus Gottes. Es gibt kein zwei Häuser Gottes.

 Dieses Bild vom Haus Gottes ist eine Aussage über die Gemeinde, die nicht hoch genug einzuschätzen ist – gilt sie doch Leuten, deren äußere Situation alles andere als ermutigend und freundlich erscheint. Die Gemeinde ist von Resignation und Müdigkeit bedroht. Sie ist in die Defensive geraten und fürchtet sich vor mancherlei Mächten und Anfechtungen. Darauf wird das Schreiben noch ausführlich zu sprechen kommen. Dem setzt der Schreiber zweierlei entgegen: Den Blick auf Jesus und eben dies: Wir sind Gottes Haus.

 Wenn wir das Vertrauen und den Ruhm der Hoffnung festhalten. Ist das eine Bedingung, die „wir“ – die Leser der ersten Stunde und wir heute – zu erfüllen haben? Mir will es anders scheinen. Nicht als Bedingung, sonder als eine Art und Weise zu leben. Indem wir die „Zuversicht“ – hier steht παρρησία, Freimut, Freiheit -, bewahren, leben wir als „Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Epheser 2,18) Nicht Bedingung wird hier formuliert, sondern die Erinnerung an den Lebensraum, den wir jetzt schon ausfüllen dürfen.

 Herr Jesus                                                                                                                           Aufsehen zu Dir                                                                                                                   mir Dein Bild einprägen                                                                                                    meine Seele an Deinem Bild sättigen                                                                                      dazu hilf Du mir

Gib mir die innere Ruhe                                                                                                        gib mir die Sehnsucht ins Herz                                                                                              gib mir die Treue zu Deinem Wort                                                                                           Gib mir den Abstand zu allem                                                                                            was mir den Blick auf Dich verstellen will

Lass mich suchen                                                                                                                was mir hilft                                                                                                                              so auf Dich zu schauen                                                                                                         Die Zeit mit Deinem Wort                                                                                                    Das Gespräch über den Glauben                                                                                          Das Geschenk von Brot und Wein                                                                                           Den Gottesdienst                                                                                                                      und Dein Bild in den Kleinsten                                                                                            Geringen – Brüdern und Schwestern                                                                                     in denen Du nach uns rufst                                                                                            unsere Liebe und unser Erbarmen suchst. Amen