Gott hat geredet

Hebräer 1, 1 – 14

1 Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, 2 hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat.

 Gott hat geredet. Das ist der feste Ausgangspunkt dieses Schreibens. Ob es ein Brief ist, eine theologische Denkschrift, eine Meditation über Psalm 110, eine Predigt ist zweitrangig. Entscheidend ist: Gott hat geredet. Und jetzt, damit kommt der Autor in seine Zeit, hat er durch den Sohn geredet. Er ist das Wort der letzten Stunde. Dieses letzte Wort hat eine einzigartige Qualität. Warum? „Was noch geschehen kann oder wird, verändert und überbietet nicht das in Christus gesprochene Wort der Berufung und Erwählung.“(W. Löw, Der Glaubensweg des Neuen Bundes, Die urchristliche Botschaft 18, Berlin 1931, S. 10) Diese Endgültigkeit des Wortes hängt daran, dass der, der es ist und spricht, der Sohn der Erbe und der Schöpfungsmittler ist.

 Im Kolosserbrief begegnet der gleiche Gedanke: „Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist.“ (Kolosser 1,16) Und Johannes sagt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ (Johannes 1, 1-3) Alles Aussagen, die nur eines wollen: Bezeugen, dass in Jesus Christus der Grund des Lebens ist, dass er als der Sohn Gottes der ist, auf den sich unser Leben und unser Glauben gründen können.

Wir werde es im Lauf des Briefes noch sehen: Der Hebräer-Brief richtet unseren Blick immer wieder auf das, was schon geschehen ist, was Gott schon in Christus getan hat. Die Gegenwart wird merkwürdig verschwommen in den Blick genommen. Sie ist die Zeit, in der es festzuhalten gilt, das Herz festzumachen, beständig zu werden, sich zu Christus zu halten. Aber sie ist nicht die Zeit, in der Christus durch den Geist unaufhörlich auf uns einredet.

Gott hat das Heil geschaffen. Das ist Geschehen, auf das wir blicken und das wir uns vor Augen stellen, damit das Herz fest werde (13,9). Darum „ist es in der Tat wichtiger für uns zu wissen, was Gott an Israel, was er an seinem Sohn Jesus Christus tat , als zu erforschen, was Gott heute mit mir vorhat. Dass Jesus Christus starb ist wichtiger, als dass ich sterbe, und dass Jesus Christus von den Toten auferweckt wurde, ist der einzige Grund meiner Hoffnung, dass ich auch auferweckt werde am Jüngsten Tag. Unser Heil ist „außerhalb unser selbst“ (extra nos), nicht in unserer Lebensgeschichte, sondern allein in der Geschichte Jesu Christi finde ich es.“ (D. Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, München 1939, S. 44) Es wirkt für mich, als hätte Bonhoeffer mit seinen Überlegungen das Grundkonzept des Hebräer-Briefes nachgesprochen.

3 Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe 4 und ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name.

 Es folgt eine Beschreibung, die wieder an den Kolosserbrief erinnert. Da heißt es: Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. (Kolosser 1, 15) Das Wort dieses Einen ist wie das Wort Gottes selbst: Kräftig, wirksam, tragfähig. Und der Schreiber überstürzt sich fast, wen er sofort das benennt, was das zentrale Werk Christi ist: Er hat die Reinigung von den Sünden vollbracht.

Wenn die Lutherbibel hier vollbracht übersetzt, dann will sie damit wohl erinnern an den Ruf des Gekreuzigten: Es ist vollbracht.(Johannes 19,30) Das griechische Wort ποιησάμενος gibt diese Assoziation nicht her. Aber in der Sache ist es richtig, wie die Luther-Bibel „übersetzt“.

 Dieses Werk Gottes hängt an seinem Wort. Am Wort, das der Christus ist und spricht. „Alles von Gott gestiftete Heil bleibt an das Wort gebunden, das in Christus Gestalt gewann.“ (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/1; Neukirchen 1990; S. 68) Es wird die Aufgaben des ganzen folgenden Schreibens sein, dies zu entfalten und darin die Leser und Leserinnen zu ermutigen, dass sie an diesem Wort festhalten.

 5 Denn zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt (Psalm 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt«? Und wiederum (2.Samuel 7,14): »Ich werde sein Vater sein und er wird mein Sohn sein«? 6 Und wenn er den Erstgeborenen wieder einführt in die Welt, spricht er (Psalm 97,7): »Und es sollen ihn alle Engel Gottes anbeten.« 7 Von den Engeln spricht er zwar (Psalm 104,4): »Er macht seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen«, 8 aber von dem Sohn (Psalm 45,7-8): »Gott, dein Thron währt von Ewigkeit zu Ewigkeit, und das Zepter der Gerechtigkeit ist das Zepter deines Reiches. 9 Du hast geliebt die Gerechtigkeit und gehasst die Ungerechtigkeit; darum hat dich, o Gott, dein Gott gesalbt mit Freudenöl wie keinen deinesgleichen.« 10 Und (Psalm 102,26-28): »Du, Herr, hast am Anfang die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. 11 Sie werden vergehen, du aber bleibst. Sie werden alle veralten wie ein Gewand; 12 und wie einen Mantel wirst du sie zusammenrollen, wie ein Gewand werden sie gewechselt werden. Du aber bist derselbe, und deine Jahre werden nicht aufhören.« 13 Zu welchem Engel aber hat er jemals gesagt (Psalm 110,1): »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache«? 14 Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen?

 Diese Meditation über die Engel folgt, weil sie den Satz nachdenkt, der vor ihr steht: Der Sohn ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name. Das ist – im Bild gesprochen – ein Blick in den Thronsaal Gottes, Der Sohn sitzt auf dem Stuhl zur Rechten des Vaters. Und die Engel sind um ihn, anbetend und dienend.

Alle angeführten Zitate haben dies Eine im Blick: Sie stellen die Engel vor seinen Thron. Sie zeigen sie als Diener, nicht als eigenständige Mächte. „Vorrangiges Ziel des Vergleichs Christi mit den Engeln ist es, die Würde des zu Gott Erhöhten in seiner Unanfechtbarkeit und Unvergleichlichkeit darzustellen.“ (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/I Neukirchen 1990; S. 71)

 Das geschieht auf dem Hintergrund einer Auseinandersetzung mit Vorstellungen der Zeit, die den Engeln hohe Aufmerksamkeit zuwenden. „Als Mittelwesen zwischen irdischer und himmlischer Region kam ihnen in der dualistischen Weltbetrachtung des damaligen hellenistischen und palästinensischen Judentums große Bedeutung zu.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 91) Den Engeln wird nichts von ihrer Bedeutung genommen. Sie sind nicht harmlos, keinen schönen Putten. Sie sind starke Boten Gottes, die für seine Heiligkeit einstehen und seine Befehle ausrichten. Wenn sie Menschen begegnen, so erschrecken diese und brauchen das lösende Wort: „Fürchtet euch nicht!“

 Aber vor dem Sohn sind sie nichts als Anbetende, nichts als Diener, nicht als Zeugen seiner Herrlichkeit. Wenn man durch-zählt: Es sind sieben Zitate. Das ist kein Zufall. Die Zahl sieben sagt: Mehr ist nicht zu sagen über das Verhältnis Engel-Sohn. Sie sind zu seiner Ehre da. Und, welche kühne Weiterführung: Die Engel, diese mächtigen Boten Gottes, sind für die da, die das Heil ererben sollen. Das ist die Doppelbestimmung der Engel: Diener des Sohnes und Diener der Menschen, die Gott als seine Kinder will.

 Engel sind Diener, auch als Schutzengel. „Das Schützen der Engel besteht darin, dass sie die ihnen anbefohlenen durch ihr Zeugnis von Gott in der Gemeinschaft mit ihm bewahren und eben damit wahrhaft bewahren, wahrhaft sicherstellen. Sie sind im Leben eines jeden Menschen die Sachwalter des Reiches Gottes und eben damit die besten Bürgen für dieses Menschen eigene Sache.“ (K. Barth, Kirchliche Dogmatik III/3, Zürich 1961; S. 608)

Jesus Christus                                                                                                                    wie könnte ich Dich jemals genug anbeten                                                                              Ich will einstimmen in das Lob der Engel                                                                                 in das Lob der Väter und Mütter                                                                                               in das Lob der Apostel                                                                                                              in das Lob derer                                                                                                                    die um Deinetwillen gelitten haben

Ich will einstimmen in das Lob                                                                                                 das Dir die Schöpfung singt                                                                                                  der Tag mit der Nacht                                                                                                             das Dunkel mit dem Licht                                                                                                     die stumme Natur und alles Rufen der Kreaturen                                                                 Von Dir kommt unser Leben und zu Dir geht es                                                                  Wie groß bist Du. Amen