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Hebräer 2, 1 – 9

1 Darum sollen wir desto mehr achten auf das Wort, das wir hören, damit wir nicht am Ziel vorbeitreiben. 2 Denn wenn das Wort fest war, das durch die Engel gesagt ist, und jede Übertretung und jeder Ungehorsam den rechten Lohn empfing, 3 wie wollen wir entrinnen, wenn wir ein so großes Heil nicht achten, das seinen Anfang nahm mit der Predigt des Herrn und bei uns bekräftigt wurde durch die, die es gehört haben? 4 Und Gott hat dazu Zeugnis gegeben durch Zeichen, Wunder und mancherlei mächtige Taten und durch die Austeilung des Heiligen Geistes nach seinem Willen.

 Darum – weil das mit den Engeln so ist, dass sie dienstbare Geister sind und dass Christus so viel höher ist als sie – darum sollen wir auf das Wort achten. Auf das Wort, das uns Menschen sagen. Das Wort, das uns Christus vor Augen malt. Das Wort, das uns zum Glauben ruft. Der Blick in die himmlische Wirklichkeit lenkt den Blick auf die Erde. Das Hören auf das Wort öffnet die Ohren für die Worte von Menschen.

 Noch einmal zu den Engeln: Es ist nicht angesagt, Furcht vor ihnen zu haben. „Fürchtet euch nicht!“ – dieser Engelruf gilt. Für die Leser des Hebräerbriefes. Für uns heute. Er gilt, obwohl die Engel keine harmlosen Flattergeister sind, nicht nette Vorstellungen aus dem Souvenirladen. Sie haben ja Macht, wegen und Zugänge zu versprerren. Davon erzählt eindrücklich die uralte Geschichte von Bileams Esel (4. Mose,22, 21 – 36) Zum Schluss heit es da: „Und der Engel des HERRN sprach zu ihm: Warum hast du deine Eselin nun dreimal geschlagen? Siehe, ich habe mich aufgemacht, um dir zu widerstehen; denn dein Weg ist verkehrt in meinen Augen.“(4. Mose 22,32)

 Aber diese machtvollen Anwälte der Heiligkeit Gottes sind dem Menschensohn untertan. Sie dürfen denen den Weg nicht mehr versperren, die zu ihm gehören. Darum gilt für Christen: „Fürchtet euch nicht.“ Es gibt keine Mächte und Gewalten mehr, im Himmel und auf Erden, die uns die Wege versperren könnten, die Gott uns zugedacht und bereitet hat. Wahr ist: Es geht nicht alles gut im Leben. Es gibt Scheitern, Angst und Tränen, auch im Christenleben. Sterben fällt nicht aus. Aber das ändert nichts mehr an der Entscheidung, die schon gefallen ist: Der Weg in die Himmel Gottes ist für uns frei!

 Damit wir nicht am Ziel vorbeitreiben. Wie ein Stück Holz, das auf dem Wasser treibt und irgendwo strandet. So kann es dem Menschen gehen, der sich selbst seine Ziele setzt und glaubt, dass sich sein Leben erfüllt, wenn er die selbst-gesetzten Ziele erreicht. Aber dabei können wir am Ziel Gottes vorbei treiben.

 Es ist ein wichtige Einsicht, aber in den Augen des Hebräer-Briefes noch längst nicht das, was das Ziel erreichen lässt:

 Ich habe oft mit Windmühlenflügeln gefochten,                                                                       Wohl wissend, daß dabei der Gegner Sieger bleibt.                                                                Und gleich, wie reißend die Ströme der Zeit sein mochten,                                                     Wehrte ich mich, das Stroh zu sein, das darauf treibt.                                                            Ich habe stets geglaubt, das Ruder selbst zu halten,                                                              Und fuhr doch nur auf vorbestimmten Bahnen hin,                                                                  Denn alle Hoffnung und alle Ängste                                                                                          mussten dahin führ’n, wo ich bin.                                Reinhard Mey

 Es kommt eine für den Hebräer-Brief typische Redefigur – der Schluss vom Kleineren zum Größeren. Wenn schon das Wort der Engel fest war und Nichthören auf dieses Wort Ungehorsam gegen den, der die Engel gesandt hat, wie viel gefährlicher ist es, das Wort zu missachten, das vom Sohn ausgeht. In seinem Wort werden wir ja ins Heil gerufen und dieses Wort nicht hören ist darum das Heil ausschlagen. Niemand kann uns hindern, das Heil anzunehmen. Aber wir selbst können uns ausschließen.

Wie widersinnig eine Missachtung dieses Wortes wäre, zeigt sich auch daran, dass Gott es vielfach bekräftigt und bestätigt hat – durch die, die es weitersagen, durch Zeichen und Wunder, durch die Austeilung des Heiligen Geistes. Ist es nicht so, dass die Missachtung des Wortes Gott Lügen straft, weil sie sein Zeugnis missachtet?

 5 Denn nicht den Engeln hat er untertan gemacht die zukünftige Welt, von der wir reden. 6 Es bezeugt aber einer an einer Stelle und spricht (Psalm 8,5-7): »Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Sohn, dass du auf ihn achtest? 7 Du hast ihn eine kleine Zeit niedriger sein lassen als die Engel; mit Preis und Ehre hast du ihn gekrönt; 8 alles hast du unter seine Füße getan.« Wenn er ihm alles unter die Füße getan hat, so hat er nichts ausgenommen, was ihm nicht untertan wäre. Jetzt aber sehen wir noch nicht, dass ihm alles untertan ist. 9 Den aber, der »eine kleine Zeit niedriger gewesen ist als die Engel«, Jesus, sehen wir durch das Leiden des Todes »gekrönt mit Preis und Ehre«; denn durch Gottes Gnade sollte er für alle den Tod schmecken.

 Noch einmal wird klargestellt: Nicht den Engeln, sondern dem Einen, dem Sohn ist die zukünftige Welt untertan. Sie ist es schon, denn er ist ja schon erhöht, Ihm hat Gott ja schon alles unter die Füße getan. Ähnlich und doch noch einmal anders klingt es im Evangelium: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin…“(Matthäus 28,18-19) Auch hier wieder: Der Blick auf die himmlische Wirklichkeit wird zur Wegweisung in die irdischen Verhältnisse und Aufgaben.


Darauf läuft das Psalm-Zitat hinaus. Es richtet den Blick auf Jesus. Ursprünglich eine Staunen über das Wunder, das jeder Mensch ist, wird es hier umgemünzt – auf das Staunen über den Weg, den der Menschen Sohn geht. Die Anspielung auf die Selbstbezeichnung Jesu (Markus 2,10 usw.) ist deutlich. Die Formulierung der »eine kleine Zeit niedriger gewesen ist als die Engel«, beschreibt den Weg Jesu in der Menschwerdung – ganz nach unten führt sein Weg. Er ist Mensch unter Menschen, und durch das Leiden des Todes wird er erhöht. Es ist eine kühne Formulierung. Er wird durch das Kreuz gekrönt mit Preis und Ehre. Der Hebräer-Brief sieht im Gekreuzigten nicht den großen Verlierer, sondern den Sieger.

 Und: Jesus geht diesen Weg für uns. Durch Gottes Gnade sollte er für alle den Tod schmecken. Gnade Gottes, χάριτι θεου̃, Gottes Gnade, bezieht sich nicht auf den Tod. Der ist ja schrecklich genug. Daran lässt keine Schrift des Neuen Testamentes Zweifel. Gnade bezieht sich darauf, dass dieser Tod nicht für sich steht, nicht für sich erlitten wird. Sondern er hat eine lösende, eine erlösende Funktion: Weil Jesus ihn schmeckt, müssen wir ihn nicht schmecken. Weil er die Bitterkeit der Gottesferne auf sich nimmt, bleibt uns die Gottesferne erspart, für immer und ewig.

„Indem der Hebräerbrief das für seine Leser Widerspruchsvolle am Geschick Jesu als Werk der Gnade Gottes aufweist, setzt er auf seine Weise die paulinische Erkenntnis in Kraft, dass das Törichte an Gott weiser ist als die Menschen und das Schwache an Gott stärker als die Menschen (1.Korinther 1,25).“ (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/1; Neukirchen 1990; S. 124)

 Das ist die Wirklichkeit, die wir noch nicht sehen,die aber schon in Kraft gesetzt ist, weil Jesus schon in die Himmel erhöht ist. Von dieser Wirklichkeit her schreibt der Autor seinen Brief: Zum Glauben an diese noch verborgene Wirklichkeit ruft er. Der Himmel wird ganz recht behalten.

Heiliger Gott                                                                                                                          Du suchst uns                                                                                                                         Du rufst uns                                                                                                                            Du nimmst es auf Dich                                                                                                         uns zu gewinnen in der Hingabe                                                                                          die das Leiden nicht scheut

Du mischst Dich ein                                                                                                            mischst Dich unter uns Menschen                                                                                    verlässt Deinen Himmel                                                                                                    gehst bis in die tiefste Tiefe                                                                                                  damit wir nach Hause kommen können                                                                               uns der Weg wieder geöffnet wird

Weite uns den Horizont                                                                                                      Lass uns die Wirklichkeit sehen                                                                                          die Du schon in Kraft gesetzt hast                                                                                       damit wir aus ihr Kraft gewinnen                                                                                         und beständig werden im Glauben. Amen