Gedenke mir’s

Nehemia 13, 23 – 31

23 Zu dieser Zeit sah ich auch Juden, die sich Frauen genommen hatten aus Aschdod, Ammon und Moab. 24 Und die Hälfte ihrer Kinder sprach aschdodisch oder in der Sprache eines der andern Völker, aber jüdisch konnten sie nicht sprechen. 25 Und ich schalt sie und fluchte ihnen und schlug einige Männer und packte sie bei den Haaren und beschwor sie bei Gott: Ihr sollt eure Töchter nicht ihren Söhnen geben noch ihre Töchter für eure Söhne oder euch selbst nehmen. 26 Hat nicht Salomo, der König von Israel, gerade damit gesündigt? Und es war doch unter vielen Völkern kein König ihm gleich, und er war seinem Gott lieb und Gott setzte ihn zum König über ganz Israel. Dennoch verleiteten ihn die ausländischen Frauen zur Sünde. 27 Und von euch muss man das hören, dass ihr ein so großes Unrecht tut und unserm Gott die Treue brecht damit, dass ihr euch ausländische Frauen nehmt? 28 Und einer von den Söhnen Jojadas, des Sohnes Eljaschibs, des Hohenpriesters, war der Schwiegersohn des Horoniters Sanballat; aber ich jagte ihn von mir.

Das ist nun die letzte Konkretion. Kommt das Wichtigste hier zum Schluss? Oder ist es nur das Härteste? Die Vereinbarungen (10,31) hatten zukünftige Mischehen verhindern sollen. Schon unter Esra (Esra 9-10) waren sie als das große Problem Israels angesehen worden und auf harte Weise „gelöst“ worden. Offensichtlich nicht für immer, wenn diese Worte hier nicht einfach nur eine Dublette zum Bericht des Esra sein sollen.

 Nehemia sieht Kinder, die nicht hebräisch sprechen. „Das bedeutet, dass sie der Toralesung bzw. den Kultgesängen nicht mehr folgen können.“ (K. Galling, Die Bücher der Chronik, Esra, Nehemia, ATD 12, Göttingen 1954, S. 253) Für einen Glauben, der so stark auf Vermittlung und Verstehen aus ist, ist das eine Katastrophe. Entsprechend emotional – und ohnmächtig zugleich! – reagiert Nehemia. Nicht gegen die Kinder, sondern gegen die Väter. Sie hatten sich Frauen genommen hatten aus Aschdod, Ammon und Moab. Sie hatten es versäumt, den Kindern Hebräisch beizubringen.

 Er schlägt um sich, schlägt wohl auch zu, beschwört die Männer, und zitiert dabei die Schrift: Ihr sollt eure Töchter nicht ihren Söhnen geben noch ihre Töchter für eure Söhne oder euch selbst nehmen. ( 5. Mose 7,3) Er erinnert an die Vereinbarung. Und er stellt ihnen Salomo als abschreckendes Beispiel vor Augen. Obwohl er unvergleichlich war, wurden ihm seine ausländischen Frauen zum Verhängnis. Sie verleiteten ihn zur Sünde, zum Abfall von seinem Gott, dem er lieb war.

 So groß ist die Gefahr der Mischehen, auch in den Augen Nehemias. Und doch: Der gleiche Nehemia, der den Tempel mit seinen Maßnahmen rein erhält, der den Sabbat mit bürokratischen und ordnungs-politischen Anordnungen schützt und stützt, der gleiche Nehemia ist den Mischehen gegenüber hilflos. Er kann nur appellieren. Er geht nicht den Schritt, den das Esra-Buch beschreibt, dass Ehen zwangsweise geschieden werden. Er macht aus seiner Abscheu kein Geheimnis. Einen Enkel aus der Familie des Hohenpriesters Eljaschibs, offensichtlich auch in einer Mischehe lebend, Schwiegersohn des alten Feindes Sanballat, jagt er von sich. Er will ihn nicht in seiner Nähe. Aber er verzichtet auf Gewaltmaßnahmen zur Trennung der Ehen. Das unterscheidet Nehemia von Esra.

Es ist ein hoch sensibles Thema, sich in die intimen Beziehungen zwischen Menschen rechtlich eingreifend einzumischen. Es geht nicht um das, was im Bett stattfindet. Wohl aber um den rechtlichen Rahmen. Hier darf nicht nach dem Motto verfahren werden: Es gilt mein Wille. Aber hier kann auch nicht alles einfach deshalb schon gut geheißen werden, weil es diese oder jene Variante des Zusammenlebens gibt. Vielleicht können Entscheidungsträger manchmal nicht mehr sagen als „Ich bin unsicher. Ich habe da Probleme.“

 Gerade in solche Fragen treffen ja oft uralte Prägungen und Wertvorstellungen auf anderes Verhalten, das sich andere Freiheiten nimmt. So ganz leicht, wie man heute gerne tut, ist es aber nicht, gebunden an die eigenen Prägungen und Werten, Anderen ihre Freiheit zuzugestehen. Nehemia jedenfalls könnte das gut verstehen.

 29 Gedenke ihrer, mein Gott, dass sie das Priestertum befleckt und den Bund des Priestertums und der Leviten gebrochen haben!

 Das Gedenken, das Nehemia hier erbittet, ist hart: Es soll ihnen vor Gott nicht durchgehen, dass sie das Priestertum befleckt haben. „Bis ins dritte und vierte Glied sucht Gott die Missetat der Väter an den Kindern heim. (2. Mose 20,5) Es ist ihm bitter, das er so hilflos da steht. Darum soll Gott es übernehmen, selbst seine Ehre zu verteidigen. Nehemia kann es ja nicht.

 30 So reinigte ich sie von allem Ausländischen und ordnete die Ämter der Priester und Leviten, für einen jeden nach seinem Dienst, 31 und die Lieferung von Brennholz zu bestimmten Zeiten und die Abgabe der Erstlinge.

 Das klingt nach Zusammenfassung und Nachtrag in Einem. Nehemia hat es unternommen, die reine Gemeinde herzustellen. Er hat Ordnung geschaffen. Und er hat sich um Kleinigkeiten gekümmert, bis hin zur nötige Brennholzlieferung für die Opferfeuer.

 Es ist ein bisschen ernüchternd, dass dieses Buch, dass mit einer so großartigen Szene beginnt – der erschütterten Fürbitte für das arme Land – mit einer so trivialen Notiz endet, die die Brennholzlieferung festhält. Aber so kann es gehen. Mancher große Anfang endet in kleinlichen und kleinteiligen Regelungen für den Alltag. Und Vision werden so geerdet, dass sie in Kleinarbeit ausarten. Brennholz-Lieferungen und Dienst-Plänen

Gedenke mir’s, mein Gott, zum Besten!

 Das bleibt zum Schluss. Eine Auslieferung an Gott. Was bleiben wird vom Werk des Nehemia, das hängt an Gottes Gedenken. Was Bestand haben wird, hängt an seiner Güte. Das Nehemia-Buch ist das Zeugnis eines tatkräftigen Menschen. Er hat sich in Anspruch nehmen lassen. Er hat seine Möglichkeiten genützt. Er hat sich nicht geschont in seiner Mühe. Was aber bleiben wird, liegt in der Hand Gottes und im Gedenken Gottes. Daran erinnert diese Bitte Nehemias. Ihn selbst und uns, seine Leser.

 Weit über das Ende des Nehemia-Buches hinaus, höre ich diesen Satz noch einmal anders, zusammen klingen auch mit einer abschließenden Bitte, diesmal nicht am Ende eines Buches über ein doch ziemlich erfolgreiches Leben, sondern am Ende eines verpfuschten Lebensweges. „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23, 43)Es gibt nichts Besseres für uns als das Gott unser erbarmend gedenkt.

Herr Jesus Christus                                                                                                            am Ende zählen unsere Erfolge nicht mehr                                                                   Unsere Lebensleistung mag unbestritten bleiben                                                               Manche Defizite können wir nicht mehr schön reden                                                          Fehler stehen vor unseren Augen und klagen uns an                                                Versäumnisse wiegen schwer

Und doch wird das alles nicht zählen                                                                                  wenn unser Leben gesichtet wird                                                                                           Es vergeht wie ein Schatten

Wir aber bleiben                                                                                                                     weil Du der Ewige bist                                                                                                           und Du uns in Dein Gedächtnis eingegraben hast                                                                   tief                                                                                                                                      unauslöschlich in Deine Hände. Amen