Alltägliche Herausforderungen

Nehemia 13, 1 – 14

1 Und in dieser Zeit las man aus dem Buch des Mose vor den Ohren des Volks und fand darin geschrieben, dass die Ammoniter und Moabiter niemals in die Gemeinde Gottes kommen dürften, 2 weil sie den Israeliten nicht mit Brot und Wasser entgegenkamen, und gegen sie Bileam dingten, damit er sie verfluche; aber unser Gott wandte den Fluch in Segen. 3 Als sie nun dies Gesetz hörten, schieden sie alles fremde Volk aus Israel aus.

Nehemia hatte eine Vereinbarung mit dem Volk getroffen. Eine Art Bundeserneuerung. Schriftlich fixiert mit den Unterschriften aller Sippenhäupter. Und jetzt wird im folgenden Text berichtet, dass und wie die Vereinbarung umgesetzt wird. Zuerst – weil es das dringlichste „Problem ist? – im Blick auf die Gemeinschaft mit den Fremdvölkern. Israel wohnt ja auch jetzt noch nicht allein im Land. Da sind Andere, die durch die ganze Zeit des jüdischen Exils dort Wurzeln geschlagen haben. Es ist eine große Frage, gerade für ein Volk, das neu seine Identität sucht: Wie gehen wir mit diesen „Fremdwohnern“ um?

 Es ist übrigens bis heute eine Frage im Staat Israel: Wie geht man mit denen um, die schon im Land waren, als die Rückkehrer kamen, damals, 1946, 1947, 1948. Wie geht man mit denen um, die über Jahrhunderte hin dort ihre Heimat hatten, auch wenn sie keine Juden sind? Sind es Staatsbürger zweiter Klasse? Oder gar Menschen zweiter Klasse? Fragen, die nicht durch Deklamationen entschieden und beantwortet werden, sondern durch den alltäglichen Umgang miteinander, in dem so etwas wie Achtung und Respekt spürbar werden kann.

 Das Gesetz wird verlesen und im Gehorsam gegen das Gesetz scheiden sie alles fremde Volk aus Israel aus. Da es sich nicht um eine Vertreibung handelt, kann es nur als die Trennung in Alltagsvollzügen gelesen werden, wo es zwangsläufig häufig zu Berührungen mit den Anderen kommt. Das macht den Schmerz aus, der hier aber völlig verschwiegen wird. Trennungen zwischen Nachbarn, einander ignorieren – ist das auf die Dauer ein Lebenskonzept? So entstehen Ghettos, eine Lebensform, die seitdem Juden in aller Welt durch die Zeit begleitet. Znd mitten im eigenen Land, Mea Shearim in Jerusalem, das Viertel der Ultra-Orthodoxen, ist bis heute noch auch so ein Ghetto, gerechtfertigt unter Anderem durch diese Worte im Nehemia-Buch.

 Der Weg zur Reinheit des Volkes wird aber nicht so erledigt, dass man ein paar Maßnahmen einmal durchführt. Er ist eine Daueraufgabe. Deshalb folgen im Bericht des Nehemia weitere Schritte.

4 Und es hatte einst der Priester Eljaschib, der über die Kammern bestellt war am Hause unseres Gottes, ein Verwandter des Tobija, 5 diesem eine große Kammer gegeben, in die man früher die Speisopfer gelegt hatte, den Weihrauch, die Geräte und den Zehnten vom Getreide, Wein und Öl, die Gebühr für die Leviten, Sänger und Torhüter, dazu die Abgaben für die Priester.

 Gefälligkeiten. Weil es an Lagerraum fehlt, gibt ein Priester namens Eljiaschib seinem Verwandten einen großen Raum als Lagerraum für seine Vorräte. Das ist eine Fortführung der früheren Bestimmung der Räume – nur jetzt privatisiert und nicht mehr für die Versorgung des Tempelpersonals. Der Verwandte ist ein alter Bekannter – Tobija, der sich zusammen mit Sanballat sich als Feind des Mauerbaus hervorgetan hatte. Das stört doch keinen. „Das macht doch nichts, das merkt doch keiner.“ (H. Scheibner)

 6 Aber bei alledem war ich nicht in Jerusalem; denn im zweiunddreißigsten Jahr Artahsastas, des Königs von Babel, war ich zum König gereist und hatte erst nach längerer Zeit den König gebeten, dass er mich wieder ziehen ließe. 7 Und als ich nach Jerusalem kam, merkte ich, dass es Unrecht war, was Eljaschib für Tobija getan hatte, als er ihm eine Kammer im Vorhof des Hauses Gottes gab. 8 Und es verdross mich sehr und ich warf allen Hausrat des Tobija hinaus vor die Kammer 9 und befahl, dass sie die Kammer reinigten. Und ich brachte wieder hinein, was zum Hause Gottes gehörte, Speisopfer und Weihrauch.

 Nehemia ist nicht im Land, als diese Umwidmung der Räume geschieht. Er muss seinen „Urlaub“ beim persischen König verlängern. Als er nach seiner erfolgreichen Reise zurückkehrt, erfährt er von diesem Vorgang und greift sofort durch. Er lässt die Kammer sofort vom Hausrat des Tobija räumen und den Raum wieder für den ursprünglichen Zweck nützen.

 Nur eine Nebensächlichkeit? Es geht um den Tempel und seine Reinheit. Nehemia lässt die Kammer reinigen. Das ist mehr als ein Putzauftrag. Es geht um eine kultische Reinigung. „Nehemia lässt sich sein Projekt der „Heiligen Stadt“ von niemandem, erst recht nicht von Tobija, beschmutzen.“(T. Hiecke, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament, Die Bücher Esra und Nehemia, Stuttgart 2005, S. 251) Manchmal freilich ergibt es sich „erfreulich“, dass sich der Kampf um die Reinheit mit dem Begleichen alter Rechnungen verbinden lässt.

 10 Und ich erfuhr, dass die Anteile der Leviten nicht eingegangen waren und deshalb die Leviten und Sänger, die den Dienst ausrichten sollten, fortgegangen waren, ein jeder auf sein Land. 11 Da schalt ich die Ratsherren und sprach: Warum wird das Haus Gottes vernachlässigt? Und ich holte sie zurück und stellte sie wieder in ihren Dienst. 12 Da brachte ganz Juda den Zehnten vom Getreide, Wein und Öl in die Vorratskammern. 13 Und ich bestellte über die Vorräte den Priester Schelemja und Zadok, den Schreiber, und von den Leviten Pedaja und ihnen zur Hand Hanan, den Sohn Sakkurs, des Sohnes Mattanjas; denn sie galten als zuverlässig und ihnen wurde befohlen, ihren Brüdern auszuteilen.

 Alle wollen einen Tempel haben. Diesen Ort braucht das Volk. Das hat es in der tempellosen Zeit gelernt. Aber da sind dann auf einmal auch Menschen, die am Tempel arbeiten und durch Abgaben zu versorgen sind. Als die Leviten vergeblich auf die Abgaben warten, gehen sie auf ihr Land, gehen zur Selbstversorgung über. Das bringt den Tempelbetrieb zum Erliegen. Wieder muss Nehemia die Ratsherren zur Rede stellen. Warum wird das Haus Gottes vernachlässigt? Schweigen. Nehemia erhält keine Antwort. Das – vom Text verschwiegene – Schweigen der Ratsherren ist beredet genug.

 Statt dessen beordert Nehemia die Leviten und Sänger zurück. Und die Landschaft Juda kommt jetzt endlich ihren Pflichten nach, Güter zur Versorgung der Priester und Leviten zu liefern. Ganz Juda meint sowohl den Distrikt als auch die Leute, die dort wohnen. Damit das dauerhaft funktioniert, werden zuverlässige Leute aus den Priestern und Leviten als Verwalter der Tempelsteuer, des Zehnten, eingesetzt. Manchmal ist es am geschicktesten, solche Formen der Selbstverwaltung zu installieren.

 14 Gedenke, mein Gott, um dessentwillen an mich und lösche nicht aus, was ich in Treue am Hause meines Gottes und für den Dienst in ihm getan habe!

 Hinter dieser Bitte steht ein Wissen: Bei Menschen ist es nicht weit her mit der Erinnerung an die guten Taten. Sie versprechen zwar ewiges Gedenken, aber die Verfallszeiten der Erinnerungen sind kurz

Dagegen hofft Nehemia auf das Gedächtnis Gottes. Er vergisst nicht – seine Barmherzigkeit erweist er an „vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“(2.Mose 20,6) Vielleicht steht im Hintergrund auch schon die Vorstellung eines Buches, in dem festgehalten wird, was einer wie Nehemia in Treue am Hause meines Gottes und für den Dienst in ihm getan hat. Es wäre nicht verwunderlich in einem Buch, in dem so viel Wert auf das Festhalten von Namen gelegt wird.

Herr                                                                                                                                         Du vergisst nicht                                                                                                                  was wir Gutes getan haben                                                                                                 Dir entgeht nicht                                                                                                                   wo wir einem Menschen auf die Beine geholfen haben                                                        ihm neuen Mut gewacht haben                                                                                             seine Schmerzen und seine Not gelindert

Du bleibst nicht an Schlagzeilen hängen                                                                               Du hast ein Gedächtnis                                                                                                      das festhält                                                                                                                           bewahrt                                                                                                                                 was aus der Liebe zu den Menschen                                                                                 und der Liebe zu Dir getan ist                                                                                              Dafür danke ich Dir. Amen