Gottes Hand und die Worte des Königs

Nehemia 2, 1 – 20

1 Im Monat Nisan des zwanzigsten Jahres des Königs Artahsasta, als Wein vor ihm stand, nahm ich den Wein und gab ihn dem König, und ich stand traurig vor ihm. 2 Da sprach der König zu mir: Warum siehst du so traurig drein? Du bist doch nicht krank? Das ist’s nicht, sondern sicher bedrückt dich etwas.

 Nehemia hat Dienst. Aber schon seine Körpersprache verrät: Etwas stimmt nicht. Es spricht für die Beziehung des Königs zu Nehemia, dass er das wahr nimmt. Und die Frage des Königs macht es Nehemia möglich zu reden. Man darf nicht einfach von sich aus vor einem Großkönig losreden, auch wenn das Herz schwer ist.

 Ich aber fürchtete mich sehr 3 und sprach zum König: Der König lebe ewig! Sollte ich nicht traurig dreinsehen? Die Stadt, in der meine Väter begraben sind, liegt wüst und ihre Tore sind vom Feuer verzehrt. 4 Da sprach der König zu mir: Was begehrst du denn? Da betete ich zu dem Gott des Himmels 5 und sprach zum König: Gefällt es dem König und hat dein Knecht Gnade gefunden vor dir, so wollest du mich nach Juda reisen lassen, in die Stadt, wo meine Väter begraben sind, damit ich sie wieder aufbaue.

Das freundliche Fragen des Königs schließt Nehemia auf, macht den Weg für ihn frei. Es sind Fragen, die einem Menschen erlauben zu sagen, was mit ihm ist. Parzival muss fragen lernen, um endlich den Weg zum Gral zu finden. Die Fraglosen bleiben nur bei sich selbst.

 

So, durch den fragenden König ermutigt, kommt Nehemia sofort zur Sache: Die Stadt, in der meine Väter begraben sind, liegt wüst und ihre Tore sind vom Feuer verzehrt.Das ist nicht ganz ohne Gefahr. Jerusalem hat nicht den allerbesten Ruf in Babylon. „Wenn diese Stadt wieder aufgebaut wird und die Mauern wieder errichtet werden, so werden sie Steuern, Abgaben und Zoll nicht mehr geben, und zuletzt wird es den Königen Schaden bringen.“ ( Esra 4,13) Andererseits: Der Tempel war ja auch schon unter Erlaubnis eines persischen Königs neu errichtet worden.

 Jetzt geht es nur noch um die Stadtmauern. Und der König, Artahsasta, geht weiter auf Nehemia ein: Was begehrst du denn? Jetzt kann Nehemia seine Bitte loswerden. Er will nach Juda und die Stadt wieder aufbauen. Das ist nicht nur die äußere Stadtbefestigung. Wenn die Mauern wieder aufgerichtet sind, wird Jerusalem sicher sein, nicht mehr an die Willkür preisgegeben . Und die Befestigung der Stadt wird auch die Seelen der Menschen in der Stadt neu befestigen.

 6 Und der König sprach zu mir, während die Königin neben ihm saß: Wie lange wird deine Reise dauern und wann wirst du wiederkommen? Und als es dem König gefiel, mich reisen zu lassen, nannte ich ihm eine bestimmte Zeit 7 und sprach zum König: Gefällt es dem König, so gebe man mir Briefe an die Statthalter jenseits des Euphrat, damit sie mir Geleit geben, bis ich nach Juda komme, 8 und auch Briefe an Asaf, den obersten Aufseher über die Wälder des Königs, damit er mir Holz gebe zu Balken für die Pforten der Burg beim Tempel und für die Stadtmauer und für das Haus, in das ich einziehen soll.

 Immer noch werden die Leser Zeugen einer außergewöhnlichen Unterhaltung. Der Mundschenk bittet und der König gewährt. Reisezeit, Unterstützung durch königliche Briefe an die Satrapen in Transeuphrat, die Gewährungen für Materialanforderungen. Ein Erfolg auf der ganzen Linie.

Und der König gab sie mir, weil die gnädige Hand meines Gottes über mir war.

 Sofort wird diese unglaubliche Audienz, die sich so ergeben hat, gedeutet. Gott hat seine gnädige Hand im Spiel. „Hinter der Zustimmung des Königs steht letztlich die göttliche Legitimation.“ (T. Hiecke, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament, Die Bücher Esra und Nehemia, Stuttgart 2005, S. 161) Gott ist nicht nur der, der Macht hat, zu zerstören, zu bestrafen, seinem Volk zu zeigen, wohin sein Ungehorsam es gebracht hat. Gott ist auch der, der in neuer Zeit, neu – gnädig – handelt, und sich dazu der Könige der Perser bedient.

 Wie weit sind wir heute davon entfernt zu glauben, dass Gott seine Hand über dem Gang der Geschichte hat und dass seine Leute sich darauf verlassen können, in guten und in schweren Tagen, in Ängsten und in Hoffnung. Wir – ich schließe mich ausdrücklich mit ein – haben Gott in unserem theologischen Denken und Reden weithin aus dem öffentlichen Leben ausgesperrt und ihn zu einem Heiland für das Privat-Leben degradiert. Das ist unter anderem eine Folge der Aufklärung und wir bezahlen bitter dafür mit unserer Sprachlosigkeit in öffentlichen Dingen. An dieser Sprachlosigkeit ändern die zahllosen Worte der Kirche, Orientierungshilfen, Denkschriften nichts, denn sie reden fast nie von Gott, vom Glauben, gar vom Gottvertrauen, sondern fast immer nur von dem, was Menschen tun sollen.

9 Und als ich zu den Statthaltern jenseits des Euphrat kam, gab ich ihnen die Briefe des Königs. Der König hatte aber Hauptleute und Reiter mit mir gesandt. 10 Als das hörten Sanballat, der Horoniter, und Tobija, der ammonitische Knecht, verdross es sie sehr, dass einer gekommen war, der für die Israeliten Gutes suchte.

Nehemia ist ein hoher persischer Beamter und so reist er auch. Er verzichtet nicht auf dieses große Geleit, wie es vor ihm Esra getan hatte (Esra 8,22). Nehemia geht seinen Weg. Er sucht die Satrapen in Transeupharat auf. Damit wird sein Unternehmen aber auch bekannt, nicht unbedingt zu jedermanns Freude. Sanballat und Tobija sind, obwohl selbst zumindest mit jüdischen Familien verschwägert (Nehemia 6, 17-19), Widersacher des Nehemia von Anfang an.

 11 Und als ich nach Jerusalem kam und drei Tage da gewesen war, 12 machte ich mich in der Nacht auf und wenige Männer mit mir; denn ich hatte keinem Menschen gesagt, was mir mein Gott eingegeben hatte, für Jerusalem zu tun; und es war kein Tier bei mir außer dem, auf dem ich ritt. 13 Und ich ritt zum Taltor hinaus bei Nacht und am Drachenquell vorbei und an das Misttor und forschte genau, wo die Mauern Jerusalems eingerissen waren und die Tore vom Feuer verzehrt. 14 Und ich ritt hinüber zu dem Quelltor und zu des Königs Teich und es war da kein Raum, dass mein Tier mit mir weiterkommen konnte. 15 Da stieg ich bei Nacht das Bachtal hinauf und achtete genau auf die Mauern und kehrte um und kam durch das Taltor wieder heim. 16 Und die Ratsherren wussten nicht, wohin ich gegangen war und was ich gemacht hatte; denn ich hatte bis dahin den Juden, nämlich den Priestern, den Vornehmen und den Ratsherren und den andern, die am Werk arbeiten sollten, nichts gesagt.

 Kaum in Jerusalem angekommen, begibt sich Nehemia auf einen Inspektionsgang. Er macht sich ein Bild vom Zustand der Mauer.Er sieht die Spuren der früheren Zerstörung. Das alles geschieht ohne vorherige Information an die Ratsherren. Er wartet mit der Erklärung seiner Absichten, bis er sich selbst kundig gemacht hat über die Größe der Aufgabe.

 17 Und ich sprach zu ihnen: Ihr seht das Unglück, in dem wir sind, dass Jerusalem wüst liegt und seine Tore mit Feuer verbrannt sind. Kommt, lasst uns die Mauern Jerusalems wieder aufbauen, damit wir nicht weiter ein Gespött seien! 18 Und ich sagte ihnen, wie gnädig die Hand meines Gottes über mir gewesen war, dazu auch die Worte des Königs, die er mir gesagt hatte. Und sie sprachen: Auf, lasst uns bauen! Und sie nahmen das gute Werk in die Hand.

 Dann aber tritt er vor sie. Mit zwei Sätzen holt er sie ab. Der erste Satz ist einfach eine Zusammenfassung der Lage. Der Zweite ist anders: Kommt, lasst uns die Mauern Jerusalems wieder aufbauen, damit wir nicht weiter ein Gespött seien! Kein lautstarker Appell, ein eher leiser Aufruf, eine Einladung. Ein Wort, das sie dazu bringen will, die eigenen Emotionen zu wandeln. Wir wollen nicht länger ein Gespött sein. Wir sind stark genug, das zu ändern. Er weiß wohl, wie sehr das schmerzt, sich klein zu fühlen, ausgeliefert, preisgegeben. Aber seine Botschaft heißt: Das können wir ändern.

Zwei tragende Gründe nennt Nehemia für sein Vorhaben: Die Hand Gottes und die Worte des Königs. Es ist wieder dieses irdisch-himmlische Zusammenspiel, das schon das Esra-Buch gekennzeichnet hat, das hier von Nehemia ins Feld geführt wird. Er ist theologisch und politisch legitimiert.

 Die Worte Nehemias fallen auf fruchtbaren Boden. Auf, lasst uns bauen! Und sie nahmen das gute Werk in die Hand. „Yes, we can!“ – „Jetzt geht’s los!“ Ein Wunder? Leute, die sich über Jahrzehnte hin geduckt haben, lernen den aufrechten Gang, weil einer sagt: Kommt, lass uns handeln, da, wo unser Schmerz am größten ist, wo unser Ehre sichtbar am Boden liegt. Lasst uns unsere Sicherheit in unsere eigenen Hände nehmen. Wir sind nicht länger ausgeliefert.

 19 Als das aber Sanballat, der Horoniter, und Tobija, der ammonitische Knecht, und Geschem, der Araber, hörten, verspotteten und verhöhnten sie uns und sprachen: Was ist das, was ihr da macht? Wollt ihr von dem König abfallen? 20 Da antwortete ich ihnen: Der Gott des Himmels wird es uns gelingen lassen; denn wir, seine Knechte, haben uns aufgemacht und bauen wieder auf. Für euch gibt es keinen Anteil, kein Anrecht noch Gedenken in Jerusalem.

 Erneut werden die Widersacher genannt, Sanballat und Tobija, verstärkt durch einen Dritten, Geschem, den Araber. Und wieder kommen die alten Vorwürfe, die sofort politischen Sprengstoff bergen. Ihr plant den Abfall vom König. Es ist das alte Muster, das schon Esra Knüppel zwischen die Beine geworfen hatte, ihn aber nur eine Zeitlang aufhalten konnte und nicht wirklich hindern.

 Nehemia hält dagegen. Die höhere Instanz, nein, die höchste Instanz steht dafür, dass sein Werk gelingen wird. Der Gott des Himmels, in der Sprache der Umwelt Israels: der höchste Gott. In der Sprache der Griechen: der höchste Zeus. Weil er hinter dem Vorhaben steht, können sie es angehen. Nicht im Vertrauen auf die eigene Kraft, wohl aber voller Gottvertrauen.

 Es ist eine Frage der Reihenfolge im Denken, ob aus dem Werk das selbstherrliche Werk von Menschen wird oder ein Bau, der aus dem Willen Gottes ist und die ausführenden Menschen sind „nur“ seine Mitarbeiter.Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“ (Epheser 2,10) Mir will es scheinen, als sagte Nehemia: wir sind doch nur Gottes ausführender Bautrupp.

 Und dann ist es wie im Esra-Buch. Eine schroffe Zurückweisung an die Adrese der Spötter. Für euch gibt es keinen Anteil, kein Anrecht noch Gedenken in Jerusalem. Es ist das Selbstverständnis der Rückkehrer aus dem Exil, dass die Aufträge Gottes in den Aufträgen der persischen Könige sie rufen und nicht diese Samaritaner. „Wir sind das wahre Israel.“ Und unser ist die Mühe um dem Tempel Gottes und die Mauern der heiligen Stadt.

Heiliger Gott                                                                                                                          Du erweckst einen Mann wie Nehemia                                                                                    zu tun                                                                                                                                  was seinem Volk not-wendig ist                                                                                          Und Du machst einen mächtigen König bereit                                                                         seine Bitten zu hören

Wehre Du der Resignation                                                                                                   die uns so leicht sagen lässt                                                                                               Die da oben kümmert doch nicht                                                                                           was wir wollen                                                                                                                       was uns bedrängt

Mache uns mutig                                                                                                           unsere Bitten nicht nur vor Dich                                                                                          sondern auch vor die zu bringen                                                                                          die in der Welt Entscheidungsmacht haben                                                                        Vielleicht entscheiden sie ja anders                                                                                   wenn sie uns bitten hören. Amen