Der Himmel hat Vorsprung

Hebräer 9, 16 – 28

16 Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen geschehen sein, der das Testament gemacht hat. 17 Denn ein Testament tritt erst in Kraft mit dem Tode; es ist noch nicht in Kraft, solange der noch lebt, der es gemacht hat. 18 Daher wurde auch der erste Bund nicht ohne Blut gestiftet.

Das Bild mag wechseln. Aber der Schreiber bleibt an seinem Thema. Er hat ja kein anderes Thema als die unverbrüchliche Gültigkeit der Erlösung, die Jesus gebracht hat. Nichts kann sie mehr aufheben. Nichts reicht an sie heran. Alle anderen Heilsversprechen sind ihr gegenüber unzureichend. Alle früheren Wege sind durch sie überholt.

 Das neue Bild heißt: Testament. Ein Testament tritt erst durch den Tod der Erblasseres in Kraft. Wo kein Tod ist, gibt es kein Erbe. Das ist im Denken der biblischen Autoren nicht vorgesehen, dass das Erbe vor dem Tod ausgeteilt wird. Darum ist es ja so eine unbegreifliche Unverschämtheit, von der Jesus erzählt: „Ein Mensch hatte zwei Söhne Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.“ (Lukas 15,11-12) Erst der Tod macht das Testament gültig – das meint auch die Aussage: Daher wurde auch der erste Bund nicht ohne Blut gestiftet.

 19 Denn als Mose alle Gebote gemäß dem Gesetz allem Volk gesagt hatte, nahm er das Blut von Kälbern und Böcken mit Wasser und Scharlachwolle und Ysop und besprengte das Buch und alles Volk 20 und sprach (2.Mose 24,8): »Das ist das Blut des Bundes, den Gott euch geboten hat.« 21 Und die Stiftshütte und alle Geräte für den Gottesdienst besprengte er desgleichen mit Blut. 22 Und es wird fast alles mit Blut gereinigt nach dem Gesetz, und ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung.

 Das Blut, mit dem die Kultgegenstände, das Volk und die Stiftshütte besprengt werden, steht für den Tod. Der Tod gilt alles ab. Das Blut macht alles rein. Wobei ich hängen bleibe an dem Ausdruck besprengte das Buch. Was ist damit gemeint? Βιβλίον steht da im Griechischen und wir hören vermutlich unwillkürlich „Bibel“. Aber die kann ja bei Mose nicht gemeint sein. Was aber dann? „Mose nahm die Hälfte des Blutes und goss es in die Becken, die andere Hälfte aber sprengte er an den Altar. Und er nahm das Buch des Bundes und las es vor den Ohren des Volks.“ (2. Mose 24,6-7) Βιβλίον τη̃ς διαθήκηςübersetzt die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Alten Testamentes. Es ist im Text 2. Mose nicht von der Besprengung des Buches die Rede – das ist wohl der freien Erinnerung des Autors geschuldet. Aber es hat Sinn: Das Gesetz ist durch das Blut in Kraft gesetzt, geheiligt, gereinigt wohl auch. „Der Himmel hat Vorsprung“ weiterlesen

Der Mittler

Hebräer 9, 1 – 15

1 Es hatte zwar auch der erste Bund seine Satzungen für den Gottesdienst und sein irdisches Heiligtum. 2 Denn es war da aufgerichtet die Stiftshütte: der vordere Teil, worin der Leuchter war und der Tisch und die Schaubrote, und er heißt das Heilige; 3 hinter dem zweiten Vorhang aber war der Teil der Stiftshütte, der das Allerheiligste heißt. 4 Darin waren das goldene Räuchergefäß und die Bundeslade, ganz mit Gold überzogen; in ihr waren der goldene Krug mit dem Himmelsbrot und der Stab Aarons, der gegrünt hatte, und die Tafeln des Bundes. 5 Oben darüber aber waren die Cherubim der Herrlichkeit, die überschatteten den Gnadenthron. Von diesen Dingen ist jetzt nicht im Einzelnen zu reden.

Der erste Bund hat seine Satzungen. Und: Er hat seine Schönheit. Schon die karge Beschreibung lässt etwas ahnen, wie das Heilige seine äußere Gestalt gewinnt. „Mit einer gewissen Liebe zur Sache und zum Detail werden die Einrichtungen aufgezählt.“( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S.168) Der Tempel ist nicht wie alles andere, es ist durch seine Schönheit und die Kostbarkeit der Materialien ein Hinweis auf die innere, unsichtbare Kostbarkeit. Es ist ja bis heute so: Eine schöne Kirche trägt in sich das Versprechen, dass der Himmel schön sein wird.

6 Da dies alles so eingerichtet war, gingen die Priester allezeit in den vorderen Teil der Stiftshütte und richteten den Gottesdienst aus. 7 In den andern Teil aber ging nur „einmal“ im Jahr allein der Hohepriester, und das nicht ohne Blut, das er opferte für die unwissentlich begangenen Sünden, die eigenen und die des Volkes.

 Die Unterscheidung der Räume im Tempel wird als ein Hinweis genommen für die Vorläufigkeit der irdischen Ordnungen. Das hat man ja in Israel immer schon gewusst, dass das Irdische nicht wirklich fähig ist, das Himmlische zu fassen und der Tempel nicht ausreicht als Wohnort Gottes. Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, damit du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir: Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. Du wollest hören das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte betet, und wollest erhören das Flehen deines Knechts und deines Volkes Israel, wenn sie hier bitten werden an dieser Stätte; und wenn du es hörst in deiner Wohnung, im Himmel, wollest du gnädig sein.“(1. Könige 8,27-30)

 Und auch das wusste man wohl: So wenig wie der Tempel Gott fassen kann, so wenig vermögen die Opfer, die im Tempel gebracht werden, ihm wirklich gerecht zu werden.

 8 Damit macht der Heilige Geist deutlich, dass der Weg ins Heilige noch nicht offenbart sei, solange der vordere Teil der Stiftshütte noch bestehe; 9 der ist ein Gleichnis für die gegenwärtige Zeit: Es werden da Gaben und Opfer dargebracht, die nicht im Gewissen vollkommen machen können den, der den Gottesdienst ausrichtet. 10 Dies sind nur äußerliche Satzungen über Speise und Trank und verschiedene Waschungen, die bis zu der Zeit einer besseren Ordnung auferlegt sind.

 Es sind vorläufige Ordnungen, schwache Bilder, die vor allem Eines deutlich machen: Wir Menschen sind angewiesen darauf, dass Gott sich unser Tun gefallen lässt. Und, fast modern: Das alles, was da an Riten stattfindet, reicht nicht wirklich hin, um die Gewissen zu beruhigen, um die Fragen des Gewissens zur Ruhe kommen zu lassen.

 Es ist Wirkung des Geistes, dass wir verstehen lernen. Der Geist ist in seiner Wirkung nicht darauf beschränkt, Rückenwind zu geben, vorwärts zu treiben, Wege zu zeigen, die wir vorher nicht gesehen haben. Der Geist lehrt. Der Geist eröffnet Einsichten, die wir nicht von selbst haben. Der Geist lehrt das Wort zu ergreifen und ab und an auch zu begreifen. Der Hebräer-Brief redet sparsam vom Heiligen Geist. Er hat es nicht so sehr mit Enthusiasmus, mehr mit Zähigkeit und Nachdenklichkeit und Festhalten am Bekenntnis. Er wirkt darin ein wenig „konservativ“. „Der Mittler“ weiterlesen

Von Bund zu Bund

Hebräer 8, 1 – 13

1 Das ist nun die Hauptsache bei dem, wovon wir reden: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der da sitzt zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel 2 und ist ein Diener am Heiligtum und an der wahren Stiftshütte, die Gott aufgerichtet hat und nicht ein Mensch.

 Im Himmel sind die Dinge schon klar: Jesus ist in die Herrlichkeit Gottes erhöht. Er sitzt zur Rechten Gottes. „Er erhält so die unmittelbarste Gottesgemeinschaft, die für einen Juden vorstellbar war.“(E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/1I; Neukirchen 1993; S.80) Er ist Hoherpriester am Heiligtum im Himmel. Dahinter steht wohl der Gedanke, der für die Zeit der Antike, ob Ägypten oder Griechenland oder auch Israel als altorientalische Weltanschauung überall gleich gilt: Die Wirklichkeit der irdischen Dinge ist nur ein Abbild der Wirklichkeit des Himmels. Es gibt unzählige bildliche Darstellungen, in denen der Himmel sich in den irdischen Verhältnissen spiegelt. Die wahre Wirklichkeit ist der Himmel . Die Erde ist nur Abbild. So denkt ja auch das Höhlengleichnis Platos.

 3 Denn jeder Hohepriester wird eingesetzt, um Gaben und Opfer darzubringen. Darum muss auch dieser etwas haben, was er opfern kann. 4 Wenn er nun auf Erden wäre, so wäre er nicht Priester, weil da schon solche sind, die nach dem Gesetz die Gaben opfern. 5 Sie dienen aber nur dem Abbild und Schatten des Himmlischen, wie die göttliche Weisung an Mose erging, als er die Stiftshütte errichten sollte (2.Mose 25,40):

 Was alle Priester verbindet, ist ihre Funktion:Gaben und Opfer darzubringen. Jeder muss etwas haben, das er opfern kann – das gilt für die Erde wie für den Himmel. Aber so wie der Himmel höher ist als die Erde, sind auch die himmlischen Opfer weiterreichend als die irdischen. Sie haben ja Anteil an der himmlischen, der göttlichen Wirklichkeit.

 »Sieh zu«, sprach er, »dass du alles machst nach dem Bilde, das dir auf dem Berge gezeigt worden ist.« 6 Nun aber hat er ein höheres Amt empfangen, wie er ja auch der Mittler eines besseren Bundes ist, der auf bessere Verheißungen gegründet ist.

 Das ist noch einmal Rückerinnerung: Die Stiftshütte ist Abbild des himmlischen Vorbildes, sie ist nicht das Original. Dahinter steht ein Gedanke, der bis heute unmittelbar einleuchtend erscheint: Das Original ist von anderer Wertigkeit als jede noch so gute Kopie. Jeder Kunsthändler und Kunstsammler stimmt hier sofort zu. So ist eben dann auch hier: Die himmlische Stiftshütte ist das Original. Der Bund, der in ihr besiegelt ist, ist der bessere Bund mit den besseren Verheißungen. „Von Bund zu Bund“ weiterlesen

Fremde Wegweisung

Hebräer 7, 11 – 28

 11 Wäre nun die Vollendung durch das levitische Priestertum gekommen – denn unter diesem hat das Volk das Gesetz empfangen -, wozu war es dann noch nötig, einen andern als Priester nach der Ordnung Melchisedeks einzusetzen, anstatt einen nach der Ordnung Aarons zu benennen? 12 Denn wenn das Priestertum verändert wird, dann muss auch das Gesetz verändert werden.

 Darum also geht es: Vollendung. Τελείωσις.Was mit Vollendung übersetzt wird, meint in unserem Sprachgebrauch das Ziel, den gelungenen Abschluss. Wenn die Absichten Gottes mit dem levitische Priestertum völlig erreicht worden wären – so lese ich diesen Satz, dann wäre nichts anderes mehr nötig gewesen, kein anderer Priester nach der Ordnung Melchisedeks. Dass Gott neu handelt in Jesus ist Hinweis, dass die alte Ordnung nicht hinreichend war. Und darum kommt es jetzt zu einem Neuanfang, der sich auch auf das Gesetz auswirkt.

 13 Denn der, von dem das gesagt wird, der ist von einem andern Stamm, von dem nie einer am Altar gedient hat. 14 Denn es ist ja offenbar, dass unser Herr aus Juda hervorgegangen ist, zu welchem Stamm Mose nichts gesagt hat vom Priestertum. 15 Und noch klarer ist es, wenn, in gleicher Weise wie Melchisedek, ein anderer als Priester eingesetzt wird, 16 der es nicht geworden ist nach dem Gesetz äußerlicher Gebote, sondern nach der Kraft unzerstörbaren Lebens.

 Alles wird anders: Jesus kommt nicht aus der priesterlichen Linie. Das Gesetz aber ist mit dem alten Priesertum verknüpft. Aber es ist am Ende, nicht, weil es nicht gut wäre – „So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.“(Römer 7,12), sondern weil der Neueinsatz Gottes mit einer anderen Art Priestertum einhergeht. Wieder wird dafür an Melchisedek angeknüpft. So wie er weder einer priesterlichen Regel noch dem Tod unterworfen ist (7,3), so ist auch der andere Priester nicht dem Gesetz und nicht dem Tod unterworfen.Er ist und handelt in der Kraft unzerstörbaren Lebens. Δύναμις ζωη̃ς ακαταλύτου. Diese Lebenskraft hat kein Verfallsdatum.Sie kommt, so muss man sich das wohl denken, aus der Ewigkeit Gottes und an sie angeschlossen sein eröffnet die Ewigkeit Gottes.

 Das ist eine Wendung, die es in der Bibel nur hier gibt.Es ist aber durchaus ein verwandter Gedanke, wenn es im Johannes-Prolog heißt: „In ihm war das Leben.“(Johannes 1,3). Mit Jesus ist die Wirklichkeit Gottes im Spiel, man könnte auch sagen: das Leben selbst.

 Auch darin berührt sich der Hebräer-Brief mit dem Johannes-Evangelium: „Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“ (Johannes 1, 17) Es geht um die Überbietung der alten Lebensordnung. Das ist wohl den vermuteten Adressaten, Hebräern, geschuldet, dass dem so breiter Raum eingeräumt wird, die neue Wirklichkeit des Christusglaubens als die Überbietung der alten Ordnung darzustellen. „Fremde Wegweisung“ weiterlesen

Melchisedek

Hebräer 7, 1 – 10

 1 Dieser Melchisedek aber war König von Salem, Priester Gottes des Höchsten; er ging Abraham entgegen, als der vom Sieg über die Könige zurückkam, und segnete ihn; 2 ihm gab Abraham auch den Zehnten von allem. Erstens heißt er übersetzt: König der Gerechtigkeit; dann aber auch: König von Salem, das ist: König des Friedens. 3 Er ist ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum und hat weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens. So gleicht er dem Sohn Gottes und bleibt Priester in Ewigkeit.

 Jesus, ein Hoherpriester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks. So hat der Schreiber formuliert. Und jetzt erläutert er diese Formel, indem er über Melchisedek meditiert. Er nimmt eine Szene aus 1. Mose 14, 18-20 auf. Melchisedek segnet den aus dem Kampf siegreich heimgekehrten Abraham. Das und dass Abraham ihm den Zehnten gibt ist Hinweis genug: Melchisedek ist „größer“ als Abraham. Sein Name ist doppelt bedeutsam: König der Gerechtigkeit und König des Friedens. So ist er, von dem nicht gesagt wird, wo er herkommt – ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum – wie eine Vorabbildung des Sohnes Gottes.

 Ein wenig stolpert man schon beim Lesen: Von Jesus ist bekannt, woher er kommt: Aus Nazareth, Zimmermanns-Sohn mit einer langen Ahnenreihe. Zumindest wird eine solche von den Evangelisten Lukas (Lukas 3,23-38) und Matthäus (Matthäus 1, 1-16)überliefert, wenn auch in je eigentümlicher Ausprägung. Das aber interessiert unseren Schreiber nicht. Er sieht den Sohn von Ewigkeit her – präexistent – und in alle Ewigkeit bei dem Vater.

Es ist diese geheimnisvolle Überzeitlichkeit, die er bei Melchisedek wahrnimmt und auf Jesus hin deutet, auf die es ihm ankommt Dabei empfinden wir heutigen Leser es irritierend, wie aus dem Schweigen des biblische Ursprungstextes über eine Person wie Melchisedek eine Fülle an Aussagen abgeleitet werden kann. Denn was im Ersten Msebuch steht, ist ja höchst spärlich: „Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein heraus. Und er war ein Priester Gottes des Höchsten.“ (1. Mose 14,18) Und auch die Erwähnung in Psalm 110 gibt nicht wirklich viel her: „Der HERR hat geschworen und es wird ihn nicht gereuen: »Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks.« (Psalm 110,4)

 Diese karge Ausbeute schlägt sich auch im Neuen Testament nieder. „Mag sich hinter diesem Namen alte kanaanäische Tradition verbergen, so ist die Bibel, zumal das NT, daran gerade nicht interessiert…. Melchisedek hat selber keine Heilsbedeutung. Er bildet nur Christus im voraus ab.“ (Osterloh/Engelland, Biblisch-Theologisches Handwörterbuch, Göttingen 1954, S. 389) Aus diesem spärlichen Befund macht der Hebräerbrief viel. „Melchisedek“ weiterlesen

Der Zugang zu Gott

Hebräer 6, 9 – 20

9 Obwohl wir aber so reden, ihr Lieben, sind wir doch überzeugt, dass es besser mit euch steht und ihr gerettet werdet. 10 Denn Gott ist nicht ungerecht, dass er vergäße euer Werk und die Liebe, die ihr seinem Namen erwiesen habt, indem ihr den Heiligen dientet und noch dient.

Ist der Schreiber über seine so überaus harten Worte zum Thema „zweite Buße“ zuvor erschrocken? Jetzt jedenfalls baut er seinen Lesern eine Brücke: Es steht ja nicht so um Euch, dass Ihr verloren wärt. Ihr müsst das alles nicht direkt auf Euch beziehen. Was wirklich gilt: Ihr werdet gerettet. Der Heilswille Gottes ist intakt und in Geltung. Und Gott vergisst nicht, was ihr aus Liebe getan habt. Wie einig ist sich der Hebräer-Brief hier mit Johannes: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.“(1. Johannes 4, 7-8) In der Liebe zu den Schwestern und Brüdern zeigt sich die Liebe zu Gott.

11 Wir wünschen aber, dass jeder von euch denselben Eifer beweise, die Hoffnung festzuhalten bis ans Ende, 12 damit ihr nicht träge werdet, sondern Nachfolger derer, die durch Glauben und Geduld die Verheißungen ererben.

Durchhalten, Festhalten, beständig werden – das ist das Thema, um das es auch hier wieder geht. Es ist der Cantus firmus des ganzen Schreibens. Dabei findet der Schreiber kühne Worte: Werdet Nachfolger derer, die durch Glauben und Geduld die Verheißungen ererben. Die jetzt im Glauben unterwegs sind, sind nicht die Ersten auf diesem Weg. Vor ihnen gab es schon Andere. Und die haben durchgehalten. Später werden sie noch ausführlich aufgezählt und vorgeführt werden (11,1-40). Sie alle haben ihren „Lohn“ empfangen, erfahren, dass essich lohnt, Glauben und Geduld zu bewahren. Sie sind Erben der Verheißungen geworden.

Bei diesem Erbe geht es nicht um irgendetwas Kümmerliches. Πληροφορία τη̃ς ελπίδος, Hoffnung in Fülle, Reichtum der Hoffnung. Darauf werden die Christen ausgerichtet. Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Johannes 10, 11) Und er verheißt seinen Jüngern „vollkommene Freude“ (Johannes 15,11). Die Bibel kann sich kaum genug tun mit dem Ausmalen dieser Hoffnung: Die himmlische Stadt, in der alles zwölfmal Frucht trägt, das Festmahl ohne Ende, der Platz am Tisch Gottes, der ewige Lobgesang, die Teilhabe an der Freude Gottes.

Es wartet eine große Zukunft, nicht irgendein kümmerliches „trotzdem“. Der Glauben nimmt den Mund voll. Er hat Grund dazu durch die Verheißungen Gottes. „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen“ heißt es bei Bonhoeffer ganz im Sinn des Hebräerbriefes. Große Worte gegen Trägheit, gegen Resignation. Große Worte, die Resilienz stärken, die Widerstandskräfte mobilisieren, danach sucht der Schreiber. Und nach Bildern, Geschichten, die diesen Worten Farbe leihen. „Der Zugang zu Gott“ weiterlesen

Anfangs-Lektionen

Hebräer 5, 11 – 6, 8

 11 Darüber hätten wir noch viel zu sagen; aber es ist schwer, weil ihr so harthörig geworden seid. 12 Und ihr, die ihr längst Lehrer sein solltet, habt es wieder nötig, dass man euch die Anfangsgründe der göttlichen Worte lehre und dass man euch Milch gebe und nicht feste Speise. 13 Denn wem man noch Milch geben muss, der ist unerfahren in dem Wort der Gerechtigkeit, denn er ist ein kleines Kind. 14 Feste Speise aber ist für die Vollkommenen, die durch den Gebrauch geübte Sinne haben und Gutes und Böses unterscheiden können.

 Es klingt hart, schroff, fast ein wenig tadelnd. Harthörig: Das war nicht immer so – und man möchte fragen: Was hat dazu geführt, dass aus den Hörern des Anfangs harthörige Leute geworden sind? Welche Erfahrungen stecken dahinter? Dazu sagt der Brief nichts. Er stellt nur klar: Ihr steckt fest in den Anfängen. Ihr seid nicht weitergekommen. Ihr müsstet doch schon viel weiter sein. Das ist nicht die Pädagogik, die ich bevorzuge. Ich möchte durch Ermutigen Menschen auf den Weg bringen und nicht durch Kritik, die sich wie Tadel anhört.

 Aber vielleicht ist es ja nur realistisch, Leute so an ihre Situation zu erinnern, sie zu ent-täuschen, damit sie sich nichts über sich selbst vormachen. Anfangsgründe der göttlichen Worte, Milch, nicht feste Speise. Von mir weiß ich: Ich komme mir bis heute wie ein Anfänger vor, wenn es um das Verstehen biblischer Texte geht. Ich hänge an den Worten und ringe um das Verstehen der Worte. Das ist oft ein mühsamer Weg.

 Aber ich habe es auch für mich geklärt: Ich will nicht so tun, als gäbe es eine Wahrheit hinter den äußeren Worten, als wären die Worte nur eine Vorstufe, über die hinauszukommen der eigentliche Höhenweg des Glaubens wäre. Die Worte der Schrift sind nicht nur äußere Einkleidungen einer tieferen, verborgenen esoterischen Wahrheit. „Nicht mystische Erkenntnis – so in der Gnosis – sondern der Gebrauch erworbener Fähigkeiten, das Rechte zu sehen und zu tun, ist der Beweis der vollen Reife des Christen.“ ( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 133) Das ist handfest. Nach einem schönen Wort Luthers sind die Worte der Schrift die „Windeln, in denen wir Christus empfangen.“

 Bei mir läuten alle Alarmglocken, wenn ich für die Vollkommenen höre,wenn ich auf diesen Gedanken stoße, dass es die Fortgeschrittenen gibt, und dann eben die Vollkommenen. Sind das die, die Christus nicht mehr nötig haben? Sind das die, die „Geheimnisse Gottes“ (1.Korinther 4,1) entschlüsselt haben, „Himmelsreisen“ absolviert, „entrückt waren bis ins Paradies“ (2. Korinther 12,3-4)?

 Und erst recht bin ich alarmiert, wenn es so klingt, als käme man dahin, indem man fleißig übt. Die Fähigkeit, Gutes und Böses zu unterscheiden ist ein zweischneidiges Schwert. Hier, im Hebräer-Brief, hört es sich wie der Gipfel der Erkenntnis an. Aber in der Urgeschichte ist es die Versuchung schlechthin: „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“(1. Mose 3,3) „Anfangs-Lektionen“ weiterlesen

Er lernte Gehorsam

Hebräer 4, 14 – 5, 10

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. 15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. 16 Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

So lasst uns festhalten am Bekenntnis. Darum geht es. Das will der Schreiber. Er will, dass die Christen festhalten. Nicht locker lassen. Die Christen können das, weil Christus den Weg frei gemacht hat. Es gibt keine Barriere mehr, die uns von ihm fernhalten könnte. Es gibt keine Himmelsmächte, die diesen Weg versperren könnten. Christus hat die Himmel durchschritten. Das ist beides – Rückgriff auf die Himmelfahrt und Hinweis: Der das getan hat, ist der, der über die Erde gegangen ist als Mensch, einer wie wir.

Er kennt sich als Mensch aus mit dem, was Mensch-Sein ist. Versucht in allem wie wir. Die Versuchung der Macht, die Versuchung der eigenen Größe, des Eigenwillens, Versuchung, sich selbst in Szene zu setzen – alles ist an ihn herangetragen worden. Noch am Kreuz hat er es gehört: „Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben.“ (Matthäus 27, 42) Gott den Gehorsam aufkündigen, das eigene Leben statt den Willen Gottes wählen, das war die „Letzte Versuchung“ (Scorsese). Er aber hat sie alle abgewiesen.

 Weil es ernsthafte, echte Versuchungen waren, deshalb kann er uns verstehen und deshalb kann er uns in unseren Versuchungen auf beistehen. Das macht ihn zum großen Hohenpriester. Er steht vor dem Thron des Vaters und bringt das Wesen der Menschen vor den Vater. Nicht nur unsere Siege, auch unsere Niederlagen. Nicht nur unsere Glaubensschritte, auch unsere Zweifel und unser Scheitern. Und hüllt es ein in seine Barmherzigkeit und Gnade. „Er lernte Gehorsam“ weiterlesen

Unterwegs zur Ruhe Gottes

Hebräer 4, 1 – 13

1 So lasst uns nun mit Furcht darauf achten, dass keiner von euch etwa zurückbleibe, solange die Verheißung noch besteht, dass wir zu seiner Ruhe kommen. 2 Denn es ist auch uns verkündigt wie jenen. Aber das Wort der Predigt half jenen nichts, weil sie nicht glaubten, als sie es hörten. 3 Denn wir, die wir glauben, gehen ein in die Ruhe, wie er gesprochen hat (Psalm 95,11): »Ich schwor in meinem Zorn: Sie sollen nicht zu meiner Ruhe kommen.« Nun waren ja die Werke von Anbeginn der Welt fertig; 4 denn so hat er an einer andern Stelle gesprochen vom siebenten Tag (1.Mose 2,2): »Und Gott ruhte am siebenten Tag von allen seinen Werken.« 5 Doch an dieser Stelle wiederum: »Sie sollen nicht zu meiner Ruhe kommen.«

 Was hier gesagt wird, ist nur verständlich, wenn der Glaube ein Weg ist, der ein Ziel sucht. Das Ziel ist die Ruhe Gottes. An ihr Anteil zu gewinnen, ist die Hoffnung der Christen. Und darauf achten sollen sie und werden sie, dass keiner von euch etwa zurückbleibe. Einem christlichen Heils-Egoismus ist so jede Rechtfertigung entzogen. Wir kommen nicht allein zur Ruhe, sondern nur mit den Anderen, so wie eine Welle nicht allein ans Ufer läuft, sondern nur im Lauf der anderen Wellen.

 Anliegen des Schreibens ist offensichtlich, einem „Erlahmen der eschatologischen Spannkraft des Glaubens“ ( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 115) zu wehren. Der Hebräer-Brief käme nie auf die Idee zu sagen: Der Glauben macht das Leben hier einfacher, voller, tiefer – was später kommt, ist deshalb nicht mehr wichtig. Das wird auch damit zusammen hängen, dass die Lebens-Situation seiner Leser und Leserinnen durch ihren Glauben vielfach verkompliziert wird – sie sind oft genug misstrauisch betrachtete und wohl auch ausgegrenzte Minderheit, die auch Repressalien erleidet.

Zugleich: Was ist das für ein sympathisches Bild von Gott! Er ist nicht ständig an der Arbeit. Er ist kein Workaholic. Er ist mit seiner Arbeit schon zur Ruhe gekommen. „Ich habe fertig“ könnte er sagen und weiß doch zugleich: die Vollendung steht noch aus. Es ist kaum auszuloten, was damit gesagt ist: Gott sieht die Welt schon so, wie sei einmal sein wird, vollkommen und vollendet. Die Werke Gottes sind schon getan, aber noch nicht erfüllt in der Wirklichkeit der Welt. So sieht der Hebräer-Brief die Welt.

Wir dagegen sehen in der Welt eher resignierend „die Beste aller Welten“(Leibniz). Wir sehen immer noch Verbesserungsbedarf. Oft genug ist das eine zweischneidige Sache, denn wir verbessern offensichtlich mancherlei so, dass wir uns damit neue Probleme einhandeln. Das ist die viel beschworene Ambivalenz des Fortschritts. Aus ihr gibt es, so scheint es kein Entkommen. Die Worte des Hebräer-Briefes wehren aller Katastrophenangsat unfd Welt-Untergangs-Phantasie. Es steht nur in unseren Augen die Vollendung noch aus, die in Gottes Ruhe schon ist. Von Gott her aber gilt: Nun waren ja die Werke von Anbeginn der Welt fertig.  „Unterwegs zur Ruhe Gottes“ weiterlesen

Heute hören

Hebräer 3, 7 – 19

7 Darum, wie der Heilige Geist spricht (Psalm 95,7-11): »Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, 8 so verstockt eure Herzen nicht, wie es geschah bei der Verbitterung am Tage der Versuchung in der Wüste, 9 wo mich eure Väter versuchten und prüften und hatten doch meine Werke gesehen vierzig Jahre lang. 10 Darum wurde ich zornig über dieses Geschlecht und sprach: Immer irren sie im Herzen! Aber sie verstanden meine Wege nicht, 11 sodass ich schwor in meinem Zorn: Sie sollen nicht zu meiner Ruhe kommen.«

Heute! Der Tag des Hörens, der Tag der Umkehr, der Tag der Gottesgegenwart ist nicht morgen und er war nicht gestern. Er ist immer Heute. Alles, was war, wird nur darum erzählt, damit Leserinnen und Leser, Hörerinnen und Hörer das Heute nicht versäumen. Nicht das Herz verfetten und unbeweglich werden lassen. Nicht träge sein zu hören. Die Väter in der Wüste kommen nicht zur Sprache, um sie noch nachträglich nieder zu machen oder um Israel zu entwerten. Sie sind Warnung an die christlichen Leser, jetzt, im Heute. „Die Warnung vor dem Zuspät ist unüberhörbar.“(E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XII/I Neukirchen 1990; S.187)

 Auch das wird hier gesagt: Es lässt Gott nicht unbeührt, ob wir hören oder nicht. Das Bild von Gott, das hier gemalt wird, zeigt einen verletztlichen Gott: Es verletzt ihn, wenn wir seine Stimme nicht hören. Es ist ihm nicht gleichgültig, weil wir ihm nicht gleichgültig sind. Es mach Gott zornig, wenn er nicht gehört wird, keinen Gehorsam findet. So „emotional“ ist Gott an seinem Volk und seiner Welt beteiligt. Die Christen glauben nicht an einen Gott, dem es nichts ausmacht, wenn sie nicht an ihn glauben, ihm nicht vertrauen, sich nicht bei ihm bergen. Gott, an den wir glauben, hat Sehnsucht nach uns. „Heute hören“ weiterlesen