Unter königlichem Schutz

Esra 6, 1 – 22

1 Da befahl der König Darius, dass man in Babel in den Schatzhäusern, in denen die Bücher aufbewahrt wurden, nachforschen sollte. 2 Da fand man in der Festung Achmeta, die in Medien liegt, eine Schriftrolle, auf der geschrieben stand:

 Aufzeichnung. 3 Im ersten Jahr des Königs Kyrus befahl der König Kyrus, das Haus Gottes in Jerusalem wieder aufzubauen als eine Stätte, an der man opfert, und seinen Grund zu legen: seine Höhe sechzig Ellen und seine Breite auch sechzig Ellen 4 und drei Schichten von behauenen Steinen und eine Schicht von Holz, und die Mittel sollen vom Hause des Königs gegeben werden. 5 Auch soll man zurückgeben die goldenen und silbernen Geräte des Hauses Gottes, die Nebukadnezar aus dem Tempel zu Jerusalem weggenommen und nach Babel gebracht hat; man soll sie zurückbringen in den Tempel zu Jerusalem an ihre Stätte im Hause Gottes.

 Die Suche in den Archiven in Babel hat Erfolg. In einer Festung wird das Kyrus-Edikt tatsächlich aufgespürt! „Es ist das einzige Mal im Alten Testament, das wir einen solchen amtlichen Text mitgeteilt bekommen.“(Die Geschichte Israels; Von Abraham bis Bar Kochba; S.Hermann/W.Klaiber, Stuttgart 1996; S.110) Es ist ein eindrucksvolles Zeugnis einer „liberalen“ Religionspolitik. Der König gesteht den Rückkehrern den Wiederaufbau des Haus Gottes in Jerusalem zu und will ihn aus Mitteln des Königshauses auch noch unterstützen.

 Es ist zum Staunen: „Kyrus müsste als eine seiner ersten Amtshandlungen nach seiner Übernahme Babylons ausgerechnet den Wiederaufbau eines vergleichsweise kleinen Tempels im Westen seines neuen Reiches, das noch keineswegs vollständig an die persische Verwaltung angeschlossen sein konnte, angeordnet haben. Das erste Jahr des Kyrus ist viel mehr eine theologische Aussage: Zwischen Gericht und Gnade, zwischen Exil und Befreiung gibt es keine Zwischenstufe.“ (T. Hiecke, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament, Die Bücher Esra und Nehemia,Stuttgart 2005, S.107) Aber auch bei dieser eher skeptischen Sicht auf die Echtheit des Ediktes bleibt bestehen: Der Schreiber sieht in dem Baugeschehen ein Zeichen der Güte und Treue des Gottes, der Israel den Untergang nicht erspart hat. ER handelt neu an seinem Volk und nimmt dafür souverän die Mächtigen der Zeit in Anspruch.

 6 So haltet euch nun fern von dieser Sache, du, Tattenai, Statthalter jenseits des Euphrat, und Schetar-Bosnai mit euren Genossen, ihr Beamten, die ihr jenseits des Euphrat seid! 7 Lasst sie arbeiten am Hause Gottes, damit der Statthalter der Juden und ihre Ältesten das Haus Gottes an seiner früheren Stätte wieder aufbauen.

 Das sind deutliche Worte: Tattenai, der Statthalter soll den Juden freie Hand lassen. Sie dürfen so arbeiten, wie es ihnen entspricht und die persischen Beamten sollen ihnen keine Schwierigkeiten bereiten. Dahinter mag ein königliches Wissen um die Rivalität der unterschiedlichen Statthalter stehen. Auch in Jerusalem gibt es ja einen Statthalter Persiens, Serubabbel, der einen babylonischen Namen trägt, aber ein Enkel des judäischen Königs Jojachin ist. Er untersteht wohl rang-mäßig dem persischen Satrap von Transeupharat, aber dieser Erlass des Darius stärkt seine Position und macht ihn ein Stück unabhängig. 8 Auch ist von mir befohlen worden, was ihr den Ältesten der Juden darreichen sollt, um das Haus Gottes zu bauen, nämlich dass man aus des Königs Schatz von dem, was einkommt aus der Landschaft jenseits des Euphrat, mit Sorgfalt nehme und gebe den Leuten regelmäßig, was sie bedürfen. 9 Und was sie bedürfen an Stieren, Widdern und Lämmern zum Brandopfer für den Gott des Himmels, an Weizen, Salz, Wein und Öl nach dem Wort der Priester in Jerusalem, das soll man ihnen täglich geben und es soll nicht lässig geschehen, 10 damit sie opfern zum lieblichen Geruch dem Gott des Himmels und bitten für das Leben des Königs und seiner Söhne.

 Ist es der Respekt vor dem großen Kyrus? Darius wiederholt in seinem eigenen Erlass die Reglungen zur Förderung des Baus und des Tempelbetriebes. Es wird sein Geld kosten, diesen Tempel in Jerusalem fertig zu stellen und dann auch zu „betreiben“. Dabei soll nicht geknausert werden.

 Was steht hinter diesem Erlass? Nur die Haltung der persischen Könige, die aus kluger politischer Einsicht in ihrem Riesenreich so viel Freiheit wie möglich erlauben, um dadurch Loyalität zu erreichen? Auch das kann eine Rolle spielen, dass Darius sich, in einem System des Polytheismus aufgewachsen und geprägt, die Gunst dieses Gottes des Himmels, der seinen Ort in Jerusalem hat, sichern will. Es ist ja nie verkehrt, sich mit den Göttern gut zu stellen, auch mit denen, die man noch nicht so im Blick hat.

 11 Ferner wird von mir befohlen: Wenn irgendjemand diesen Erlass übertritt, so soll ein Balken aus seinem Haus herausgerissen und er daran aufrecht angeschlagen werden, und sein Haus soll um seiner Tat willen zum Schutthaufen gemacht werden. 12 Der Gott aber, der seinen Namen dort wohnen lässt, bringe jeden König um und jedes Volk, das seine Hand ausreckt, diesen Erlass zu übertreten und das Haus Gottes in Jerusalem zu zerstören. Ich, Darius, habe diesen Befehl gegeben, damit er sorgfältig befolgt werde.

 Das ist jetzt starker „Tobak“, eine Art persischer Blasphemie-Paragraph. Der Tempel in Jerusalem wird unter den Schutz des Darius gestellt. Und der König lässt keinen Zweifel daran: wer sich gegen diesen Erlass stellt, wird es schwer büßen.

 Die andere Formulierung des persischen Erlasses erlaubt es, dem Gott, der seinen Namen dort wohnen lässt – und damit doch wohl dessen Gläubigen, sich gegen alle Übergriffe kräftig zur Wehr zu setzen. Eine Art „religiösen Widerstandsrechtes“ wird das aber noch nicht bedeuten, obwohl es in diese Richtung gehen mag.

 13 Da taten Tattenai, der Statthalter jenseits des Euphrat, und Schetar-Bosnai und ihre Genossen sorgfältig nach dem, was der König Darius ihnen befohlen hatte.

 Befehle des Großkönigs aus Babel sind keine Einladung zur Diskussion. Sie werden befolgt. Sorgfältig. Der Tempelbau geht unter dem höchsten denkbaren politischen Schutz von nun an seinen Gang.

 14 Und die Ältesten der Juden bauten und es ging vonstatten durch die Weissagung der Propheten Haggai und Sacharja, des Sohnes Iddos, und sie bauten und vollendeten es nach dem Befehl des Gottes Israels und nach dem Befehl des Kyrus, Darius und Artahsasta, der Könige von Persien, 15 und sie vollendeten das Haus bis zum dritten Tag des Monats Adar im sechsten Jahr der Herrschaft des Königs Darius.

 So kommen unterschiedliche Faktoren zusammen: Die Weissagung der Propheten Haggai und Sacharja, der Befehl des Gottes Israels und der Befehl des Kyrus, Darius und Artahsasta, der Könige von Persien. Wenn man so will, ein Zusammenspiel von Entscheidungen im Himmel und politischer Meinungsbildung auf der Erde. „Das Zusammengehen von göttlichem Plan und amtlichen Erlassen der persischen Zentralregierung ist ein beherrschendes Grundthema im Esra-Nehemia-Buch.“ (T. Hiecke, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament, Die Bücher Esra und Nehemia, Stuttgart 2005, S.75)

Es kann kein Zweifel sein: Für den Schreiber des Esra-Buches ist der Befehl Gottes der eigentliche Grund für den Tempelbau. Er wird durch die Worte der Propheten unterstrichen Das ist sein Bekenntnis. Für den Beobachter der Weltgeschichte ist der Wille der Perserkönige der ausschlaggebende Faktor. Das Ganze ist ein schönes Beispiel, wie im biblischen Denken Synergien sichtbar gemacht werden.

16 Und die Israeliten, die Priester, die Leviten und die andern, die aus der Gefangenschaft zurückgekommen waren, hielten die Einweihung des Hauses Gottes mit Freuden 17 und opferten zur Einweihung des Hauses Gottes hundert Stiere, zweihundert Widder, vierhundert Lämmer und zum Sündopfer für ganz Israel zwölf Ziegenböcke nach der Zahl der Stämme Israels 18 und bestellten die Priester nach ihren Abteilungen und die Leviten nach ihren Ordnungen zum Dienst am Hause Gottes in Jerusalem, wie es im Buch des Mose geschrieben steht.

Es gibt ein großes Fest zur Einweihung des Tempels, im Jahr 515. Ein Tag der Freude. Ein Tag, der die Hoffnung auf einen neuen Anfang nährt. Ein Tag, der dazu mahnt, die Ordnungen Gottes als Lebensgrundlage nicht nur für den Tempel zu beherzigen.

 19 Und die, die aus der Gefangenschaft zurückgekommen waren, hielten Passa am vierzehnten Tage des ersten Monats. 20 Denn die Leviten hatten sich gereinigt Mann für Mann, sodass sie alle rein waren, und schlachteten das Passa für alle, die aus der Gefangenschaft zurückgekommen waren, und für ihre Brüder, die Priester, und für sich. 21 Und es aßen das Passa die Israeliten, die aus der Gefangenschaft zurückgekommen waren, und alle, die sich zu ihnen abgesondert hatten von der Unreinheit der Heiden im Lande, um den HERRN, den Gott Israels, zu suchen.

 Als der Tempel wieder steht, kann auch wieder Passa gefeiert werden. Es ist ein Schritt zur Bewahrung der Identität, dass dieses Fest des Auszuges jetzt wieder seinen Ort und seine Zeit hat. Es ist der Versuch, so sieht es jedenfalls Esra, den HERRN, den Gott Israels, zu suchen. „Von ganzem Herzen und von ganzer Seele und mit aller Kraft.“(5. Mose 6, 5)

22 Und sie hielten das Fest der Ungesäuerten Brote sieben Tage lang mit Freuden; denn der HERR hatte sie fröhlich gemacht und das Herz des Königs von Assur ihnen zugewandt, damit sie gestärkt würden zur Arbeit am Hause des Gottes, der der Gott Israels ist.

Feste in Israel sind keine Ein-Tages-Angelegenheit. Sie brauchen ihre Zeit. Das Fest der Ungesäuerten Brote dauert sieben Tage. Es ist ein frohes Fest, mit einer Freude, die aus Gott kommt und die zugleich sich freuen kann über die Gunst des fremden Königs. Die Freude an Gott und aus Gott macht nicht blind für die Dankbarkeit über politisch gute Umstände.

Wohl wahr: „Insgesamt mutet alles sehr bürokratisch an. Das Ziel der Darstellung ist erneut, dass der Wiederaufbau des Tempels einen absolut „amtlichen“ und damit legitimen Charakter haben soll.“ (T. Hiecke, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament, Die Bücher Esra und Nehemia, Stuttgart 2005, S.113) Und dochwäre es nicht der schlechteste Lernertrag aus dem Buch Esra, wenn es auch in unsere Zeit hinein lehren würde: Die Freude an Gott muss nicht auf Kosten der Dankbarkeit für gute politische Lebensumstände, eine sorgfältige und nicht überbordende Bürokratie und kluge Entscheidungen der Regierenden gehen.

Herr                                                                                                                                     unter dem Schutz des Großkönigs                                                                                     darf gebaut werden                                                                                                          Unter dem Schutz des Großkönigs                                                                                      müssen die Feinde zurückstecken

Herr                                                                                                                                         aller Schutz der weltlichen Mächte greift zu kurz                                                              wenn Du nicht schützt                                                                                                          Du nicht behütest

Unter diesem Schutz                                                                                                           schenkst Du neues Leben                                                                                            Freude                                                                                                                                Lust am Gottesdienst                                                                                                              ein Aufblühen Deines Volkes

Gib uns                                                                                                                                     dass wir den Schutz unserer Zeit nützen                                                                             um dem neuen Leben aus Dir                                                                                                 zu dienen. Amen