Schuldverstrickt

Esra 9, 1 – 15

 1 Als das alles ausgerichtet war, traten die Oberen zu mir und sprachen: Das Volk Israel und die Priester und Leviten haben sich nicht abgesondert von den Völkern des Landes mit ihren Gräueln, nämlich von den Kanaanitern, Hetitern, Perisitern, Jebusitern, Ammonitern, Moabitern, Ägyptern und Amoritern; 2 denn sie haben deren Töchter genommen für sich und für ihre Söhne und das heilige Volk hat sich vermischt mit den Völkern des Landes. Und die Oberen und Ratsherren waren die Ersten bei diesem Treubruch.

 Ist es die Wirkung des Gottesdienstes, dass die Oberen dies vor Esra berichten? Es soll als ein Schuld-Eingeständnis wirken. Das Volk hat sich mit den Völkern vermischt. Sie haben nicht nur innerhalb des Volkes geheiratet, sondern aus den Völkern des Landes Töchter genommen für sich und für ihre Söhne.

Damit handeln sie im Widerspruch zu Weisungen des Gesetzes: „Hüte dich, einen Bund mit den Bewohnern des Landes zu schließen. Sonst werden sie dich einladen, wenn sie mit ihren Göttern Unzucht treiben und ihren Göttern Schlachtopfer darbringen, und du wirst von ihren Schlachtopfern essen. Du wirst von ihren Töchtern für deine Söhne Frauen nehmen; sie werden mit ihren Göttern Unzucht treiben und auch deine Söhne zur Unzucht mit ihren Göttern verführen.“ (2.Mose 34, 15-16)

Es ist durch 1. Mose hindurch immer ein Thema: „Ich will dir einen Eid beim Herrn, dem Gott des Himmels und der Erde, abnehmen, dass du meinem Sohn keine Frau von den Töchtern der Kanaaniter nimmst, unter denen ich wohne.(1. Mose 24, 3) So begründet Abraham, dass er seinen Knecht schickt, um für Isaak ein Braut zu suchen. Es geht nicht um rassische Überlegenheit, sondern um den Schutz vor der Verführung zu fremden Göttern. Die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob und alle Sohne Jakobs mit Ausnahmen Josephs heiraten endogam (=innerhalb des Volkes, oft sogar innerhalb der Sippe).

 Und nun also: Vermischung mit den Völkern. Und es sind gerade die Oberen und Ratsherren, Priester und Leviten, die sich so über das Gebot hinweg gesetzt haben. Treuebruch nennt Esra das, weil er ja doch ein Leben sucht, das dem zentralen Bekenntnis folgt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.“ (5. Mose 6, 5-6)

 3 Als ich dies hörte, zerriss ich mein Kleid und meinen Mantel und raufte mir Haupthaar und Bart und setzte mich bestürzt hin. 4 Und es versammelten sich bei mir alle, die über die Worte des Gottes Israels erschrocken waren wegen des Treubruchs derer, die aus der Gefangenschaft gekommen waren; und ich saß bestürzt da bis zum Abendopfer.

Es ist eine dramatische Szene: Esra zerreißt seine Kleidung, zerwühlt sein Haar, ist bis aufs Mark erschüttert. Es ist die Haltung eines Menschen, der zu Tode erschrocken ist und um verlorenes Leben trauert. Er bleibt nicht allein. Andere aus Israel sammeln sich um ihn und teilen seine tiefe Bestürzung.

5 Und um das Abendopfer fasste ich mich und stand auf in meinem zerrissenen Kleid und Mantel, fiel auf meine Knie und breitete meine Hände aus zu dem HERRN, meinem Gott, 6 und sprach: Mein Gott, ich schäme mich und scheue mich, meine Augen aufzuheben zu dir, mein Gott; denn unsere Missetat ist über unser Haupt gewachsen, und unsere Schuld ist groß bis an den Himmel. 7 Von der Zeit unserer Väter an sind wir in großer Schuld gewesen bis auf diesen Tag, und um unserer Missetat willen sind wir und unsere Könige und Priester in die Hand der Könige der Länder gegeben worden, ins Schwert, ins Gefängnis, zum Raub und zur Schmach, so wie es heute ist.8 Nun aber ist uns einen kleinen Augenblick Gnade vor dem HERRN, unserm Gott, geschehen, dass er uns noch Errettete übrig gelassen und uns einen festen Halt an seiner heiligen Stätte gegeben hat, um unsere Augen aufleuchten und uns ein wenig aufleben zu lassen in unserer Knechtschaft. 9 Denn wir sind Knechte, aber unser Gott hat uns nicht verlassen in unserer Knechtschaft und hat uns die Gunst der Könige von Persien zugewandt, dass er uns wieder aufleben lässt, um das Haus unseres Gottes aufzubauen und es aus seinen Trümmern wieder aufzurichten, damit er uns ein Bollwerk in Juda und Jerusalem gebe.

 Als Esra sich ein wenig gesammelt hat, wagt er es, Gott in einem Bußgebet anzurufen. Er beginnt mit einem Schuldeingeständnis. Es ist schon immer so, dass Israel schuldig ist, von der Zeit unserer Väter an. Diese Schuld hat zum Untergang geführt. Und jetzt, wo es die Chance auf einen Neuanfang gibt, wo es einen kleinen Augenblick Gnade vor dem HERRN gibt, ist das erneute Schuld, die im Widerspruch steht zu der Treue Gottes. Es ist eine Deutung des bisher Berichteten im Esra-Buch: Aller Wiederaufbau in Jerusalem ist Gnade, Zeichen der Treue Gottes, unverdientes Geschenk. Unser Gott hat uns nicht verlassen – aber wir verlassen ihn!

 10 Und nun, unser Gott, was sollen wir nach alledem sagen? Wir haben deine Gebote verlassen, 11 die du durch deine Knechte, die Propheten, gegeben hast, als sie sagten: Das Land, in das ihr kommt, um es in Besitz zu nehmen, ist ein unreines Land durch die Unreinheit der Völker des Landes mit ihren Gräueln, mit denen sie es von einem Ende bis zum andern Ende in ihrer Unreinheit angefüllt haben.

 Es ist ein Bekenntnis, wie es dem Schriftgelehrten Esra entspricht: Wir haben deine Gebote verlassen, die du durch deine Knechte, die Propheten, gegeben hast. Der Ungehorsam gegen das Gebot macht unrein, weil er gemein macht mit den Völkern des Landes, die fremde Götter verehren.

 12 So sollt ihr nun eure Töchter nicht ihren Söhnen geben, und ihre Töchter sollt ihr nicht für eure Söhne nehmen. Und lasst sie nicht zu Frieden und Wohlstand kommen ewiglich, damit ihr mächtig werdet und das Gut des Landes esst und es euren Kindern vererbt auf ewige Zeiten.

 Aus dem Gebet wird unversehens eine Anrede an das Volk. Das Bußbekenntnis wird überführt zu konkreten Schritten. Zugleich wird auch ein materieller Hintergrund sichtbar: Die Mischehen haben die Eigentumsverhältnisse beeinflusst. Ein Verzicht auf die Mischehen verhindert, dass die Völker des Landes Einfluss gewinnen und Anteil am Reichtum Israels. So wird das Land für das „wahre Israel“ gesichert.

 13 Aber nach allem, was über uns gekommen ist um unserer bösen Werke und großen Schuld willen – und du, unser Gott, hast unsere Missetat nicht bestraft, wie wir’s verdient hätten, und hast uns diese Schar von Erretteten gegeben -, 14 sollten wir wiederum deine Gebote übertreten, dass wir uns vermischten mit den Völkern, die diese Gräuel tun? Wirst du nicht über uns zürnen, bis es ganz aus ist, sodass es weder einen Rest noch Entronnene gibt?

 Und noch einmal wird die Argumentation zurück gelenkt: Was wäre das für ein Verhalten, das das Geschenk der Freiheit und das Geschenk des Landes wieder vertut? Was wäre das für ein Verhalten, das rückfällig wird in die Sünde, von der doch alle wissen, dass sie zum Untergang geführt hatte?

 Eine ganz ähnliche Denkfigur findet sich immer wieder im Neuen Testament: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!“(Galater 5,1) Und im Epheserbrief heißt es: „Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ (Epheser 4, 22-24) Es ist eine ethische Ermahnung, die dazu anhält, aufgrund der erfahrenen Befreiung nun auch wirklich neu zu leben.

15 HERR, Gott Israels, du bist getreu; denn wir sind übrig geblieben als Errettete, wie es heute ist. Siehe, hier sind wir vor dir in unserer Schuld; darum können wir nicht bestehen vor deinem Angesicht.

 Es ist ein Abschluss wie in einem Psalm. Es liegt ein Staunen in diesen Worten: Wir sind übrig geblieben als Errettete. Es liegt Beschämung in diesen Worten: wir entsprechen dem nicht, was Gott an uns getan hat. Es liegt Vertrauen in diesen Worten: Es ist die Treue Gottes, die auch mit dieser Schuld fertig werden wird. Er flüchtet mit der Schuld seines Volkes zu Gott, dem HERRN.

 Es ist wichtig, sich bei diesem Text, der uns so fremd vorkommt, klar zu machen: „Hier geht es weder um Rassismus noch um nationalistischen Chauvinismus, sondern um die in der besonderen Lange geforderte Treue zum eigenen Gemeinwesen und vor allem zum eigenen Gott JHWH, die aufgrund der bedrängenden Umstände nur über die identitätsstiftende und den Zusammenhalt fördernde „Blutsverwandtschaft“ denkbar ist…. Die Mischehenfrage betrifft unmittelbar den ethnischen Bestand und die gesamte kulturelle, soziale und religiöse Identität des Volkes.“ (T. Hiecke, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament, Die Bücher Esra und Nehemia, Stuttgart 2005, S. 141) Dass zweieinhalb-tausend Jahre später sich inhumane Rassengesetze in unmenschlicher Weise gegen das jüdische Volk wenden werden, wirkt so wie eine zynische Persiflage.

 Herr                                                                                                                                          in wie viel bin ich verstrickt                                                                                                     ohne es zu ahnen                                                                                                     manchmal auch ohne es wahrhaben zu wollen                                                                   Ich lebe nicht im Paradies                                                                                                  sondern in einer Welt                                                                                                                in der es nicht ohne Schuld abgeht

Und es genügt nicht                                                                                                          persönlich saubere Hände und ein reines Gewissen zu haben

Lehre es uns einzustehen auch für die Schuld                                                                       die nicht unmittelbar meine eigene ist                                                                                Lehre mich zu bitten für die                                                                                                       in deren Schuld ich mit verstrickt bin                                                                                    Herr erbarme Dich unser. Amen