Immer diese Unruhestifter

Esra 4, 1 – 24

 1 Als aber die Widersacher Judas und Benjamins hörten, dass die, die aus der Gefangenschaft zurückgekommen waren, dem HERRN, dem Gott Israels, den Tempel bauten,2 kamen sie zu Serubbabel, Jeschua und den Sippenhäuptern und sprachen zu ihnen: Wir wollen mit euch bauen; denn auch wir suchen euren Gott und haben ihm geopfert seit der Zeit Asarhaddons, des Königs von Assur, der uns hierher gebracht hat.

 Die Widersacher Judas und Benjamins – damit sind wohl die Menschen in Samarien gemeint. Die Völker, die noch von den Assyrern dort angesiedelt worden waren und den Israeliten immer fremd geblieben sind. Juda ist kein menschenleeres Land und Jerusalem keine von allen Einwohnern entblößte Stadt. Es gibt Menschen, die dort gelebt haben, auch in den 70 Jahren, in denen die Oberschicht im Exil war. Und wenn sie nun zurück kehren, dann müssen andere ihnen weichen, die in der Zwischenzeit das Leben geregelt haben. Heimkehrer treffen immer auf veränderte Lebens-Situationen und die Heimkehr verlangt allen großen Anstrengungen ab.

 Die schon da sind, wollen nicht an den Rand gedrängt werden. Sie wollen mittun an dem, was jetzt neu entstehen könnte. Aber wenn sie sagen: Auch wir suchen euren Gott so klingt das für jüdische Ohren nach feindlicher Übernahme, nach Religionsvermischung. Es ist das Urteil des Buches Esra: Es sind vergiftete Hilfsangebote.

Über 500 Jahre später gibt es eine Situation, die Assoziationen erlaubt. Als die weisen aus dem Morgenland den neugeborenen König der Juden in Jerusalem suchen, sagt Herodes ihnen: „Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete. (Matthäus 2,8) Dieses Suchen endet im Kindermord von Bethlehem.

 3 Aber Serubbabel und Jeschua und die andern Häupter der Sippen in Israel antworteten ihnen: Es ziemt sich nicht, dass ihr und wir miteinander das Haus unseres Gottes bauen, sondern wir allein wollen bauen dem HERRN, dem Gott Israels, wie uns Kyrus, der König von Persien, geboten hat. 4 Da machte das Volk des Landes die Juden mutlos und schreckte sie vom Bauen ab. 5 Und sie dingten Ratgeber gegen sie und hinderten ihr Vorhaben, solange Kyrus, der König von Persien, lebte, bis zur Herrschaft des Darius, des Königs von Persien.

 Darum lehnen Serubbabel und Jeschua wohl auch im Namen der anderen Häupter dieses Angebot ab. Sie verschanzen sich dabei ein bisschen hinter dem Befehl des Kyrus. Da war von Mitbauern aus anderen Völkern nicht die Rede. Der ging nur an Juda, nur an die Rückkehrer.

Die Reaktion auf die Ablehnung ist allerdings dann so, dass sich die Rückkehrer tatsächlich bestätigt fühlen müssen. Die Angebote zur Hilfe waren nicht ernst gemeint. Das Volk des Landes übt so viel Druck aus, dass der Bau stecken bleibt.Hier kommt wohl historische Wahrheit zum Vorschein. „Die Widerstände gegen den Tempelbau unter den „Nachbarvölkern“ entstehen durch starke Abgrenzungstendenzen in der Jerusalemer Gemeinde der Heimgekehrten gegenüber den Nachkommen des untergegangen Nordreichs, die später Samaritaner genannt werden.“(T. Hiecke, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament, Die Bücher Esra und Nehemia, Stuttgart 2005,S.92) Der Neubau des Tempels in Jerusalem kommt erst unter Darius wirklich in Gang.

6 Und als Ahasveros König war, im Anfang seiner Herrschaft, schrieb man eine Anklage gegen die Bewohner von Juda und Jerusalem. 7 Und zu den Zeiten Artahsastas schrieben Bischlam, Mitredat, Tabeel und ihre andern Genossen an Artahsasta, den König von Persien. Der Brief war in aramäischer Schrift geschrieben und ins Aramäische übertragen. 8 Der Kanzler Rehum und der Schreiber Schimschai schrieben einen Brief gegen Jerusalem an den König Artahsasta: 9 Wir, Rehum, der Kanzler, und Schimschai, der Schreiber, und die andern Genossen, die Richter, die Befehlshaber, die Schreiber, die Beamten, die Männer von Erech, von Babel, von Susa, das sind die Elamiter, 10 und die andern Völker, die der große und berühmte Asenappar hergebracht und in den Städten Samariens und in den andern Orten jenseits des Euphrat angesiedelt hat.

 Es geht dann geschichtlich gleich weiter zu Xerxes, der hier Ahasveros benannt wird. Vermutlich ist hier dem Schriftsteller Esra die Abfolge der Könige ein wenig durcheinander geraten. Der Brief müsste an Darius gerichtet gewesen sein. Wer auch immer König in Persien ist, er erhält einen Brief von denen, die es nicht gut mit Juda und Jerusalem meinen. Es sind persischen Beamte, die meinen, so ihre Pflicht wahr zu nehmen. Sie machen sich Argumente zu eigen, die von den Völkergruppen kommen, die sich im Land ausgebreitet hatten, als Juda im Exil war. Die Rückkehrer kommen ja nicht in ein über 70 Jahre menschenleer gebliebenes Land. Da haben inzwischen Andere sich angesiedelt und es zu ihrer Heimat gemacht.

 Es ist der Verdrängungsvorgang, der sich bis heute im Nahen Osten abspielt. Es ist auch der gleiche harte und oft unmenschliche Verdrängungsvorgang, den Völkerwanderungen, Umsiedlungs-Aktionen, Vertreibungen mit sich bringen. Und je nachdem, aus welcher Perspektive man solche Vorgänge betrachtet, verteilen sich Unrecht und Empörung anders.

11 Und dies ist die Abschrift des Briefes, den sie an ihn sandten: An König Artahsasta, deine Knechte, die Männer jenseits des Euphrat. 12 Und nun sei dem König kundgetan, dass die Juden, die von dir heraufgezogen und zu uns nach Jerusalem gekommen sind, die aufrührerische und böse Stadt wieder aufbauen wollen; sie haben begonnen, die Mauern zu errichten, und die Fundamente sind schon gelegt. 13 So sei nun dem König kundgetan: Wenn diese Stadt wieder aufgebaut wird und die Mauern wieder errichtet werden, so werden sie Steuern, Abgaben und Zoll nicht mehr geben, und zuletzt wird es den Königen Schaden bringen. 14 Weil wir aber das Salz des Königshauses essen und die Schmach des Königs nicht länger sehen wollen, darum schicken wir hin und lassen es den König wissen.

 Es ist eine düstere Zukunfts-Prognose, die in diesem Brief gestellt wird. Wenn Jerusalem aus der Stadt ohne Mauern wieder zu einer Stadt mit Mauern wird, dann wird alles sein wie früher. Das Volk der Juden ist aufsässig. Und es wird jede Chance nützen, den Abfall von der Herrschaft im fernen Persien zu vollziehen. Es ist der deutliche Hinweis: Sie werden Euch den Tribut schuldig bleiben. Eure Staatskassen werden nicht gefüllt werden. „Die staatstreuen Absender sind als die politisch für Jerusalem zuständigen Stellen an dem Eingang der Steuern auch wohl direkt interessiert.“ (K. Galling, Die Bücher der Chronik, Esra, Nehemia, ATD 12, Göttingen 1954, S. 198) Ihr Appell an die wirtschaftlichen Interessen der Hegemonialmacht ist über-deutlich.

Das alles wird – so die Briefschreiber – nur aus Besorgnis und einer tief empfunden Loyalität nach Babylon geschrieben. Fast könnten einem als Leser die Tränen kommen. Aber es ist natürlich geschickt an die Emotionen appelliert. Es ist ja wirklich nicht zum Ansehen, wie statt der Ehre des Königs die Schmach des Königs durch Jerusalems Wiederaufbau gemehrt wird.

Dieser Brief liest sich wie eine Vorlage für die wüsten Propaganda-Reden arabischer Potentaten im Irak und anderswo bis heute. Die Juden sind die ewigen Unruhestifter. Wäre Jerusalem in arabischer Hand, so herrschte himmlischer Frieden in der Region. Es ist eine üble Traditionskette, in die sich viel Antisemitismus einreihen lässt, der sich hier immer wieder seine Argumente geholt hat.

 15 Man lasse in den Chroniken deiner Väter suchen, so wirst du in den Chroniken finden und erfahren, dass diese Stadt aufrührerisch ist und Königen und Ländern Schaden gebracht hat und man in ihr auch von alters her Aufruhr gemacht hat, – darum ist diese Stadt auch zerstört worden. 16 Und nun tun wir dem König kund, dass du hernach nichts behalten wirst von dem, was jenseits des Euphrat liegt, wenn diese Stadt wieder aufgebaut wird und ihre Mauern wieder errichtet werden.

So, wie sie heute sind, so waren diese Juden schon immer, so war Jerusalem schon immer. Es ist ja wahr: In den Chroniken, auch der Judäer, kann man es nachlesen: Immer wieder haben die Könige in Samaria und Jerusalem versucht, unabhängig zu bleiben. Das Buch der Könige berichtet davon sorgfältig genug. Und die Aufzeichnungen am persischen Hof geben sicher davon Kunde. „Setze eine Historiker-Kommission ein“ lautet der Rat an Xerxes. Ein bisschen übertreiben die Schreiber schon, wenn sie behaupten, dass der Machtbereich der Perser den Euphrat nicht mehr überschreiten wird, wenn Jerusalem auf-blüht. Aber die Übertreibung dient ja auch nur dem einen Zweck: Den Wiederaufbau Jerusalems zu verhindern durch eine klaren Befehl des Perserkönigs.

17 Da sandte der König folgende Antwort: An Rehum, den Kanzler, und Schimschai, den Schreiber, und ihre andern Genossen, die in Samaria wohnen und in den andern Orten jenseits des Euphrat: Friede zuvor! 18 Und nun, der Brief, den ihr uns zugeschickt habt, ist mir Wort für Wort vorgelesen worden. 19 Und auf meinen Befehl hat man nachgeforscht und man fand bestätigt, dass diese Stadt von alters her gegen die Könige sich empört hat und Aufruhr und Abfall in ihr geschehen ist. 20 Auch hat es mächtige Könige zu Jerusalem gegeben, die geherrscht haben über alles, was jenseits des Euphrat ist, sodass ihnen Steuern, Abgaben und Zoll gegeben wurden. 21 So gebt nun den Befehl, dass man diesen Männern wehre, damit die Stadt nicht wieder aufgebaut werde, bis von mir der Befehl gegeben wird! 22 Seht euch vor, dass ihr nicht lässig hierin seid, damit nicht den Königen großer Schaden entstehe!

 Der Brief erreicht seinen Zweck. Die Historiker-Kommission hat getagt und alles so gefunden, wie es die Briefschreiber behauptet haben. Jerusalem war immer schon ein Unruheherd und ein unbotmäßiger Vasall. Es hat mehr Einfluss gehabt, als man dem heutigen Trümmerhaufen zutraut. Darum erhalten die Briefschreiber jetzt freie Hand, gegen den Wiederaufbau zu agieren, so lange, bis es eine andere Weisung durch den König geben sollte. Das ist keine Sache, die man mit der linken Hand erledigen könnte. Sie hat Priorität.

 23 Als nun der Brief des Königs Artahsasta gelesen wurde von Rehum und dem Schreiber Schimschai und von ihren andern Genossen, zogen sie eilends hin nach Jerusalem zu den Juden und wehrten ihnen mit Gewalt. 24 Da hörte die Arbeit am Hause Gottes in Jerusalem auf und blieb liegen bis ins zweite Jahr des Darius, des Königs von Persien.

 Rehum und Schimschai und die anderen lassen sich das nicht zweimal gesagt sein. Sie gehen so nachdrücklich gegen Jerusalem und alle Bauvorhaben vor, dass die liegen bleiben, über Jahrzehnte hin, bis ins zweite Jahr der Regierungszeit des Darius. Weder der Tempel noch die Mauern können weiter gebaut werden.

Was mir auffällt, ist das Schweigen Gottes. Es gibt kein Gotteswort. Es gibt keinen Propheten, der das Wort ergreift. Es ist, als liefe Geschichte nach ihren eigenen Regeln ab und Gott schaute zu. Kommentarlos.

Heiliger Gott                                                                                                                           ist es wirklich so                                                                                                                   dass Deine Leute die ewigen Störenfriede in der Welt sind                                                     Ist es wirklich so                                                                                                                     dass sie immer Unruhe machen                                                                                           weil sie anders sind                                                                                                         andere Wertmaßstäbe haben                                                                                             sich nicht beugen                                                                                                               sich nicht zu stummen Untertanen machen lassen

Gib Du auch uns heute den Mut                                                                                           an Dich gebunden so zu leben wie es Dir entspricht                                                       auch wenn es uns zu Weltfremden macht                                                                            die Befremden auslösen. Amen