Fremde Wegbereiter

Esra 1, 1 – 11

1 Im ersten Jahr des Kyrus, des Königs von Persien, erweckte der HERR – damit erfüllt würde das Wort des HERRN, das durch den Mund Jeremias gesprochen war – den Geist des Kyrus, des Königs von Persien, dass er in seinem ganzen Königreich mündlich und auch schriftlich verkünden ließ:

 Es ist, so das Buch Esra, eine der ersten Regierungstaten des Kyrus. Als hätte er nichts Eiligeres zu tun. Der Antrieb dazu aber ist aus Gottes Plan und Willen. „Wie Gott sich der heidnischen Könige und Mächte als Werkzeug seines Gerichtes bedient, so kann er sich umgekehrt auch ihrer zur Herbeiführung der Heilswende bedienen.“(K. Galling, Die Bücher der Chronik, Esra, Nehemia, ATD 12, Göttingen 1954, S. 186) So gibt sich das Buch Esra schon im ersten Satz zu erkennen: Es ist ein Zeugnis dafür, dass Gott will, dass der HERR den Geist und das Herz von Menschen leiten kann. Und es ist ein Zeugnis dafür, dass sich dieser Wille durch den Mund Jeremias kundgetan hat. Ein Zeichen für die Hochachtung, die die Prophetie genießt.

 Was nun folgt ist die Folge einer Erweckung. Das meint, biblisch gesprochen, erwecken: Menschen werden inspiriert zu Taten, die dem Willen Gottes konform gehen.

 2 So spricht Kyrus, der König von Persien: Der HERR, der Gott des Himmels, hat mir alle Königreiche der Erde gegeben, und er hat mir befohlen, ihm ein Haus zu Jerusalem in Juda zu bauen. 3 Wer nun unter euch von seinem Volk ist, mit dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf nach Jerusalem in Juda und baue das Haus des HERRN, des Gottes Israels; das ist der Gott, der zu Jerusalem ist. 4 Und wo auch immer einer übrig geblieben ist, dem sollen die Leute des Orts, an dem er als Fremdling gelebt hat, helfen mit Silber und Gold, Gut und Vieh außer dem, was sie aus freiem Willen für das Haus Gottes zu Jerusalem geben.

 Der Perserkönig lässt dem HERRN, dem Gott des Himmels, ein Haus zu Jerusalem in Juda bauen. Die Gottesbezeichnung Gott des Himmel „übersetzt“ den Namen JAHWE (=der HERR) in eine allgemein orientalisch gebräuchliche Rede vom „Höchsten Gott“. So könnte ein Perserkönig geredet haben.

 Die Wiedererrichtung des unter Nebukadnezar geschleiften Tempels ist keine Angelegenheit des jüdischen Volkes. Sie geht auf die Initiative des Kyrus zurück, der sie anordnet. Der aber sagt deutlich, was schwer vorstellbar ist: Der HERR hat mir befohlen. Auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt wird: „Der Buchanfang macht Kyrus zum Boten und Künder des Auftrags und Willens JAHWs!“(T. Hiecke, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament, Die Bücher Esra und Nehemia, Stuttgart 2005, S. 72) Kyrus zeigt sich mit seinem Befehl als Diener Gottes, als Befehlsempfänger Gottes.Das ist ganz nahe bei den folgenden Worten: „So spricht der HERR, dein Erlöser, der dich von Mutterleibe bereitet hat: Ich bin der HERR, der alles schafft, der den Himmel ausbreitet allein und die Erde fest macht ohne Gehilfen;… der das Wort seiner Knechte wahr macht und den Ratschluss vollführt, den seine Boten verkündigt haben; der zu Jerusalem spricht: Werde bewohnt!, und zu den Städten Judas: Werdet wieder aufgebaut!, und ihre Trümmer richte ich auf; der zu der Tiefe spricht: Versiege!, und deine Fluten trockne ich aus; der zu Kyrus sagt: Mein Hirte! Er soll all meinen Willen vollenden und sagen zu Jerusalem: Werde wieder gebaut!, und zum Tempel: Werde gegründet!“ (Jesaja 44, 24.26-28)

 Kyrus ist einer, der den Willen Gottes vorwärts bringt. Er schickt die Leute Gottes zurück nach Jerusalem, mit dem einen Ziel: Den Tempel neu zu bauen. Und wo immer Juden in Babylon sind, sollen sie sich auf diesen Weg machen und unterstützt werden für diesen Weg. Sie sollen nicht mit leeren Händen zurück nach Jerusalem kommen.

 Die ersten drei Verse des Esra-Buches sind wortgleich mit 2. Chronik 35, 22 – 23. Diese Verse bilden den Abschluss in der Anordnung der hebräischen Bibel. Damit sind die letzten Worte der hebräischen Bibel: Wer nun unter euch von seinem Volk ist, mit dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf. Das ist eine Wegweisung für <geistliches> Leben, wie sie auch die christliche Gemeinde kennt: „Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.“(Kolosser 3,1)

5 Da machten sich auf die Häupter der Sippen aus Juda und Benjamin und die Priester und Leviten, alle, deren Geist Gott erweckt hatte, um hinaufzuziehen und das Haus des HERRN zu Jerusalem zu bauen. 6 Und alle, die um sie her wohnten, halfen ihnen mit allem, mit Silber und Gold, mit Gut und Vieh und Kleinoden außer dem, was sie freiwillig gaben.

 Noch eine Erweckung. Die Häupter der Sippen aus Juda und Benjamin und die Priester und Leviten führen den Zug derer an, die sich auf den langen Weg zurück machen. Was wir als „fromme Sprache“ hören, hat doch einen sehr handfesten Hintergrund: Es wäre nach siebzig Jahren doch fast normal zu bleiben. Man hat sich eingerichtet, arrangiert, den eigenen Lebenskreis gefunden. Zurück zu kehren in ein Land, das am Boden liegt, Aufbauarbeit auf sich zu nehmen – dazu braucht es einen starken Antrieb. Es kehren ja längst nicht alle zurück, sondern nur alle, deren Geist Gott erweckt hatte, um hinaufzuziehen.

Es ist Gott, der die Sehnsucht wach gehalten hat in der Fremde, der Gefangenschaft. An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. (Psalm 137,1)

Und es ist Gott, der aus dieser Sehnsucht Schritte werden lässt.

 7 Und der König Kyrus gab heraus die Geräte des Hauses des HERRN, die Nebukadnezar aus Jerusalem genommen und in das Haus seines Gottes gebracht hatte. 8 Und Kyrus, der König von Persien, übergab sie dem Schatzmeister Mitredat; der zählte sie Scheschbazar, dem Fürsten Judas, vor. 9 Und dies war ihre Zahl: 30 goldene Becken und 1029 silberne Becken, 10 30 goldene Becher und 410 silberne Becher und 1000 andere Geräte. 11 Alle Geräte, goldene und silberne, waren 54001. Alles brachte Scheschbazar hinauf, als man aus der Gefangenschaft von Babel nach Jerusalem hinaufzog.

Der Tempelschatz oder doch wenigstens große Teile davon wird den Rückkehrern mitgegeben auf den beschwerlichen Weg. Diese Beigabe ist wie ein Versprechen für die Zukunft des Tempels. Und die Rückgabe der Beutekunst mutet wie eine späte Wiedergutmachung für alle Grausamkeit beim Untergang Jerusalems an. Wiewohl es ja nicht die Perser waren, die Jerusalem gebrandschatzt hatten.

 Es ist sicherlich auch nicht falsch, bei dieser Rückkehr zu hören, was bei dem früheren Auszug schon einmal erzählt worden war: „Und die Israeliten hatten getan, wie Mose gesagt hatte, und hatten sich von den Ägyptern silbernes und goldenes Geschmeide und Kleider geben lassen. Dazu hatte der HERR dem Volk Gunst verschafft bei den Ägyptern, dass sie ihnen willfährig waren, und so nahmen sie es von den Ägyptern zur Beute. Also zogen die Israeliten aus von Ramses nach Sukkot, sechshunderttausend Mann zu Fuß ohne die Frauen und Kinder.“(2. Mose 12, 35-37) Es ist ein Zeichen des guten Willens, dass Kyrus sie ohne Not so ausgestattet ziehen lässt.

Mein Gott                                                                                                                         manchmal öffnest Du                                                                                                     Freiräume für Deine Leute                                                                                                     mit denen nie zu rechnen war

Manchmal tust Du neue Wege auf                                                                                     und wartest darauf                                                                                                                 dass wir sie auch gehen

Manchmal braucht es                                                                                                           das Wort von außen                                                                                                             aus einem fremden Mund                                                                                                damit wir in Bewegung gesetzt werden

Du kannst                                                                                                                             wen Du willst dazu bringen                                                                                                   für Dein Volk Wege zu öffnen. Amen