Hinter dem Horizont geht es weiter

2. Könige 25, 22 – 30

 22 Aber über das Volk, das übrig war im Lande Juda, das Nebukadnezar, der König von Babel, übrig gelassen hatte, setzte er Gedalja, den Sohn Ahikams, des Sohnes Schafans.

 Es wird ein neuer Statthalter eingesetzt. Kein König mehr, aber einer aus dem Volk, ein Jude. Nebukadnezar setzt irgendwie auf „Selbstverwaltung“ in diesem zerstörten Land. „Die Normalisierung des Lebens in Juda wurde von den Babyloniern, die sich daraus eigenen Nutzen – etwa durch Ernteerträge – versprechen konnten, mit Hilfe eines einheimischen hohen Beamten aus angesehener Familie versucht.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, S. 480)

 23 Als nun alle Hauptleute des Kriegsvolkes und ihre Männer hörten, dass der König von Babel Gedalja eingesetzt hatte, kamen sie zu Gedalja nach Mizpa, nämlich Jischmael, der Sohn Netanjas, und Johanan, der Sohn Kareachs, und Seraja, der Sohn Tanhumets, der Netofatiter, und Jaasanja, der Sohn eines Maachatiters, samt ihren Männern. 24 Und Gedalja schwor ihnen und ihren Männern und sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht vor den Chaldäern; bleibt im Lande und seid dem König von Babel untertan, so wird’s euch gut gehen.

 In Mizpa kommt es zum Treffen mit den Resten des judäischen „Militärs“. Es sind doch irgendwie immer noch einige Leute übrig, die mehr zu sagen haben als das gemeine Volk. Mit ihnen sucht Gedalja den Schulterschluss. Bleibt im Lande und seid dem König von Babel untertan, so wird’s euch gut gehen. Das ist Aufforderung dazu, die Situation anzuerkennen, wie sie nun einmal ist.

Sie erinnert an den Brief des Jeremia an die Exilierten in Babylon: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.“ (Jeremia 29, 5 – 7) Es gibt auch ein Leben nach der Katastrophe.

Seitdem hat sich das ja unzählige Male wiederholt. In Deutschland nach dem 30-jährigen Krieg, nach 1945. Immer ging es darum, auf den Trümmern ein neues Leben zu beginnen, neue Schritte in den Alltag zu tun. Normalität zurück gewinnen. Und immer glaubt man sich dabei auch angewiesen auf Einige, die schon früher „Verantwortung“ getragen haben und das Geschäft der Ordnung eines Volkes kennen.

 25 Aber im siebenten Monat kam Jischmael, der Sohn Netanjas, des Sohnes Elischamas, von königlichem Geschlecht, und zehn Männer mit ihm und schlugen Gedalja tot, dazu die Judäer und Chaldäer, die bei ihm waren in Mizpa.

 Aber der Rückweg in die Normalität ist schwer. Und er wird noch schwieriger, wenn Leute wie Jischmael, der Sohn Netanjas, ihre eigene Idee haben, wie es weitergehen soll. Es mag ein Hinweis auf sein Motiv sein: Er ist von königlichem Geschlecht. Erträgt er es nicht, dass einer aus dem Volk der Statthalter geworden ist? Er erschlägt Gedalja und – was gefährlicher ist – die Chaldäer, die bei ihm waren, Leute aus den Reihen der Babylonier.

 Mich erinnert diese Tat an die Selbstmordattentate im Irak heute. Auch da ist wohl das Motiv oft ein Gemisch aus blindem Hass, Zerstörungswut, das Gefühl von Zurücksetzung und Kränkung über dem Verlust des eigenen Einflusses. Und im besonderen Fall kommen noch die religiösen Feindschaften dazu.

 26 Da machte sich das ganze Volk auf, Klein und Groß, und die Obersten des Kriegsvolkes und zogen nach Ägypten; denn sie fürchteten sich vor den Chaldäern.

 Es ist nur zu verständlich: Nach dem Mord am Statthalter der Babylonier greift die Furcht um sich. Das übrig gebliebene Volk flüchtet, ausgerechnet nach Ägypten. Zurück an den Ort, an dem die Väter in Knechtschaft lebten und aus dem der HERR sie befreit hatte. Für Jeremia, so wissen wir aus dem Prophetenbuch, ist Ägypten kein guter Zufluchtsort, jedenfalls nicht nach dem Willen des HERRN: „Werdet ihr euer Angesicht nach Ägyptenland richten, um dorthin zu ziehen und dort zu wohnen,so soll euch das Schwert, vor dem ihr euch fürchtet, in Ägyptenland treffen, und der Hunger, vor dem ihr euch sorgt, soll stets hinter euch her sein in Ägypten, und ihr sollt dort sterben.“ (Jeremia 42, 15-16)

 Die Flucht, so denken wohl die Schreiber, ist der Versuch, sich der Beugung unter das Urteil Gottes, das sich im Untergang Jerusalems vollzogen hat, zu entziehen, es irgendwie doch nicht anzunehmen als das gerechte Urteil des HERRN.

27 Aber im siebenunddreißigsten Jahr, nachdem Jojachin, der König von Juda, weggeführt war, am siebenundzwanzigsten Tage des zwölften Monats ließ Ewil-Merodach, der König von Babel, im ersten Jahr seiner Herrschaft Jojachin, den König von Juda, aus dem Kerker kommen 28 und redete freundlich mit ihm und setzte seinen Sitz über die Sitze der Könige, die bei ihm waren zu Babel. 29 Und Jojachin legte die Kleider seiner Gefangenschaft ab und er aß alle Tage bei dem König sein Leben lang. 30 Und es wurde ihm vom König sein ständiger Unterhalt bestimmt, den man ihm gab an jedem Tag sein ganzes Leben lang.

Ein Gnadenakt in Babylon, im Exil. Jojachin, der König von Juda, wird aus dem Kerker geholt und der König von Babel redet freundlich mit ihm. Ist das ein Zeichen der Hoffnung? Ist das letzte Wort über das Königshaus noch nicht gesprochen? Jedenfalls für Jojachin ist es eine Wende zum Besseren. Er wird in den Hofalltag Am babylonischen Königshof einigermaßen ehrenvoll integriert. Und es wird ihm eine besondere Stellung zugestanden unter den Königen, die da alle als „Beute“ und „Siegestrophäen“ am Hof der Babylonier ihren Ort gefunden haben.

So viel lässt sich schon im Blick auf Jojachin sagen: Es gibt unverdientes Glück mitten im Unglück. Es gibt geschenktes Leben auch nach tiefen Abstürzen. Jojachin hat keine Macht mehr, keinen Einfluss mehr, nichts mehr zu sagen. Aber wird behandelt wie man einen Gast behandelt, aufmerksam und mit Respekt. Er ist König i.R. Daran wird sich auch nichts mehr ändern. Damit zufrieden zu sein ist nun das, was er lernen muss.            


Als Ende eines großen Erzählbogens ist das ein ernüchternder Abschluss. Wenn Hoffnung ist, dann ruht sie jedenfalls nicht auf dem Möglichkeiten des Königshauses. Sie ruht auch nicht auf den Möglichkeiten des Volkes, weder der Exilierten in Babylon noch der Zurückgebliebenen in Juda und Israel. Hoffnung gibt es nur, wenn Gott, der HERR, selbst neu handelt und einen neuen Weg eröffnet. Davon aber weiß das Buch der Könige noch nicht zu reden.

Herr                                                                                                                                         wenn Du nicht mit uns auf dem Weg bleibst                                                                            enden alle Wege im Nichts                                                                                               Wenn Du uns nicht den Tag neu öffnest                                                                                 bleibt nur noch das Dunkel                                                                                               Wenn Du uns nicht neue Schritte führst                                                                              gibt es keine Zukunft unter Deinem Segen

Herr                                                                                                                                       gib uns neue Wege                                                                                                               gib uns neuen Mut                                                                                                             Öffne Du uns die Augen                                                                                                    dass wir sehen können                                                                                                      was noch hinter dem Horizont verborgen ist                                                                       aber bei Dir schon da –                                                                                                        Dein Reich. Amen