Geht Klarheit nur intolerant?

2. Könige 23, 4 – 25

4 Und der König gebot dem Hohenpriester Hilkija und dem zweitobersten Priester und den Hütern der Schwelle, dass sie aus dem Tempel des HERRN hinaustun sollten alle Geräte, die dem Baal und der Aschera und allem Heer des Himmels gemacht waren. Und er ließ sie verbrennen draußen vor Jerusalem im Tal Kidron und ihre Asche nach Bethel bringen.

Tempelreinigung. Eine lange Zeit der Unklarheit, der Vermischung geht zu Ende. Die Götterbilder, die sich „eingenistet“ hatten, die eingeschleppt worden waren, werden entfernt. Josia macht ein Ende mit dem Religions-Mischmasch. Es klingt intolerant und es hat wohl auch – schon seinerzeit? – Stimmen gegeben, die das als Rückfall in enge Zeiten verstanden haben.

5 Und er setzte die Götzenpriester ab, die die Könige von Juda eingesetzt hatten, um auf den Höhen zu opfern in den Städten Judas und um Jerusalem her; auch die dem Baal geopfert hatten, der Sonne und dem Mond und den Planeten und allem Heer am Himmel.

 Es bleibt nicht bei den Gegenständen. Die Maßnahmen Josia betreffen auch Menschen. Was mit ihnen passiert, bleibt unklar. Jedenfalls werden sie abgesetzt, aus dem Umfeld des Tempels entfernt. Priester ohne Funktion und Unterhalt.

6 Und er ließ das Bild der Aschera aus dem Hause des HERRN bringen hinaus vor Jerusalem an den Bach Kidron und verbrennen am Bach Kidron und zu Staub mahlen und den Staub auf die Gräber des einfachen Volks werfen. 7 Und er brach ab die Häuser der Tempelhurer, die an dem Hause des HERRN waren, in denen die Frauen Gewänder für die Aschera wirkten. 8 Und er ließ kommen alle Priester aus den Städten Judas und machte unrein die Höhen, wo die Priester opferten, von Geba an bis nach Beerscheba und brach ab die Höhe der Feldgeister, die vor dem Tore Joschuas, des Stadtvogts, war zur Linken, wenn man zum Tor der Stadt hineingeht. 9 Doch durften die Priester der Höhen nicht opfern auf dem Altar des HERRN in Jerusalem, sondern aßen ungesäuertes Brot unter ihren Brüdern. 10 Er machte auch unrein das Tofet im Tal Ben-Hinnom, damit niemand seinen Sohn oder seine Tochter dem Moloch durchs Feuer gehen ließe. 11 Und er schaffte die Rosse ab, die die Könige von Juda für den Dienst der Sonne bestimmt hatten am Eingang des Hauses des HERRN, bei der Kammer Netan-Melechs, des Kämmerers, die am Parwarhause war, und die Wagen der Sonne verbrannte er mit Feuer.12 Und die Altäre auf dem Dach, dem Obergemach des Ahas, die die Könige von Juda gemacht hatten, und die Altäre, die Manasse gemacht hatte in den beiden Vorhöfen des Hauses des HERRN, brach der König ab und ging hin und warf ihren Staub in den Bach Kidron. 13 Auch die Höhen, die östlich von Jerusalem waren, zur Rechten am Berge des Verderbens, die Salomo, der König von Israel, gebaut hatte der Astarte, dem gräulichen Götzen von Sidon, und Kemosch, dem gräulichen Götzen von Moab, und Milkom, dem gräulichen Götzen der Ammoniter, machte der König unrein 14 und zerbrach die Steinmale und hieb die Ascherabilder um und füllte ihre Stätte mit Menschenknochen.

Es folgt eine schier endlos lange Liste von Maßnahmen, nicht nur am Tempel, nicht nur in Jerusalem. Ganz Juda ist betroffen, das Land genauso wie die Städte. Immer sind es Zerstörungen, „Säuberungen“, Trennungen, immer auch verbunden mit Arbeitsverboten für Priester. Diesen Säuberungen fallen ehrwürdige Stätten zum Opfer. Altäre, die die Vorfahren errichtet hatten. Höhen, die über lange Zeit „Heilige Orte“ waren. Auch das wird mit dieser langen Liste deutlich: Das alte Volk Gottes war nie so eindeutig in seinem Glauben monotheistisch, wie wir uns das vorstellen mögen. Der Glauben an den einen Gott allein war immer gefährdet, von innen und von außen.

15 Auch den Altar in Bethel, die Höhe, die Jerobeam gemacht hatte, der Sohn Nebats, der Israel sündigen machte, diesen Altar brach er ab, zerschlug seine Steine und machte sie zu Staub und verbrannte das Bild der Aschera.

 Die Reformen machen nicht an der Grenze Judas Halt. Bis ins Nordreich hinein reichen sie und haben sie Konsequenzen. Der Altar in Bethel aus der Zeit Jerobeams ist nur ein Beispiel.

16 Und Josia wandte sich um und sah die Gräber, die auf dem Berge waren, und sandte hin und ließ die Knochen aus den Gräbern holen und verbrannte sie auf dem Altar und machte ihn unrein nach dem Wort des HERRN, das der Mann Gottes ausgerufen hatte, als er es verkündete. 17 Und er sprach: Was ist das für ein Grabmal, das ich sehe? Und die Leute in der Stadt sprachen zu ihm: Es ist das Grab des Mannes Gottes, der von Juda kam und ausrief, was du getan hast an dem Altar in Bethel. 18 Und er sprach: Lasst ihn liegen, niemand rühre seine Gebeine an! Und so blieben mit seinen Gebeinen auch die Gebeine des Propheten unberührt, der von Samaria gekommen war.

 Es ist eine archaisch anmutende Massnahme: Menschenknochen verbrennen und die Asche auf die vormals heiligen Stätten streuen. Weil die Berührung mit Toten und mit Totem unrein macht, das ist Überzeugung aller Völker im Orient, nicht nur in Israel, ist das so wirksam. Niemand kann mehr dorthin gehen. Es gibt nur eine Stelle, wo Josia zögert und nicht radikal zerstört – am Grab des Gottesmannes, der das Unheil über den Tempel in Bethel vorausgesagt hatte (1. Könige 13, 32) Weil er ein Prophet war, bleibt sein Grab verschont.

19 Und er entfernte auch alle Heiligtümer auf den Höhen in den Städten Samariens, die die Könige von Israel gemacht hatten, um den HERRN zu erzürnen, und tat mit ihnen, ganz wie er in Bethel getan hatte. 20 Und er ließ alle Priester der Höhen, die dort waren, schlachten auf den Altären und verbrannte Menschengebeine darauf und kam nach Jerusalem zurück.

 Das ist erschreckend: Es trifft nicht nur die Gegenstände. Es trifft auch die Menschen. er ließ alle Priester der Höhen, die dort waren, schlachten auf den Altären. Josia gebärdet sich als später Nachfahre des Elia: Fast könnte man sagen, als sein Testamentsvollstrecker. Die Reform wird blutig zu Ende geführt.

 Josias Reform kennt keine Ehrfurcht vor gewachsener Kultur und Religiosität, vor lang geübter Volksfrömmigkeit. Sie folgt einer radikalen theologischen Linie: Jahwe allein. Sie ist einseitig – und für heutiges Empfinden wohl nicht nachvollziehbar. Übrig bleibt ein Tempel und ein bildloser Gottesdienst.

 21 Und der König gebot dem Volk: Haltet dem HERRN, eurem Gott, Passa, wie es geschrieben steht in diesem Buch des Bundes! 22 Denn es war kein Passa so gehalten worden wie dies von der Zeit der Richter an, die Israel gerichtet haben, und in allen Zeiten der Könige von Israel und der Könige von Juda, 23 sondern im achtzehnten Jahr des Königs Josia wurde in Jerusalem dies Passa gehalten dem HERRN.

 Nach der Destruktion folgt die Reformation. Seit unsäglichen Zeiten ist es unter Josia das erste Mal, dass das Passa gehalten wird, so wie es im Buch des Bundes geschrieben ist. Das wird breit geschildert in 2. Chronik 35

24 Auch rottete Josia aus alle Geisterbeschwörer, Zeichendeuter, Abgötter und Götzen und alle Gräuel, die im Lande Juda und in Jerusalem zu sehen waren, damit er erfüllte die Worte des Gesetzes, die geschrieben standen in dem Buch, das der Priester Hilkija im Hause des HERRN gefunden hatte. 25 Seinesgleichen war vor ihm kein König gewesen, der so von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften sich zum HERRN bekehrte, ganz nach dem Gesetz des Mose, und nach ihm kam seinesgleichen nicht auf.

 Und noch einmal wird darauf hingewiesen: Josia reinigt das Land von Götzenbilder und Götzendienern. Und so wie es geschrieben ist, ist klar: Die Schreiber dieser Zeilen zollen ihm dafür hohen Respekt. Und dann wird von Josia im gleichen Ton wie von dem 100 Jahre zuvor lebenden Hiskia (18,5) geredet: Seinesgleichen war vor ihm kein König gewesen..und nach ihm kam seinesgleichen nicht auf. Kein König wie Hiskia, kein König wie Josia, vorher nicht und nachher nicht. Einmalig.

 Beide sind Könige, die ihr Volk in einer relativ ruhigen Zeit führen und es vor dem Zugriff der Grossmächte einigermassen schützen können. Und beide sind – so die Sicht im Königsbuch – Könige, die dem Jahwe-Glauben neu Bahn brechen im Land. Sie beenden das Nebeneinander der Gottesdienste für Jahwe mit irgendwelchen anderen Gottesdiensten für andere Götter. „Josia hat exemplarisch gezeigt, was die Forderung der Umkehr bedeutet: Gehorsam gegen die Gesetze des Deuteronomium und ihre Verwirklichung.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, S. 461)

 Das stellt in anderer Zeit, heute, vor die Frage: Wie sieht Umkehr heute aus, in einer Welt der religiösen Vielfalt und der religiösen Toleranz? Wenn es die Gewaltmittel des Josia nicht mehr sind – was ist es denn? Wie gewinnt der Glaube an den einen Gott, den Dreieinigen, heute eindeutige Konturen und eine einladende Gestalt?

Heiliger Gott,                                                                                                                          mit ungeteilten Herzen Dir dienen                                                                                          Dir folgen                                                                                                                            Deinen Namen ehren                                                                                                            ist meine Vision für mein Leben

Und neben mir leben andere Menschen                                                                               die ihrem Gott                                                                                                                        auch mit ungeteiltem Herzen                                                                                                  dienen und folgen wollen

Wir sind verschieden                                                                                                         auch wenn wir ein Anliegen haben                                                                                       das sich gleicht

Gib mir                                                                                                                                  dass ich den Respekt vor den Anderen                                                                              nie verlasse                                                                                                                              und gib mir                                                                                                                              dass ich Dir                                                                                                                          mit ungeteilten Herzen                                                                                                             und von ganzem Gemüt treu bin

Du bist mir ja auch treu bis zum Äussersten                                                                           bis zum Tod am Kreuz. Amen