Keine leeren Worte

2. Könige 19, 20 – 37

20 Da sandte Jesaja, der Sohn des Amoz, zu Hiskia und ließ ihm sagen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Was du zu mir gebetet hast um Sanheribs willen, des Königs von Assyrien, das habe ich gehört. 21 Das ist’s, was der HERR gegen ihn geredet hat: Die Jungfrau, die Tochter Zion, verachtet dich und spottet deiner. Die Tochter Jerusalem schüttelt ihr Haupt hinter dir her. 22 Wen hast du gehöhnt und gelästert? Über wen hast du deine Stimme erhoben? Du hast deine Augen erhoben wider den Heiligen Israels!

So spricht der HERR, der Gott Israels. Es ist Eines, ein Wort zur Lage zu sagen, dass auf der eigenen Weisheit und Einsicht fusst. Es ist ein Anderes, das Wort zu sagen, das empfangen worden ist, aus der Weite des Himmels, von dem HERRN, dessen Worte tun, was sie sagen. Jesaja sagt das Wort des HERRN.

 Was vorher noch irgendwie verschleiert erschienen sein mag, wird jetzt von Gott her aufgedeckt. Die Botschaft des Sanherib hat nicht dem Hiskia gegolten, obwohl sie ihm den Mut nehmen und das Vertrauen auf den HERRN rauben sollte. Sie hat Gott gelästert. Sie hat dem Herrn seine Fähigkeit abgesprochen zu helfen, zu retten, zu bewahren. Sie hat den Gott Israels auf eine Stufe gestellt mit den ohnmächtigen Götzen der Völker.

 Dieser Größenwahn des Königs lässt die Tochter Zion spotten, die Tochter Jerusalem ihr Haupt schütteln. Kopfschütteln bei den Bedrängten löst der Hohn des Königs aus. „Da überschätzt sich aber jemand sehr!“

 23 Du hast den HERRN durch deine Boten verhöhnt und gesagt: Ich bin mit der Menge meiner Wagen auf die Höhen der Berge gestiegen, in den innersten Libanon. Ich habe seine hohen Zedern und auserlesenen Zypressen abgehauen und bin gekommen bis zur äußersten Herberge darin im dichtesten Walde. 24 Ich habe gegraben und getrunken die fremden Wasser und werde austrocknen mit meinen Fußsohlen alle Flüsse Ägyptens. 25 Hast du nicht gehört, dass ich es lange zuvor bereitet und von Anfang an geplant habe? Nun aber habe ich’s kommen lassen, dass du feste Städte zerstörtest zu wüsten Steinhaufen. 26 Und die darin wohnen, wurden ohne Kraft und fürchteten sich und wurden zuschanden. Sie wurden wie das Gras auf dem Felde und wie das grüne Kraut, wie Gras auf den Dächern, das verdorrt, ehe es reif wird.

 Es folgt eine Persiflage. Die selbstgefälligen Ruhmreden des Assyrers werden wiederholt. Und sie werden entlarvt, als ein Reden, das den Hintergrund der Gesichte nicht kennt. Es ist der Gott Israels, der HERR, dessen Plänen Sanherib dienstbar war. Er hat ihn seine Erfolge feiern lassen. Er hat den Völkern die Kraft genommen. Wo Sanherib sich als den großen Strategen sieht, ist er doch nur ein Bauer im Schachspiel Gottes, einer, der von seiner Hand geführt wird.

Was hier über Sanherib gesagt wird, gilt nicht nur für ihn – es gilt für alle Großmächte der Welt: Sie müssen doch Gottes Wegen dienen. Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben“ heißt es sprichwörtlich. Biblisch gesprochen klingt das so: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.“(Sprüche 16,9) Das beziehen wir meistens nur auf die Existenz des einzelnen in seinem privaten Umfeld. Aber es gilt, so sagt der Prophet, auch für die Wege der Mächtigen. Es ist nicht so weit her mit dem freien Willen, der nur will, was er will. Am Willen Gottes findet er seine Grenze.

27 Ich weiß von deinem Aufstehen und Sitzen, deinem Ausziehen und Einziehen und dass du tobst gegen mich. 28 Weil du denn gegen mich tobst und dein Übermut vor meine Ohren gekommen ist, so will ich dir meinen Ring in deine Nase legen und meinen Zaum in dein Maul und will dich den Weg wieder zurückführen, den du hergekommen bist.

 Und dann wird es vollends zum Hohn und Spott gegen Sanherib. Gott kennt alle seine Pläne, sein Aufstehen und Sitzen, sein Ausziehen und Einziehen. Was im Psalm das Vertrauenswort des Beters ist:                                                                                                „Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es,                                                                              du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                           Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                              und siehst alle meine Wege.                     Psalm 139, 2-3                                                  das wird hier zum Spottwort über Sanherib. Alle seine geheimen Absichten liegen offen zu Tage – und werden zunichte. So wird der Leser noch einmal erinnert an das, was er zuvor schon gelesen hatte: „Elisa, der Prophet in Israel, sagt alles dem König von Israel, auch was du in der Kammer redest, wo dein Lager ist.“(6,12) Es gibt keine geheimen Pläne vor dem Gott Israels.

Das gehört zu den Grundüberzeugungen biblischen Denkens. Vor Gottes Augen gibt es kein Verbergen. Es ist töricht, mit Gott Versteck spielen zu wollen. „Adam, wo bist du?“  (1. Mose 3,9) ruft er im Anfang, er, der alles Sein ins Leben gerufen hat. Und mit den Worten „Der Herr wird ans Licht bringen, auch was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Alsdann wird einem jeden von Gott sein Lob widerfahren“ (1. Korinther 4,5) beschreibt Paulus seine Erwartung für das Ende der Zeiten, das Gericht, die grosse Wende, die Ewigkeit.

 Und er, vor dem alles offenbar werden muss, offenbart nun seinen Plan mit Sanherib. „Er hat getobt gegen Gott und in seinem Übermut sich selbst gerühmt. So wird Jahwe ihm tun, wie die assyrischen Könige ihren Feinden zu tun pflegten.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, S. 431) Wie einen Stier wird er ihn am Nasenring führen. Willenlos muss er folgen, dorthin zurück gehen, woher er gekommen ist. Was für eine Schmach! Die Verspotteten verspotten den Spötter!

 29 Und das sei dir, Hiskia, ein Zeichen: In diesem Jahr iss, was von selber nachwächst, im nächsten Jahr, was auch dann noch wächst, im dritten Jahr sät und erntet und pflanzt Weinberge und esst ihre Früchte. 30 Und was vom Hause Juda errettet und übrig geblieben ist, wird von neuem nach unten Wurzeln schlagen und oben Frucht tragen. 31 Denn von Jerusalem werden ausgehen, die übrig geblieben sind, und die Erretteten vom Berge Zion. Der Eifer des HERRN Zebaoth wird solches tun.

Hiskia mag nur die augenblickliche Bedrängnis vor Augen haben. Das Wort des Propheten erinnert ihn: Die Zeiten wandeln sich. The times they are changing. Es wird wieder Zeiten voller Normalität für Jerusalem, für Juda geben.Zeiten zu säen, zu ernten, zu bauen, Ehen zu schliessen und Kinder zu zeugen und gebären.

 Der Hinweis auf das, was vom Hause Juda errettet und übrig geblieben ist, auf die Erretteten vom Berge Zion zeigt, dass hier schon aus der Perspektive nach dem Untergang Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. formuliert ist, aber in die Zeit vor dem Fall zurück getragen wird. So wird hier schon der Glaube sichtbar, dass auch der Fall Jerusalems in Gottes Hand ist und er neu handeln wird. Das alles geschieht nicht, weil der Überlebenswille so gross ist, sondern weil Jahwe es will. „Nicht Menschen schaffen, sondern Gott schenkt Zukunft.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, S. 432)

 32 Darum spricht der HERR über den König von Assyrien: Er soll nicht in diese Stadt kommen und keinen Pfeil hineinschießen und mit keinem Schild davor kommen und soll keinen Wall gegen sie aufschütten, 33 sondern er soll den Weg wieder zurückziehen, den er gekommen ist, und soll in diese Stadt nicht kommen; der HERR sagt’s. 34 Und ich will diese Stadt beschirmen, dass ich sie errette um meinetwillen und um meines Knechtes David willen.

Es folgt – fast wie ein Orakelspruch – noch einmal eine Zusage an Hiskia. Der König von Assyrien wird die Stadt Jerusalem nicht betreten. Die Belagerung komt gar nicht erst richtig zustande. Er tritt den Heimweg nach Assur an.

 Es fällt auf: Der Ton dieses Wortes ist anders als in den Versen 23 – 28. Dort regiert der Spott. Hier wird nur sachlich gesagt, was sein wird.

 35 Und in dieser Nacht fuhr aus der Engel des HERRN und schlug im Lager von Assyrien hundertfünfundachtzigtausend Mann. Und als man sich früh am Morgen aufmachte, siehe, da lag alles voller Leichen. 36 So brach Sanherib, der König von Assyrien, auf und zog ab, kehrte um und blieb zu Ninive. 37 Und als er anbetete im Haus seines Gottes Nisroch, erschlugen ihn mit dem Schwert seine Söhne Adrammelech und Sarezer, und sie entkamen ins Land Ararat. Und sein Sohn Asarhaddon wurde König an seiner statt.

 Das Orakel erfüllt sich. Stehenden Fußes, in dieser Nacht. Man kann darüber spekulieren, was in dieser Nacht geschieht, ob es eine Pest ist oder was auch sonst immer. Mich erinnert der Hinweis auf den Engel an die andere Nacht: „Und zur Mitternacht schlug der Herr alle Erstgeburt in Ägyptenland, vom ersten Sohn des Pharao an, der auf dem Thron saß, bis zum ersten Sohn des Gefangenen im Gefängnis und alle Erstgeburt des Viehs“(2.Mose 12,29) Das wäre dann das Urteil der Schreiber des Königebuches: Die Rettung Jerusalems vor dem Untergang im Jahr 701 ist ein Wunder ähnlich der Passahnacht, die den Exodus mit sich brachte.

 Bleibt nur noch ein Nachtrag: Sanherib wird zu Hause ermordet, als er anbetete im Haus seines Gottes Nisroch. Sein Gott vermochte ihn nicht zu schützen. Aber das Wort Jahwes ist in Erfüllung gegangen.

Heiliger Gott                                                                                                                              das ist Deine Weise                                                                                                                 dass Du die Mächtigen an ihre Grenze führst                                                                         Das ist Deine Weise                                                                                                             dass Du Einhalt gebietest                                                                                                    wenn alle Grenzen fallen sollen                                                                                           wenn einer alles an sich reißen will

Bewahre Du mich                                                                                                                uns                                                                                                                                        vor dem Hochmut                                                                                                                 der sich alles traut und deshalb kein Gottvertrauen mehr braucht

Bewahre Du uns                                                                                                                  mich mit den vielen anderen                                                                                                   vor dem Glauben an die Macht und die Machbarkeit

Öffne Du die Augen                                                                                                                  neu zu sehen                                                                                                                         Was wir haben                                                                                                                         haben wir empfangen. Amen