Worte, die Kraft und Glauben rauben sollen

2. Könige 18, 13 – 37

Die nachfolgendene Texte 2. Könige 18,13 – 19,37 finden sich in weitestgehend wörtlicher Übereinstimmung im Jesaja-Buch, Kap 36,1 – 37,38 wieder.

 13 Im vierzehnten Jahr des Königs Hiskia zog herauf Sanherib, der König von Assyrien, gegen alle festen Städte Judas und nahm sie ein. 14 Da sandte Hiskia, der König von Juda, zum König von Assyrien nach Lachisch und ließ ihm sagen: Ich hab Unrecht getan, zieh weg von mir. Was du mir auferlegst, will ich tragen.

 Die Spannung zu den vorangehenden Versen ist mit Händen zu greifen. Da wird es mit einem Satz erledigt (18,7b), dass Hiskia vom Assyrer-König abfällig wird. Dass ihn das in Schwierigkeiten bringen könnte, ahnt man als Leser nach diesem kurzen Satz auf keinen Fall, zumal ja sofort folgend militärische Gebietsgewinne aufgelistet werden.

 Aber wie steht es in Wahrheit um die Loslösung von Assur? Hiskia hatte seinen Vasallenvertrag „gekündigt“, die Tributzahlungen eingestellt und versucht, sich unabhängig von den Assyrern zu machen (18,7). Die Antwort ist ein Feldzug des Sanherib, in dem er alle festen Städte Judas einnimmt. Lachisch, die große Festung, bezahlt ihren Widerstand mit der völligen Zerstörung. Das macht Hiskia in Jerusalem deutlich: Nur Unterwerfung ist ein Weg, um einer Katastrophe zu entgehen. So schickt er – reumütig – Boten nach Lachisch zu Sanherib: Ich hab Unrecht getan, zieh weg von mir. Was du mir auferlegst, will ich tragen. Er weiss: wenn es zum Krieg kommt, hat Juda samt Jerusalem keine Chance.

 Da legte der König von Assyrien Hiskia, dem König von Juda, dreihundert Zentner Silber auf und dreißig Zentner Gold. 15 So gab Hiskia all das Silber, das sich im Hause des HERRN und in den Schätzen des Hauses des Königs fand. 16 Zur selben Zeit zerbrach Hiskia, der König von Juda, die Türen am Tempel des HERRN und das Goldblech, das er selbst hatte darüber ziehen lassen, und gab es dem König von Assyrien.

Sanherib antwortet als Erstes mit schweren Forderungen. Sie sind so hoch, dass der Tempelschatz und die Habe des Königs nicht reichen. Sogar die Türen und der ganze Goldschmuck des Tempels müssen dran glauben. Am Ende steht der Tempel da wie ein „gerupftes Huhn.“17 Und der König von Assyrien sandte den Tartan und den Rabsaris und den Rabschake von Lachisch zum König Hiskia mit großer Heeresmacht nach Jerusalem und sie zogen hinauf. Und als sie hinkamen, hielten sie an der Wasserleitung des oberen Teiches, der an der Straße bei dem Acker des Walkers liegt. 18 Und sie riefen nach dem Könige. Da kamen zu ihnen heraus der Hofmeister Eljakim, der Sohn Hilkijas, und der Schreiber Schebna und der Kanzler Joach, der Sohn Asafs.

 Mit dem Tribut ist es nicht getan. Sanherib sendet seine Feldherren mit entsprechenden Truppen vom schon zerstörten Lachisch zum König Hiskia nach Jerusalem. Dort beziehen sie Stellung im Angesicht der Mauern Jerusalems. Und bestellen den König ein. Der kommt nicht selbst, aber drei hochgestellt Hofbeamten gehen zu den Assyrern hinaus.

 19 Und der Rabschake sprach zu ihnen: Sagt doch dem König Hiskia: So spricht der große König, der König von Assyrien: Was ist das für ein Vertrauen, das du da hast? 20 Meinst du, bloße Worte seien schon Rat und Macht zum Kämpfen? Auf wen verlässt du dich denn, dass du von mir abtrünnig geworden bist? 21 Siehe, verlässt du dich auf diesen zerbrochenen Rohrstab, auf Ägypten, der jedem, der sich darauf stützt, in die Hand dringen und sie durchbohren wird? So ist der Pharao, der König von Ägypten, für alle, die sich auf ihn verlassen.

 Es ist schon viel Ironie mit im Spiel in den Worten des Rabschake (= ursprünglich wohl nur der Mundschenk). Er ist der Wortführer, während die beiden Anderen, die eigentlichen Militärführer, ihm das Reden überlassen. Auf wen verlässt du dich? Das ist die Frage, die sich wie ein Stachel festsetzt. Auf Ägypten? Vergiss es. Und: Mit Worten gewinnt man keinen Krieg. Es ist die überlegende Militärmacht, die hier fragt – so wie Jahrtausende später Stalin gefragt haben soll, als man ihn vor der Stärke des Vatikan warnen will: „Wie viele Divisionen hat der Papst?“

 22 Oder wollt ihr zu mir sagen: Wir verlassen uns auf den HERRN, unsern Gott! Ist er es denn nicht, dessen Höhen und Altäre Hiskia entfernt und zu Juda und zu Jerusalem gesagt hat: Nur vor diesem Altar, der in Jerusalem ist, sollt ihr anbeten?

Bleibt das Erste auf der Ebene der vorweisbaren Macht, und die Boten des Hiskia müssen die Realitäten sprachlos anerkennen, so kommt jetzt der wirklich ernste Angriff: Wir verlassen uns auf den HERRN, unsern Gott! Ist das die Jerusalemer Parole? Und wieder ist es einigermaßen ironisch, wie der Rabschake argumentiert. Er wendet die Kultzentralisation gegen Hiskia. Du hast doch gerade erst die Heiligtümer geschleift auf den Höhen – und übrig ist nur dieser eine Tempel, dessen Türen ihr auch schon geplündert habt.

Es ist ein Argument, dass an die Boten geht, aber auf die abgezielt ist, die früher auf den Höhen aktiv waren, die nicht zurecht kommen mit dem: Nur vor diesem Altar, der in Jerusalem ist, sollt ihr anbeten? Und unausgesprochen fragt er: Glaubt ihr wirklich, dass der Herr euch nach diesem Weg beistehen wird?

Die Unzufriedenheit mit der radikalen Zentralisation auf den Tempel in Jerusalem spiegelt sich in den Worten des Rabschake und wird zur Bedrohung. Das gottesdienstliche Leben verarmt, wenn es nur noch an dem einen Zentralort seinen Platz hat.

23 Wohlan, nimm eine Wette an mit meinem Herrn, dem König von Assyrien: Ich will dir zweitausend Rosse geben, ob du Reiter dazu stellen kannst? 24 Wie willst du denn zurücktreiben auch nur einen der geringsten von meines Herrn Untertanen? Und du verlässt dich auf Ägypten um der Wagen und Gespanne willen.

 Wieder wird die Ebene gewechselt. Zähle doch Deine Truppen. Ironisch wird eine Wette angeboten, als ob ernsthaft damit zu rechnen sei, dass Sanherib 2000 Pferde hergibt und Hiskia 2000 Reiter aufstellen kann. Seine militärische Ohnmacht wird ins Lächerliche gezogen. Und noch einmal an den wankelmütigen und schwachen Verbündeten erinnert: schöner Beistand, das hinfällig gewordene Weltreich.

 25 Meinst du aber, ich sei ohne den HERRN heraufgezogen, dass ich diese Stätte verderbe? Der HERR hat mir’s geboten: Zieh hinauf in dies Land und verdirb es!

 Und dann die schärfste Waffe im Krieg der Worte: Der HERR hat mir’s geboten: Zieh hinauf in dies Land und verdirb es! Du glaubst den HERRN an Deiner Seite, aber wir sind in seinem Auftrag hier. Das muss den Belagerten den Boden unter den Füßen wegziehen. Gott ist mit uns – steht auf den Koppelschlössern der Assyrer. Behauptet der Rabschake.

 26 Da sprachen Eljakim, der Sohn Hilkijas, und Schebna und Joach zum Rabschake: Rede mit deinen Knechten aramäisch, denn wir verstehen’s, und rede nicht mit uns hebräisch vor den Ohren des Volks, das auf der Mauer ist.

 Die Reaktion kommt prompt. Schon bisher hatte die Rede des Rabschake nicht nur den drei Gesandten gegolten, sondern allen, vor allem denen auf der Mauer. Deshalb hat er hebräisch gesprochen. Es ist eine Rede zur Senkung der Verteidigungsmoral. Um zu retten, was noch zu retten ist, bitten die drei Boten: Von jetzt an aramäisch, denn wir verstehen’s. Und nichts mehr zum Volk.

 27 Aber der Rabschake sprach zu ihnen: Hat mich denn mein Herr zu deinem Herrn oder zu dir gesandt, dass ich solche Worte rede, und nicht vielmehr zu den Männern, die auf der Mauer sitzen, dass sie mit euch ihren eigenen Mist fressen und ihren Harn saufen?

 Der Rabschake aber denkt nicht daran, ihre Bitte zu hören. Von Anfang an ist das Ziel der Rede, den Verteidigern auf den Mauern den Mut zu nehmen. Sie pfeifen doch schon auf dem letzten Loch, die ihren eigenen Mist fressen und ihren Harn saufen. Sie sollen sehen, dass nur noch das nackte Leben zu retten ist.

 28 Da trat der Rabschake hin und rief mit lauter Stimme auf Hebräisch und sprach: Hört das Wort des großen Königs, des Königs von Assyrien! 29 So spricht der König: Lasst euch von Hiskia nicht betrügen, denn er vermag euch nicht zu erretten aus meiner Hand. 30 Und lasst euch von Hiskia nicht vertrösten auf den HERRN, wenn er sagt: Der HERR wird uns erretten und diese Stadt wird nicht in die Hände des Königs von Assyrien gegeben werden. 31 Hört nicht auf Hiskia!

 Jetzt wird er deutlich, erst recht auf Hebräisch. Er versucht, den Keil zwischen Hiskia und seine Soldaten zu treiben. Hiskia betrügt euch. Und es sind nur schöne Worte, wenn er sagt: Der HERR wird uns erretten und diese Stadt wird nicht in die Hände des Königs von Assyrien gegeben werden. Sonntagsreden eines Königs, der ausgespielt hat.

 Denn so spricht der König von Assyrien: Schliesst Freundschaft mit mir und kommt zu mir heraus, so soll jedermann von seinem Weinstock und seinem Feigenbaum essen und von seinem Brunnen trinken, 32 bis ich komme und euch hole in ein Land, das eurem Lande gleich ist, darin Korn, Wein, Brot, Weinberge, Ölbäume und Honig sind; dann werdet ihr am Leben bleiben und nicht sterben.

 Und dann das verführerische Angebot: Wer aufgibt,soll nicht nur das nackte Leben retten. Ihr sollt euer Eigentum behalten – freilich nur solange, bis ihr umgesiedelt werdet. Aber auch dort müsst ihr nicht darben – es ist ein Land, darin Korn, Wein, Brot, Weinberge, Ölbäume und Honig sind. Hier ist die Konkurrenz zu den Verheißungen Jahwes nicht zufällig, sondern doch wohl gewollt. Er hatte dem ganzen Israel ja versprochen „Und ich will vor dir her senden einen Engel … und will dich bringen in das Land, darin Milch und Honig fließt.“(2. Mose 33,2-3) Werden die Männer Hiskias nicht schwach werden, wenn sie das hören – statt dem sicheren Tod das Leben wählen? Das ist doch alles besser als der blutige Untergang. Und Lachisch war ja nicht so weit weg, dass man nicht davon gehört hätte.

 Hört nicht auf Hiskia, denn er verführt euch, wenn er spricht: Der HERR wird uns erretten. 33 Haben etwa die Götter der andern Völker ihr Land errettet aus der Hand des Königs von Assyrien? 34 Wo sind die Götter von Hamat und Arpad? Wo sind die Götter von Sefarwajim, Hena und Awa? Wo sind die Götter des Landes Samarien? Haben sie Samaria errettet aus meiner Hand? 35 Wo ist ein Gott unter den Göttern aller Länder, der sein Land aus meiner Hand errettet hätte, dass allein der HERR Jerusalem aus meiner Hand erretten sollte?

 Erst das Zuckerbrot, jetzt die Peitsche. Erst das Angebot, jetzt die blanke Drohung. Alle, die den Assyrern widerstehen wollten, haben sich auf ihre Götter verlassen. Aber am Ende waren es nur Göttlein. Schwächer als der Hand des Königs von Assyrien. Glaubt doch nicht, dass der HERR etwas so Besonderes wäre, dass er vermöchte, was sonst keiner der Götter vermochte.

 Es ist der hohe Mut, der Hochmut, der nach der Überlieferung des Danielbuches auch Nebukadnezar beseelt: „Lasst sehen, wer der Gott ist, der euch aus meiner Hand erretten könnte!“ Daniel 3, 15) Und die Lage der Männer im Feuerofen kst ähnlich hoffnungslos wie die Jerusalem angesichts der Truppen des Rabschake.

 Es ist ein Meisterwerk einer Rede zur Demoralisierung des Feindes. Sie führt die Stärke des Feindes und die eigene Schwäche vor Augen. Sie rüttelt an den Grundfesten des Glaubens. Sie sagt: Seht doch die Realitäten, wie sie sind und träumt euch nicht in eine Welt hinein, die euch euer König vorgaukelt.

 Mag sein, sie ist zusammen gewachsen aus mehreren Schichten. Mag sein, es war ursprünglich nur eine Rede an die Soldaten auf den Mauern, und die anderen Teile an die Boten des Hiskia sind irgendwie dazu gefügt. Aber die, die diese eine Rede aus den einzelnen Teilen zusammen gefügt haben, erweisen sich damit als Kenner des menschlichen Herzens. Sie kennen sowohl die Arroganz der Macht, die nur ihre eigene Wirklichkeit anerkennt. Aber genauso gut kennen sie die Wirkung, die solche arroganten Machtworte auf eine verängstigte, eingeschüchterte, mit ihren körperlichen und seelischen Kräften ans Ende gekommenen Truppe haben müssen. Sie ziehen das Mark aus den Knochen und lassen nur noch den Gedanken an Kapitulation übrig.

 36 Das Volk aber schwieg still und antwortete ihm nichts, denn der König hatte geboten: Antwortet ihm nichts. 37 Da kamen der Hofmeister Eljakim, der Sohn Hilkijas, und der Schreiber Schebna und der Kanzler Joach, der Sohn Asafs, zu Hiskia mit zerrissenen Kleidern und sagten ihm die Worte des Rabschake an.

 Was sollen sie auf den Mauern auch sagen? Es hätte den Befehl des Hiskia: Antwortet ihm nichts.nicht gebraucht, weder für die Männer unter Waffen noch für seine Boten. Als die zurückkommen, zeigt schon ihr Auftreten, was Sache ist. Sie kommen mit zerrissenen Kleidern, wie zur Totenklage.

Herr                                                                                                                                   verschliesse Du meine Ohren                                                                                              für die Worte                                                                                                                         die mir den Mut nehmen wollen                                                                                           die Kraft rauben                                                                                                                   den Glauben zertrümmern

 

Lass Du mich standhalten                                                                                               wenn einer lächelnd sagt                                                                                                        Wer sich auf Gott verlässt ist Gottverlassen                                                                      Lass Du mich am Glauben festhalten                                                                                   wenn die Vernunft und die Macht gemeinsam sagen                                                          Gott kannst Du vergessen                                                                                                     Er wird nicht helfen

Gib mir ein festes Herz                                                                                                         und einen gewissen Geist                                                                                                    die sich gründen in Dir. Amen