Volksfrömmigkeit?

2. Könige 17, 24 – 41

Der König von Assyrien aber ließ Leute von Babel kommen, von Kuta, von Awa, von Hamat und Sefarwajim und ließ sie wohnen in den Städten von Samarien an Israels statt. Und sie nahmen Samarien ein und wohnten in seinen Städten. 25 Als sie aber anfingen, dort zu wohnen, und den HERRN nicht fürchteten, sandte der HERR unter sie Löwen, die töteten sie. 26 Und man ließ dem König von Assyrien sagen: Die Völker, die du hergebracht und mit denen du die Städte Samariens besetzt hast, wissen nichts von der Verehrung des Gottes dieses Landes. Darum hat er Löwen unter sie gesandt, und siehe, diese töten sie, weil sie nichts wissen von der Verehrung des Gottes dieses Landes.

 Nachdem das Nordreich geschlagen ist, siedelt der Assyrer-König Leute aus seinen Ländereien dort an, vorzugsweise wohl Assyrer. Da Salmanassar V. und sein Nachfolger Sargon nicht ausdrücklich genannt werden, kann der Satz auch die nach und nach erfolgende Beisiedlung Samarias durch „Fremdvölker“ beschreiben. Diese Siedlungspolitik wurde kaum mit einem Dekret ausgelöst und innerhalb kürzester Zeit durchgeführt. Sie dauerte.

 Die Informationen über die Herkunft der Siedler ist nicht nur geographisch zu verstehen. Babel und Kuta sind Orte, die wegen ihrer Heiligtümer angesehen sind. So verwundert es nicht, dass die Leute aus solchen Orten den HERRN nicht fürchteten, ist er doch nur der Gott eines geschlagenen Volkes.

Aber der HERR zeigt sich durchaus lebendig und „wehrhaft“. Er sendet eine Löwenplage, die den Neubewohnern Samariens zu schaffen macht. Darüber wird der König informiert. Die Löwenplage wird gedeutet: Sie ist Folge der Unwissenheit der Siedler im Blick auf die Verehrung des Gottes dieses Landes.

 Steht im Hintergrund das Konzept der Regional-Gottheiten? Wird Jahwe wie eine solche Regional-Gottheit angesehen? Er hat Macht: Sie reichte nicht aus, um Israel vor dem Untergang zu bewahren. Aber sie reicht aus, um dieses bösartige Plage zu inszenieren.

 27 Der König von Assyrien gebot: Bringt dorthin einen der Priester, die von dort weggeführt sind; er ziehe hin und wohne dort und lehre sie die Verehrung des Gottes des Landes. 28 Da kam einer der Priester, die von Samarien weggeführt waren, und wohnte in Bethel und lehrte sie, wie sie den HERRN fürchten sollten.

 Die Reaktion des Assyrer-Königs: Er will das Übel an der Wurzel ausrotten. Darum ordnet er keine Löwenjagd an, sondern „Aufklärung“, über einen geschlagenen Gott. So tolerant sind die Assyrer. Jede und jeder darf glauben, was er und sie will. Und jede Landschaft mag ihre besonderen, dort wirksamen Gottheiten haben. Deshalb lässt der König einen der Priester, die sich mit der Verehrung des Gottes des Landes auskennt, zurückführen. Er soll die Neusiedler mit dem dort gültigen, alten Kult vertraut machen. Als dieser Priester kommt, wohnt er in Bethel und erfüllt seinen Auftrag. Er bringt den Leuten bei, wie sie den HERRN fürchten sollten.

Wenn man diese Sätze liest, kann man den Eindruck bekommen: Es gab in Samaria niemand mehr, der Jahwe verehrte. Das ist historisch vermutlich unzutreffend. Denn weg geführt worden war, so sagen es assyrische Quellen, nur ein Bruchteil der Bevölkerung, nämlich ein Teil der Oberschicht, etwa 27.000 Menschen.

 Allerdings, aus der Sicht des Südreichs, aus der Sicht Judas, stellt sich alles anders dar: Im Südreich hatte man den Tempel in Bethel nie als vollgültiges Heiligtum anerkannt. Er war ja der „Konkurrenz-Tempel“ zum salomonischen Tempel in Jerusalem. Deshalb gilt auch die Jahwe-Verehrung in Samarien als höchst fragwürdig.

 29 Aber jedes Volk machte sich seinen Gott und tat ihn in die Heiligtümer auf den Höhen, die die Samaritaner gemacht hatten, jedes Volk in seinen Städten, in denen es wohnte. 30 Die von Babel machten sich Sukkot-Benot, die von Kuta machten sich Nergal, die von Hamat machten sich Aschima, 31 die von Awa machten sich Nibhas und Tartak; die von Sefarwajim verbrannten ihre Söhne dem Adrammelech und Anammelech, den Göttern derer von Sefarwajim.

 Die Verse 29-31 stammen ursprünglich aus einer anderen Erzählschicht. Sie werden durch Aber geschickt mit dem vorhergehenden Gedanken verbunden. Die Belehrung über den richtigen Gottesdienst bleibt oberflächlich. Die Neusiedler machen sich ihre eigene Heiligtümer. Sie knüpfen dabei an die Höhen an, die schon die Samaritaner zu falschem Gottesdienst verführt hatten. Sie bringen ihre Götter aus der Heimat mit, jede Gruppe ihren Regional-Gott. Es entsteht ein buntes Bild vielfältiger „Volksfrömmigkeit“ vor den Augen des Lesers. Das wird sicherlich nicht ohne Ironie dargestellt.

 32 Und weil sie auch den HERRN fürchteten, bestellten sie sich Priester auf den Höhen aus allem Volk unter ihnen; die opferten für sie in den Heiligtümern auf den Höhen. 33 So fürchteten sie den HERRN, dienten aber auch den Göttern nach dem Brauch der Völker, von denen man sie hergebracht hatte.

 Schlussendlich landen sie dann in Samarien bei einem schiedlich-friedlichen System: Man verehrt Jahwe und verehrt die eigenen, mitgebrachten Götter. Man sucht nach Priestern für Jahwe, man feiert Gottesdienste vor Jahwe, aber genau so auch vor den anderen Göttern. Es wirkt fast wie die Vorwegnahme interreligiöser Gottesdienste unserer Zeiten. Und wer zu lesen weiß, spürt, wie missbilligend diese Praxis im biblischen Text geschildert wird.

 34 Und bis auf diesen Tag tun sie nach den früheren Bräuchen: Sie fürchten weder den HERRN noch halten sie Satzungen und Rechte nach dem Gesetz und Gebot, das der HERR geboten hat den Söhnen Jakobs, dem er den Namen Israel gab; 35 hatte doch der HERR einen Bund mit ihnen geschlossen und ihnen geboten: Fürchtet keine andern Götter und betet sie nicht an und dient ihnen nicht und opfert ihnen nicht, 36 sondern den HERRN, der euch aus Ägyptenland geführt hat mit großer Kraft und ausgestrecktem Arm, den fürchtet, den betet an und dem opfert. 37 Und die Satzungen, Rechte, Gesetze und Gebote, die er euch hat aufschreiben lassen, die haltet, dass ihr danach tut allezeit, und fürchtet nicht andere Götter. 38 Und vergesst nicht den Bund, den er mit euch geschlossen hat, und fürchtet nicht andere Götter, 39 sondern fürchtet den HERRN, euren Gott; der wird euch erretten von allen euren Feinden.

Jetzt verlässt der historisch argumentierende Text seine historische Darstellung und nimmt seine Gegenwart in Blick: Was damals begonnen hat, setzt sich bis heute, bis auf diesen Tag, fort. Das Urteil ist vernichtend: Diese Religionsmischerei ist kein Glaube mehr. Die Leute dort haben den Weg des Glaubens an Jahwe, den HERRN, verlassen. Sie halten weder Gebote noch Gesetze. Sie fürchten den Gott der Väter nicht. Sie missachten das Gebot: Fürchtet keine andern Götter und betet sie nicht an und dient ihnen nicht. Gleich dreimal in wenigen Zeilen, fast wie ein Cantus firmus, wird es wiederholt: Fürchtet nicht andere Götter.

 Die Furcht Gottes schließt die Furcht vor anderen Göttern aus – gemeint ist damit auch: Der Gottesdienst vor Jahwe schließt den Gottesdienst vor und für andere Götter aus. Und umgekehrt: Wer anderen Göttern dient, dient damit automatisch nicht mehr Jahwe. Es ist eine strenge Ausschließlichkeit, die sich hier zu Wort meldet. „Jahwe allein“ war die Parole des Elia: „Erhöre mich, HERR, erhöre mich, damit dies Volk erkennt, dass du, HERR, Gott bist und ihr Herz wieder zu dir kehrst!“(1. Könige 18,37) Das Urteil hier ist ganz in dieser Spur. Die Samaritaner, so unser Text, sind eine Mischvolk mit einer Mischreligion und sie sind weit ab vom wahren Glauben.

 Es mag sein, dass sich hier das Urteil späterer Zeiten durchgesetzt hat, das die eigene Gegnerschaft in die Geschichte zurück projiziert und sie dabei nicht ganz fair zeichnet. Die Darstellung „stammt aus einer Zeit, da sich das Judentum von den Samaritanern distanzierte und bildet eine Dokument der nachexilischen Auseinandersetzung zwischen der jüdischen Gola und den Samaritanern, denen die Gemeinschaft bei dem Wiederaufbau in Palästina verweigert wurde.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, S. 403)

Es bleiben aber, weit über die historische Frage hinaus, Fragen berechtigt stehen: Wie ist das mit dem Gottesdienst, der Verehrung Gottes? Verträgt sich so etwas wie ein friedlich-schiedliches Miteinander der Götter mit der Universalität und der Einzigartigkeit Gottes, die die biblischen Texte weithin behaupten? Gibt es friedliche Ko-Existenz der Götter oder wenigstens der Bilder von Gott, die wir uns machen? Weiter gefragt: Ist der Monotheismus zwangsläufig intolerant? Und wie wird der notwendige Streit um die Wahrheit des Gottesglaubens ausgetragen?

 40 Aber sie gehorchten nicht, sondern taten nach ihren früheren Bräuchen. 41 So fürchteten diese Völker den HERRN und dienten zugleich ihren Götzen. Auch ihre Kinder und Kindeskinder tun, wie ihre Väter getan haben, bis auf diesen Tag.

 Der biblische Text lässt keinen Zweifel: „Die gegenwärtigen Samaritaner sind Menschen fremder Herkunft, die eine Mischreligion praktizieren und sich damit gegen das erste und zweite Gebot vergehen.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, S.400)

 Heiliger Gott                                                                                                                           mit ganzem und ungeteiltem Herzen                                                                                        Dir gehören                                                                                                                            Dir vertrauen                                                                                                                         Deinen Weg gehen                                                                                                               Das ist von Anfang an der Weg des Lebens

Und doch                                                                                                                                  Wie oft ist unser Herz geteilt                                                                                               richten wir uns nach anderen Ansprüchen                                                                       dienen wir anderen Herren                                                                                                   Wir nennen sie nicht mehr Götter                                                                                         aber wir opfern ihnen                                                                                                           schulden ihnen Ehrfurcht                                                                                                     feiern sie in Ritualen                                                                                                              die uns niemand lehren muss

Wir haben keinen Grund                                                                                                      auf die herab zu schauen                                                                                                      die halbherzig sind                                                                                                                  in ihrem Glauben an Dich

Herr erbarme Dich. Amen