Wenig wird genug

2. Könige 4, 1 – 7

1 Und es schrie eine Frau unter den Frauen der Prophetenjünger zu Elisa und sprach: Dein Knecht, mein Mann, ist gestorben; und du weißt ja, dass dein Knecht den HERRN fürchtete. Nun kommt der Schuldherr und will meine beiden Kinder nehmen zu leibeigenen Knechten.

 Eine der Frauen unter den Frauen der Prophetenjünger hat ihren Mann verloren. Offensichtlich ist Elisa für die trauernde Witwe eine Autorität, die sie ansprechen kann, einer, von dem sie Hilfe erhofft. Er scheint fast so etwas wie der Leiter der Prophetenjünger zu sein. Das erklärt auch, weshalb sie darauf setzt, dass Elisa ihren Mann als gottesfürchtigen Menschen kennt und ihr deshalb helfen wird. Es klingt ja wie eine Begründung ihrer Bitte, wenn sie Elisa erinnert: Du weißt ja, dass dein Knecht den HERRN fürchtete.

 Ihre Not ist groß: Die Familie, die keinen Ernährer mehr hat, ist verschuldet und nun sollen ihre Kinder dafür in Schuldknechtschaft genommen werden. Das ist in Israel rechtlich möglich: „Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, so soll er dir sechs Jahre dienen; im siebenten Jahr aber soll er freigelassen werden ohne Lösegeld.“ (2. Mose 21,2) Wird die Schuldknechtschaft vollzogen, so ist sie für die nächsten sechs Jahre ohne jede Unterstützung.

 2 Elisa sprach zu ihr: Was soll ich dir tun? Sage mir, was hast du im Hause? Sie sprach: Deine Magd hat nichts im Hause als einen Ölkrug. 3 Er sprach: Geh hin und erbitte draussen von allen deinen Nachbarinnen leere Gefäße, aber nicht zu wenig, 4 und geh ins Haus und schließ die Tür zu hinter dir und deinen Söhnen und gieß in alle Gefäße; und wenn du sie gefüllt hast, so stelle sie beiseite.

 Elisa lässt sich erbitten. Seine doppelte Frage klingt so, als würde er sich zunächst Zeit erbitten, um sich zu orientieren. Auf die erste Frage erhält er ja auch keine Antwort. Nur mit der zweiten Frage kommt er weiter: Nichts hat sie im Hause als einen Ölkrug. Aber immerhin, den hat sie. Die Situation erinnert an die Witwe von Sarepta, die Elia sagen muss: „Ich habe nur eine Hand voll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug.“ (1. Könige 16,12) Hier ist es noch weniger, nur noch ein Krug Öl.Es ist eine merkwürdige Anweisung, die jetzt folgt. Sie soll von allen Nachbarinnen leere Gefässe erbitten. So viele, wie nur möglich. Und dann soll sie die Gefässe füllen – wohl aus ihrem Ölkrug! – und abstellen, sich selbst überlassen.

Solche merkwürdigen Anweisungen gibt es in der Bibel nicht so selten. „Fahre auf die Höhe und werft eure Netze aus, dass ihr einen Zug tut“ (Lukas 5, 4) sagt Jesus gegen alle Regeln der Fischerei. „Gebt ihr ihnen zu essen“ (Markus 6, 37) sagt Jesus seinen Jüngern, die nichts haben als fünf Brote und zwei Fische angesichts von 5000 Leuten.

5 Sie ging hin und tat so und schloss die Tür zu hinter sich und ihren Söhnen; diese brachten ihr die Gefäße herbei und sie goss ein. 6 Und als die Gefäße voll waren, sprach sie zu ihrem Sohn: Reiche mir noch ein Gefäss her! Er sprach zu ihr: Es ist kein Gefäss mehr hier. Da stand das Öl.

Sie gehorcht diesem seltsamen Befehl. Sie füllt aus dem einen Ölkrug ein Gefäss nach dem anderen. Das Öl fliesst und fliesst aus dem Krug. Erst als alle Gefässe gefüllt sind, hört das Öl auf zu fliessen.

 Ein Wunder? Ja. Eine Erklärung? Nein. Es ist auch langweilig zu versuchen, solche Wunder zu erklären. Weiterführend ist, nach ihrer Bedeutung zu fragen, danach, was sie beim Leser an Gedanken in Gang setzt.

Der eine Einfall: Die Hochzeit von Kana (Johannes 2,1-11). Auch da geht es um einen Mangel, der das Leben in seiner Fülle gefährdet. Wenn bei der Hochzeit der Wein ausgeht, wird es nicht weit her sein mit der Freude am Leben. Darum werden auf den Befehl Jesu hin Gefäße nachgefüllt, mit Wasser. Und siehe da, am Ende reicht es für ein grosses Fest.

 Der andere Einfall: Elisa lässt die Frau zurück greifen auf das, was sie noch hat. Einen Krug mit Öl. Das ist wenig genug, aber nicht nichts. Und indem sie auf ihren einen Krug zurück greift, vermehrt sich, was sie hat. Sie hat, wenn man so will, durch das Wort des Elisa eine Ressource zum Überleben „entdeckt“.

Es ist eine Überlebensgeschichte, wie sie sich heute millionenfach in Slums und Elendsquartieren der Welt wiederholt. Aus dem lebensbedrohlichen Wenig wird Etwas. Warum? Weil eine dieses „Wenig“ neu wertschätzt, es einsetzt, es so einsetzt, dass es zum Grundstock für den weiteren Weg wird. Der Prophet zeigt sich hier als einer, der dazu ermutigt, mit dem Wenigen, was da ist, zu rechnen.

 „Angesichts der Armut, in der die Prophetenjünger und ihre Angehörigen lebten, haben solche Anekdoten eine erbauliche Funktion, besonders für die Familien der nicht erwerbstätigen und ganz auf fremde Hilfe angewiesenen Jünger.“(E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, S. 288)

Für uns in der westlichen Überflussgesellschaft mag das nur eine skurrile Geschichte sein. Obwohl: Nach dem Krieg, in den Jahren vor dem Wirtschaftswunder, hat es so etwas wohl auch in Deutschland gegeben. Für die Bewohner der Favelas und Slums ist es bis heute eine Geschichte, in der sie womöglich die eigene Wirklichkeit wiederfinden.

 7 Und sie ging hin und sagte es dem Mann Gottes an. Er sprach: Geh hin, verkaufe das Öl und bezahle deinen Schuldherrn; du aber und deine Söhne, nährt euch von dem Übrigen.

 Es bleibt nicht bei den verschlossenen Türen. Die Frau erzählt Elisa, dem Mann Gottes, was da im Verborgenen geschehen ist. Und jetzt, ganz sachlich, rät er ihr zu den nächsten Schritten. Das Auskommen mit dem kargen Einkommen ist zunächst gesichert. Die Schuldknechtschaft abgewendet. Es gibt wieder Zukunft. Das ist allemal ein Wunder.

Heiliger Gott                                                                                                                           das ist Deine Art                                                                                                                     aus Wenig Genug zu machen                                                                                                  der Not zu wehren                                                                                                                 das Leben zu mehren

Das ist Deine Art                                                                                                                   dass Du unter den Händen derer                                                                                           die Dir vertrauen                                                                                                                    Leben wachsen lässt                                                                                                          Fülle werden lässt

Wo wir nur Augen für die Not haben                                                                                        nur den Mangel sehen                                                                                                             da hast Du schon im Sinn                                                                                                     Deine Herrlichkeit aufleuchten zu lassen                                                                                 in den Gaben des Alltags. Amen