Swing low, sweet chariot

2. Könige 2, 1 – 18

1 Als aber der HERR Elia im Wetter gen Himmel holen wollte, gingen Elia und Elisa von Gilgal weg. 2 Und Elia sprach zu Elisa: Bleibe du hier, denn der HERR hat mich nach Bethel gesandt. Elisa aber sprach: So wahr der HERR lebt und du lebst: Ich verlasse dich nicht.

Die Elia-Erzählungen kommen zum Abschluss. Gott will Elia heimholen, in den Himmel. Das ist mehr als nur ein schönes Bild für den Tod. Es ist Signal einer bleibenden Gemeinschaft, über den Tod hinaus. Elia will auf diesem letzten Weg allein sein. Warum, erklärt er nicht. Elisa aber, der nicht weiter vorgestellt wird, will ihn nicht allein lassen. So wahr der HERR lebt und du lebst: Ich verlasse dich nicht. Er weiß sich an die Seite Elias gestellt.

 Der kundige Bibelleser freilich weiß: Elisa ist der berufene Nachfolger des Elia: „Und Elia ging von dort weg und fand Elisa, den Sohn Schafats, als er pflügte mit zwölf Jochen vor sich her, und er war selbst bei dem zwölften. Und Elia ging zu ihm und warf seinen Mantel über ihn.“ (1. Könige 19,19)

 Mich erinnert der Satz des Elisa stark an die Antwort der Rut auf die Aufforderung ihrer Schwiegermutter Noomi: „Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.“(Ruth 1,16) Es sind beide mal Sätze menschlicher Solidarität und Verbundenheit.

 Und als sie hinab nach Bethel kamen, 3 gingen die Prophetenjünger, die in Bethel waren, heraus zu Elisa und sprachen zu ihm: Weißt du auch, dass der HERR heute deinen Herrn von dir hinweg nehmen wird? Er aber sprach: Auch ich weiß es wohl; schweigt nur still. 4 Und Elia sprach zu ihm: Elisa, bleib du hier, denn der HERR hat mich nach Jericho gesandt. Er aber sprach: So wahr der HERR lebt und du lebst: Ich verlasse dich nicht.

 Die Prophetenjünger aus Bethel– es gibt regelrechte Propheten-Schulen, in denen das „Handwerk eines Propheten“ erlernt wird – kommen mit ihrem Wissen zu Elisa. Was wollen sie ihm sagen? Wollen sie nur ihr Wissen zeigen? Wollen sie ihn vorbereiten auf einen Schmerz? Ist er einer von ihnen oder soll er es nur sein? Wissen sie um seine Wahl zum Nachfolger des Elia, die Elia vollzogen hatte, als er seinen Mantel auf Elisa warf? (1. Könige 19,19) Es wirkt ein bisschen schroff, wie Elisa antwortet: Was ihr wisst, weiß ich schon längst.Diesmal ist es Jericho, wohin ihn der HERR sendet. Ihn allein? Das sagt Elia nicht. Noch einmal versucht Elia Elisa loszuwerden. Aber sein Versuch scheitert auch diesmal am Widerspruch des Elisa. Er lässt sich nicht wegschicken.

Und als sie nach Jericho kamen, 5 traten die Prophetenjünger, die in Jericho waren, zu Elisa und sprachen zu ihm: Weißt du auch, dass der HERR heute deinen Herrn von dir hinwegnehmen wird? Er aber sprach: Auch ich weiß es wohl; schweigt nur still.

 Auch hier wiederholt sich, was schon in Bethel war. Die Prophetenjünger in Jericho wissen auch Bescheid über das, was kommen wird. Auch sie halten mit ihrem Wissen nicht hinter dem Berg. Und auch sie sind Elisa mit ihrem Wissen irgendwie lästig.

6 Und Elia sprach zu ihm: Bleib du hier, denn der HERR hat mich an den Jordan gesandt. Er aber sprach: So wahr der HERR lebt und du lebst: Ich verlasse dich nicht. Und es gingen die beiden miteinander.

 Ein drittes Mal wird Elia zu einem neuen Ziel gesandt, diesmal an den Jordan. Und wieder versucht Elia, dem Elisa diesen Weg zu ersparen. Und wieder misslingt es.

 Die gängige Erklärung, die sicherlich überlieferungsgeschichtlich gesehen stimmig ist, für dieses dreimalige Geschehen ist, dass Texte aus unterschiedlichen Überlieferungen zusammen gefügt worden sind. Dadurch kommt es zu solcher Häufung, zu dieswer Zick-Zack-Wanderung und zur scheinbar „sinnlosen“ Wiederholung.

 Ganz anders freilich fügt sich der Erzählstoff zusammen, wenn ich mir vor Augen halte, wie der Weg zum Sterben manchmal aussehen kann. „Wir sehen uns zum letzten Mal“ sagt einer, der um seinen kommenden Tod weiß. Und fordert die, die bei ihm sind auf: „Lasst mich gehen.“ Aber weil Sterben nicht immer so schnell geht, wiederholt sich die Szene am nächsten Tag und am nächsten Tag und am nächsten Tag. Das Leben ist nicht wie ein Pfeil, der geradlinig fliegt, ist er erst einmal auf ein Ziel hin abgeschossen. Es ist manchmal auch wie ein träge mäandernder Fluss, der nicht recht vorwärts kommen will.

 7 Und fünfzig von den Prophetenjüngern gingen hin und standen von ferne; aber die beiden standen am Jordan. 8 Da nahm Elia seinen Mantel und wickelte ihn zusammen und schlug ins Wasser; das teilte sich nach beiden Seiten, sodass die beiden auf trockenem Boden hinübergingen.

 Die beiden stehen endlich am Jordan. Von ferne sehen die Prophetenjünger zu. Es mutet an wie das von ferne, das in der Passionsgeschichte Jesu erzählt wird. „Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.“ (Lukas 23,49) Um das Sehen wird es auch hier und jetzt gehen.

 Elia und Elisa werden über den Jordan gehen. Elia bahnt den Weg, indem er den Jordan teilt. Es ist das Wunder, das schon einmal erzählt wird: „Wenn dann die Fußsohlen der Priester, die die Lade des HERRN, des Herrschers über alle Welt, tragen, in dem Wasser des Jordans stillstehen, so wird das Wasser des Jordans, das von oben herabfließt, nicht weiterlaufen, sondern stehen bleiben wie ein einziger Wall…. Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.“(Josua 3, 13.17) Es ist der Weg Gottes, den Elia geht – Gott macht den Weg frei, nicht der Mantel des Elia.

 9 Und als sie hinüberkamen, sprach Elia zu Elisa: Bitte, was ich dir tun soll, ehe ich von dir genommen werde. Elisa sprach: Dass mir zwei Anteile von deinem Geiste zufallen. 10 Er sprach: Du hast Schweres erbeten. Doch wenn du mich sehen wirst, wie ich von dir genommen werde, so wird’s geschehen; wenn nicht, so wird’s nicht sein.

 Es gibt – in vielen Erzählungen – den letzten Wunsch des Todgeweihten. Hier aber ist es Elia, der Elisa einen letzten Wunsch zugesteht. Elisa sprach: Dass mir zwei Anteile von deinem Geiste zufallen. Was für eine Bitte! Wer die Elia-Erzählungen kennt, weiß, dass Elia im Widerspruch stand gegen den König, dass er ein unsteter, umher getriebener Mensch war, dass er ein Kämpfer bis zur Todeserschöpfung war. Das alles will Eilsa auch für sich, auch noch doppelt? Es ist nicht so sehr die Bitte um die Macht, um die Kraft, es ist Bitte um einen Lebensweg.

Darauf weist die Antwort des Elia: Du hast Schweres erbeten. Prophetenleben in der Spur des Elia ist kein leichtes Leben in der Studierstube, nicht einfach Broterwerb – es ist Leben im rauen Wind. Wer das Leben eines Gottesmannes auf sich nimmt, erweitert nicht seine Kräfte. Er wird bereit, sich Lasten aufladen zu lassen.

Es ist nicht die Sache des Elia, den Wunsch, die Bitte des Elisa zu erfüllen. Aber er kann ihm sagen, was das Zeichen sein wird, dass seine Bitte erfüllt wird: Wenn er sehen wird, wie Elia weggenommen wird. Offensichtlich wird das nicht für aller Augen sichtbar sein.

 11 Und als sie miteinander gingen und redeten, siehe, da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen, die schieden die beiden voneinander. Und Elia fuhr im Wetter gen Himmel. 12 Elisa aber sah es und schrie: Mein Vater, mein Vater, du Wagen Israels und sein Gespann!, und sah ihn nicht mehr.

„Swing low, sweet chariot, comin for to carry me home.“ So schön das Lied ist, so schön ist es nicht, als der feurige Wagen kommt. Im Spiritual meldet sich der Schrei nach Erlösung, Befreiung. Hier ist der Wagen nicht süß. Er hat in seinem Erscheinen etwas von dem verzehrenden Feuer – und er trennt die Beiden, Prophet und Prophetenschüler voneinander. Jetzt muss Elisa Elia lassen. Diesen Weg kann er nicht mehr mitgehen. Und Elia fuhr im Wetter gen Himmel. Der Himmel, so lese ich, vereint nicht nur miteinander. Er kann auch trennen.

 Dieser Bildwechsel ist für mich ein Hinweis, nicht zu sehr in den bildhaft-räumlichen Vorstellungen verhaftet zu bleiben. Aus dem feurigen Wagen und den feurigen Rossen wird das Wetter. „Wie Jahwe im Sturm einher fährt, so fährt Elija auf; er gehört ganz zur göttlichen Sphäre.“ (E. Würthwein, Die Bücher der Könige, ATD, 11,2, S. 275) Es geht um eine Gotteserfahrung. Elia wird vor den Augen des Elisa weggenommen. Für Elisa vollzieht sich in dem Geschehen ein Wechsel vom Sehen zum nicht mehr Sehen. Aber er hat gesehen, ist dadurch zum Seher geworden. Das wird sich später bestätigen.

 Mein Vater, mein Vater, du Wagen Israels und sein Gespann! Das könnte der Ruf des Schmerzes sein, der Elia festhalten will. Es „war vielleicht ein zeitgenössischer Kriegsruf, der hier in eine gequälte Form direkter Ansprache an den sterbenden – oder jedenfalls von hinnen gehenden – Propheten verwandelt wurde.“ (J. Miles, Gott, Eine Biographie, S. 216) Übrigens wird der gleiche Ausruf an den sterbenden Elisa gerichtet werden!(2. Könige 13,14)

 Diese Himmelfahrt des Elia ist einmalig im ganzen Alten Testament. Die Erzväter sterben, Mose findet sein Grab irgendwo. Nur Elia wird – sterbend – in den Himmel aufgenommen. Das ist sicher eine Begründung dafür, dass sich im Judentum viele Erwartungen an Elia knüpfen, die ja ihre Spuren bis in die Schriften des Neuen Testamentes hinterlassen haben.

 Da fasste er seine Kleider, zerriss sie in zwei Stücke 13 und hob den Mantel auf, der Elia entfallen war, und kehrte um und trat wieder an das Ufer des Jordans. 14 Und er nahm den Mantel, der Elia entfallen war, und schlug ins Wasser und sprach: Wo ist nun der HERR, der Gott Elias?, und schlug ins Wasser. Da teilte es sich nach beiden Seiten, und Elisa ging hindurch.

 Es ist ein Trauer-Ritus, den Elisa vollzieht, wenn er seine Kleidung zerreißt. Aber er bleibt nicht bei der Trauer stehen. Er ergreift den Prophetenmantel, den Elia ja schon vor Zeiten auf ihn geworfen hatte. So ergreift er jetzt sein „Amt“, besser: seinen Auftrag. Und diesmal ist er es, der mit dem Mantel den Jordan teilt. Er ist, so zeigt diese Szene, als der Nachfolger Elias anerkannt. Er hat ja gesehen!

 15 Und als das die Prophetenjünger sahen, die gegenüber bei Jericho waren, sprachen sie: Der Geist Elias ruht auf Elisa, und sie gingen ihm entgegen und fielen vor ihm nieder zur Erde 16 und sprachen zu ihm: Siehe, es sind unter deinen Knechten fünfzig starke Männer, die lass gehen und deinen Herrn suchen. Vielleicht hat ihn der Geist des HERRN genommen und auf irgendeinen Berg oder in irgendein Tal geworfen. Er aber sprach: Lasst sie nicht gehen! 17 Aber sie nötigten ihn, bis er nachgab und sprach: Lasst sie hingehen! Und sie sandten hin fünfzig Männer und diese suchten Elia drei Tage; aber sie fanden ihn nicht. 18 Und sie kamen zu Elisa zurück, als er noch in Jericho war, und er sprach zu ihnen: Sagte ich euch nicht, ihr solltet nicht hingehen?

Die nachfolgende Schilderung dagegen zeigt: Die Prophetenjünger haben nicht gesehen. Sie erkennen aber an: Elisa ist der Nachfolger Elias. Der Geist Elias ruht auf Elisa. Irgendwie gehören die Prophetenjünger und Elisa zusammen, ohne dass er einfach einer von ihnen wäre. Das Verhalten der Prophetenjünger zeigt: Sie haben einen Botschaft gesagt, die sie selbst nicht verstanden haben. Sie wollen Elia jetzt wieder suchen. Sie sind noch ganz gefangen in ihren eigenen Wissen: Elia ist einmal hier und einmal dort, immer neu unterwegs, bewegt durch den Geist Gottes. Es ist müßig, ihnen diese Sicht ausreden zu wollen. Elisa versucht es erst, lässt es dann aber bleiben und es ist am Ende wie ein trockener Kommentar zu ihrer vergeblichen Suche: Ich habe es euch doch gleich gesagt.

Elisa muss nicht mehr suchen. Er hat, wenn auch unter Schmerzen, Abschied genommen. Er weiss, wohin Elia „gegangen“ ist. Er hat ja gesehen. Heisst das: Ein Seher werden? – Ich kann am Ende des Weges durch den Horizont schauen.

 Man soll die Lebenden nicht bei den Toten suchen und die, die auf dem Weg in den Himmel sind, nicht auf der Erde festhalten wollen. Diese vergebliche Suche liest sich wie die mühselige Trauerarbeit, die es auf vielen Umwegen akzeptieren lernen muss: Er ist nicht mehr da. Er ist uns voraus, entnommen. Wir sehen ihn hier nicht mehr.

Herr                                                                                                                                            wir können nichts festhalten für immer                                                                                     die Zeit nicht                                                                                                                         die Menschen nicht                                                                                                                   die wir lieb haben nicht                                                                                                              und die wir nicht lieb haben auch nicht                                                                                Wir müssen loslassen lernen

Das tut mehr weh                                                                                                                     als es uns lieb ist                                                                                                                 und wir es uns eingestehen                                                                                               Und die, die uns sagen                                                                                                            Das Loslassenmüssen kommt auf dich zu                                                                         sind uns oft lästig

Herr                                                                                                                                   öffne Du uns die Augen                                                                                                     dass wir durch alles Loslassen hindurch                                                                         sehen lernen                                                                                                                       was Neues anfängt                                                                                                      verborgen noch                                                                                                                   aber schon da. Amen