Vier mutige Männer

Esra 10, 1 – 44

10, 1 Und wie nun Esra vor dem Hause Gottes auf den Knien lag und weinend betete und bekannte, sammelte sich um ihn aus Israel eine sehr große Gemeinde von Männern, Frauen und Kindern; denn das Volk weinte sehr.

 Der betende Esra findet Gehör, nicht nur bei Gott. Es ist kein Gebet im stillen Kämmerlein (Matthäus 6,7), sondern in der Öffentlichkeit. Und so steckt er mit seiner Emotion Andere an.

 2 Und Schechanja, der Sohn Jehiëls, von den Söhnen Elam, hob an und sprach zu Esra: Wir haben unserm Gott die Treue gebrochen, als wir uns fremde Frauen von den Völkern des Landes genommen haben. Nun, es ist trotz allem noch Hoffnung für Israel! 3 So lasst uns nun mit unserm Gott einen Bund schließen, dass wir alle fremden Frauen und die Kinder, die von ihnen geboren sind, hinaustun nach dem Rat meines Herrn und derer, die die Gebote unseres Gottes fürchten, dass man tue nach dem Gesetz. 4 So steh nun auf! Denn dir gebührt’s zu handeln und wir wollen mit dir sein. Sei getrost und tu es!

 Schechanja übernimmt es zu antworten. Er spricht zu Esra. Seine Worte sind wie eine Gebetserhörung. Er nimmt das Schuldbekenntnis des Esra auf, macht es zu seinem eigenen und zu dem des Volkes. Und er schlägt Schritte vor: Die Auflösung aller Ehen, die Verstoßung der fremden Frauen und ihrer Kinder. Das soll Esra veranlassen. Er ist es ja, der die entsprechenden Vollmachten hat. Wir wollen mit dir sein. Sei getrost und tu es! So sichert Schechanja ihm die Unterstützung Aller zu. So rasch werden aus den eigenen Frauen und Kindern fremde Frauen und Kinder!

 5 Da stand Esra auf und nahm einen Eid von den obersten Priestern, den Leviten und ganz Israel, dass sie nach diesem Wort tun sollten. Und sie schworen. 6 Und Esra ging fort von dem Platz vor dem Hause Gottes und ging in die Kammer Johanans, des Sohnes Eljaschibs. Und er blieb dort über Nacht, aß kein Brot und trank kein Wasser; denn er trug Leid um den Treubruch derer, die aus der Gefangenschaft gekommen waren.

 Esra verlässt den Ort vor dem Tempel. Er zieht sich zurück. Er trauert. Über den Treuebruch! Die, die aus dem Exil zurück gekehrt sind, sind nicht besser als die, die immer schon im Land waren. „Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.“ (1. Könige 19,4) Die Enttäuschung über ein zerstörtes Selbstbild kann bis zum Tod erschöpfen. Die Enttäuschung, dass das Exil keine neuen Menschen, kein reines „wahres Israel“ hervor gebracht hat, auch. „Vier mutige Männer“ weiterlesen

Schuldverstrickt

Esra 9, 1 – 15

 1 Als das alles ausgerichtet war, traten die Oberen zu mir und sprachen: Das Volk Israel und die Priester und Leviten haben sich nicht abgesondert von den Völkern des Landes mit ihren Gräueln, nämlich von den Kanaanitern, Hetitern, Perisitern, Jebusitern, Ammonitern, Moabitern, Ägyptern und Amoritern; 2 denn sie haben deren Töchter genommen für sich und für ihre Söhne und das heilige Volk hat sich vermischt mit den Völkern des Landes. Und die Oberen und Ratsherren waren die Ersten bei diesem Treubruch.

 Ist es die Wirkung des Gottesdienstes, dass die Oberen dies vor Esra berichten? Es soll als ein Schuld-Eingeständnis wirken. Das Volk hat sich mit den Völkern vermischt. Sie haben nicht nur innerhalb des Volkes geheiratet, sondern aus den Völkern des Landes Töchter genommen für sich und für ihre Söhne.

Damit handeln sie im Widerspruch zu Weisungen des Gesetzes: „Hüte dich, einen Bund mit den Bewohnern des Landes zu schließen. Sonst werden sie dich einladen, wenn sie mit ihren Göttern Unzucht treiben und ihren Göttern Schlachtopfer darbringen, und du wirst von ihren Schlachtopfern essen. Du wirst von ihren Töchtern für deine Söhne Frauen nehmen; sie werden mit ihren Göttern Unzucht treiben und auch deine Söhne zur Unzucht mit ihren Göttern verführen.“ (2.Mose 34, 15-16)

Es ist durch 1. Mose hindurch immer ein Thema: „Ich will dir einen Eid beim Herrn, dem Gott des Himmels und der Erde, abnehmen, dass du meinem Sohn keine Frau von den Töchtern der Kanaaniter nimmst, unter denen ich wohne.(1. Mose 24, 3) So begründet Abraham, dass er seinen Knecht schickt, um für Isaak ein Braut zu suchen. Es geht nicht um rassische Überlegenheit, sondern um den Schutz vor der Verführung zu fremden Göttern. Die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob und alle Sohne Jakobs mit Ausnahmen Josephs heiraten endogam (=innerhalb des Volkes, oft sogar innerhalb der Sippe).

 Und nun also: Vermischung mit den Völkern. Und es sind gerade die Oberen und Ratsherren, Priester und Leviten, die sich so über das Gebot hinweg gesetzt haben. Treuebruch nennt Esra das, weil er ja doch ein Leben sucht, das dem zentralen Bekenntnis folgt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.“ (5. Mose 6, 5-6)

 3 Als ich dies hörte, zerriss ich mein Kleid und meinen Mantel und raufte mir Haupthaar und Bart und setzte mich bestürzt hin. 4 Und es versammelten sich bei mir alle, die über die Worte des Gottes Israels erschrocken waren wegen des Treubruchs derer, die aus der Gefangenschaft gekommen waren; und ich saß bestürzt da bis zum Abendopfer.

Es ist eine dramatische Szene: Esra zerreißt seine Kleidung, zerwühlt sein Haar, ist bis aufs Mark erschüttert. Es ist die Haltung eines Menschen, der zu Tode erschrocken ist und um verlorenes Leben trauert. Er bleibt nicht allein. Andere aus Israel sammeln sich um ihn und teilen seine tiefe Bestürzung. „Schuldverstrickt“ weiterlesen

Unter Deinem Schirmen

Esra 8, 1 – 36

 1 Dies sind die Häupter der Sippen mit ihren Geschlechtsregistern, die mit mir heraufzogen von Babel zur Zeit, als der König Artahsasta regierte. 2 Von den Söhnen Pinhas: Gerschom; von den Söhnen Itamar: Daniel; von den Söhnen David: Hattusch, der Sohn Schechanjas; 3 von den Söhnen Parosch: Secharja und mit ihm verzeichnet hundertundfünfzig Männer; 4 von den Söhnen Pahat-Moab: Eljoënai, der Sohn Serachjas, und mit ihm zweihundert Männer; 5 von den Söhnen Sattu: Schechanja, der Sohn Jahasiëls, und mit ihm dreihundert Männer; 6 von den Söhnen Adin: Ebed, der Sohn Jonatans, und mit ihm fünfzig Männer; 7 von den Söhnen Elam: Jeschaja, der Sohn Ataljas, und mit ihm siebzig Männer; 8 von den Söhnen Schefatja: Sebadja, der Sohn Michaels, und mit ihm achtzig Männer; 9 von den Söhnen Joab: Obadja, der Sohn Jehiëls, und mit ihm zweihundertundachtzehn Männer; 10 von den Söhnen Bani: Schelomit, der Sohn Josifjas, und mit ihm hundertundsechzig Männer; 11 von den Söhnen Bebai: Secharja, der Sohn Bebais, und mit ihm achtundzwanzig Männer; 12 von den Söhnen Asgad: Johanan, der Sohn Katans, und mit ihm hundertundzehn Männer; 13 von den Söhnen Adonikam: die Letzten, und sie hießen: Elifelet, Jeïël und Schemaja, und mit ihnen sechzig Männer; 14 von den Söhnen Bigwai: Utai, der Sohn Sabbuds, und mit ihm siebzig Männer.

 Es ist die zweite lange Namensliste im Esra-Buch, angeführt von zwei Priestern die von den Aaroniden Pinchas und Itamar und von David abgeleitet werden, also aus alten Priestergeschlechtern und dem alten Königshaus. Wieder, wie schon in Esra 2, geht es um die, die sich aus dem Exil auf den langen Heimweg machen. Die im Exil bleiben, bleiben auch namenlos, unerwähnt im Buch. Sie verschwinden gewissermaßen im Dunkel der Geschichte. Die sich auf den Weg machen, sind das „wahre Israel“.

 15 Und ich versammelte sie am Fluss, der nach Ahawa fließt, und wir blieben dort drei Tage. Und ich sah wohl Volk und Priester, aber ich fand keine Leviten. 16 Da sandte ich hin Eliëser, Ariël, Schemaja, Elnatan, Jarib, Elnatan, Nathan, Secharja und Meschullam, verständige Sippenhäupter, 17 und schickte sie zu Iddo, dem Vorsteher in Kasifja, damit sie uns Diener für das Haus unseres Gottes holten. Und ich legte ihnen in den Mund, was sie reden sollten mit Iddo und seinen Brüdern, die in Kasifja waren. 18 Und sie brachten uns, weil die gnädige Hand unseres Gottes über uns war, einen klugen Mann von den Söhnen Machlis, des Sohnes Levis, des Sohnes Israels, nämlich Scherebja mit seinen Söhnen und Brüdern, achtzehn; 19 und Haschabja und Jeschaja, seinen Bruder, von den Söhnen Merari und ihre Söhne, zwanzig; 20 und von den Tempelsklaven, die David und die Oberen bestimmt hatten, den Leviten zu dienen, zweihundertundzwanzig. Sie alle sind mit Namen aufgezeichnet.

 Als Esra die Versammelten sieht, bemerkt er, dass unter den Vielen die Leviten fehlen. Er braucht sie aber, sind sie doch seit alter Zeit Diener für das Haus unseres Gottes. Diese kurze Bemerkung macht deutlich: Es geht auch bei dieser zweiten Heimkehrer-Gruppe nicht einfach nur um Heimkehr. Es geht darum, dass der Tempel wieder Mittelpunkt des Lebens des Volkes werden kann, das dort wieder Gottesdienst gefeiert und Opfer dargebracht werden können. Dazu braucht es Priester und Leviten.

 Es zeigt sich aber auch: Für die Rückkehr nach Judäa muss geworben werden. Es gibt ein Leben im Exil, das nicht so leicht aufgegeben wird. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Alle Sehnsucht: „Nächstes Jahr in Jerusalem“ bringt keinen Massen-Exodus ins Land der Väter zustande. Es sind immer Einzelne, die zurückkehren. „Unter Deinem Schirmen“ weiterlesen

Vordergrund und Hintergrund

Esra 7, 1 – 28

 1 Nach diesen Geschichten zog unter der Regierung des Artahsasta, des Königs von Persien, Esra herauf, der Sohn Serajas, des Sohnes Asarjas, des Sohnes Hilkijas, 2 des Sohnes Schallums, des Sohnes Zadoks, des Sohnes Ahitubs, 3 des Sohnes Amarjas, des Sohnes Asarjas, des Sohnes Merajots, 4 des Sohnes Serachjas, des Sohnes Usis, des Sohnes Bukkis, 5 des Sohnes Abischuas, des Sohnes des Pinhas, des Sohnes Eleasars, des Sohnes Aarons, des Hohenpriesters. 6 Dieser Esra zog von Babel herauf.

 Schon die Liste der Vorfahren zeigt: Esra ist ein wichtiger Mann. Er ist auch ein Mann mit Traditionsbewusstsein. Er kann seine Abstammung auf ein uraltes Priestergeschlecht zurück führen, bis auf Aaron.

 Er war ein Schriftgelehrter, kundig im Gesetz des Mose, das der HERR, der Gott Israels, gegeben hatte. Und der König gab ihm alles, was er erbat, weil die Hand des HERRN, seines Gottes, über ihm war. 7 Und mit ihm zogen herauf einige von den Israeliten und von den Priestern und Leviten, von den Sängern, Torhütern und Tempelsklaven nach Jerusalem im siebenten Jahr des Königs Artahsasta.

 Esra ist ein Schriftgelehrter, kundig im Gesetz des Mose. Das soll wohl nicht nur heißen: Er kennt es, sondern auch: Er lebt mit dem Gesetz und es ist ihm Leitschnur für sein Handeln. Er ist, obwohl Jude, nicht Privatmann, sondern ein hoher persischer königlicher Beamter. Er kommt mit königlicher Gunst. Der Großkönig fördert ihn – weil die Hand des HERRN über ihm ist. Wieder, wie vorher schon häufiger im Esra-Buch, gibt es dieses Zusammenspiel von weltlicher und himmlischer Förderung. Die weltliche Mächte tun, was der Himmel sie tun lässt.

 Eine Frage stellt sich, die über das Esra-Buch hinaus reicht: Ist Esra der erste Schriftgelehrte? Sicher nicht in dem Sinn, den das Wort im Neuen Testament gewinnt. Aber er wird mehrfach als einer beschreiben, der im Gesetz des Mose kundig (7,6) ist, als einer, der das Gesetz des HERRN mit seinem Herzen zu erforschen und danach zu leben sucht (7,10), der Gebote und Rechte in Israel zu lehren imstande ist (7,10). Er ist einer, der aus den Schriften Weisung empfängt. „Vordergrund und Hintergrund“ weiterlesen

Unter königlichem Schutz

Esra 6, 1 – 22

1 Da befahl der König Darius, dass man in Babel in den Schatzhäusern, in denen die Bücher aufbewahrt wurden, nachforschen sollte. 2 Da fand man in der Festung Achmeta, die in Medien liegt, eine Schriftrolle, auf der geschrieben stand:

 Aufzeichnung. 3 Im ersten Jahr des Königs Kyrus befahl der König Kyrus, das Haus Gottes in Jerusalem wieder aufzubauen als eine Stätte, an der man opfert, und seinen Grund zu legen: seine Höhe sechzig Ellen und seine Breite auch sechzig Ellen 4 und drei Schichten von behauenen Steinen und eine Schicht von Holz, und die Mittel sollen vom Hause des Königs gegeben werden. 5 Auch soll man zurückgeben die goldenen und silbernen Geräte des Hauses Gottes, die Nebukadnezar aus dem Tempel zu Jerusalem weggenommen und nach Babel gebracht hat; man soll sie zurückbringen in den Tempel zu Jerusalem an ihre Stätte im Hause Gottes.

 Die Suche in den Archiven in Babel hat Erfolg. In einer Festung wird das Kyrus-Edikt tatsächlich aufgespürt! „Es ist das einzige Mal im Alten Testament, das wir einen solchen amtlichen Text mitgeteilt bekommen.“(Die Geschichte Israels; Von Abraham bis Bar Kochba; S.Hermann/W.Klaiber, Stuttgart 1996; S.110) Es ist ein eindrucksvolles Zeugnis einer „liberalen“ Religionspolitik. Der König gesteht den Rückkehrern den Wiederaufbau des Haus Gottes in Jerusalem zu und will ihn aus Mitteln des Königshauses auch noch unterstützen.

 Es ist zum Staunen: „Kyrus müsste als eine seiner ersten Amtshandlungen nach seiner Übernahme Babylons ausgerechnet den Wiederaufbau eines vergleichsweise kleinen Tempels im Westen seines neuen Reiches, das noch keineswegs vollständig an die persische Verwaltung angeschlossen sein konnte, angeordnet haben. Das erste Jahr des Kyrus ist viel mehr eine theologische Aussage: Zwischen Gericht und Gnade, zwischen Exil und Befreiung gibt es keine Zwischenstufe.“ (T. Hiecke, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament, Die Bücher Esra und Nehemia,Stuttgart 2005, S.107) Aber auch bei dieser eher skeptischen Sicht auf die Echtheit des Ediktes bleibt bestehen: Der Schreiber sieht in dem Baugeschehen ein Zeichen der Güte und Treue des Gottes, der Israel den Untergang nicht erspart hat. ER handelt neu an seinem Volk und nimmt dafür souverän die Mächtigen der Zeit in Anspruch.

 6 So haltet euch nun fern von dieser Sache, du, Tattenai, Statthalter jenseits des Euphrat, und Schetar-Bosnai mit euren Genossen, ihr Beamten, die ihr jenseits des Euphrat seid! 7 Lasst sie arbeiten am Hause Gottes, damit der Statthalter der Juden und ihre Ältesten das Haus Gottes an seiner früheren Stätte wieder aufbauen.

 Das sind deutliche Worte: Tattenai, der Statthalter soll den Juden freie Hand lassen. Sie dürfen so arbeiten, wie es ihnen entspricht und die persischen Beamten sollen ihnen keine Schwierigkeiten bereiten. Dahinter mag ein königliches Wissen um die Rivalität der unterschiedlichen Statthalter stehen. Auch in Jerusalem gibt es ja einen Statthalter Persiens, Serubabbel, der einen babylonischen Namen trägt, aber ein Enkel des judäischen Königs Jojachin ist. Er untersteht wohl rang-mäßig dem persischen Satrap von Transeupharat, aber dieser Erlass des Darius stärkt seine Position und macht ihn ein Stück unabhängig. „Unter königlichem Schutz“ weiterlesen

Bauleitung und Baugenehmigung

Esra 5, 1 – 17

1 Es weissagten aber die Propheten Haggai und Sacharja, der Sohn Iddos, den Juden, die in Juda und Jerusalem wohnten, im Namen des Gottes Israels, der über ihnen war.

 Was folgt, sind geschichtlich wertvolle Notizen. Sie helfen, die Zeit genauer zu bestimmen, um die es geht. Haggai und Sacharja werden als Propheten genannt. „Im zweiten Jahr des Königs Darius, im sechsten Monat, am ersten Tage des Monats, geschah des HERRN Wort durch den Propheten Haggai zu Serubbabel, dem Sohn Schealtiëls, dem Statthalter von Juda, und zu Jeschua, dem Sohn Jozadaks, dem Hohenpriester.“ (Haggai 1,1) Das erlaubt die zeitliche Einordnung. Es geht um das Jahr 520 v. Chr.

 2 Da machten sich auf Serubbabel, der Sohn Schealtiëls, und Jeschua, der Sohn Jozadaks, und fingen an, das Haus Gottes zu Jerusalem aufzubauen, und mit ihnen die Propheten Gottes, die sie stärkten.

 In dieser Zeit beginnt der Neubau des Tempels. Er wird durch die beiden Propheten unterstützt. Bei Haggai ist es besonders deutlich: Er drängt – im Auftrag Gottes! – regelrecht auf diesen Neubau.

3 Zu der Zeit kamen zu ihnen Tattenai, der Statthalter des Gebietes jenseits des Euphrat, und Schetar-Bosnai und ihre Genossen und sprachen: Wer hat euch befohlen, dies Haus aufzubauen und diese Mauern zu errichten? 4 Dann sagten sie zu ihnen: Wie heißen die Männer, die diesen Bau aufführen? 5 Aber das Auge ihres Gottes war über den Ältesten der Juden, sodass ihnen nicht gewehrt wurde, bis man den Bericht an Darius gelangen ließe und darüber ein Brief käme.

Das ganze Geschehen bleibt nicht unbemerkt. „Die Wiederaufnahme der Arbeiten am Tempelbau erregt – wohl auch auf Grund der entsprechenden logistischen Bewegungen – den Argwohn der persischen Behörden.“(T. Hiecke, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament, Die Bücher Esra und Nehemia, Stuttgart 2005, S.107) Tattenai, der Statthalter des Gebietes jenseits des Euphrat fordert Aufklärung: Wer gibt euch das Recht zu diesen Baumaßnahmen? Wo ist die Bau-Genehmigung? „Bauleitung und Baugenehmigung“ weiterlesen

Immer diese Unruhestifter

Esra 4, 1 – 24

 1 Als aber die Widersacher Judas und Benjamins hörten, dass die, die aus der Gefangenschaft zurückgekommen waren, dem HERRN, dem Gott Israels, den Tempel bauten,2 kamen sie zu Serubbabel, Jeschua und den Sippenhäuptern und sprachen zu ihnen: Wir wollen mit euch bauen; denn auch wir suchen euren Gott und haben ihm geopfert seit der Zeit Asarhaddons, des Königs von Assur, der uns hierher gebracht hat.

 Die Widersacher Judas und Benjamins – damit sind wohl die Menschen in Samarien gemeint. Die Völker, die noch von den Assyrern dort angesiedelt worden waren und den Israeliten immer fremd geblieben sind. Juda ist kein menschenleeres Land und Jerusalem keine von allen Einwohnern entblößte Stadt. Es gibt Menschen, die dort gelebt haben, auch in den 70 Jahren, in denen die Oberschicht im Exil war. Und wenn sie nun zurück kehren, dann müssen andere ihnen weichen, die in der Zwischenzeit das Leben geregelt haben. Heimkehrer treffen immer auf veränderte Lebens-Situationen und die Heimkehr verlangt allen großen Anstrengungen ab.

 Die schon da sind, wollen nicht an den Rand gedrängt werden. Sie wollen mittun an dem, was jetzt neu entstehen könnte. Aber wenn sie sagen: Auch wir suchen euren Gott so klingt das für jüdische Ohren nach feindlicher Übernahme, nach Religionsvermischung. Es ist das Urteil des Buches Esra: Es sind vergiftete Hilfsangebote.

Über 500 Jahre später gibt es eine Situation, die Assoziationen erlaubt. Als die weisen aus dem Morgenland den neugeborenen König der Juden in Jerusalem suchen, sagt Herodes ihnen: „Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete. (Matthäus 2,8) Dieses Suchen endet im Kindermord von Bethlehem.

 3 Aber Serubbabel und Jeschua und die andern Häupter der Sippen in Israel antworteten ihnen: Es ziemt sich nicht, dass ihr und wir miteinander das Haus unseres Gottes bauen, sondern wir allein wollen bauen dem HERRN, dem Gott Israels, wie uns Kyrus, der König von Persien, geboten hat. 4 Da machte das Volk des Landes die Juden mutlos und schreckte sie vom Bauen ab. 5 Und sie dingten Ratgeber gegen sie und hinderten ihr Vorhaben, solange Kyrus, der König von Persien, lebte, bis zur Herrschaft des Darius, des Königs von Persien.

 Darum lehnen Serubbabel und Jeschua wohl auch im Namen der anderen Häupter dieses Angebot ab. Sie verschanzen sich dabei ein bisschen hinter dem Befehl des Kyrus. Da war von Mitbauern aus anderen Völkern nicht die Rede. Der ging nur an Juda, nur an die Rückkehrer.

Die Reaktion auf die Ablehnung ist allerdings dann so, dass sich die Rückkehrer tatsächlich bestätigt fühlen müssen. Die Angebote zur Hilfe waren nicht ernst gemeint. Das Volk des Landes übt so viel Druck aus, dass der Bau stecken bleibt. „Immer diese Unruhestifter“ weiterlesen

Lob auf dem Trümmerfeld

Esra 3, 1 – 13

 1 Und als der siebente Monat herbeikam und die Israeliten nun in ihren Städten waren, versammelte sich das ganze Volk wie „ein“ Mann in Jerusalem.

Der lange Weg zurück wird übersprungen. Es gibt keine Schilderungen der Gefahren und Strapazen. Es gibt keine neue Zeit in der Wüste. Die „Wüste“ wartet ja daheim in der Gestalt der verwüsteten Städte. Als sie wieder im Land sind, kommen sie schließlich zusammen in Jerusalem. Wie „ein“ Mann. Ganz Israel.

 2 Und es machten sich auf Jeschua, der Sohn Jozadaks, und seine Brüder, die Priester, und Serubbabel, der Sohn Schealtiëls, und seine Brüder und bauten den Altar des Gottes Israels, um Brandopfer darauf zu opfern, wie es geschrieben steht im Gesetz des Mose, des Mannes Gottes. 3 Und sie richteten den Altar wieder her an seiner früheren Stätte – denn es war Furcht über sie gekommen vor den Völkern des Landes – und opferten dem HERRN Brandopfer darauf des Morgens und des Abends.

 Einige von ihnen, sie werden namentlich erwähnt, fangen mit dem Wiederaufbau an. Sie errichten den Altar des Gottes Israels. Das steht im Kontrast zu den früheren Zeiten, vor dem Exil. Da hat ein Priester, Uria, Befehle erhalten und widerstandslos ausgeführt: „Und als er den Altar sah, der in Damaskus war, sandte der König Ahas zum Priester Uria Maße und Abbild des Altars, ganz wie dieser gemacht war. Und der Priester Uria baute einen Altar und machte ihn so, wie der König Ahas zu ihm gesandt hatte von Damaskus, bis er selbst von Damaskus kam.“(2. Könige 16,10-11) Jetzt befiehlt niemand. Der Altar, der jetzt im zerstörten Jerusalem errichtet wird, soll wohl wirklich Zeichen eines neuen Anfangs sein. Es geht um eine neue Zuwendung zum HERRN.

 4 Und sie hielten das Laubhüttenfest, wie geschrieben steht, und brachten Brandopfer dar alle Tage nach der Zahl, wie sich’s gebührt und jeder Tag es erforderte, 5 danach auch das tägliche Brandopfer und die Opfer für die Neumonde und alle heiligen Festtage des HERRN und was sonst einer dem HERRN freiwillig darbrachte. 6 Am ersten Tage des siebenten Monats fingen sie an, dem HERRN Brandopfer zu bringen.

 Das Laubhüttenfest wird wieder gefeiert. Nicht freihändig, sondern wie sich’s gebührt und jeder Tag es erfordert. Es wird ein neuer Gehorsam eingeübt. Hinter den sparsamen Worten steht deutlich: wir haben unsere Lektion gelernt: Gott die Ehre geben durch unseren Gehorsam gegen das Gebot. Es werden Anfänge gemacht auf den Trümmern des Alten. „Lob auf dem Trümmerfeld“ weiterlesen

Namenslisten

Esra 2, 1 – 70

 1 Dies sind die Leute der Landschaft Juda, die heraufzogen aus der Gefangenschaft, die Nebukadnezar, der König von Babel, nach Babel weggeführt hatte und die nach Jerusalem und Juda zurückkehrten, ein jeder in seine Stadt. 2 Sie kamen mit Serubbabel, Jeschua, Nehemja, Seraja, Reelaja, Mordochai, Bilschan, Misperet, Bigwai, Rehum und Baana. Dies ist die Zahl der Männer des Volkes Israel: 3 die Söhne Parosch 2172; 4 die Söhne Schefatja 372; 5 die Söhne Arach 775; 6 die Söhne Pahat-Moab, nämlich die Söhne Jeschua und die Söhne Joab, 2812; 7 die Söhne Elam 1254; 8 die Söhne Sattu 945; 9 die Söhne Sakkai 760; 10 die Söhne Bani 642; 11 die Söhne Bebai 623; 12 die Söhne Asgad 1222; 13 die Söhne Adonikam 666; 14 die Söhne Bigwai 2056; 15 die Söhne Adin 454; 16 die Söhne Ater, nämlich die Söhne Hiskija, 98; 17 die Söhne Bezai 323; 18 die Söhne Jorah 112; 19 die Söhne Haschum 223; 20 die Söhne Gibbar 95; 21 die Männer von Bethlehem 123; 22 die Männer von Netofa 56; 23 die Männer von Anatot 128; 24 die Männer von Bet-Asmawet 42; 25 die Männer von Kirjat-Jearim, Kefira und Beerot 743; 26 die Männer von Rama und Geba 621; 27 die Männer von Michmas 122; 28 die Männer von Bethel und Ai 223; 29 die Söhne Nebo 52; 30 die Söhne Magbisch 156; 31 die Söhne des andern Elam 1254; 32 die Söhne Harim 320; 33 die Männer von Lod, Hadid und Ono 725; 34 die Männer von Jericho 345; 35 die Söhne Senaa 3630.

 Das ist kein Text für die fortlaufende Bibel-Lese. Aber warum steht es überhaupt in den Heiligen Schriften? Warum haben nicht spätere Schreiber diese Namenslisten weggelassen, so wie sie die Kommission für die tägliche Bibel-Lese weglässt?

 Namen sind nicht Schall und Rauch. In den Namen zeigen sich Menschenschicksale, auch wenn sie nicht erzählt werden. Und in den Listen der Namen, derer, die zurückkehren, zeigt sich die bewahrende Treue Gottes. Er hat sie erhalten. Auf diese hier Genannten muss sich genealogisch zurückführen können, wer zu Israel dazu gehören will. „Das Volk existiert wieder, namentlich erfasst und auf dem Teritorium der Heimat.“(T. Hiecke, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament, Die Bücher Esra und Nehemia, Stuttgart 2005, S. 82) Wie sonst sollten sich auch bis heute jüdische Menschen auf diese Treue zurückführen können, wenn die Namen ausgelöscht wären. Es ist dass Privileg totalitärer Herrschaften, aus Menschen namenlose Massen zu machen. Die Bibel tut es nicht. „Namenslisten“ weiterlesen

Fremde Wegbereiter

Esra 1, 1 – 11

1 Im ersten Jahr des Kyrus, des Königs von Persien, erweckte der HERR – damit erfüllt würde das Wort des HERRN, das durch den Mund Jeremias gesprochen war – den Geist des Kyrus, des Königs von Persien, dass er in seinem ganzen Königreich mündlich und auch schriftlich verkünden ließ:

 Es ist, so das Buch Esra, eine der ersten Regierungstaten des Kyrus. Als hätte er nichts Eiligeres zu tun. Der Antrieb dazu aber ist aus Gottes Plan und Willen. „Wie Gott sich der heidnischen Könige und Mächte als Werkzeug seines Gerichtes bedient, so kann er sich umgekehrt auch ihrer zur Herbeiführung der Heilswende bedienen.“(K. Galling, Die Bücher der Chronik, Esra, Nehemia, ATD 12, Göttingen 1954, S. 186) So gibt sich das Buch Esra schon im ersten Satz zu erkennen: Es ist ein Zeugnis dafür, dass Gott will, dass der HERR den Geist und das Herz von Menschen leiten kann. Und es ist ein Zeugnis dafür, dass sich dieser Wille durch den Mund Jeremias kundgetan hat. Ein Zeichen für die Hochachtung, die die Prophetie genießt.

 Was nun folgt ist die Folge einer Erweckung. Das meint, biblisch gesprochen, erwecken: Menschen werden inspiriert zu Taten, die dem Willen Gottes konform gehen.

 2 So spricht Kyrus, der König von Persien: Der HERR, der Gott des Himmels, hat mir alle Königreiche der Erde gegeben, und er hat mir befohlen, ihm ein Haus zu Jerusalem in Juda zu bauen. 3 Wer nun unter euch von seinem Volk ist, mit dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf nach Jerusalem in Juda und baue das Haus des HERRN, des Gottes Israels; das ist der Gott, der zu Jerusalem ist. 4 Und wo auch immer einer übrig geblieben ist, dem sollen die Leute des Orts, an dem er als Fremdling gelebt hat, helfen mit Silber und Gold, Gut und Vieh außer dem, was sie aus freiem Willen für das Haus Gottes zu Jerusalem geben.

 Der Perserkönig lässt dem HERRN, dem Gott des Himmels, ein Haus zu Jerusalem in Juda bauen. Die Gottesbezeichnung Gott des Himmel „übersetzt“ den Namen JAHWE (=der HERR) in eine allgemein orientalisch gebräuchliche Rede vom „Höchsten Gott“. So könnte ein Perserkönig geredet haben.

 Die Wiedererrichtung des unter Nebukadnezar geschleiften Tempels ist keine Angelegenheit des jüdischen Volkes. Sie geht auf die Initiative des Kyrus zurück, der sie anordnet. Der aber sagt deutlich, was schwer vorstellbar ist: Der HERR hat mir befohlen. Auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt wird: „Der Buchanfang macht Kyrus zum Boten und Künder des Auftrags und Willens JAHWs!“(T. Hiecke, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament, Die Bücher Esra und Nehemia, Stuttgart 2005, S. 72) Kyrus zeigt sich mit seinem Befehl als Diener Gottes, als Befehlsempfänger Gottes. „Fremde Wegbereiter“ weiterlesen