Bekennen, immer wieder bekennen

Apostelgeschichte 26, 1 – 23

 1 Agrippa aber sprach zu Paulus: Es ist dir erlaubt, für dich selbst zu reden.

 Ist das großmütig? Natürlich darf der Gefangene nicht einfach los-reden. Natürlich muss er warten, bis er gefragt ist. Aber es klingt doch schon ein wenig: „Sag mal was. Egal was. Unterhalte uns. Aber wisse: Es ändert nichts an Deiner Lage.“ Es ist der jüdische König, der Paulus auffordert zu reden, nicht der römische Prokurator. Das allein zeigt schon: Was Paulus sagen wird, hat rechtlich betrachtet, keine Relevanz und zeitigt auch keine Folgen für seinen Prozess.

 Da streckte Paulus die Hand aus und verantwortete sich: 2 Es ist mir sehr lieb, König Agrippa, dass ich mich heute vor dir verantworten soll wegen all der Dinge, deren ich von den Juden beschuldigt werde, 3 vor allem weil du alle Ordnungen und Streitfragen der Juden kennst. Darum bitte ich dich, mich geduldig anzuhören.

 Wie stelle ich mir die ausgestreckte Hand des Paulus vor? Zum Gruß erhoben? Ist es die Geste, die einer am Beginn einer Rede macht, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, gar, um Ruhe zu erbitten? Paulus ist ja eigentlich nicht in der Situation, eine große Rede halten zu dürfen. Darum wirkt sein Redner-Gestus auf die Zuhörer wohl fast ein wenig deplatziert, anmaßend.

 Die ersten Sätze sind ein Dank für die Chance, die ihm eröffnet wird. Er kann sich vor Agrippa verantworten. Er steht vor einem König, der jüdisches Denken kennt, aber nicht vor einem jüdischen Tribunal, das gar nicht mehr zuhören muss, weil es schon weiß, was Sache ist. Es ist so auch ein Appell an Agrippa, sich unvoreingenommen ein Bild zu machen. Dabei weiß Paulus ja sehr wohl: Alle Entscheidungen liegen bei Festus.

 4 Mein Leben von Jugend auf, wie ich es von Anfang an unter meinem Volk und in Jerusalem zugebracht habe, ist allen Juden bekannt, 5 die mich von früher kennen, wenn sie es bezeugen wollten. Denn nach der allerstrengsten Richtung unsres Glaubens habe ich gelebt als Pharisäer.

 Inhaltlich weist Paulus als Erstes darauf hin: Ich bin Jude und wollte nie etwas Anderes sein. Es gibt aus seiner bisherigen Biographie keinen Grund zum Zweifel an seiner Gesetzestreue – das müssen alle bestätigen. Pharisäer wie Paulus nehmen es in ihrer Lebenspraxis mit dem Gesetz genau.

 6 Und nun stehe ich hier und werde angeklagt wegen der Hoffnung auf die Verheißung, die unsern Vätern von Gott gegeben ist. 7 Auf ihre Erfüllung hoffen die zwölf Stämme unsres Volkes, wenn sie Gott bei Tag und Nacht beharrlich dienen. Wegen dieser Hoffnung werde ich, o König, von den Juden beschuldigt. 8 Warum wird das bei euch für unglaublich gehalten, dass Gott Tote auferweckt?

 Ohne weitere Umschweife kommt er auf das zentrale Thema zu sprechen. Es geht um die jüdische Hoffnung auf die Auferstehung der Toten. Was Juden seit uralter Zeit erhoffen, das wird ihm vorgeworfen. So Paulus, der dabei den Unterschied „überspringt, dass er an die Auferweckung eines Toten, Jesu von Nazareth, mitten in der Geschichte glaubt, während Israels Hoffnung der Auferstehung sich auf das Ende der Geschichte richtet. Dieser Unterschied ist Paulus wohl bewusst. Aber er verschweigt ihn, weil es ihm um seine jüdische Identität geht. Er betont vielmehr: Was er von Christus glaubt, ist jüdisch gedacht und geglaubt.

9 Zwar meinte auch ich selbst, ich müsste viel gegen den Namen Jesu von Nazareth tun. 10 Das habe ich in Jerusalem auch getan; dort brachte ich viele Heilige ins Gefängnis, wozu ich Vollmacht von den Hohenpriestern empfangen hatte. Und wenn sie getötet werden sollten, gab ich meine Stimme dazu. 11 Und in allen Synagogen zwang ich sie oft durch Strafen zur Lästerung und ich wütete maßlos gegen sie, verfolgte sie auch bis in die fremden Städte.

 Er selbst, so räumt Paulus ein, weil es ja auch allgemein bekannt ist, hat nicht immer so gedacht. Es wäre töricht, diese eigene Vergangenheit zu verschweigen. Es gab eine Zeit, in der hat er sich so verhalten wie die, die ihn jetzt anklagen. Er hat den Namen Jesu bekämpft, er wollte ihn auslöschen, endgültig. Wenn man so will: Endlich das Kreuz völlig in Kraft setzen durch die Verfolgung und Ausrottung der Christen. Ganz im Sinn und im Auftrag der Hohenpriester hat er sich verhalten.

 12 Als ich nun nach Damaskus reiste mit Vollmacht und im Auftrag der Hohenpriester, 13 sah ich mitten am Tage, o König, auf dem Weg ein Licht vom Himmel, heller als der Glanz der Sonne, das mich und die mit mir reisten umleuchtete. 14 Als wir aber alle zu Boden stürzten, hörte ich eine Stimme zu mir reden, die sprach auf Hebräisch: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Es wird dir schwer sein, wider den Stachel zu löcken. 15 Ich aber sprach: Herr, wer bist du?

 Auf dem Weg in diesem Auftrag kommt es zur Wende. Zum dritten Mal wird sie hier in der Apostelgeschichte erzählt, ein Zeichen dafür, dass sie ein Schlüsselerlebnis nicht nur für das Leben des Paulus ist, sondern auch für sein Denken, für sein Arbeiten. „Jede Zeile in den Briefen des Paulus ist geprägt von dem Gegensatz seines Lebens, jede trägt ihr eigenes Damaskus in sich, jede enthält dieses Moment des Auseinanderklaffens, der Zerreißprobe.“ (D. Hildebrandt, Saulus Paulus. Ein Doppelleben, dtv, 1999, S. 15) Weil Paulus in seinem ganzen Reden, Handeln, Glauben nur von dieser Wende her zu begreifen ist, deshalb wird sie gleich dreimal erzählt.

 Der Herr sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst; 16 steh nun auf und stell dich auf deine Füße. Denn dazu bin ich dir erschienen, um dich zu erwählen zum Diener und zum Zeugen für das, was du von mir gesehen hast und was ich dir noch zeigen will.

 In dieser Begegnung wird Paulus berufen. Der Verfolgte nimmt seinen Verfolger in Dienst. Er überwindet in dieser Begegnung seine Feindschaft. Er macht ihn zum Zeugen. Dazu richtet er ihn auf. Stell dich auf deine Füße ist mehr als nur: Du musst jetzt nicht auf dem Boden liegen bleiben. Damit wird auch gezeigt, wie Paulus seinen Auftrag erfüllen soll: Aufrecht, selbstbewusst, der eigenen Würde und der Würde seines sendenden Herrn gewiss. War Paulus vorher als Saulus im Dienst der Hohenpriester mit Vollmachten ausgestattet, so steht er ab jetzt im Dienst eines Grösseren, der für ihn unausweichlich ist und für den er „gerade stehen darf“.

 17 Und ich will dich erretten von deinem Volk und von den Heiden, zu denen ich dich sende, 18 um ihnen die Augen aufzutun, dass sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott. So werden sie Vergebung der Sünden empfangen und das Erbteil samt denen, die geheiligt sind durch den Glauben an mich.

 Hier trennt sich die Darstellung von den früheren Berichten. Hananias taucht nicht mehr als Mittler auf. Es ist der erhöhte Christus selbst, der Pauls seinen Auftrag gibt, den Horizont dieses Auftrages benennt und auch den Inhalt bestimmt. Christus selbst hat ihn zu den Heiden gesandt. Es ist sein Heilswille, dem Paulus dient.

 Der Satz Und ich will dich erretten von deinem Volk und von den Heiden, erinnert an Zusagen Gottes in der Berufung des Jeremia.Ich bestellte dich zum Propheten für die Völker. ….du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.(Jeremia 1, 5.7b-8) Der Prophet – darin gleicht ihm Paulus – ist nicht nur Ansager von Zukunft ist, sondern vor allem der Verkündiger des unbedingten Willens Gottes: Darum legt sich diese Erinnerung Lukas nahe und sie ist sicherlich als Anspielung gewollt und bewusst herausgestellt.

 Der Inhalt der Botschaft, die ihm aufgetragen ist: Ruf zur Umkehr, Ruf in die Freiheit, Ruf aus knechtenden Bindungen, Ruf zur Vergebung der Sünden, Ruf in das Reich Gottes. „Geläufige missionarische Terminologie, wie sie sich im Anschluss an bestimmte alttestamentliche Motive entwickelt hat, wird hier aufgenommen, wenn die Bekehrung als „Öffnung der Augen“ und als Wendung „vom Dunkel zum Licht“ beschrieben wird.(J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 355) Paulus, dem die Augen aufgegangen sind, soll einer werden, der Anderen, Heiden, die Augen auftut.

 19 Daher, König Agrippa, war ich der himmlischen Erscheinung nicht ungehorsam, 20 sondern verkündigte zuerst denen in Damaskus und in Jerusalem und im ganzen jüdischen Land und dann auch den Heiden, sie sollten Buße tun und sich zu Gott bekehren und rechtschaffene Werke der Buße tun.

Alles, was danach geschieht, ist nach den Worten des Paulus Gehorsam: „Gehorsam des Glaubens“ (Römer 1,5) – „Der Gedanke des Gehorsams, den man diesem Kyrios ähnlich wie dem Kaiser in Rom schuldet, ist für römisches Denken zweifellos eine Empfehlung. Der Missionar ist gerade in seinem Gehorsam nicht anders gestellt als irgendein römischer Beamter oder Soldat.“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 456)

Zugleich wird so der Konflikt sichtbar, der später scharf gestellt werden wird: Christen müssen entscheiden zwischen dem Gehorsam gegen den Kaiser in Rom oder dem Gehorsam gegen den gekreuzigten und auferstandenen Kyrios. Es ist dieser Gehorsam gegen seinen Herrn, die himmlische Erscheinung, der Paulus seinen Weg von Damaskus nach Jerusalem und dann weiter zu den Heiden führt .

21 Deswegen haben mich die Juden im Tempel ergriffen und versucht, mich zu töten. 22 Aber Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge bei Groß und Klein und sage nichts, als was die Propheten und Mose vorausgesagt haben: 23 dass Christus müsse leiden und als Erster auferstehen von den Toten und verkündigen das Licht seinem Volk und den Heiden.

 Noch einmal: Paulus steht hier als Jude. Er sagt nichts Anderes, als was die Propheten und Mose vorausgesagt haben. Jetzt spitzt er noch einmal zu und präzisiert und benennt zugleich die Differenz, die ihn von seinen Gegnern trennt: Es geht um den leidenden Christus und seine Auferstehung. Das ist, so Paulus, das Zeugnis der Propheten , dass Christus als Erster auferstehen werde von den Toten. So schreibt er es ja nach Korinth: Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“ (1. Korinther 15,20) Damit ist Paulus bei der Mitte seiner Botschaft.

 Das scheint mir auch der Sinn dieser dritten Version des Damaskus-Erlebnisses zu sein. Sie soll zeigen, dass alles, was Paulus sagt, hier wie in einem Brennpunkt, in nuce schon da ist und dass die Botschaft des Paulus sich aus dieser Erfahrung heraus konsequent entfaltet.

 Herr                                                                                                                                                        manchmal droht uns verloren zu gehen                                                                                  was unsere Berufung ist                                                                                                       Manchmal über dem Vielen                                                                                                 was uns beschäftigt                                                                                                              auf uns einstürmt                                                                                                                 verlieren wir aus den Augen                                                                                               wer wir für Dich sind                                                                                                             was Du von uns willst

 Es ist gut                                                                                                                              dass es solche Augenblicke gibt                                                                                             in denen wir Rechenschaft ablegen                                                                                          vor Menschen                                                                                                                           Und was wir da sagen hilft uns                                                                                                 innerlich neu Klarheit zu gewinnen                                                                                           Das ist mein Weg.                                                                                                             Dazu hilf Du durch Deinen Geist. Amen