Vorgeführt

Apostelgeschichte 25, 13 – 27

 13 Nach einigen Tagen kamen König Agrippa und Berenike nach Cäsarea, Festus zu begrüßen.

Es ist noch immer Anfangszeit und Zeit der Antrittsbesuche. So kommt auch König Agrippa mit seiner Frau Berenike, um dem neuen Prokurator seine Aufwartung zu machen. „Berenike, in einer ihrer früheren Ehen mit dem Onkel Herodes von Chalkis verheiratet, später Mätresse des Kaisers Titus, lebte damals mit ihrem Bruder zusammen, in einer den Juden höchst anstößigen inzestuösen Verbindung.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.269) Damit umzugehen ist diplomatischer Alltag.

 14 Und als sie mehrere Tage dort waren, legte Festus dem König die Sache des Paulus vor und sprach: Da ist ein Mann von Felix als Gefangener zurückgelassen worden; 15 um dessentwillen erschienen die Hohenpriester und Ältesten der Juden vor mir, als ich in Jerusalem war, und baten, ich solle ihn richten lassen. 16 Denen antwortete ich: Es ist der Römer Art nicht, einen Angeklagten preiszugeben, bevor er seinen Klägern gegenüberstand und Gelegenheit hatte, sich gegen die Anklage zu verteidigen.

 Festus sucht bei dem landeskundigen König fachlichen Rat, darum legt er ihm die Sache des Paulus vor. Aber seine Formulierung Da ist ein Mann lässt Desinteresse vermuten, dass ihm die ganze Geschichte einfach lästig ist. Er hat von Felix einen Fall geerbt, den er irgendwie gerne loswerden würde.

Die Forderung der Ältesten, ihn richten zu lassen, ihn an sie zu übergeben, ist ihm gleichwohl nicht recht. Da sträubt sich etwas in ihm, sei es Rechtsempfinden oder Machtinstinkt. So lässt er sie auch regelrecht abblitzen und besteht auf Klärung der Sachlage in Cäsarea.

 17 Als sie aber hier zusammenkamen, duldete ich keinen Aufschub, sondern hielt am nächsten Tag Gericht und ließ den Mann vorführen. 18 Als seine Ankläger auftraten, brachten sie keine Anklage vor wegen Vergehen, wie ich sie erwartet hatte. 19 Sie hatten aber Streit mit ihm über einige Fragen ihres Glaubens und über einen verstorbenen Jesus, von dem Paulus behauptete, er lebe.

 Festus fasst seine Erfahrungen mit dem Fall Agrippa gegenüber zusammen. Der Versuch, die Fakten zu klären, hat nichts erbracht. Stichhaltige Anklagen, die für ihn justiziabel gewesen wären, hat er nicht gehört. Statt dessen ging es um innerjüdischen Streitfragen in Sachen Glauben.

Vielleicht war Festus schon in Rom davor gewarnt worden, dass so etwas auf ihn zukommen könnte. Und jetzt auf einmal diese dubiose Debatte um einen verstorbenen Jesus, von dem Paulus behauptete, er lebe. Wie fremd muss Festus das alles vorgekommen sein. Auferstehung der Toten kommt im Denken eines römischen Realpolitikers kaum vor. 20 Da ich aber von diesem Streit nichts verstand, fragte ich, ob er nach Jerusalem reisen und sich dort deswegen richten lassen wolle. 21 Als aber Paulus sich auf sein Recht berief, bis zur Entscheidung des Kaisers in Gewahrsam zu bleiben, ließ ich ihn gefangen halten, bis ich ihn zum Kaiser senden könnte.

 Es ehrt Festus, dass er zugibt, von diesem ganzen Streit nichts verstanden zu haben. Das zeigt aber auch zugleich, dass seine Frage, ob Paulus sich nicht in Jerusalem, von den „Fachleuten in der Sache“ richten lassen wolle, nur ein durchschaubarer Versuch ist, die ganze Angelegenheit los zu werden. Er verkennt auch völlig, dass eine Zustimmung des Paulus zu seinem Vorschlag eine Zustimmung zum eigenen Todesurteil wäre.

 Weil Paulus diese Zustimmung verweigert, ist er jetzt weiter inhaftiert. Festus wartet nur auf eine Gelegenheit, ihn nach Rom transportieren zu können.

 22 Agrippa sprach zu Festus: Ich möchte den Menschen auch gerne hören. Er aber sprach: Morgen sollst du ihn hören. 23 Und am nächsten Tag kamen Agrippa und Berenike mit großem Gepränge und gingen in den Palast mit den Hauptleuten und vornehmsten Männern der Stadt. Und als Festus es befahl, wurde Paulus gebracht.

Agrippa zeigt sich an diesem seltsamen Fall interessiert“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 270), wohl auch an diesem absonderlichen Menschen. Vielleicht verspricht er sich von dem Menschen eine nette Abwechslung im etwas langweiligen Tag eines Herrschers, der doch keine echte Macht hat. Jedenfalls haben er und Berenike am nächsten Tag einen großen Auftritt. Dazu kommt alles, was am Hof des Prokurators Beine hat, die Hauptleute und die vornehmsten Männer der Stadt. Der Gefangene Paulus wird vorgeführt. Fast wie ein seltenes Tier.

24 Und Festus sprach: König Agrippa und all ihr Männer, die ihr mit uns hier seid, da seht ihr den,um dessentwillen die ganze Menge der Juden in Jerusalem und auch hier in mich drang und schrie, er dürfe nicht länger leben. 25 Als ich aber erkannte, dass er nichts getan hatte, das des Todes würdig war, und er auch selber sich auf den Kaiser berief, beschloss ich, ihn dorthin zu senden.

 Man muss sich die Szene vor Augen halten. Paulus steht da, gefangen, bewacht, vielleicht auch gefesselt. Und jetzt erklärt Festus in seinem Beisein seinen illustren Gästen den Sachverhalt. Das ist der, den die Juden weg haben wollen. Um dessentwillen werde ich bedrängt. Zwischen den Zeilen höre ich: Das ist so lästig, wie sie auf mich einreden. Fast könnte man spüren: Weil sie so lästig, so hartnäckig, so bedrängend sind, verweigere ich mich. Je mehr sie drängen, umso weniger bin ich bereit, ihrem Willen zu folgen. Das ist auch, zwischen den Zeilen angedeutet, eine Art Machtdemonstration.

Dazu kommt: Die Anklagen sind nicht überzeugend, nicht stimmig. Sie reichen schon gar nicht für ein römisches Todesurteil. Das ist Lukas wichtig: „Der römische Prokurator stellt die Unschuld seines Gefangenen fest.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.270) Trotzdem ist der Fall noch nicht erledigt. Denn er hat sich auf den Kaiser berufen und das ist jetzt, so Festus, Beschlusslage: Ich werde ihn dorthin senden.

 26 Etwas Sicheres über ihn aber habe ich nicht, das ich meinem Herrn schreiben könnte. Darum habe ich ihn vor euch bringen lassen, vor allem aber vor dich, König Agrippa, damit ich nach geschehenem Verhör etwas hätte, was ich schreiben könnte. 27 Denn es erscheint mir unsinnig, einen Gefangenen zu schicken und keine Beschuldigung gegen ihn anzugeben.

 Nach dieser Einleitung kommt Festus zu seinem Problem. Was kann ich als Anklage, als Beschuldigung in einem Brief festhalten? Es geht ja um einen offiziellen Gefangenentransport und offizielle Dokumente. Da braucht es Ursachen, Begründungen. Ohne eine handfeste Beschuldigung kommt Festus in Rom in ein schiefes Licht. Vorgesetzte fühlen sich leicht einmal nicht ernst genommen, wenn sie mit Lappalien belästigt werden, erst recht, wenn sie auch noch keinerlei Notwendigkeit erkennen können, weshalb sie damit belästigt werden.

 Obwohl Lukas – so manche Exegeten – nichts unversucht lässt, Festus als korrekten Beamten zu zeichnen, wird doch auch spürbar: Es geht Festus nur um Festus, nicht um Paulus. Dieser Mann ist für ihn nur lästig, nur ein Fall. Lukas bleibt nicht bei dieser angedeuteten Unlust stehen. „Er hat jede Gelegenheit genutzt, durch seine Darstellung für eine rechtlich einwandfreie Behandlung der Christen zu plädieren und darauf hinzuweisen, dass die römischen Beamten nicht in der Lage sind, die Streitfragen zwischen Juden und Christen zu beurteilen.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.270f.) Ein römisches Gericht ist besser als ein jüdisches Gericht. Aber noch besser wäre natürlich gar kein Gericht. Kein Gericht der Welt darf und kann die Wege Gottes hindern. Es wird ihnen dienen müssen, auch wider Willen. Davon ist Lukas überzeugt.

 Herr Jesus                                                                                                                       manchmal kommen Deine Leute                                                                                             zwischen die Mühlsteine von Neugier und Ignoranz                                                                manchmal sind sie wie ausgeliefert                                                                                       an Menschen                                                                                                                            denen nichts an ihnen liegt

Herr                                                                                                                                                das ist eine Gefahr                                                                                                                    die wir auch kennen                                                                                                              wir haben keine Interesse                                                                                                      sollen aber trotz dem etwas sagen                                                                                         und andere sind abhängig von dem                                                                                          was uns einfällt

Lass uns sorgfältig sein in unseren Urteilen                                                                             Menschen ernst nehmen                                                                                                          versuchen                                                                                                                                           ihnen gerecht zu werden. Amen