Aufregung steigt

Apostelgeschichte 21, 27 – 40

 27 Als aber die sieben Tage zu Ende gingen, sahen ihn die Juden aus der Provinz Asien im Tempel und erregten das ganze Volk, legten die Hände an ihn 28 und schrien: Ihr Männer von Israel, helft! Dies ist der Mensch, der alle Menschen an allen Enden lehrt gegen unser Volk, gegen das Gesetz und gegen diese Stätte; dazu hat er auch Griechen in den Tempel geführt und diese heilige Stätte entweiht. 29 Denn sie hatten Trophimus, den Epheser, mit ihm in der Stadt gesehen; den, meinten sie, hätte Paulus in den Tempel geführt.

 Als es so weit ist, dass das Gelübde der Vier im Tempel gelöst werden könnte, kommt es zum Eklat. Juden aus der Provinz Asien sehen Paulus, packen ihn und beschuldigen ihn.  Weil die Schreienden den Epheser Trophimus in der Stadt als Gefährten des Paulus erkannt haben, müssen sie wohl selbst aus Ephesus sein. Ihre Anklage: Er hetzt gegen uns als Juden, gegen das Gesetz, gegen den Tempel. Es ist ein schwerwiegender Vorwurf: Entweihung des Tempels. „Lukas benennt so – analog zu den Anschuldigungen gegen Stephanus – die allgemeine Gegnerschaft der Juden gegen Paulus.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.225 ) Stichhaltig ist der Vorwurf der Tempelschändung nicht, lässt uns Lukas wissen. Trophimus ist nur in der Stadt, nicht im Tempel mit Paulus unterwegs.

 30 Und die ganze Stadt wurde erregt und es entstand ein Auflauf des Volkes. Sie ergriffen aber Paulus und zogen ihn zum Tempel hinaus. Und sogleich wurden die Tore zugeschlossen.

 Aber die Aufregung wächst. Die ganze Stadt – wie so häufig wird auch hier eine größere Mengen für das Ganze genommenwird davon erfasst. Immer mehr Menschen rotten sich zusammen. Wenn sie Paulus aus dem Tempel zerren, so hat das zwei Gründe: Tempelschänder müssen sofort entfernt werden. Und es droht wohl, dass der spontane Volkszorn sich Bahn bricht. Das Leben des Paulus steht auf dem Spiel. Die Tore des Tempels werden geschlossen. Eine Zuflucht zu den Hörnern des Altars, zur Asylstätte (vgl 1. Könige 1, 50, 1. Könige 2, 28) ist damit für Paulus ausgeschlossen.

31 Als sie ihn aber töten wollten, kam die Nachricht hinauf vor den Oberst der Abteilung, dass ganz Jerusalem in Aufruhr sei. 32 Der nahm sogleich Soldaten und Hauptleute und lief hinunter zu ihnen. Als sie aber den Oberst und die Soldaten sahen, hörten sie auf, Paulus zu schlagen. 33 Als nun der Oberst herangekommen war, nahm er ihn fest und ließ ihn fesseln mit zwei Ketten und fragte, wer er wäre und was er getan hätte. 34 Einer aber rief dies, der andre das im Volk. Da er aber nichts Gewisses erfahren konnte wegen des Getümmels, ließ er ihn in die Burg führen.

 Es scheint so, dass man sich in der Menge anschickt, Paulus zu töten. Ihm blüht das Schicksal des Stephanus. Erst im letzten Augenblick wendet sich das Blatt zugunsten des Paulus. Die Römer greifen ein. Der Befehlshaber in der Burg Antonia, die dem Tempel nahe liegt, wird informiert, dass da Tumulte im Gang sind. Mit seiner Truppe erscheint er auf dem Platz. Sofort hören die Leute in der Menge auf, Paulus zu schlagen.

Der Römer lässt Paulus festnehmen, schwer fesseln und erst dann erkundigt er sich über die Vorwürfe gegen seinen Gefangenen. Er folgt so üblicher Polizei-Strategie. Aber die Befragung in die Menge hinein bleibt ergebnislos: Einer aber rief dies, der andre das im Volk. Es wiederholt sich, was schon vom Tumult in Ephesus gesagt wurde. Die Leute sind erregt, aufgewühlt, aber sie wissen nicht, warum. Lukas hat keine sonderlich hohe Meinung von Schwarm-Intelligenz!

35 Und als er an die Stufen kam, mussten ihn die Soldaten tragen wegen des Ungestüms des Volkes; 36 denn die Menge folgte und schrie: Weg mit ihm!

Die Soldaten bringen Paulus in Sicherheit. Kein einfaches Unterfangen bei der nachdrängenden, schubsenden, stoßenden, schreienden Menge. Weg mit ihm! klingt es hier aus tausendfachem Mund. Kreuzige ihn! (Lukas 23,21) hat es Jahre zuvor aus tausendfachem Mund geschallt. Der Zeuge rückt immer mehr an das Schicksal seines Herren heran. „Seinem Tod gleichgestaltet“ (Philipper 3, 10) zu werden, hat Paulus sich gewünscht.

 37 Als nun Paulus in die Burg geführt werden sollte, fragte er den Oberst: Darf ich mit dir reden? Er aber sprach: Kannst du Griechisch? 38 Bist du nicht der Ägypter, der vor diesen Tagen einen Aufruhr gemacht und viertausend von den Aufrührern in die Wüste hinausgeführt hat?

 Der kurze Wortwechsel macht deutlich: Der römische Befehlshaber weiß wirklich nicht, was hier gespielt wird und wen er da festgenommen hat. Er ist überrascht, dass Paulus Griechisch spricht. Er hat in ihm einen Aufrührer aus Ägypten vermutet, mit einer großen Gefolgschaft, einen politisch gefährlichen Menschen. Wenn er das nicht ist – wer ist der, den er da in Ketten vor sich sieht?

 39 Paulus aber sprach: Ich bin ein jüdischer Mann aus Tarsus in Zilizien, Bürger einer namhaften Stadt. Ich bitte dich, erlaube mir, zu dem Volk zu reden.

 Paulus klärt ihn auf: Ich bin Jude, aus Tarsus, Bürger dieser Stadt in Kleinasien. Und dann, kühn geworden, bittet Paulus um die Erlaubnis, zu den Juden reden zu dürfen. Er weiß, dass das eine große Bitte ist und dass er diesem verwirrten römischen Soldaten mit seiner Bitte Einiges zumutet.

 40 Als er es ihm aber erlaubte, trat Paulus auf die Stufen und winkte dem Volk mit der Hand. Da entstand eine große Stille und er redete zu ihnen auf Hebräisch und sprach:

 Was schwer vorstellbar erscheint, geschieht. Der Römer erlaubt es seinem Gefangenen, zu den Leuten auf dem Platz zu sprechen. Geht er damit nicht ein hohes Risiko ein, erst recht, wenn dieser Gefangene nicht in Griechisch zu den Leuten spricht, sondern auf Hebräisch zu ihnen redet? Es ist die Sprache der Väter, die Paulus verwendet und es soll vom ersten Wort an ein Signal an die Hörer sein: Ich bin einer von Euch. Ich stehe in der Tradition unseres Volkes. Es bedeutet mir viel, zu diesem Volk der Väter, dem die Treue Gottes gilt, zu gehören.

    Mir drängt sich eine Frage auf: Wo ist Gott in diesem Tumult? Lukas erzählt sonst viel von Gott, seinem Wirken durch Engel, seinem Wegweisen durch den Geist. Hier kommt Gott nicht vor. Es könnte daran liegen, dass Lukas Gott inkognito am Werk sieht. Gott handelt, „verkleidet“ in einen Trupp römischer Soldaten. Er bewahrt das Leben seines Zeugen im blindwütigen Zorn des Jerusalemer Mob durch eine Eingreif-Truppe Roms. Ist das zu schräg gedacht? Mir als immer wieder einmal von pazifistischen Gedanken heimgesuchtem Menschen fällt es nicht leicht, mir das vorzustellen. Es ist mehr ein Ausprobieren einer anderen, ungewohnten Perspektive.

Herr Jesus                                                                                                                               Gewaltige Stiere haben mich umgeben                                                                              mächtige Büffel haben mich umringt                                                                           Ihren Rachen sperren sie gegen mich                                                                               auf wie ein brüllender und reißender Löwe                                                                           So hast Du gebetet                                                                                                                   Das hast Du erlebt

Dein Zeuge Paulus hat es auch erfahren                                                                           und die Angst mag ihn überfallen haben                                                                               im Geschrei der Menge

Ich aber sitze sicher in meinem Haus                                                                                  Es ist nicht meine Wirklichkeit                                                                                                  dieses Wut-Geschrei der Menge                                                                                              Angefeindet werden um Deines Namens willen

Weil ich auch nicht weiß ob ich standhalten würde                                                                  bin ich dankbar                                                                                                                  dass ich heute leben darf in diesem Land                                                                               auch wenn mir die Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben                                                  manchmal schwer zu schaffen macht

Gib Du mir den Mut                                                                                                               an meinem Platz zu sagen                                                                                                 was ich zu sagen habe um Deinetwillen. Amen