Weitsicht?!

Apostelgeschichte 19, 23 – 40

 23 Es erhob sich aber um diese Zeit eine nicht geringe Unruhe über den neuen Weg.

 Paulus ist in Ephesus schon fast im Gehen, als es noch einmal turbulent wird. Es gibt Ärger, Auseinandersetzungen über den neuen Weg. Da steht im Griechischen nur: über den Weg. Gemeint ist der Glaube an Christus, der ja nicht Einnehmen eines Standpunktes ist, sondern Eintreten in eine neue Lebenspraxis. Das ist in Ephesus durch die Bücherverbrennungen und die Abkehr von magischen Praktiken öffentlich deutlich geworden. Der Glaube prägt das Verhalten und stellt so als gelebter Glaube anderes Verhalten in Frage.

 24 Denn einer mit Namen Demetrius, ein Goldschmied, machte silberne Tempel der Diana und verschaffte denen vom Handwerk nicht geringen Gewinn.

Sprecher derer, die in Unruhe geraten sind, ist der Goldschmied Demetrius, vielleicht so eine Art “Innungsmeister” oder “Sprecher der IHK Ephesus”. Seine Haupteinnahmequelle sind Tempel-Modelle des Diana-Tempels aus Ephesus. Diana ist die Göttin der Fruchtbarkeit, die in Ephesus besonders verehrt wird. Er ist erfolgreich mit seinem Devotionalienhandel: Viele profitieren von seinem Erfolg. Das gibt seiner Stimme Gewicht.

25 Diese und die Zuarbeiter dieses Handwerks versammelte er und sprach: Liebe Männer, ihr wisst, dass wir großen Gewinn von diesem Gewerbe haben; 26 und ihr seht und hört, dass nicht allein in Ephesus, sondern auch fast in der ganzen Provinz Asien dieser Paulus viel Volk abspenstig macht, überredet und spricht: Was mit Händen gemacht ist, das sind keine Götter. 27 Aber es droht nicht nur unser Gewerbe in Verruf zu geraten, sondern auch der Tempel der großen Göttin Diana wird für nichts geachtet werden und zudem wird ihre göttliche Majestät untergehen, der doch die ganze Provinz Asien und der Weltkreis Verehrung erweist.

 Man kann sagen, was man will: Demetrius hat die Sprengkraft der christlichen Botschaft verstanden. Wer die Heiligkeit der Götterbilder bestreitet, der gräbt auf die Dauer dem einträglichen Geschäft mit solchen Götter-Statuen das Wasser ab. Wenn die Leute anfangen, Paulus zu glauben, ist es mit dem Geschäft vorbei. So klar benennt er den finanziellen Aspekt der christlichen Botschaft: Mit denen ist in Sachen Götterbilder kein Geld zu machen.

Das andere, das religiöse Motiv tritt daneben. Demetrius spürt deutlich: Entweder Christus oder Diana. Da gibt es keine friedliche Ko-Existenz. Wenn sich dieser Christus-Glaube durchsetzt, ist es auch um den Tempel der Diana geschehen. Es ist kein Platz mehr für ihre Verehrung, die doch bis jetzt in Asien und im Weltkreis – hier übertreibt Demetrius ein bisschen – unbestritten ist. Es ist diese merkwürdige Weitsicht, die Gegner des Christus-Glaubens manchmal haben, die sie sagen lässt, was sein wird. Das ist nicht gleich schon Prophetie. Aber ein Gespür, dass es mit dem Glauben um mehr geht als um ein paar neue Sätze über Gott. Dass die Welt nicht mehr die Gleiche sein wird, wenn dieser Glaube sich ausbreitet.

 28 Als sie das hörten, wurden sie von Zorn erfüllt und schrien: Groß ist die Diana der Epheser! 29 Und die ganze Stadt wurde voll Getümmel; sie stürmten einmütig zum Theater und ergriffen Gajus und Aristarch aus Mazedonien, die Gefährten des Paulus. 30 Als aber Paulus unter das Volk gehen wollte, ließen’s ihm die Jünger nicht zu. 31 Auch einige der Oberen der Provinz Asien, die ihm freundlich gesinnt waren, sandten zu ihm und ermahnten ihn, sich nicht zum Theater zu begeben.

 Ob es das war, was Demetrius wollte? Er steht leicht als so eine Art Demagoge da. Seine Rede hat „gezündet“. Es findet sich wie von selbst ein Schlachtruf: Groß ist die Diana der Epheser! Es geht um so Vieles: Die sicheren Einnahmen, die Identität der Stadt – `wir alle sind Epheser’, um die religiöse Überzeugung, auch um antijüdische Ressentiments, wie sich deutlich zeigen wird.

Mit dem Skandieren verbinden sich sogleich Handgreiflichkeiten. Zupacken. Die Menge reißt zwei Mitarbeiter des Paulus, Gajus und Aristarch aus Mazedonien, mit sich mit ins Theater als dem großen Versammlungsort. Man muss um sie fürchten. Solche aufgeputschten Menschenmenge sind leicht wie berauscht und kaum noch steuerbar. Wer ihnen im Weg steht, kann leichter zu Boden getrampelt werden. Es ist eine Zeichen der Fürsorglichkeit, des Wohlmeinens, dass die Jünger und die Asiarchen – sie sind die Oberen der Provinz Asien, Vertreter eines hohen Gremiums der Verwaltung der Provinz Paulus davon zurückhalten, selbst vor diese Menge zu treten. Das ist jetzt nicht sein Platz und noch nicht seine Stunde.

 32 Dort schrien die einen dies, die andern das, und die Versammlung war in Verwirrung, und die meisten wussten nicht, warum sie zusammengekommen waren. 33 Einige aber aus der Menge unterrichteten den Alexander, den die Juden vorschickten. Alexander aber winkte mit der Hand und wollte sich vor dem Volk verantworten. 34 Als sie aber innewurden, dass er ein Jude war, schrie alles wie aus einem Munde fast zwei Stunden lang: Groß ist die Diana der Epheser!

 Dort, im Theater, geht es tumultartig zu. Der Verdacht, der auch heutzutage mancher Demonstration gilt, dass die meisten nicht wissen, worum es geht, wird hier ausgesprochen. Weder der Anlass noch das Ziel der Versammlung sind klar. Aber das spielt auch kein Rolle. Erst recht nicht, als Alexander, ein Jude, vor die Menge tritt. „Vermutlich fürchteten die Juden, sie würden als Kritiker der Götterbilder mit den Christen über einen Leisten geschlagen und hätten Ausschreitungen gegen ihre Quartiere und Einrichtungen zu gewärtigen.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.181 ) Der Menge reicht die tiefe Einsicht: Ein Jude – und er wird nieder gebrüllt. Was muss man noch wissen, worum es geht!

 Diese Szene in Ephesus ist nicht geeignet, das Vertrauen auf die Vernunft großer Massenansammlungen zu stärken. Sie nährt vielmehr die Skepsis, die von Verführbarkeit und Anfälligkeit für Manipulation spricht. Dabei spielt es nicht wirklich eine Rolle, ob solche Zusammenrottungen auf einem großen Platz oder virtuell erfolgen. Das alles gilt unbeschadet der durchaus beeindruckenden Bilder, die es heutzutage ja alltäglich von Massenprotesten rund um die Welt gibt. Bei mir zumindest meldet sich fast immer die – zugegeben sehr skeptische – Frage: Und welche Interessen stehen hinter denen, die da so tapfer marschieren und so laut skandieren?

 35 Als aber der Kanzler das Volk beruhigt hatte, sprach er: Ihr Männer von Ephesus, wo ist ein Mensch, der nicht weiß, dass die Stadt Ephesus eine Hüterin der großen Diana ist und ihres Bildes, das vom Himmel gefallen ist? 36 Weil das nun unwidersprechlich ist, sollt ihr euch ruhig verhalten und nichts Unbedachtes tun.

 Plötzlich – es wird nicht gesagt, wie, woher und warum – ist ein hoher Beamter der Stadt da – und ihm gelingt es, die Menge zu beruhigen. Im Griechischen schwingt im Wort όχλος für Menge Geringschätzung mit – das meint auch Pöbel, aufgeregter Haufen. Umso beachtlicher, dass sie der Kanzler (=Stadtschreiber) zum Schweigen bringt. Er schmeichelt ihnen. Indem er die Bedeutung der Diana und ihres Standbildes unterstreicht, erhöht er die Leute. Wir sind die Stadt, die vom Himmel selbst bedacht worden ist mit dem heiligen Bild – was zählen da ein paar Leute, die Anderes sagen? Macht euch die Hände nicht schmutzig an ihnen.

 37 Ihr habt diese Menschen hergeführt, die weder Tempelräuber noch Lästerer unserer Göttin sind.

Dieser Verbeugung vor der Menge folgt eine Klarstellung: Es geht nicht um kriminelle Taten.Tempelraub wäre eine kriminelles Delikt und würde staatlich verfolgt. Auch die Göttin hat niemand gelästert. Selbst wenn der Schreiber auch mit dieser Bemerkung Recht hat – da ist Demetrius weitsichtiger. Man muss Göttinnen nicht lästern, um sie zu erniedrigen. Es reicht, sie zu durch die eigene, andere Botschaft zu überholen.

 38 Haben aber Demetrius und die mit ihm vom Handwerk sind einen Anspruch an jemanden, so gibt es Gerichte und Statthalter; da lasst sie sich untereinander verklagen.

 Mit diesen Worten wird die ganze Angelegenheit endgültig auf den Boden geholt. Es geht um wirtschaftliche Interessen. Es geht um finanzielle Ansprüche einiger reicher Leute. Da dämmert es dem Letzten in der Menge: Wir sind vor einen fremden Karren gespannt worden. Was da zu klären ist, das machen die Gerichte.

 Diese kurze Rede ist ein wunderbares Beispiel für De-Eskalation. So wünschte ich mir oft das Auftreten verantwortlicher Leute – nicht die Menge vor die eigenen Interessen spannen, sondern ihr zu helfen, dass sie sich nicht verrennt.

 39 Wollt ihr aber darüber hinaus noch etwas, so kann man es in einer ordentlichen Versammlung entscheiden. 40 Denn wir stehen in Gefahr, wegen der heutigen Empörung verklagt zu werden, ohne dass ein Grund vorhanden ist, mit dem wir diesen Aufruhr entschuldigen könnten.

 Der Abschluss ist der Hinweis auf geordnete Verfahren. Es gibt einen Instanzen-Weg, an den man sich halten kann. Es gibt die Instrumente, durch die der Einzelne seine Anliegen zu Gehör bringen kann. Es gibt die Volksversammlung als Forum der Angelegenheiten der Stadt. Und – das ist ein mutiger Schritt: Die Veranstaltung wird als Empörung eingeschätzt, als Aufruhr, der das Eingreifen der römischen Obrigkeit nach sich ziehen könnte. Das aber will doch wohl keiner.

Und als er dies gesagt hatte, ließ er die Versammlung gehen.

 Damit ist alles gesagt. Und er entlässt nun die Versammlung, die doch weder er noch sonst jemand einberufen hatte. Er löst den Auflauf mit friedlichen Mitteln auf.

 Es ist, nach meiner Einschätzung, eines der Ziele des Lukas, dass seine LeserInnen verstehen: Wo es mutige Beamte gibt, die auf das Recht achten, haben die Christen nichts zu fürchten. Es mag sein, dass es unkontrollierten Zorn der Mengen, des Pöbels gibt. Aber das Eingreifen der Obrigkeit wird Christen davor bewahren, hier zu Opfern zu werden. Damit ist Lukas nahe bei Paulus und seiner Sicht auf die Obrigkeit, wie sie der Römerbrief zeigt (Römer 13, 1 – 7).

 Ein letzter Gedanke: Es kommt mir vor wie ein später Triumph des Demetrius, wenn ich anschauen, was mir alljährlich an Werbeprospekten mit christlichen Devotionalien ins Haus flattert: Gebetswürfel, Fische in aller Größen, Formen, Farben, Kreuze in allen Formen, Geschenkpapier – mit Bibelsprüchen bedruckt, mit der Weihnachtsgeschichte bedruckt, Legionen von Engeln, Lutherbonbons. Und nicht zuletzt: Logos, Give aways mit der Aufschrift: Evangelisch aus gutem Grund.

 Ich erinnere mich an meine erste Italienreise 1965. Ich war wie erschlagen als ich in Assisi sah, was man alles an „Heiligtümern“ kaufen kann und wusste nur Eines: Ich bin evangelisch. Bei uns gibt es das alles nicht. Inzwischen gleichen christliche Buchläden, gleich welcher Konfession, aufs Verwechseln den Kiosken der Händler des Heiligen, die ich in Assisi erlebt habe. Sowohl was die Menge der frommen Artikel als auch was die Geschmacklosigkeit und die religiöse Instinktlosigkeit angeht. Welch ein Fortschritt!

 Demetrius hat sich, wenn auch spät, doch behauptet. Es ist seine subtile Rache: Die Diana-Isierung (das ist meine Wortschöpfung, korrekt muss es heißen: Merkantilisierung) des christlichem Glaubens ist ein durchschlagender wirtschaftlicher Erfolg. Wer wollte das missen?

 Herr Jesus                                                                                                               bewahre uns davor                                                                                                          aus dem Glauben eine Geschäft zu machen                                                                 Bewahre uns davor                                                                                                           die so verständliche Sehnsucht                                                                                  nach Begreiflichem                                                                                                          Fassbarem                                                                                                                Handfestem auszubeuten

 Herr Jesus                                                                                                                      bewahre uns aber auch davor                                                                                        die Kargheit                                                                                                                    sinnliche Armut                                                                                                                und den Verzicht auf schöne Gestalt                                                                                   für die einzig erlaubte Ausdrucksform des Glaubens                                                   zu halten

 Gib uns Deinen Geist                                                                                                      zur Freude an allem Schönen                                                                                         zur Lust an allem Festlichen                                                                                           zur Dankbarkeit für allen künstlerischen Reichtum                                                      der Deinem Wort dient                                                                                                    und es uns nahe bringt. Amen