Geist und Glauben in Fülle

Apostelgeschichte 18, 23 – 19,7

 23 Und nachdem er einige Zeit geblieben war, brach er wieder auf und durchzog nacheinander das galatische Land und Phrygien und stärkte alle Jünger.

 Auch wenn Antiochia so etwas wie Heimat für Paulus sein mag, er bleibt nicht für immer. Wieder bricht er auf und wieder geht es ihm darum, die Gemeinden im galatischen Land und Phrygien zu stärken, zu ermutige, zu befestigen. Es fällt auf, dass keiner der Reisegefährten des Paulus namentlich genannt wird. Ist er alleine unterwegs? Es wird einige Zeit dauern, bis wieder Gefährten des Paulus in den Blick kommen (19,21).

 24 Es kam aber nach Ephesus ein Jude mit Namen Apollos, aus Alexandria gebürtig, ein beredter Mann und gelehrt in der Schrift. 25 Dieser war unterwiesen im Weg des Herrn und redete brennend im Geist und lehrte richtig von Jesus, wusste aber nur von der Taufe des Johannes. 26 Er fing an, frei und offen zu predigen in der Synagoge. Als ihn Aquila und Priszilla hörten, nahmen sie ihn zu sich und legten ihm den Weg Gottes noch genauer aus.

 Ein neuer Ort und ein neuer Namen kommen in den Blick. Ephesus war bisher nur einmal von Paulus kurz berührt worden (18,1), auf dem Rückweg nach Jerusalem und Antiochia. Und auch jetzt ist es nicht Paulus, von dem ein Aufenthalt in Ephesus berichtet wird. Apollos, Jude aus Alexandria, kommt nach Ephesus. Er wird vorgestellt als ein beredter Mann und gelehrt in der Schrift. Alexandria ist die Stadt mit der größten Bibliothek des Altertums, ein Ort, an dem sich die Bildungselite trifft. Das mag zu einem Teil die Gelehrsamkeit des Apollos und seine Redekunst erklären.

 Hier aber geht es wohl um seinen Stand im Glauben. Über seine Anfänge auf diesem Weg erfahren wir nichts. Er ist schon unterwiesen im Weg des Herrn – das klingt für mich so, dass er den Lebensweg Jesu von der Taufe bis zu Kreuz und Auferstehung „gelernt“ hat, Gleichnisse Jesu gelehrt worden ist. Wo er das alles gelehrt worden ist, bleibt im Dunkeln. Wichtig ist nur: Mit diesem Wissen tritt er in der Synagoge auf, so wie es sonst von Paulus gesagt wird: frei und offen. Und er lehrte richtig von Jesus, brennend im Geist. Es gibt eine Einschränkung im Wissens-Stand des Apollos: er kennt nur die Johannes-Taufe. Ich ergänze: Er weiß noch nichts von einer Taufe auf den Namen Jesu. Jetzt treten zwei Weggefährten des Paulus aus Korinth auf den Plan, Aquila und Priszilla. Warum sie in Ephesus sind, spielt keine Rolle. Aber sie übernehmen es nun, diesen „hochbegabten” Apollos weiter in den Glauben einzuführen. Ob sie ihn getauft haben? Auch davon wird nichts erzählt.

 27 Als er aber nach Achaja reisen wollte, schrieben die Brüder an die Jünger dort und empfahlen ihnen, ihn aufzunehmen. Und als er dahin gekommen war, half er denen viel, die gläubig geworden waren durch die Gnade. 28 Denn er widerlegte die Juden kräftig und erwies öffentlich durch die Schrift, dass Jesus der Christus ist.

 Apollos aber will nicht in Ephesus bleiben. Er will nach Achaja. Und die Brüder in Ephesus sind überzeugt, dass das ein guter Schritt und er ein guter Mann ist. Darum geben sie ihm Empfehlungsschreiben mit. Und er erweist sich wirklich als der erhoffte Helfer in Sachen Glauben. In der Auseinandersetzung mit den Juden ist er stark. Sein Inhalt ist klar: aus der Schrift, heißt aus den Schriften der Hebräischen Bibel, zeigt er auf: Jesus ist der Christus Gottes.

 Im Brief des Apostel Paulus nach Korinth wird sichtbar, dass Apollos als Lehrer des Glaubens keine Randfigur ist. Er hat die Gemeinde in Korinth so tief mit geprägt, dass es dort eine richtige Apollos-Fraktion gibt. „Denn wenn der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere aber: Ich zu Apollos -, ist das nicht nach Menschenweise geredet? Wer ist nun Apollos? Wer ist Paulus? Diener sind sie, durch die ihr gläubig geworden seid, und das, wie es der Herr einem jeden gegeben hat: Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben. „(1. Korinther 3, 4-6) Der Einfluss der Apollos als Lehrer der Gemeinde in Korinth wird hier überaus deutlich.

 Es geschah aber, als Apollos in Korinth war, dass Paulus durch das Hochland zog und nach Ephesus kam und einige Jünger fand. 2 Zu denen sprach er: Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet? Sie sprachen zu ihm: Wir haben noch nie gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt. 3 Und er fragte sie: Worauf seid ihr denn getauft? Sie antworteten: Auf die Taufe des Johannes. 4 Paulus aber sprach: Johannes hat getauft mit der Taufe der Buße und dem Volk gesagt, sie sollten an den glauben, der nach ihm kommen werde, nämlich an Jesus. 5 Als sie das hörten, ließen sie sich taufen auf den Namen des Herrn Jesus. 6 Und als Paulus die Hände auf sie legte, kam der Heilige Geist auf sie und sie redeten in Zungen und weissagten. 7 Es waren aber zusammen etwa zwölf Männer.

 Apollos ist in Korinth, als Paulus nach Ephesus kommt. Es gibt dort schon Jünger. Paulus muss die Gemeinde nicht gründen. Aber, ähnlich wie bei Apollos, ist ihr Jüngersein noch im Anfang. Sind es ursprünglich Johannes-Jünger, wie es in der Exegese vermutet wird? Jedenfalls: ihr Christsein ist noch nicht völlig, es ist noch im Werden. Das wird hier festgemacht in der Frage nach dem Heiligen Geist. Von ihm wissen sie nichts. Es könnte sein, dass sie durch Apollos zu Jüngern geworden sind, denn wie er wissen sie auch nur um die Taufe des Johannes.

 Das ist erstaunlich und zeigt etwas von der Freiheit der Anfänge der Christenheit. „Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.“(1. Korinther 12,3) schreibt Paulus nach Korinth. Hier aber kommt er nicht auf die Idee, den Jüngern zu sagen: Ihr seid ja noch gar keine richtigen Christen. So wenig Apollos wegen seiner offensichtlich fehlenden Taufe auf den Namen Jesu als Verkündiger in Frage gestellt wird, so wenig geschieht das auch bei den Apollos-Leuten.

Paulus enthält sich jeden Urteils über sie, aber er erklärt, was ist. Johannes ist der, der auf Jesus hingewiesen hat und – so wohl die Schlussfolgerung: Ihm folgen heißt an den glauben, auf den er hingewiesen hat. Das hat Johannes ja selbst so gesehen:Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“ (Lukas 3, 16) Und die Taufe des Johannes weist über sich hinaus hin auf die Taufe auf den Namen Jesu. Die Taufe der Buße wird abgelöst durch die Taufe, die in die Gemeinschaft mit Jesus stellt.

 Diese Taufe wollen die Jünger in Ephesus empfangen. Nach ihrem Vollzug legt Paulus ihnen die Hände auf und sie werden vom Geist erfüllt und reden in Zungen. Was in unseren Ohren ekstatisch klingt und exotisch aussieht, wird hier von Lukas völlig unbetont und unaufgeregt erzählt. Es ist ein bisschen normal. Jetzt sind sie Christen im Vollsinn.

 Ob ich gleich so weit gehen muss: „Wo die Jünger so leben (und vermeintlich glauben), als hätten sie noch nie etwas vom heiligen Geist gehört, dessen Kraft sich doch als konkret wirksam erweist, wird auch (vermeintlich) christliche Jüngerschaft wieder zweideutig; „Jünger“ sind anzutreffen, die keine sind.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 166) Mir stockt ein bisschen der Atem, wenn ich bei diesen Worten an die Volkskirchen evangelischer und katholischer Prägung in unsere Land denke. Wie steht es da um die Jüngerschaft?

 Es liegt nahe, von diesem Bericht her über den Zusammenhang von Taufe, Handauflegung und Geistempfang nachzudenken. Mir fällt vor allem auf, dass alles so völlig gelassen erzählt wird. Offensichtlich gibt es das, dass getauft wird und die Hände aufgelegt werden und der Geist kommt. Es gibt aber auch Taufen, die damit enden, dass einer einfach nur seine Straße fröhlich zieht (8,39) – kein Wort von Handauflegung und Geistempfang. Und es gibt, so in Philippi, Taufen, in denen nur die Tatsache der Taufe des ganzen Hauses erzählt wird, die bei Lydia und dem Kerkermeister jeweils in Gastfreundschaft (16,15 + 16,34) münden.

 Nehme ich das alles zusammen, werde ich vorsichtig, einen festen Zusammenhang zu formulieren. Und ich werde erst recht vorsichtig, durch eine fest bestimmte, liturgische Handlung so zu tun, als gäbe es einen gewissermaßen gesetzmäßigen Zusammenhang von Taufe und Geistverleihung. Ich glaube, dass unsere kirchliche Praxis an dieser Stelle vollmundiger ist als es uns vom biblischen Befund her gut tut. Gott ist frei im Geben seines Geistes, auch frei gegenüber unserer liturgischen Praxis.

Die andere, nicht weniger wichtige Frage, die sich mit dieser Geschichte vom Geistempfang verbindet: Gibt es Stufen des Christseins? Macht erst der Geistempfang mit den begleitenden Zeichen – Zungenrede, Weissagen, Kraft zur Krankenheilung, das volle Christsein aus? Ist das eine Verirrung im Denken, der vor allem Charismatiker anheim fallen? – so ja die geläufige Unterstellung. Die Stufen können sich im Lauf der Kirchengeschichte ändern. Dann gibt es das normale Kirchenvolk und die Wenigen, die den evangelischen Räten folgen – und sie sind näher am Stand der Vollkommenheit. Es gibt die Christen, die guten Christen und die Heiligen.

 

Ein ganzes Leben lang habe ich mich gegen dieses Stufen-Denken, das ja wunderbar geeignet ist, Hierarchien und damit auch Herrschaft, Machtverhältnisse zu begründen, gewehrt. Was es gibt ist Wachsen im Glauben, reifer werden, auch abhängiger von Christus. Aber das führt nicht Stufen hinauf, sondern eher Stufen hinunter, dorthin, wo das Leben schmerzt, die Antworten zögernder werden und die allzu glatten Bilder zerbrechen. Hinter dem Gekreuzigten her gibt es keine Stufenleiter zum hochklettern.

 

 Heiliger Gott                                                                                                                       Du gibst Deinen Geist                                                                                                      wo und wann Du willst                                                                                                      Du gibst ihn so                                                                                                                dass Glauben vertieft wird                                                                                      Menschen sich zurecht finden                                                                                    Leben an Fülle gewinnt

 Ich danke Dir                                                                                                                  dass wir heute                                                                                                                  uns nach der Gabe des Geistes                                                                            ausstrecken können                                                                                                      dass wir in ihm                                                                                                            Zuversicht                                                                                                                 Rückenwind                                                                                                           Beständigkeit im Glauben erlangen

 Ich danke Dir                                                                                                                  dass Du und reich beschenkst in Deinem Geist. Amen