Wieder Gegenwind

Apostelgeschichte 17, 1 – 15

  Nachdem sie aber durch Amphipolis und Apollonia gereist waren, kamen sie nach Thessalonich; da war eine Synagoge der Juden. 2 Wie nun Paulus gewohnt war, ging er zu ihnen hinein und redete mit ihnen an drei Sabbaten von der Schrift, 3 tat sie ihnen auf und legte ihnen dar, dass Christus leiden musste und von den Toten auferstehen und dass dieser Jesus, den ich – so sprach er – euch verkündige, der Christus ist.

 Die Reise geht weiter und führt Paulus und seine Gruppe auf der Via Egnatia nach Thessalonich, dem heutigen Saloniki. Dort sucht Paulus wie gewohnt den Kontakt zu den Juden und nützt dazu die örtliche Synagoge. In der Folge von drei Sabbat-Tagen darf er in der Synagoge das Wort nehmen. Das spricht für das aufmerksame Hören und die Geduld der Juden in der Synagoge. Es ist so eine Art „kleiner Predigtreihe“. Seine drei Zentralpunkte: Er predigt den Leidensweg des Christus als den Weg Gottes mit ihm. Er predigt die Auferstehung als den Willen Gottes und er predigt eben Jesus als den Erwählten Christus Gottes.

 Es ist sicherlich nicht verkehrt, hier die Nähe zum Evangelium zu spüren, zu dem lehrenden Christus auf dem Weg nach Emmaus: „Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.“ (Lukas 24,26-27) Hinter dem Weg Jesu steht der Wille Gottes – er macht ihn zum Christus.

 4 Einige von ihnen ließen sich überzeugen und schlossen sich Paulus und Silas an, auch eine große Menge von gottesfürchtigen Griechen, dazu nicht wenige von den angesehensten Frauen.

 Die Predigt-Reihe findet Gehör. Es gibt einige aus den Juden, dazu eine größere Anzahl von gottesfürchtigen Griechen und ein wenig vorsichtig formuliert nicht wenige von den angesehensten Frauen, die sich den Worten so öffnen, dass sie sich Paulus und Silas anschließen. Es entsteht eine kleine Gemeindegruppe. 5 Aber die Juden ereiferten sich und holten sich einige üble Männer aus dem Pöbel, rotteten sich zusammen und richteten einen Aufruhr in der Stadt an und zogen vor das Haus Jasons und suchten sie, um sie vor das Volk zu führen. 6 Sie fanden sie aber nicht.

 Der positiven Reaktion steht die andere gegenüber. ζηλω̃σαντες – sie ereiferten sich – heißt es von Juden. Im griechischen Wort schwingt die Bezeichnung Zeloten mit, die Eiferer, die auch vor Gewalt nicht zurück schrecken. Einer der Jünger Jesu war ein ehemaliger Zelot, wie sein Name Simon Zelotes (Lukas 6,15) zeigt. In ihrem Eifer suchen sie Verbündete und finden sie in üblen Männer aus dem Pöbel. So verhalten sie sich auch – wie ein wilder Haufen im blindwütigen Eifer.

 Sie suchen Paulus und Silas im Haus seines Gastgebers, des Jason. Er gehört wohl zu den Juden, die der Botschaft des Paulus gefolgt sind. Sie suchen Paulus vergeblich.

 Da schleiften sie Jason und einige Brüder vor die Oberen der Stadt und schrien: Diese, die den ganzen Weltkreis erregen, sind jetzt auch hierher gekommen; 7 die beherbergt Jason. Und diese alle handeln gegen des Kaisers Gebote und sagen, ein anderer sei König, nämlich Jesus.

 Damit ist der Zorn der Mengen aber noch nicht am Ende. Sie bringen Jason samt einigen anderen aus der gerade entstandenen Gemeinde vor die Politarchen, die Stadt-Oberen. Ihre Anklage ist durch und durch politisch: „1. Die Christen wollen eine weltweite Revolution anzetteln. 2. Indem sie Jesus als ihren König proklamieren, bestreiten sie die Weltherrschaft des römischen Kaisers.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 62) Aus der religiösen Botschaft wird eine politische Kampfansage gehört.

 Zweierlei lässt sich dazu sagen: Die Botschaft vom leidenden und auferstandenen Christus ist als solche unpolitisch. Und nichts lag der ersten Gemeinde ferner, als den revolutionären Umsturz zu wollen. Selbst wenn hier der Verdacht römischer Stellen reflektiert wird – er ist unbegründet. Aber auf lange Sicht hat sich gezeigt: Es ist nichts als die Wahrheit, was hier vom Pöbel in Saloniki geschrien wird. Diese Botschaft hat die Welt verändert und die Weltherrschaft des römischen Kaisers ist auch an der Herrschaft diese hingerichteten Christus zerbrochen. Fast könnte man sagen: der Pöbel hat die gleiche Fähigkeit, die noch verborgene Wahrheit zu sehen wie die Dämonen. Es ist das Gespür für die wirkliche Macht, die beide verbindet.

 8 So brachten sie das Volk auf und die Oberen der Stadt, die das hörten. 9 Und erst nachdem ihnen von Jason und denandern Bürgschaft geleistet war, ließen sie sie frei.

 Vor den Oberen der Stadt wird der Tumult einigermaßen geordnet. Die Politarchen nützen die Situation, um die Stadtkasse ein wenig zu füllen. Jason und die anderen müssen für ihre Freilassung Bürgschaft entrichten. Eine frühes Anzeichen dafür, wie willkommen Bußzahlungen sein können, völlig unabhängig von ihrer Berechtigung. Geld, so lernen wir, kann zur Beruhigung der Lage durchaus beitragen.

 10 Die Brüder aber schickten noch in derselben Nacht Paulus und Silas nach Beröa. Als sie dahin kamen, gingen sie in die Synagoge der Juden. 11 Diese aber waren freundlicher als die in Thessalonich; sie nahmen das Wort bereitwillig auf und forschten täglich in der Schrift, ob sich’s so verhielte.

 Wieder zeigt sich: Es ist nicht Auffassung der Apostelgeschichte, dass man in solchen Situationen auf alle Fälle zu bleiben hat. Paulus und Silas werden nach Beröa geschickt. Und dort treffen sie, wieder zuerst in der Synagoge, auf hör-bereite Juden. Sie hören gerne zu und sie machen sich ein eigenes Bild. Sie forschten täglich in der Schrift, ob sich’s so verhielte. Diese Juden in Beröa sind die beispielgebenden Bibelleser für so etwas wie die lectio continua. Sie haben Frömmigkeitsgeschichte in Gang gesetzt. Bis auf diesen Tag heute. Vorbilder, auch für mich.

 12 So glaubten nun viele von ihnen, darunter nicht wenige von den vornehmen griechischen Frauen und Männern.

 Aus dem Hören und dem eigenen Forschen in der Schrift erwächst Glauben. Es ist das Programm, von dem ich denke, dass es bis heute Verheißung hat: Hören auf die Verkündigung und sich selbst ein Bild machen, nicht freischwebend in den eigenen Gedanken, sondern in der Rückfrage an das Wort der Schrift.

 Fast wortgleich zu Saloniki wird die Wirkung der Mission hier in Beröa beschreiben. Auch hier wieder überwiegt der Anteil der Heidenchristen, unter ihnen viele gut gestellte Leute aus gehobener Schicht. Wieder taucht damit für die Juden eine Gefahr am Horizont auf: „Der Verlust der ihnen freundlich gesonnenen Frauen maßgeblicher Persönlichkeiten musste für die Synagoge eine Einbuße an Sicherheit wie auch an Einflussmöglichkeiten bedeuten.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 250) Das mag umso schwerer wiegen, weil die Position jüdischer Synagogen im römischen Reich auch als religio licta nicht so sicher ist, wie wir im Abstand vielleicht denken. Es gibt genügend antijüdisches Denken – so wie es sich mit der ressentiment geladenen Beschuldigung „Sie sind Juden“ in Philippi (16, 20) zeigt.

 13 Als aber die Juden von Thessalonich erfuhren, dass auch in Beröa das Wort Gottes von Paulus verkündigt wurde, kamen sie und erregten Unruhe und verwirrten auch dort das Volk.

 Darum tauchen – fast folgerichtig – in Beröa die Unruhestifter aus Saloniki wieder auf und auch diesmal gelingt es: Sie verwirrten auch dort das Volk. Auch Beröa ist kein Ort zum Bleiben, zumindest nicht für Paulus.

Ich schiebe Gedanken zu einer Beobachtung ein. Es wiederholt sich an den verschiedenen Orten: Schöne Anfangsbegegnungen, Zulauf, Menschen finden zum Glauben. Und dann kommt der Gegenwind. Widerspruch, Eifersucht, Neid auf den „Erfolg“, Angst um die eigen Position. Wenn man diesen „Mechanismus“ zusammen liest mit den Notizen zum Anfang der Gemeinde: „Sie hatten Gnade bei dem ganzen Volk (2,47) dann liest sich die Apostelgeschichte wie die Geschichte einer zunehmenden Entfremdung zwischen Juden und Christengemeinde. Das Wachsen der Gemeinde führt zur Trennung vom Mutterboden des Judentums. Ob das nur mit Feindseligkeiten der Juden zu begründen ist, bleibt eine offene Frage.

Die andere Beobachtung: Was sich da zwischen Juden und Christen abspielt, wiederholt sich seitdem unaufhörlich auch innerchristlich. Gemeinden blühen auf und die Eifersucht blüht mit auf. Verkündiger/Verkündigerinnen erreichen Menschen, es entsteht Glauben und sofort sind Verdächtigungen im Raum: Das Evangelium wird billig gemacht. Es ist nur das „Drumherum“, Theater, Musik, die Show. Das ist Ausverkauf zum Null-Tarif.

 Es ist fast, als würde es eine Gesetzmäßigkeit geben: Wo das Evangelium sich Frucht schafft, steigt auch der Widerspruch. Das wird beklagt und rasch wird der wechselseitige Befund erhoben: Hier sind nur Ruhestörer am Werk. Die Alternative ist die Friedhofsruhe, die vielerorts tatsächlich herrscht. Das ist kein Streit mehr, aber eben auch kein Leben.

  14 Da schickten die Brüder Paulus sogleich weiter bis an das Meer; Silas und Timotheus aber blieben zurück. 15 Die aber Paulus geleiteten, brachten ihn bis nach Athen. Und nachdem sie den Auftrag empfangen hatten, dass Silas und Timotheus so schnell wie möglich zu ihm kommen sollten, kehrten sie zurück.

 Paulus wird in Sicherheit gebracht. Ans Meer – und von dort aus nach Athen. Er macht die Reise nicht allein. In Athen angekommen, sendet er seine Begleiter zurück. Sie sollen Silas und Timotheus nachsenden. Er aber, Paulus, ist allein in Athen.

Herr Jesus                                                                                                                               Du schenkst                                                                                                                  Tapferkeit des Herzens                                                                                                             zu sagen was zu sagen ist                                                                                                        Du schenkst Klugheit                                                                                                                zu sehen wann nichts mehr zu sagen  ist                                                                                   Du willst nicht                                                                                                                       dass Deine Leute                                                                                                                        sich zu Märtyrern machen                                                                                                          weil das der direkte Weg in den Himmel wäre      

Herr                                                                                                                                       lass uns heute nicht überrascht sein                                                                                              wenn es Gegenwind gibt                                                                                                               Lass uns                                                                                                                             mutig und besonnen zugleich sein                                                                                                reden                                                                                                                                 wenn Herzen offen sind                                                                                                       und schweigen                                                                                                                   wenn es kein Zueinander gibt                                                                                             Leite Du uns durch Deinen Geist. Amen