Geschäfte auf dem Rücken von Menschen

Apostelgeschichte 16, 16 – 22

 16 Es geschah aber, als wir zum Gebet gingen, da begegnete uns eine Magd, die hatte einen Wahrsagegeist und brachte ihren Herren viel Gewinn ein mit ihrem Wahrsagen. 17 Die folgte Paulus und uns überall hin und schrie: Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen.

 Beten ist – bis heute im Orient – keine Angelegenheit nur für das stille Kämmerlein. Die Gruppe um Paulus geht zum Beten. Vermutlich wieder zu der Gebetsstätte, die am Fluss liegt, vor der Stadt. Wenn man so zum Beten das eigene Haus verlässt, kann es schon zu Begegnungen kommen. So auch hier. Eine Frau, eine Magd, mit einem Wahrsagegeist trifft auf die Gruppe und folgt ihnen und schreit ihnen nach. Nicht dummes Zeug, sondern die Wahrheit: Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen.

Diese Frau ist keine selbstständige Unternehmerin, sondern abhängig, angestellt, bei Leuten, die in sie investiert haben und mit ihr Gewinn machen. Das wird für die Folge der Geschichte wichtig sein.

 Was sich aber inhaltlich ereignet, ist schon im Evangelium, vor allem bei Markus, vielfältig vorgeformt: Dämonen, die Menschen besetzt halten, wissen besser Bescheid über die Wirklichkeit Gottes als die Menschen. Sie sehen, was anderen noch verborgen ist. Sie sehen auch, wer hinter Paulus steht. Und sie sehen, was die Boten Jesu zu bringen haben für die, die auf sie hören – einen Ausweg aus der Misere des eigenen Lebens. Das hat es zu allen Zeiten gegeben: Menschen, die mehr sehen können als vor Augen ist, die einen seltsamen Durchblick durch die Realität haben, unerklärlich und unheimlich zugleich. Geschichten darüber werden fast immer nur unter vorgehaltener Hand erzählt, weil man ahnt, dass dahinter Mächte stehen und es nichts Harmloses ist, sich damit einzulassen.18 Das tat sie viele Tage lang. Paulus war darüber so aufgebracht, dass er sich umwandte und zu dem Geist sprach: Ich gebiete dir im Namen Jesu Christi, dass du von ihr ausfährst. Und er fuhr aus zu derselben Stunde.

 Es ist kein einmaliges Ereignis, dass sie so schreit. Sie ist Wiederholungstäterin. Darin wird deutlich: Sie ist nicht Herrin ihrer selbst. Darüber ist Paulus aufgebracht. Er will nicht, dass sie unter dieser Herrschaft bleibt. Er will nicht, dass die Dämonen die Wirklichkeit Gottes in Misskredit und ins Zwielicht bringen. Darin ist Paulus ganz nahe bei der Praxis Jesu. „Und wenn ihn die unreinen Geister sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist Gottes Sohn! Und er gebot ihnen streng, dass sie ihn nicht offenbar machten.“ (Markus 3,11-12) So wie Jesus dieses Zeugnis der Dämonen nicht will, sondern abwehrt, so wehrt Paulus hier das Zeugnis dieser Frau ab.

Die Verkündigung des Evangeliums verträgt sich nicht mit diesen Übergriffen, die Menschen unfrei machen und den Geheimnissen Gottes ins Werk pfuschen wollen. Es braucht für das Zeugnis des Glaubens ein Reden aus der Zugehörigkeit zu Christus, ein Reden in Freiheit, und nicht aus dem Besetztsein durch irgendwelche Kräfte und Mächtigkeiten. Und es braucht ein Hören auf das Wort und nicht auf irgendwelche Botschaften aus Zwischenreichen oder einflüsternde Stimmen. Hier zieht das biblische Wort scharfe Grenzen.

19 Als aber ihre Herren sahen, dass damit ihre Hoffnung auf Gewinn ausgefahren war, ergriffen sie Paulus und Silas, schleppten sie auf den Markt vor die Oberen 20 und führten sie den Stadtrichtern vor und sprachen: Diese Menschen bringen unsre Stadt in Aufruhr; sie sind Juden 21 und verkünden Ordnungen, die wir weder annehmen noch einhalten dürfen, weil wir Römer sind.

 Macht trifft auf Macht. Das Machtwort des Paulus zerstört die Macht der Dämonen. Die Frau wird unbrauchbar für ihr seitheriges Gewerbe. Sie ist jetzt wertlos, nur noch eine Frau ohne besondere Fähigkeiten. Ihre Investoren sehen ihren Gewinn dahin gehen. Darum werden sie aktiv.

 Sie greifen sich Paulus und Silas und schleppen sie vor das Stadtgericht. Immerhin: So ordentlich gehen sie schon vor – keine Lynchjustiz. Die Anklage: Aufrührer, Störer der öffentlichen Ordnung. Juden. Das klingt geringschätzig und knüpft wohl an Vorurteile an. „Dabei machen sie die Kläger einen in der Bevölkerung verbreiteten antijüdischen Affekt für ihr eigenen Interessen zu nutze.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 114) Sie stellen die Ordnungen der Stadt in Frage. Und wir haben nichts mit ihnen gemein – wir sind doch Römer.

 Es sind bewährte Mittel, nach denen hier verfahren wird. Die eigenen Interessen verschleiern, die öffentlichen Interessen in den Vordergrund rücken, die Ruhe der Bürger gefährdet sehen, Ressentiments schüren, an Instinkte und Überlegenheitsgefühle appellieren, die eigene Identität als bedroht darstellen. Wie aus dem Lehrbuch.

 Was da in Philippi inszeniert wird, hat sich seither bei mancher Niederschlagung von Demonstrationen trefflich bewährt. „Es sind Fremde, die das alles anzetteln“ – so hört man in Moskau, in Syrien, in Ägypten. Manchmal auch in der Version: „Es sind umher reisende Chaoten“ in Stuttgart und Frankfurt, in Gorleben und Anderswo, früher in Wackersdorf und Mutlangen. Das ganze Schreckensarsenal von Demagogen wird hier hervor geholt, um den beiden, Paulus und Silas, den Prozess zu machen. Sie stehen als fremde Monster da. Wer will sich schon mit denen gemein machen?

 Irgendwie erscheint es unausweichlich. Wo das Evangelium als Botschaft von der Befreiung der Menschen aus Schuld und Abhängigkeit laut und spürbar wird, Realität erzeugt, kommt es zu Interessenkonflikten. Die Herren der Welt lassen sich ihre Machtsphären nicht so einfach streitig machen. Und das Evangelium sagen in Wort und Tat ist eben auch: Den Mächten der Welt ihre alleinige Macht streitig machen.

22 Und das Volk wandte sich gegen sie; und die Stadtrichter ließen ihnen die Kleider herunter reißen und befahlen, sie mit Stöcken zu schlagen.

Es funktioniert. Der Volkszorn und die Justiz sind sich wunderbar einig. Selten genug, dass Obrigkeit und Untertanen so nah beieinander sind. Die Stadtrichter ordnen Vollzug an: Entblößung und Prügelstrafe. Die Täter werden entehrt. Seht her, welche Menschen!

 Herr Jesus                                                                                                                       Deine Leute stören                                                                                                                nicht immer                                                                                                                        aber manchmal                                                                                                                  Und wenn sie das Geschäft stören                                                                                 Gewinne vernichten                                                                                                   bekommen sie die Härte des Geschäftes                                                                              zu spüren

 Gib uns heute den Mut                                                                                                       laut zu sagen                                                                                                                        wo Geschäfte                                                                                                                       auf dem Rücken von Menschen                                                                                        gemacht werden                                                                                                                    wo Gewinn fast alle Mittel                                                                                                         heiligt

 Gib uns auch den Mut                                                                                                        uns gegen die zu stellen                                                                                                        die die Wahrheit des Glaubens                                                                                     missbrauchen                                                                                                                         und sie missbräuchlich                                                                                                            für eigene Zwecke nützen

 Bewahre uns selbst                                                                                                              vor solchem Missbrauch Deines Namens. Amen