Gottes sind Wogen und Wind

Apostelgeschichte 27, 13 – 44

 Als aber der Südwind wehte, meinten sie, ihr Vorhaben ausführen zu können, lichteten die Anker und fuhren nahe an Kreta entlang. 14 Nicht lange danach aber brach von der Insel her ein Sturmwind los, den man Nordost nennt. 15 Und da das Schiff ergriffen wurde und nicht mehr gegen den Wind gerichtet werden konnte, gaben wir auf und ließen uns treiben. 16 Wir fuhren aber vorbei an einer Insel, die Kauda heißt, da konnten wir mit Mühe das Beiboot in unsre Gewalt bekommen. 17 Sie zogen es herauf und umspannten zum Schutz das Schiff mit Seilen. Da sie aber fürchteten, in die Syrte zu geraten, ließen sie den Treibanker herunter und trieben so dahin. 18 Und da wir großes Ungewitter erlitten, warfen sie am nächsten Tag Ladung ins Meer. 19 Und am dritten Tag warfen sie mit eigenen Händen das Schiffsgerät hinaus. 20 Da aber viele Tage weder Sonne noch Sterne schienen und ein gewaltiges Ungewitter uns bedrängte, war all unsre Hoffnung auf Rettung dahin.

 Schiff in Not! Der Versuch, den angenehmeren Winterhafen zu erreichen scheitert. Am Wetter, am Sturm. Das Schiff treibt durch das südliche Mittelmeer und es ist bald klar: es gilt, nur das nackte Leben zu retten.

 21 Und als man lange nichts gegessen hatte, trat Paulus mitten unter sie und sprach: Liebe Männer, man hätte auf mich hören sollen und nicht von Kreta aufbrechen, dann wäre uns Leid und Schaden erspart geblieben. 22 Doch nun ermahne ich euch: Seid unverzagt; denn keiner von euch wird umkommen, nur das Schiff. 23 Denn diese Nacht trat zu mir der Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene, 24 und sprach: Fürchte dich nicht, Paulus, du musst vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir fahren. 25 Darum, liebe Männer, seid unverzagt; denn ich glaube Gott, es wird so geschehen, wie mir gesagt ist. 26 Wir werden aber auf eine Insel auflaufen.

 „Wie so manche der apostolischen Reden in der Apostelgeschichte beginnt auch diese Ansprache des Paulus mit einer Anklage, die zur Einkehr führen soll.“(G. Stählin, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 317) Ich versuche, mir vorzustellen, wie das, was Paulus sagt, auf die Leute wirkt. Es hat ja in der Tat erst einmal den Anschein, als wollte er sagen: „Selbst schuld. Hättet ihr nur auf mich gehört.“ Solche Sätze mögen manchmal verständlich sein, aber sie sind fast immer wenig hilfreich und schon gar nicht willkommen. Als ob alle, die die Entscheidung zur Weiterfahrt getroffen haben, sie nicht längst schon bereuen würden. Aber es geht ja nicht: Zurück auf Anfang, neue Entscheidung. Man muss oft genug mit den Entscheidungen leben, die früher getroffen worden sind, auch von einem selbst. 

 Dann ändert sich der Ton. Paulus blickt nicht mehr zurück, sondern nach vorne. Das kann er, weil er in der Nacht eine Botschaft empfangen hat. Nicht von irgendwoher, nicht aus Angst oder vager Hoffnung geboren, sondern durch einen Engel des Gottes,dem ich gehöre und dem ich diene. Für den Leser der Apostelgeschichte ist klar: Das ist Christus. Was hören die Leute auf dem Schiff? „Gottes sind Wogen und Wind“ weiterlesen

Langsam voran

Apostelgeschichte 27, 1 – 12

 1 Als es aber beschlossen war, dass wir nach Italien fahren sollten, übergaben sie Paulus und einige andre Gefangene einem Hauptmann mit Namen Julius von einer kaiserlichen Abteilung.

 Die Beschlüsse sind gefallen. Paulus wird nach Rom überstellt. Es ist wohl ein größerer Gefangenentransport, der da in Marsch gesetzt wird. Alle Gefangen werden einem Hauptmann Julius übergeben. Er gehört zu der syrischen Auxiliarcohorte, die den Ehrentitel Cohors Augusta führen durfte.(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 288)Mit an Bord sind einige Begleiter des Paulus, namentlich genannt wird nur Aristarch aus Saloniki. Das wir signalisiert Augenzeugen, Mitfahrer auf dieser Reise.

2 Wir bestiegen aber ein Schiff aus Adramyttion, das die Küstenstädte der Provinz Asien anlaufen sollte, und fuhren ab; mit uns war auch Aristarch, ein Mazedonier aus Thessalonich. 3 Und am nächsten Tag kamen wir in Sidon an; und Julius verhielt sich freundlich gegen Paulus und erlaubte ihm, zu seinen Freunden zu gehen und sich pflegen zu lassen. 4 Und von da stießen wir ab und fuhren im Schutz von Zypern hin, weil uns die Winde entgegen waren, 5 und fuhren über das Meer längs der Küste von Zilizien und Pamphylien und kamen nach Myra in Lyzien.

 In der folgenden Schilderung der Seefahrt hebt Lukas hervor, dass sich Julius freundlich gegenüber Paulus verhält. Er lässt ihm Freiheiten. Hinter den Freunden, die Paulus aufsuchen darf, kann man Leute aus der Gemeinde in Sidon vermuten. Offensichtlich spürt der Soldat, dass er von diesem Gefangenen nichts Böses zu erwarten hat. Er hat keine Sorge, dass er flüchten könnte.

 Die Reise geht nicht glatt vonstatten. Der Wind macht Schwierigkeiten. Darum wird wohl immer die Küstennähe gesucht. Schließlich wird Myra erreicht, ein Hafen an der südlichen, kleinasiatischen Küste. „Langsam voran“ weiterlesen

Innerlich frei

Apostelgeschichte 26, 24 – 32

 24 Als er aber dies zu seiner Verteidigung sagte, sprach Festus mit lauter Stimme: Paulus, du bist von Sinnen! Das grosse Wissen macht dich wahnsinnig.

Bis dahin haben sie alle zugehört. Still, merkwürdig berührt. Vielleicht auch fasziniert von der inneren Freiheit, der sie sich in diesem Mann Paulus gegenüber sehen. Genau deshalb reagiert Festus. Du bist von Sinnen! Das große Wissen macht dich wahnsinnig. Du vergisst, wo Du bist und wie es um Dich steht. Schmeicheleien hätte er erwartet – und abgewiesen. Betteln hätte er erwartet – und abgewiesen. Aber diese Rede! Das ist Wahnsinn. Festus hat Recht.

 25 Paulus aber sprach: Edler Festus, ich bin nicht von Sinnen, sondern ich rede wahre und vernünftige Worte. 26 Der König, zu dem ich frei und offen rede, versteht sich auf diese Dinge. Denn ich bin gewiss, dass ihm nichts davon verborgen ist; denn dies ist nicht im Winkel geschehen. 27 Glaubst du, König Agrippa, den Propheten? Ich weiß, dass du glaubst.

Paulus aber hält wieder dagegen. Nicht ich bin von Sinnen oder verrückt. Ich weiß doch, was ich tue. Aber die Situation ist verrückt. Was Paulus sagt, ist ja keine Winkelangelegenheit. Und was er als Glauben Israels vertritt, das kann jeder in den Schriften nachlesen.

 Und dann spricht Paulus Agrippa direkt an – unerhört, einmalig im ganzen Neuen Testament. Er spricht ihn an auf den Glauben der Väter, sucht ihn als Juden: Glaubst du den Propheten? Im Evangelium heißt es: „Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“ (Lukas 16,31) Glaubt Agrippa den Propheten, so wird er auch nicht anders können als an den glauben, der von den Toten auferstanden ist. „Innerlich frei“ weiterlesen

Bekennen, immer wieder bekennen

Apostelgeschichte 26, 1 – 23

 1 Agrippa aber sprach zu Paulus: Es ist dir erlaubt, für dich selbst zu reden.

 Ist das großmütig? Natürlich darf der Gefangene nicht einfach los-reden. Natürlich muss er warten, bis er gefragt ist. Aber es klingt doch schon ein wenig: „Sag mal was. Egal was. Unterhalte uns. Aber wisse: Es ändert nichts an Deiner Lage.“ Es ist der jüdische König, der Paulus auffordert zu reden, nicht der römische Prokurator. Das allein zeigt schon: Was Paulus sagen wird, hat rechtlich betrachtet, keine Relevanz und zeitigt auch keine Folgen für seinen Prozess.

 Da streckte Paulus die Hand aus und verantwortete sich: 2 Es ist mir sehr lieb, König Agrippa, dass ich mich heute vor dir verantworten soll wegen all der Dinge, deren ich von den Juden beschuldigt werde, 3 vor allem weil du alle Ordnungen und Streitfragen der Juden kennst. Darum bitte ich dich, mich geduldig anzuhören.

 Wie stelle ich mir die ausgestreckte Hand des Paulus vor? Zum Gruß erhoben? Ist es die Geste, die einer am Beginn einer Rede macht, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, gar, um Ruhe zu erbitten? Paulus ist ja eigentlich nicht in der Situation, eine große Rede halten zu dürfen. Darum wirkt sein Redner-Gestus auf die Zuhörer wohl fast ein wenig deplatziert, anmaßend.

 Die ersten Sätze sind ein Dank für die Chance, die ihm eröffnet wird. Er kann sich vor Agrippa verantworten. Er steht vor einem König, der jüdisches Denken kennt, aber nicht vor einem jüdischen Tribunal, das gar nicht mehr zuhören muss, weil es schon weiß, was Sache ist. Es ist so auch ein Appell an Agrippa, sich unvoreingenommen ein Bild zu machen. Dabei weiß Paulus ja sehr wohl: Alle Entscheidungen liegen bei Festus.

 4 Mein Leben von Jugend auf, wie ich es von Anfang an unter meinem Volk und in Jerusalem zugebracht habe, ist allen Juden bekannt, 5 die mich von früher kennen, wenn sie es bezeugen wollten. Denn nach der allerstrengsten Richtung unsres Glaubens habe ich gelebt als Pharisäer.

 Inhaltlich weist Paulus als Erstes darauf hin: Ich bin Jude und wollte nie etwas Anderes sein. Es gibt aus seiner bisherigen Biographie keinen Grund zum Zweifel an seiner Gesetzestreue – das müssen alle bestätigen. Pharisäer wie Paulus nehmen es in ihrer Lebenspraxis mit dem Gesetz genau.

 6 Und nun stehe ich hier und werde angeklagt wegen der Hoffnung auf die Verheißung, die unsern Vätern von Gott gegeben ist. 7 Auf ihre Erfüllung hoffen die zwölf Stämme unsres Volkes, wenn sie Gott bei Tag und Nacht beharrlich dienen. Wegen dieser Hoffnung werde ich, o König, von den Juden beschuldigt. 8 Warum wird das bei euch für unglaublich gehalten, dass Gott Tote auferweckt?

 Ohne weitere Umschweife kommt er auf das zentrale Thema zu sprechen. Es geht um die jüdische Hoffnung auf die Auferstehung der Toten. Was Juden seit uralter Zeit erhoffen, das wird ihm vorgeworfen. So Paulus, der dabei den Unterschied „überspringt, dass er an die Auferweckung eines Toten, Jesu von Nazareth, mitten in der Geschichte glaubt, während Israels Hoffnung der Auferstehung sich auf das Ende der Geschichte richtet. Dieser Unterschied ist Paulus wohl bewusst. Aber er verschweigt ihn, weil es ihm um seine jüdische Identität geht. Er betont vielmehr: Was er von Christus glaubt, ist jüdisch gedacht und geglaubt. „Bekennen, immer wieder bekennen“ weiterlesen

Vorgeführt

Apostelgeschichte 25, 13 – 27

 13 Nach einigen Tagen kamen König Agrippa und Berenike nach Cäsarea, Festus zu begrüßen.

Es ist noch immer Anfangszeit und Zeit der Antrittsbesuche. So kommt auch König Agrippa mit seiner Frau Berenike, um dem neuen Prokurator seine Aufwartung zu machen. „Berenike, in einer ihrer früheren Ehen mit dem Onkel Herodes von Chalkis verheiratet, später Mätresse des Kaisers Titus, lebte damals mit ihrem Bruder zusammen, in einer den Juden höchst anstößigen inzestuösen Verbindung.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.269) Damit umzugehen ist diplomatischer Alltag.

 14 Und als sie mehrere Tage dort waren, legte Festus dem König die Sache des Paulus vor und sprach: Da ist ein Mann von Felix als Gefangener zurückgelassen worden; 15 um dessentwillen erschienen die Hohenpriester und Ältesten der Juden vor mir, als ich in Jerusalem war, und baten, ich solle ihn richten lassen. 16 Denen antwortete ich: Es ist der Römer Art nicht, einen Angeklagten preiszugeben, bevor er seinen Klägern gegenüberstand und Gelegenheit hatte, sich gegen die Anklage zu verteidigen.

 Festus sucht bei dem landeskundigen König fachlichen Rat, darum legt er ihm die Sache des Paulus vor. Aber seine Formulierung Da ist ein Mann lässt Desinteresse vermuten, dass ihm die ganze Geschichte einfach lästig ist. Er hat von Felix einen Fall geerbt, den er irgendwie gerne loswerden würde.

Die Forderung der Ältesten, ihn richten zu lassen, ihn an sie zu übergeben, ist ihm gleichwohl nicht recht. Da sträubt sich etwas in ihm, sei es Rechtsempfinden oder Machtinstinkt. So lässt er sie auch regelrecht abblitzen und besteht auf Klärung der Sachlage in Cäsarea.

 17 Als sie aber hier zusammenkamen, duldete ich keinen Aufschub, sondern hielt am nächsten Tag Gericht und ließ den Mann vorführen. 18 Als seine Ankläger auftraten, brachten sie keine Anklage vor wegen Vergehen, wie ich sie erwartet hatte. 19 Sie hatten aber Streit mit ihm über einige Fragen ihres Glaubens und über einen verstorbenen Jesus, von dem Paulus behauptete, er lebe.

 Festus fasst seine Erfahrungen mit dem Fall Agrippa gegenüber zusammen. Der Versuch, die Fakten zu klären, hat nichts erbracht. Stichhaltige Anklagen, die für ihn justiziabel gewesen wären, hat er nicht gehört. Statt dessen ging es um innerjüdischen Streitfragen in Sachen Glauben.

Vielleicht war Festus schon in Rom davor gewarnt worden, dass so etwas auf ihn zukommen könnte. Und jetzt auf einmal diese dubiose Debatte um einen verstorbenen Jesus, von dem Paulus behauptete, er lebe. Wie fremd muss Festus das alles vorgekommen sein. Auferstehung der Toten kommt im Denken eines römischen Realpolitikers kaum vor. „Vorgeführt“ weiterlesen

Mein Recht

Apostelgeschichte 25, 1 – 12

 1 Als nun Festus ins Land gekommen war, zog er nach drei Tagen von Cäsarea hinauf nach Jerusalem. 2 Da erschienen die Hohenpriester und die Angesehensten der Juden vor ihm gegen Paulus und drangen in ihn 3 und baten ihn um die Gunst, dass er Paulus nach Jerusalem kommen ließe; denn sie wollten ihm einen Hinterhalt legen, um ihn unterwegs umzubringen.

 Der neu Prokurator tritt seinen Dienst an. Kaum in Jerusalem angekommen, wird er mit den „Altlasten“ seines Vorgängers Felix konfrontiert. Dem hatte der Gefangene Paulus keine Sorgen bereitet.Vielleicht hatte er ihn manchmal regelrecht „vergessen“. Aber die geistliche Führung der Juden in Jerusalem hat diesen Gefangenen Paulus nie vergessen. Sie wollen den Fall erledigt haben, wollen Paulus weg haben, egal wie. Das freilich sagen sie Festus nicht, als sie Festus bitten, die Wiederaufnahme des Falles in Jerusalem zu betreiben. Der alte Überfall-Plan wird wieder ausgegraben.

 4 Da antwortete Festus, Paulus werde weiter in Gewahrsam gehalten in Cäsarea; er selber aber werde in Kürze wieder dahin ziehen. 5 Die nun unter euch ermächtigt sind, sprach er, die lasst mit hinabziehen und den Mann verklagen, wenn etwas Unrechtes an ihm ist. 6 Nachdem aber Festus bei ihnen nicht mehr als acht oder zehn Tage gewesen war, zog er hinab nach Cäsarea.

 Die Antwort des Festus durchkreuzt die heimtückischen Planungen. Und sie brüskiert die Jerusalemer. Sagt doch der Römer nichts anderes als: Ich lasse mir von euch nichts vorschreiben, weder den Ort noch den Zeitplan für ein Verfahren. So müssen sie sich erneut nach Cäsarea bequemen, wenn sie den Mann verklagen wollen.

 Und am nächsten Tag setzte er sich auf den Richterstuhl und ließ Paulus holen. 7 Als der aber vor ihn kam, umringten ihn die Juden, die von Jerusalem herabgekommen waren, und brachten viele und schwere Klagen gegen ihn vor, die sie aber nicht beweisen konnten.

 Festus ist das Gegenteil von Felix. Er verschleppt nicht, sondern bringt den Fall Paulus voran. Kaum zurück in Cäsarea lässt er ihn vorführen. Auch wenn die anklagenden Juden zugegen sind und Paulus regelrecht einkreisen – Festus ist der Herr des Verfahrens. Mögen die Anklagen gegen Paulus noch so zahlreich und schwer sein. Sie lassen sich nicht beweisen. Für die Juden ist das ein Desaster. „Mein Recht“ weiterlesen

Fest gesetzt

Apostelgeschichte 24, 1 – 27

 Nach fünf Tagen kam der Hohepriester Hananias mit einigen Ältesten und dem Anwalt Tertullus herab; die erschienen vor dem Statthalter gegen Paulus.

 Der Heimvorteil ist weg. Der Hohepriester Hananias mit einigen Ältesten muss sich nach Cäsarea aufmachen, den Weg in das Haus des Römers auf sich nehmen, herabsteigen aus der Höhe Jerusalems. Es ist schwer vorzustellen, was das für Gesetzestreue Juden bedeutet. Sie bringen ihren Anwalt Tertullus mit. Der soll ihre Sache Nachdruck verleihen, wohl auch deshalb, weil er sich mit den Römern auskennt. Aber es geht ja gegen Paulus. Er ist der Gegner, um Gottes Willen. Da muss das wohl sein, dass sie herabsteigen aus ihrer Höhe.

 2 Als der aber herbeigerufen worden war, fing Tertullus an, ihn anzuklagen, und sprach:

 Tertullus ist der Wortführer. Er vertritt die Anklage. Vielleicht nicht nur aus prozess- taktischen Gründen, sondern auch, weil es Paulus nicht wert ist, dass der Hohepriester selbst zum Ankläger wird. Richter ja, Ankläger nein. Das hieße ja, eine Instanz über sich und dem jüdischen Recht des Tempels anzuerkennen

 Dass wir in großem Frieden leben unter dir und dass diesem Volk viele Wohltaten widerfahren sind durch deine Fürsorge, edelster Felix, 3 das erkennen wir allezeit und überall mit aller Dankbarkeit an. 4 Damit ich dich aber nicht zu lange aufhalte, bitte ich dich, du wollest uns kurz anhören in deiner Güte.

 Tertullus beginnt mit einer captatio benevolentiae, einer Schmeichelei. Das ist guter Stil und es soll gute Stimmung machen bei Felix. Welcher Fürst, Statthalter, Führungsbeamter hört das nicht gerne, erst recht in besetztem Land, dass seine Taten positiv gewürdigt werden. Großem Frieden und viele Wohltaten verdanken die Juden seiner Fürsorge. Und Tertullus weiß, wie viel ein Statthalter um die Ohren hat, darum will er ihn nicht über Gebühr beanspruchen. Zumal ja doch die Sachverhalte klar liegen und sich eigentlich wie von selbst verstehen…

5 Wir haben erkannt, dass dieser Mann schädlich ist und dass er Aufruhr erregt unter allen Juden auf dem ganzen Erdkreis und dass er ein Anführer der Sekte der Nazarener ist. 6-7 Er hat auch versucht, den Tempel zu entweihen. Ihn haben wir ergriffen. 8 Wenn du ihn verhörst, kannst du selbst das alles von ihm erkunden, dessentwegen wir ihn verklagen.

 Es folgt die Anklage: ein Schädling ist Paulus, ein Aufrührer, eine Pest (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.25 ), Anführer der Sekte der Nazarener. Sonderrichtungen, Sekten in unserer Sprache, sind im Judentum häufig, auch damals, wie die Funde in Qumran zeigen. „Die Existenz solcher Sonderrichtungen war an sich völlig legitim.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 336) Das Gefährliche der Anklage des Tertullus ist die Erinnerung: Schon der Sektengründer aus Nazareth ist als politischer Aufrührer hingerichtet worden. Aber das führt Tertullus nicht deutlich aus.

 Nach diesen allgemeinen Anklagen, die mehr auf feindselige Atmosphäre aus sind, wird Tertullus konkret: Den Tempel wollte er entweihen. Und dabei ist er ergriffen worden. „Auf Tempelschändung stand die Todesstrafe, und da die Römer auch Schutzmacht des Tempels waren, war versuchte Tempelschändung vor dem Gericht des Prokurators Justiziabel.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 256)Kurz: Paulus ist einer, der die öffentliche Ordnung stört, der Unruhe macht. Tertullus kann sicher sein: Gegen Unruhe ist der römische Statthalter allergisch. „Fest gesetzt“ weiterlesen

Unter höherem Schutz

Apostelgeschichte 23, 12 – 35

 12 Als es aber Tag wurde, rotteten sich einige Juden zusammen und verschworen sich, weder zu essen noch zu trinken, bis sie Paulus getötet hätten. 13 Es waren aber mehr als vierzig, die diese Verschwörung machten. 14 Die gingen zu den Hohenpriestern und Ältesten und sprachen: Wir haben uns durch einen Eid gebunden, nichts zu essen, bis wir Paulus getötet haben. 15 So wirkt nun ihr mit dem Hohen Rat bei dem Oberst darauf hin, dass er ihn zu euch herunterführen lässt, als wolltet ihr ihn genauer verhören; wir aber sind bereit, ihn zu töten, ehe er vor euch kommt.

 So unterschiedlich geht es zu. Paulus wird in der Nacht von Christus zum Leben gestärkt. In der gleichen Nacht aber verfestigt sich bei einige der Juden der Wille, Paulus um das Leben zu bringen. So ernst ist es ihnen, dass sie bis zum erfolgten Mordanschlag nicht mehr essen noch trinken wollen. Und sie informieren den Hohen Rat, weil sie ihn für die Durchführung der Tat brauchen. Der soll eine weitere Untersuchung anordnen. Auf dem Weg dorthin soll es geschehen. Paulus wäre nicht der erste und auch nicht der letzte Gefangene, der auf dem Weg zur Verhandlung ums Leben kommt.

Wie weit ist es mit dem Hohen Rat gekommen, das er sich so in ein Mordkomplott verwickeln lässt! Der Hass gegen diesen Paulus macht blind dafür, wie hier moralische Grenzen überschritten werden, wie auch die eigene Sache durch die falschen Mittel ins Unrecht gesetzt wird. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel. Sondern er wird durch die Mittel beschädigt. Der Hohe Rat, das Rechtsgremium des Tempels, setzt sich durch diese Kumpanei ins Unrecht.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Das ist ja bis heute eine hoch brisante Frage. Es gibt immer die Rechtfertigungs-Versuche vom Zweck her, die die unlauteren Mittel rechtfertigen sollen, ob es die Überführung von Steuersündern ist, die Beobachtung möglicher Straftäter, die Ausschaltung mörderischer Terroristen. Dafür wird in Kauf genommen, dass man sich mit Daten-Dieben verbündet, dass millionenfach ohne Rechtsgrundlage abgehört wird, dass es Kollateral-Schäden gibt. Und scheinbar niemand kommt auf die Idee, dass die guten „Ziele“ mit solchen Maßnahmen gründlich in Misskredit geraten.


  16 Als aber der Sohn der Schwester des Paulus von dem Anschlag hörte, ging er und kam in die Burg und berichtete es Paulus. 17 Paulus aber rief einen von den Hauptleuten zu sich und sprach: Führe diesen jungen Mann zu dem Oberst, denn er hat ihm etwas zu sagen. 18 Der nahm ihn und führte ihn zum Oberst und sprach: Der Gefangene Paulus hat mich zu sich rufen lassen und mich gebeten, diesen jungen Mann zu dir zu führen, der dir etwas zu sagen hat.

 Ist es Ironie oder ein Hinweis auf die Schwatzhaftigkeit der Verschwörer? Zum wiederholten Mal scheitert ein Mordkomplott gegen Paulus, weil es verraten wird. Der Neffe des Paulus erfährt von dem geplanten Anschlag. Und nachdem er Paulus informiert hat, lässt der ihn zu einem der Hauptleute bringen. Es ist erstaunlich, wie gelassen der Gefangene Paulus mit den Nachrichten umgeht. Er sorgt nur dafür, dass sie an die richtige Stelle kommen.

19 Da nahm ihn der Oberst bei der Hand und führte ihn beiseite und fragte ihn: Was ist’s, das du mir zu sagen hast? 20 Er aber sprach: Die Juden sind übereingekommen, dich zu bitten, dass du Paulus morgen vor den Hohen Rat hinunterbringen lässt, so als wollten sie ihn genauer verhören. 21 Du aber traue ihnen nicht; denn mehr als vierzig Männer von ihnen lauern ihm auf; die haben sich verschworen, weder zu essen noch zu trinken, bis sie ihn getötet hätten; und jetzt sind sie bereit und warten auf deine Zusage.

 Der Oberst, der Kommandierende der Truppe in Jerusalem, lässt sich informieren und hört, was geplant ist. Die Hintertücke wird aufgedeckt. Es ist klar: Bei diesem Anschlag würde nicht nur der Gefangene Paulus zu Tode kommen. Auch römische Soldaten würden bei seinem Schutz ihr Leben lassen müssen. Das macht die Angelegenheit zu einer Belastung. Zugleich bestätigt sie auch römische Erfahrungen aus anderen Zusammenhängen. Mit jüdischen Aufständischen ist immer zu rechnen. „Unter höherem Schutz“ weiterlesen

Alleingelassen

Apostelgeschichte 23, 1 – 11

 1 Paulus aber sah den Hohen Rat an und sprach: Ihr Männer, liebe Brüder, ich habe mein Leben mit gutem Gewissen vor Gott geführt bis auf diesen Tag.

 Paulus eröffnet das Gespräch. Das wäre in einer Sitzung des Synhedrion unvorstellbar. Das führt zu zwei Fragen: Was findet hier eigentlich statt – ist es eine fachliche Beratung oder ist es der Anfang eines Gerichtsverfahrens? Und: Wer hat in dieser Gegenüberstellung das Sagen? Der römische Oberst oder der jüdische Hohepriester?

 Wieder sucht Paulus in der Anrede liebe Brüder die Nähe, die gemeinsame Ebene. Daran schließt er sofort den anderen Satz an, in dem er sein Leben, sein Gewissen als vor Gott in Ordnung reklamiert. Mein Leben – das schließt die Zeiten als Pharisäer, als Jäger der Christen ein, aber eben auch die Zeit als Prediger für die Heiden. Da ist kein Unterschied: In allem ist das Gewissen des Paulus rein.

 2 Der Hohepriester Hananias aber befahl denen, die um ihn standen, ihn auf den Mund zu schlagen. 3 Da sprach Paulus zu ihm: Gott wird dich schlagen, du getünchte Wand! Sitzt du da und richtest mich nach dem Gesetz und lässt mich schlagen gegen das Gesetz?

 Schon dieser erste Satz des Paulus wirkt wie eine Provokation. Kommt es wirklich zum Schlag? Das wird nicht ganz klar. Wenn ja, so ist auch hier wieder eine Parallele zu Jesus. „Als er so redete, schlug einer von den Knechten, die dabeistanden, Jesus ins Gesicht und sprach: Sollst du dem Hohenpriester so antworten? Jesus antwortete: Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse ist; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich?“ (Johannes 18,22-23) Wie Jesus weist auch Paulus den Angriff zurück. Es ist ein Rechtsbruch, ein Verstoß gegen das Gesetz. „Du sollst nicht unrecht handeln im Gericht: Du sollst den Geringen nicht vorziehen, aber auch den Großen nicht begünstigen, sondern du sollst deinen Nächsten recht richten.“ (3. Mose 19,15)

 Paulus hat nichts getan, was Schläge rechtfertigen könnte. Er hat sich vielmehr als Bruder, als Nächster schon in seiner Anrede gezeigt. So reklamiert Paulus auch hier Rechts-Ordnung als Schutz für sich. Niemand darf grundlos geschlagen werden, weil die Schläge einem Juden die Ehre nehmen und das Gesetz schützt doch die Ehre. „Alleingelassen“ weiterlesen

Staatsbürgerschutz

Apostelgeschichte 22,22 – 30

 22 Sie hörten ihm aber zu bis zu diesem Wort; dann erhoben sie ihre Stimme und riefen: Hinweg mit diesem von der Erde! Denn er darf nicht mehr leben.

 Die Antwort auf dieses Bekenntnis des Paulus ist ein einziger, einiger Wutschrei. Es kann nicht sein. Es darf nicht sein. Dass einer sagt, dass der Tempel geöffnet wird für den Zustrom der Heiden ist schon ungeheuerlich. Aber dass einer sagt: Im Tempel sei er gesandt worden zu den Heiden, von ihm, dem Gekreuzigten, das muss für die Juden unerträglich sein. Da gibt es nur noch den Tod.

 23 Als sie aber schrien und ihre Kleider abwarfen und Staub in die Luft wirbelten, 24 befahl der Oberst, ihn in die Burg zu führen, und sagte, dass man ihn geißeln und verhören sollte, um zu erfahren, aus welchem Grund sie so gegen ihn schrien.

 Der Kommandierende spürt, dass ihm die Situation entgleiten könnte. Er sieht, wie sich die Menge bereit macht zur Lynchjustiz, wohl auch zum Angriff auf die Soldaten. Darum befiehlt er den Rückzug in die Burg Antonia und zugleich Geißelung. Er will ihn „weich klopfen“ lassen für das Verhör. Das kann doch nicht alles sein, was so viel Wut auslöst. Religion mag entzweien, mag gefährlich sein. Aber so viel Wut aufgrund einer theologischen Debatte? Aufgrund einer visionäre Erfahrung? Sein Soldatenverstand sagt ihm: Da müssen doch noch andere Dinge dahinter stecken. Die will er von seinem Gefangenen erfahren. Und ein wenig „Folter“, nichts anderes ist die Geißelung, wird dabei helfen. „Staatsbürgerschutz“ weiterlesen