Wechselhaft

Apostelgeschichte 14, 1 – 20a

 1 Es geschah aber in Ikonion, dass sie wieder in die Synagoge der Juden gingen und so predigten, dass eine große Menge Juden und Griechen gläubig wurde. 2 Die Juden aber, die ungläubig blieben, stifteten Unruhe und hetzten die Seelen der Heiden auf gegen die Brüder.

 Der Ort wechselt, die Abläufe bleiben gleich. Wieder, auch in Ikonion, suchen die Apostel den Weg in die Synagoge. Wieder predigen sie so, dass sie Glauben finden und Glauben wecken. Es sind Juden und Griechen, die gläubig werden. Der Weg zu den Heiden setzt sich also fort. Und wieder ist die Reaktion gespalten. Während die einen ihnen anhängen, gehen die anderen dazu über, Feindschaft zu säen.

 3 Dennoch blieben sie eine lange Zeit dort und lehrten frei und offen im Vertrauen auf den Herrn, der das Wort seiner Gnade bezeugte und ließ Zeichen und Wunder geschehen durch ihre Hände.

 Trotz dieser spürbaren Spannungen bleiben sie. Es ist ihr Gottvertrauen, dass sie bleiben lässt und das sie lehren lässt. Sie erzählen von Jesus. Sie erzählen von der Gnade Gottes. Und was sie erzählen, wird bestätigt, unterstrichen durch Zeichen und Wunder. Es sind nicht nur Worte, die sie machen. „Es ist der Herr selbst – gemeint ist Jesus – der die Predigt seiner Boten durch Zeichen begleitet.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 211)

 Die Formel „Zeichen und Wunder“ mag für unsere Ohren ungewöhnlich klingen, wenn es um Predigt und Lehre geht. Sie hat ein „Geschmäckle“ in Kirchen, die sich längst davon verabschiedet haben, dass das Wort andere Wirkungen als Verstehen und Begreifen hervor rufen kann. Aber in einer Zeit, in der man glaubt, dass das Wort wirkt, ist es nicht so unerwartet, dass Menschen unter der Verkündigung gesund werden, dass Leben zurecht gebracht wird, dass es Neuausrichtungen des Lebens gibt, die tief in den leiblichen und seelischen Bereich hinein wirken. Aber dass sich das ereignet, steht nicht in der Verfügungsmacht der Prediger, sondern es geschieht durch die Hände der Menschen, kommt aber her von Gott. Er ist der Autor, der Akteur.

 4 Die Menge in der Stadt aber spaltete sich; die einen hielten’s mit den Juden und die andern mit den Aposteln. 5 Als sich aber ein Sturm erhob bei den Heiden und Juden und ihren Oberen und sie sie misshandeln und steinigen wollten, 6 merkten sie es und entflohen in die Städte Lykaoniens, nach Lystra und Derbe, und in deren Umgebung 7 und predigten dort das Evangelium.

Was da geschieht, spaltet die Stadt in zwei Lager. In der Mitte des Konfliktes stehen die Apostel. Diese Bezeichnung für Paulus und Barnabas fällt heraus aus dem Sprachgebrauch des Lukas, der sonst nur die Augenzeugen des Weges Jesu zwischen Taufe und Ostern als Apostel bezeichnet. „Der Begriff „Apostel“ ist hier in dem Sinn verwendet, wie er in Antiocha und seinem syrischen Hinterland gebräuchlich war: Er bezeichnete dort den wandernden Missionar und Gemeinde-gesandten.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 212) Es ist, so könnte man sagen, ein Begriff im Übergang – von einer historischen Bezeichnung zu einer Funktionsbeschreibung.

Die Frage, vor der die Apostel durch den Streit in der Stadt stehen ist: Flüchten oder standhalten. Es gibt keine Regel, die sagt, dass die Jünger Jesus bis zur Steinigung bleiben müssen. Stephanus ist nie zur normgebenden Gestalt geworden. Es geht nicht darum, um jeden Preis zu bleiben. Darum ist es keine Feigheit, wenn die beiden sich dem Tod entziehen, als sie merken, welche Koalition sich da gegen sie zusammen findet – Heiden und Juden und die Stadt-Oberen. Die Leidensgemeinschaft mit Jesus verbietet das Ausweichen vor dem Martyrium nicht. Ihr Auftrag ist noch nicht erfüllt.

Ihre Flucht lässt sie aber nicht verstummen. Auch in Lystra und Derbe predigen sie das Evangelium. Allmählich wird diese Formulierung zum festen Begriff für Inhalte: Evangelium ist der Weg Jesu uns zugute, die Vergebung der Sünden, die Botschaft von der Auferstehung der Toten, kurz, die Botschaft vom Weg Gottes zu den Menschen und der Ruf an die Menschen, diesem Gott vertrauensvoll das eigene Leben zu öffnen. Das Evangelium findet Menschen, in der Umgebung von Lystra und Derbe auch in den Dörfern.

 8 Und es war ein Mann in Lystra, der hatte schwache Füße und konnte nur sitzen; er war gelähmt von Mutterleib an und hatte noch nie gehen können. 9 Der hörte Paulus reden. Und als dieser ihn ansah und merkte, dass er glaubte, ihm könne geholfen werden, 10 sprach er mit lauter Stimme: Stell dich aufrecht auf deine Füße! Und er sprang auf und ging umher.

Einer von diesen Menschen ist ein Leben lang noch nicht auf die eigenen Beine gekommen. Gelähmt von Mutterleib an. Unfähig zu eigenen Schritten. Unfähig, für sich selbst zu sorgen. Unfähig zu kraftvollem Leben. Auf schwachen Füßen lassen sich keine großen Sprünge machen. Und nun kommt es zu folgenschwerer Kommunikation, im größten Teil wortlos! Der hörte Paulus reden. Und Paulus sieht seinen Zuhörer an und spürt, dass sich da im Inneren etwas tut: Er glaubte, ihm könne geholfen werden. Da entsteht Erwartung im Herzen eines Menschen. Sie findet noch keine Worte, aber zeichnet sich ab auf dem Gesicht.

Es gibt ja auch das Andere, ein sich Abfinden mit dem Leben, das zwar an Gott glaubt, aber nicht mehr daran, dass sich die eigene Lebenssituation noch einmal ändern könnte. Hier fängt einer an zu glauben, zu hoffen, dass Änderung möglich sein könnte.

Das zu spüren macht für Paulus den Weg auch zu Worten frei: Stell dich aufrecht auf deine Füße! Dieser Befehl, wenn es denn ein Befehl ist, traut ihm zu, was er ein Leben lang nicht konnte. Dieser Befehl schenkt ihm ein Vertrauen, dass er selbst ein Leben lang noch nicht einen Tag hatte. Es wird wohl so sein. Manchmal erlaubt uns erst das Wort von außen den Schritt über die eigenen inneren Barrieren, die uns gelähmt und festgehalten haben.

 Es gefällt mir, dass hier nicht steht: Im Namen Jesu, stehe auf. Das macht deutlich, dass es nicht die richtig gesprochene Formel ist, auch nicht die richtige christliche Formel, die auf die Beine bringt. Es ist das Vertrauen, das zum Vertrauen befreit. Und natürlich: Wo und wann Gott will. Paulus ist und wird kein autonomer Wundertäter. Für die ist im Christentum kein Platz.

 11 Als aber das Volk sah, was Paulus getan hatte, erhoben sie ihre Stimme und riefen auf Lykaonisch: Die Götter sind den Menschen gleich geworden und zu uns herabgekommen. 12 Und sie nannten Barnabas Zeus und Paulus Hermes, weil er das Wort führte. 13 Und der Priester des Zeus aus dem Tempel vor ihrer Stadt brachte Stiere und Kränze vor das Tor und wollte opfern samt dem Volk.

 Wo sonst in der Folge der Wunder Staunen und das Lob Gottes zu stehen kommen, wird hier berichtet, dass das Volk beginnen will, Barnabas und Paulus wie Götter zu verehren. In Lykaonien ist die wunderschöne Erzählung von Philemon und Baucis lokal verortet, die von Zeus und Hermes besucht werden und sie freundlich bewirten. Diese Erzählung lässt den Besuch von Göttern nicht als einen unmöglichen Gedanken erscheinen! Sie warnt eher davor, blind zu sein für die Gäste, die inkognito sind, und so das Glück zu versäumen. Es kann doch sein, das die Götter einmal Menschengestalt annehmen. Darum ist es nur zu verständlich, dass sie zum Opfer für die vermeintlichen Götter rüsten.

 14 Als das die Apostel Barnabas und Paulus hörten, zerrissen sie ihre Kleider und sprangen unter das Volk und schrien: 15 Ihr Männer, was macht ihr da? Wir sind auch sterbliche Menschen wie ihr und predigen euch das Evangelium, dass ihr euch bekehren sollt von diesen falschen Göttern zu dem lebendigen Gott, der Himmel und Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht hat. 16 Zwar hat er in den vergangenen Zeiten alle Heiden ihre eigenen Wege gehen lassen; 17 und doch hat er sich selbst nicht unbezeugt gelassen, hat viel Gutes getan und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben, hat euch ernährt und eure Herzen mit Freude erfüllt. –

 Barnabas und Paulus aber, als sie das merken, wehren entsetzt ab. Sich göttliche Ehre gefallen lassen macht Gott die Ehre streitig. Sich anbeten zu lassen nimmt Gott die Anbetung weg. Herodes Agrippa I. ist ein warnendes Beispiel dafür. (12, 22ff.) Wir sind auch sterbliche Menschen wie ihr. sagen, schreien die beiden erschrocken. „Es gibt keine Götter in Menschengestalt, die vergöttlichten Mächte sind „Nichtse“, die Apostel, durch die Gott heilend handelt, sind Menschen, gleichartig euch“.(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.60) Wie Petrus bei Kornelius stellen sie das klar.Es ist immer wieder nötig. In einem Umfeld, in dem sich Kaiser divus, göttlich, nennen lassen, in dem das auf Münzen geprägt wurde, in dem es die Vorstellung vom göttlichen Menschen,ανήρ θεός, gab, der auch über göttliche Kräfte frei verfügt, ist das keine Kleinigkeit.

 Diese Abwehr einer – zugegeben überschwänglichen – Ehrung wirkt nicht nur damals fremd. Fremd wirkt das auch heute, in einer Zeit, die dazu neigt, Menschen völlig zu überhöhen. Einen Hype um sie zu veranstalten. Schon Fußballtrainer können wie der Messias begrüßt werden, Sieger in irgendwelchen obskuren Rankings werden in den Show-Himmel erhoben und sogar Politiker sind nicht sicher davor, als Heilsbringer angesehen zu werden. Man denke nur an Barack Obama. Es ist ein Zeichen wohltuender Nüchternheit, solchem Hype zu wehren, erst recht, wenn man sich klar macht, dass das schöne deutsche Wort „Hybe“ von „Hybris“ abzuleiten ist und das bedeutet; Selbstüberhebung, die den Zorn der Götter heraufbeschwören kann.

 Es bleibt nicht bei der Abwehr. Auch hier nützen sie wieder die Situation zur Verkündigung. Es geht um den lebendigen Gott, den Schöpfer, der Himmel und Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht hat. Er ist auf der Suche nach den Menschen. Er tut Gutes, er füllt die Erde mit seiner Güte. Er ist es, der die Freude am Leben schenkt.

18 Und obwohl sie das sagten, konnten sie kaum das Volk davon abbringen, ihnen zu opfern. 19 Es kamen aber von Antiochia und Ikonion Juden dorthin und überredeten das Volk und steinigten Paulus und schleiften ihn zur Stadt hinaus und meinten, er wäre gestorben.

Was für ein Wende. „Die Labilität der Gott und Menschen vermischenden Religion wird drastisch dadurch aufgedeckt, dass die Volksmenge in Lystra sich leicht umstimmen lässt, statt den Aposteln zu opfern, sie zu steinigen.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 60)Kaum, dass es gelungen ist, die Anbetung abzuwehren, schlägt die Stimmung um. Ein gerütteltes Maß an diesem Kippen der Stimmung haben Juden, die den Aposteln „nach-gereist“ waren, sozusagen Warner vor diesen Verführern. Es ist eine Rolle, die es bis heute gibt und die gerne besetzt wird: Keine eigene Position zu haben, sondern nur zu warnen vor denen, die irgendwie anders sind.

Sie erreichen ihren Zweck. Die Steinigung, der sich Paulus in Ikonion noch durch Flucht entziehen konnte, wird hier durchgeführt. Halbtot bleibt er liegen. Sie aber halten ihn für tot. Sie sind erfolgreich gegen diesen Sektenprediger vorgegangen.

 20 Als ihn aber die Jünger umringten, stand er auf und ging in die Stadt.

 Es ist nicht klar: kommen die Jünger, um den vermeintlich toten Paulus zu beerdigen? Oder haben sie gesehen, was die Feinde nicht sahen: Da ist noch Leben in diesem geschundenen Menschen? „Unverzüglich geht er zurück in die Stadt: So wird ein sichtbares Zeichen dafür gesetzt, dass er im Dienst eines Mächtigeren steht, der es nicht zulässt., dass man ihm sein erwähltes Werkzeug aus der Hand schlägt.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 218) Er, der dem Mann mit den schwachen Füßen aufstehen geholfen hat, er kommt selbst auch wieder auf die Beine, kann stehen und gehen.

Jesus                                                                                                                                      wie oft bin ich                                                                                                                  schwach auf den Füßen                                                                                               überhaupt nicht standfest                                                                                               standhaft                                                                                                                           sondern leicht                                                                                                                       aus dem Gleichgewicht zu bringen

 Wie oft fehlt es mir                                                                                                            am Stehvermögen                                                                                                                an der Klarheit                                                                                                        Situationen zu durchschauen                                                                                       mich dem zu verweigern                                                                                                was mir schmeicheln könnte

 Wie rasch geht das                                                                                                         sich Ehre gefallen zu lassen                                                                                             die den Blick auf Dich                                                                                                         verstellt

 Du kannst die Augen öffnen                                                                                                dass wir sehen                                                                                                                    was zu sagen ist – und es sagen                                                                                     was zu tun ist  – und es tun                                                                                                   wo Gefahren lauern                                                                                                             Du kannst die Augen öffnen                                                                                               für den angstfreien Blick                                                                                                     der die Wirklichkeit sieht                                                                                                    und Dich                                                                                                                                 den Herrn hinter aller Wirklichkeit. Amen