Machtworte

Apostelgeschichte 13, 1 – 12

 1 Es waren aber in Antiochia in der Gemeinde Propheten und Lehrer, nämlich Barnabas und Simeon, genannt Niger, und Luzius von Kyrene und Manaën, der mit dem Landesfürsten Herodes erzogen worden war, und Saulus. 2 Als sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe. 3 Da fasteten sie und beteten und legten die Hände auf sie und ließen sie ziehen.

 Lukas richtet den Blick nun auf die Gemeinde in Antiochia. Dorthin sind Barnabas und Saulus zurück gekehrt. Dort wirken sie. Sie gehören zu einem Kreis von Propheten und Lehrern. Barnabas wird als erster genannt, Saulus als Letzter. Das mag ein Hinweis sein auf ihre Stellung in der Gemeinde. Die anderen Genannten erlauben, die Buntheit der Gemeinde schon in ihren Leitern zu erkennen. Simeon Niger dürfte ein Afrikaner sein, Luzius kommt aus der Cyrenaika und Manaem ist offensichtlich von vornehmer jüdischer Herkunft. Es ist kein sozial homogener Kreis, sondern die Vielfalt ihrer Herkunft zeigt etwas vom Reichtum der Gemeinde. Sie erscheint – in heutiger Sprache- nicht Milieu-verengt.

 Es mag in einem Gottesdienst sein, es könnte aber auch eine Klarheit sein, die im Lauf der Arbeit in der Gemeinde entsteht, dass sich eine Botschaft des Geistes herauskristallisiert. Auf diese längere Zeitdauer scheint mir der Hinweis auf das Fasten hinzudeuten. Fasten nur als Vorbereitung für einen Gottesdienst, und sei er noch so bedeutend – das ist mir zu kurz gedacht. Barnabas und Saulus werden aus dem Kreis der Lehrer und Propheten ausgesondert, zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe. So die Botschaft des Geistes.

 Das Werk, ihre neue Aufgabe ist – noch – nicht inhaltlich bestimmt. Es wird sich erst auf dem Weg zeigen, was ihr Auftrag ist. Es gilt, sich der Führung des Geistes anzuvertrauen ohne schon eine Landkarte, eine Marschroute, eine Vision und Konzeption zu haben. Die Herausforderung heißt: Vertrauen! Die Gemeinde – so lese ich „sie“ – fastet und betet und wird so gewiss in dem, was zu tun ist: Die Handauflegung ist die gemeindliche Antwort auf das Wort des Geistes. Wenn man so will: Vocatio interna und vocatio externa kommen zusammen. Dem Aufbruch steht nichts mehr im Weg.

4 Nachdem sie nun ausgesandt waren vom Heiligen Geist, kamen sie nach Seleuzia und von da zu Schiff nach Zypern. 5 Und als sie in die Stadt Salamis kamen, verkündigten sie das Wort Gottes in den Synagogen der Juden; sie hatten aber auch Johannes als Gehilfen bei sich.

 Noch einmal wird betont: Hinter diesen Aufbruch steht der Geist Gottes. Das signalisiert auch: Die Reiseroute entsteht jedenfalls nicht aus eigener Wahl oder eigener Vorliebe oder Heimatverbundenheit. Darauf könnte man ja leicht kommen, schließlich stammt Barnabas von Zypern. Es ist der Geist Gottes, der sie führt und es ist das Werk des Geistes, das sie ausrichten: Sie verkündigten das Wort Gottes in den Synagogen der Juden. Es ist wieder Führung des Geistes: zuerst in die Synagoge. Über den Erfolg der Verkündigung erfahren wir nichts. Nur der GehilfeJohannes Markus wird noch – wie zur Vervollständigung der Informationen über die Reisegruppe – nachträglich benannt. Er ist für untergeordnete Tätigkeit mit auf dem Weg.

6 Als sie die ganze Insel bis nach Paphos durchzogen hatten, trafen sie einen Zauberer und falschen Propheten, einen Juden, der hieß Barjesus; 7 der war bei dem Statthalter Sergius Paulus, einem verständigen Mann. Dieser rief Barnabas und Saulus zu sich und begehrte, das Wort Gottes zu hören. 8 Da widerstand ihnen der Zauberer Elymas – denn so wird sein Name übersetzt – und versuchte, den Statthalter vom Glauben abzuhalten.

 In der Residenz des Statthalters Sergius Paulus kommt es zur Auseinandersetzung mit einem Menschen namens Barjesus, „Jesussohn“. Er wird als Zauberer und falscher Prophet vorgestellt. Seine Charakterisierung erinnert an Simon Magus (8,9) – auch er ein Mann mit großen Fähigkeiten und großen Einfluss. Er ist am Hof des Statthalters zugegen, ob in „amtlicher Funktion als Hofastrologe“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 16) sei dahingestellt. Jedenfalls stellt er sich der Verkündigung der christlichen Missionare in den Weg. Er versuchte, den Statthalter vom Glauben abzuhalten. Damit unterläuft er sowohl die Verkündigung als auch den Wunsch des Statthalters, das Wort Gottes zu hören. Was diesen zu seinem Wunsch gebracht hatte, wird nicht deutlich.

 Deutlich aber ist, dass die Verkündigung des Wortes von Anfang an auch auf Widerstand stößt. Es gibt Interessen, die ihr im Weg stehen. Es gibt Menschen, die ihr im Weg stehen. Es gibt keine konfliktfreie „Mission“. Es ist wie das Überschreiten einer Schwelle: Wie Philippus muss auch Saulus zu Beginn der missionarischen Tätigkeit den Widerspruch eines magisch Begabten bestehen.

 9 Saulus aber, der auch Paulus heißt, voll Heiligen Geistes, sah ihn an 10 und sprach: Du Sohn des Teufels, voll aller List und aller Bosheit, du Feind aller Gerechtigkeit, hörst du nicht auf, krumm zu machen die geraden Wege des Herrn? 11 Und nun siehe, die Hand des Herrn kommt über dich, und du sollst blind sein und die Sonne eine Zeit lang nicht sehen!

 Es ist Saulus, der das Wort ergreift. Und es ist sicher erzählerische Absicht, dass Lukas ihn hier so vorstellt: Saulus aber, der auch Paulus heißt, voll Heiligen Geistes. Von nun an wird Lukas nur noch von Paulus reden. Und von nun an gilt, was hier gesagt wird: dieser Paulus ist voll Heiligen Geistes. Es ist eine Überschrift über all nachfolgend Tätigkeit des Paulus.

 Hier ist es eine Kampfansage, genauer, ein Gerichtswort. Der Magier ist eben kein Jesussohn, sondern ein Sohn des Teufels. Und dann folgen geradezu vernichtende weitere Bezeichnungen. Alles mündet in dem Vorwurf: Du hörst du nicht auf, krumm zu machen die geraden Wege des Herrn. Das ist keine Frage, sondern ein Urteil.

Was dieser Elymas, so wird Barjesus jetzt benannt, tut, steht im krassen Gegensatz zum Auftrag des prophetischen Wortes: „In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden.“ (Jesaja 40,3-4) Jude ist, wer den geraden Weg Gottes geht und Gottes Wege gerade sein lässt. Elymas zeigt mit seinem Handeln, dass er „ein falscher Jude“, ein Feind aller Gerechtigkeit ist.

Das Strafwort bleibt nicht eine allgemeine Verwünschung. Es wird konkret in der Ankündigung der Blindheit. Die Hand des Herrn, die sonst zum Schutz über Israel erhoben ist, zu der der Fromme sich flüchten kann, die soll zur „Strafhand“ werden. „Die Strafe wird freilich befristet. Sie ist somit nicht definitives Gericht, sondern Läuterungsstrafe zur Umkehr.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 25 )

 Auf der Stelle fiel Dunkelheit und Finsternis auf ihn, und er ging umher und suchte jemanden, der ihn an der Hand führte.

 Das Wort des Paulus erfüllt sich auf der Stelle. Diese Erfüllung weist Paulus als Propheten (13,1) aus. Und sein Wort ist vollmächtiges Wort. Später schreibt Paulus von sich selbst: „Denn ich werde nicht wagen, von etwas zu reden, das nicht Christus durch mich gewirkt hat, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk, in der Kraft von Zeichen und Wundern und in der Kraft des Geistes Gottes.“ Römer 15,19)

 Es wird kein Zufall sein. Paulus sagt Elymas das an, was ihm selbst widerfahren ist – vor Damaskus. Auch er, der alles klar zu sehen meinte, wurde ins Dunkel gestürzt. Und hilflos, wie Saulus vor Damaskus war, ist nun Elymas in Paphos. Vielleicht ist die so gleichartige Schilderung ja ein Hoffnungssignal. Dieser Sohn des Teufels ist dennoch kein hoffnungsloser Fall! Christus, der der Herr eines Christenverfolgers werden kann, kann doch auch der Herr eines Teufelskindes werden. Und auch bei Saulus war die Blindheit kein Urteil für immer, sondern eine „verordnete Zeit“ zur Umkehr.

12 Als der Statthalter sah, was geschehen war, wurde er gläubig und verwunderte sich über die Lehre des Herrn.

Der Statthalter sieht das Geschehen und wird gläubig und verwundert sich. Es hört sich nach einer Mischung aus Betroffensein, überwältigt sein und Fragen an. Das er verwundert ist über die Lehre des Herrn zeigt: Lehre ist in den Augen des Lukas nicht zuerst die Vermittlung eines dogmatischen Lehrgebäudes. Es ist Leben, das sich in konkreten Schritten zeigt. „Wer lebt, lehrt.“ Wie Einer, Eine sich verhält, zeigt, was ihn oder sie bestimmt.

Der Prokonsul aber gibt sich, erschüttert, dem neuen Glauben hin. Was dann aus ihm geworden ist, wissen wir nicht.“(O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 176) Es ist gut, aus dem Schweigen des Lukas zum weiteren Weg des Sergius Paulus keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Sie zeigen allenfalls, wie man Opfer der eigene Dogmatik werden kann: „Freilich, wir hören nichts von seiner Taufe… Es ist eher zu schließen, das der hohe römische Beamte zwar von dem Erlebten tief beeindruckt ist und sein Herz der Botschaft von Jesus ein ganze Stück weit öffnet, den letzten, entscheidenden Schritt mit aller Konsequenz aber doch nicht zu tun vermag. Gerade von einem Mann in dieser Stellung würde Lukas den offiziellen Übertritt zum Christentum nicht verschwiegen haben. Das gibt es bis heute immer wieder, dass Menschen schon an Jesus „glauben“ und bewegt vor seiner Macht und Güte stehen, und doch kommt es nicht zu einer wirklichen Bekehrung und nicht zum verantwortlichen Eintritt in eine Gemeinde Jesu.“(W. De Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; S. 240f.)

 Verwundert frage ich mich: Woher weiß der Autor das alles? Nichts davon steht da. Es ist vielmehr ein bisschen misslich, die eigenen Zeitverhältnisse in die Frühzeit zurück zu übertragender Übertritt zum Christentum setzt Organisationsbedingungen voraus, die damals in keiner Weise gegeben sind. Es fehlt dazu an allem, an Formularen und Eintrittsstellen, an Kirchenbeamten und Beitrittsgemeinden.

 Sergius Paulus ist gläubig geworden und hat Fragen behalten. Mehr nicht. Damit ist er in guter Gesellschaft.

 Herr Jesus                                                                                                                            es gibt offene Türen                                                                                                                für das Evangelium                                                                                                             und es gibt Widerstand                                                                                                           Es gibt die Bereitschaft                                                                                                       Dein Wort zu hören                                                                                                                und es gibt                                                                                                                             den Widerspruch gegen dieses Wort

 Wie gerne                                                                                                                           würden wir dann                                                                                                         manchmal wenigstens                                                                                                    solche Machtworte sprechen können                                                                                      Und doch:                                                                                                                             Ich erschrecke auch davor                                                                                                   Wer bin ich                                                                                                                        dass ich einem Menschen                                                                                                    so gegenüber treten dürfte

 Verleihe                                                                                                                                 uns, mir                                                                                                                                  die Treue zu Deinen Wort                                                                                                    die Bereitschaft es zu sagen                                                                                                 wo immer ich es sagen darf                                                                                               Deinen Namen zu nennen                                                                                                        und zum Glauben an Dich zu rufen

 Du wirst Dein Wort nicht leer lassen. Amen