Licht im Dunkel

Apostelgeschichte 12, 1 – 25

 1 Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. 2 Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.

 Die Zeit der relativen Ruhe in Jerusalem ist vorbei. Herodes Agrippa I. wird aktiv. Er ist eine schillernde Gestalt. „Jahrelang führte er in Rom das Leben eines Playboys und war bekannt als notorischer Schuldenmacher und Glücksritter.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 185) Er greift die Gemeinde an, greift nach Leuten aus der Gemeinde. Wenn man nach dem Grund fragt: „Er tat alles, um seine Verbundenheit mit den traditionsbestimmten Kräften des Judentums unter Beweis zu stellen.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 186) Es geht ihm um seine Macht, für die er die „Konservativen“ braucht. So lässt er Jakobus, den Bruder des Johannes, einen der Zebedäus-Söhne mit dem Schwert hinrichten.

 3 Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.

 Weil diese Hinrichtung gut ankommt, setzt Herodes den eingeschlagenen Weg fort. So leicht, sagt Lukas damit, kann man Opfer werden. Es genügt, dass sich ein Herrscher gute öffentliche Meinung verspricht. Wie viele Nachfolger hat Herodes mit dieser Motivation gefunden: Wenn es nur gut wirkt…. So wird auch Petrus gefangen genommen, in den Tagen der Ungesäuerten Brote, also der Zeit um das Passah-Fest. Soll sich an Petrus wiederholen, was an Jesus in der Zeit des Passah geschah? 4 Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Fest vor das Volk zu stellen.

Petrus wird im Gefängnis streng bewacht. Er ist ja einigermaßen „prominent“ als Kopf der Gemeinde in Jerusalem. Die Notiz von dieser strengen Bewachung, die an Hochsicherheitstrakte unserer Tage gemahnt, erinnert zugleich an die Bewachung des toten Jesus. (Matthäus 27, 62 – 66) Da wird ein Toter streng bewacht. Hier einer, der im Gefängnis sicher verschlossen ist.

 5 So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.

 „Jetzt hilft nur noch beten.“ Was in unserer Zeit häufig Ausdruck letzter Verzweiflung ist, das ist hier Ausdruck der lebendigen Hoffnung. Die Gemeinde steht für den gefangen Bruder vor Gott ein. Sie nimmt Gott in Beschlag für ihn. Betet sie um seine Befreiung? Betet sie um Freiheit von der Furcht vor dem Tod? Betet sie um Freimut in den zu erwartenden Verhören? Das alles bleibt offen. Sie beten – das reicht.

 6 Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. 7 Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. 8 Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir! 9 Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. 10 Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße weit, und alsbald verließ ihn der Engel.

Wie lange die Haft dauert, wird nicht klar. Aber in der Nacht vor dem öffentlichen Prozess, „als schon niemand mehr eine Wende erwarten mag, greift Gott ein“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 188) Für Gottes Engel sind auch schwer bewaffnete Wachen kein Hindernis. Er kommt ins Dunkel des Gefängnisses. Licht leuchtete auf in dem Raum. Es ist wie in Bethlehem auf dem Hirtenfeld: Wo Gottes Engel auftreten, kommt Licht ins Dunkel. Petrus weiß nicht, wie ihm geschieht, zumal der Engel ziemlich handfest mit ihm umgeht. Er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf!

 Mach hin! Die Handschellen fallen. Der Häftling ist wieder bewegungsfähig. Es liest sich wie eine Befreiungsaktion aus dem Gefängnis. Genauso hat es vor vielen Jahren ein amerikanischer Exeget, J. Carmichael, gedeutet: Das ist ein Befreiungsunternehmen einer potentiell rebellischen Truppe. Ich halte das für Unsinn. Von nichts war die erste Gemeinde der Jesus-Leute weiter entfernt als von gewaltsamen Aktionen gegen den Staat.

Alles muss schnell gehen. Und es geht so schnell, dass Petrus äußerlich und innerlich kaum nachkommt. Er wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. Es ist ja auch wie im Traum. Es ist der Traum, den wohl alle träumen, die zu Unrecht eingesperrt sind, dass sich die Tür zur Freiheit wieder öffnet.

Lukas erzählt hier eine Gefangenenbefreiung. Und er hat sicherlich nicht vergessen, was er für die Antrittspredigt Jesu in Nazareth notiert hatte: „Gott „hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen,..“ (Lukas 4,18) Es sind nicht nur schöne Worte von innerer Freiheit, um die es geht. Es ist die handfeste Erfahrung von Befreiung, auch aus dem Gefängnis, die im Evangelium mit angesprochen wird. Wunderbar genug, unfassbar, aber eben doch real. Auch wenn wir nicht wissen, wie wir uns diesen Engel vorzustellen haben.

11 Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.

Langsam kommt Petrus zur Besinnung. Das Staunen wandelt sich in eine Erkenntnis: Es ist Gott, der hier am Werk ist. Der Herr seinen Engel gesandt. Das ist auch für Petrus keine Alltagserfahrung. Sein gewöhnlicher Umgang sind Menschen aus Fleisch und Blut. Mit Engeln hat er eher selten zu tun. Um das zu erkennen, muss er zu sich kommen, müssen ihm die Augen aufgehen. Und er sieht sich gerettet – vor der Willkür des Herodes und „vor dem Hass der Juden, das heißt vor dem sicheren Tod.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 190)

 12 Und als er sich besonnen hatte, ging er zum Haus Marias, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele beieinander waren und beteten.

 So zur Besinnung gekommen, macht er sich auf den Weg. Er kennt sich aus in Jerusalem und weiß auch, wo er die Anderen finden wird. Die sind zusammen im Haus der Maria, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus. Johannes Markus ist ein Neffe des Barnabas (Kolosser 4,10), später ein Weggefährte auch des Saulus (12,25). In diesem Haus wird gebetet, wohl auch für die Bewahrung des Petrus.

 13 Als er aber an das Hoftor klopfte, kam eine Magd mit Namen Rhode, um zu hören, wer da wäre.

14 Und als sie die Stimme des Petrus erkannte, tat sie vor Freude das Tor nicht auf, lief hinein und verkündete, Petrus stünde vor dem Tor. 15 Sie aber sprachen zu ihr: Du bist von Sinnen. Doch sie bestand darauf, es wäre so. Da sprachen sie: Es ist sein Engel. 16 Petrus aber klopfte weiter an. Als sie nun aufmachten, sahen sie ihn und entsetzten sich.

 Wieder ist es fast filmreif. Die Magd an der Tür ist so von Sinnen, dass sie den Flüchtling, den doch jedermann jagen könnte, auf der Straße stehen lässt. Kopflos rennt sie zurück und sagt, Petrus stünde vor dem Tor. Die Beter aber glauben alles, nur nicht, dass ihr Beten für Petrus so prompt erhört sein könnte. Sie halten es eher für möglich, dass da sein Engel, eine Art himmlischer Doppelgänger des Petrus – „der Schutzengel galt gleichzeitig als das Ebenbild des Menschen“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 273) – stünde als dass sie damit rechnen: Er ist es selbst. Und als sie ihn dann sehen, sind sie entsetzt, geraten auch sie außer sich, so wie die Magd vorher. Salopp könnte man sagen: Sie werden eine Versammlung von Ekstatikern – in dieser Nacht sind alle außer sich.

 Wieder einmal steht hier εξέστησαν, wie schon im Bericht über das Pfingsten der Heiden (11,45) und wie in der Verzückung des Petrus in Joppe (10, 10). Es scheint so zu sein: Wo Gott so in das Geschehen der Zeit hinein greift, geraten Menschen aus der Fassung, verlieren sie ihre übliche Haltung, sind sie außer sich.

 17 Er aber winkte ihnen mit der Hand, dass sie schweigen sollten, und erzählte ihnen, wie ihn der Herr aus dem Gefängnis geführt hatte, und sprach: Verkündet dies dem Jakobus und den Brüdern. Dann ging er hinaus und zog an einen andern Ort.

 Petrus aber scheint jetzt die Ruhe selbst. Er bezeugt, was an ihm geschehen ist. Es geht dabei nicht um das „wie“ der Befreiung, sondern darum, dass es die Tat des Herrn ist. Er hat ihn aus dem Gefängnis geholt. Und dann lakonisch kurz: Informiert Jakobus und die Brüder. Das könnte heißen: „Petrus tritt die Gemeindeleitung ab.“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 274) Wohin Petrus geht, ist nicht wichtig. Er ist jetzt wieder unterwegs.

18 Als es aber Tag wurde, entstand eine nicht geringe Verwirrung unter den Soldaten, was wohl mit Petrus geschehen sei. 19 Als aber Herodes ihn holen lassen wollte und ihn nicht fand, verhörte er die Wachen und ließ sie abführen.

 Die Szene wechselt. Ins Gefängnis. Am Morgen wird dort festgestellt: Der Gefangene ist weg. Wohin weiß keiner. Wie weiß auch keiner. Es ist eine so rätselhafte Geschichte, dass Herodes sie durch scharfe Verhöre aufzuklären versucht. Das Ergebnis: Er ließ sie abführen. Hinter der freundlichen Formulierung verbirgt sich ein Todesurteil. „Die Wächter hatten für einen ihnen anvertrauten Gefangenen mit dem eigenen Leben zu haften“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 191) Da kann man nur sagen: wie gut, dass die Sitten heute anders sind, wenigstens im deutschen Strafvollzug.

Dann zog er von Judäa hinab nach Cäsarea und blieb dort eine Zeit lang. 20 Er war aber zornig auf die Einwohner von Tyrus und Sidon. Sie aber kamen einmütig zu ihm und überredeten Blastus, den Kämmerer des Königs, und baten um Frieden, weil ihr Land seine Nahrung aus dem Land des Königs bekam. 21 Und an einem festgesetzten Tag legte Herodes das königliche Gewand an, setzte sich auf den Thron und hielt eine Rede an sie. 22 Das Volk aber rief ihm zu: Das ist Gottes Stimme und nicht die eines Menschen! 23 Alsbald schlug ihn der Engel des Herrn, weil er Gott nicht die Ehre gab. Und von Würmern zerfressen, gab er den Geist auf.

 Es folgt ein Blick in die Zeitgeschichte, ein Blick auf das Schicksal des Herodes Agrippa. Es ist unverkennbar: Lukas sieht ihn als einen, der sich göttliche Macht anmaßt. Was das Volk ihm zuruft als Huldigung: Das ist Gottes Stimme und nicht die eines Menschen! hätte er nie und nimmer akzeptieren dürfen. Wenn er es aber doch geschehen lässt und nicht zurückweist, so zeigt sich darin, dass er vergisst, dass er „auch nur ein Mensch ist“ (10,26) Der Gefangene, den ihm der Engel entführt hat, der hat das gewusst und gesagt. Aber er, Herodes, hat es vergessen. So wird dessen Leben durch Gottes Engel bewahrt und sein Leben durch den Engel des Herrn genommen.

 24 Und das Wort Gottes wuchs und breitete sich aus.

 Es ist der Schluss unter eine Erzählung, den Lukas öfters setzt. Was auch immer geschieht, es kann den Lauf des Wortes Gottes nicht aufhalten. Es mögen Menschen im Gefahr geraten, es mögen sich Feinde erheben – das Wort Gottes nimmt seinen Lauf. Darum schreibt Lukas seine Apostelgeschichte. Nicht um Menschen zu verherrlichen. Nicht um ideale Szenen darzustellen, sondern um zu bezeugen: Das Wort Gottes ist auf dem Weg in die Welt. Hier spricht der Glaubenszeuge und nicht der Historiker.

 Diese Geschichte von der Gefangenenbefreiung mutet uns modernen Lesern eine Menge zu. Wir haben es gerne nüchterner, realistischer. Hier ist viel, zu viel Überirdisches im Spiel. Aber vielleicht kann man von Gott in der Welt und seinem Handeln in der Welt gar nicht anderes reden als dass man ständig an die Grenzen unserer – zugegeben beschränkten – Weltsicht gerät.

 Gegen alle Skepsis, die sich nicht genug wundern kann und das Ganze gerne als schöne Legende deuten würde, hält ein Kommentar fest: „Obwohl legendenhaft im Stil der Gattung der Befreiungswundergeschichten erzählt, verdient unser Text darin unser Zutrauen, dass er auf historischen Fakten basiert. Das Martyrium des Zebedaiden Jakobus, die Inhaftierung des Petrus vor dem Paschafest, und seine – gegen alle Erwartung, wie auch immer bewerkstelligte – wunderbare Befreiung, sein Weggang von Jerusalem im zwölften Jahr nach Jesu Tod, die Überjnahme der Gemeindeleitung durch den Herrenbruder Jakobus dürfen als ebenso gt verbürgt gelten wie der frühe Tod des Agrippa I.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, S. 222) Manchmal muss man sich wohl einfach eingestehen: Dass wir nicht alles mit unserer Vernunft begreifen, spricht nur für die engen Grenzen unserer Vernunft, aber nicht gegen die Wirklichkeit des Geschehens.

25 Barnabas und Saulus aber kehrten zurück, nachdem sie in Jerusalem die Gabe überbracht hatten, und nahmen mit sich Johannes, der den Beinamen Markus hat.

 Das Wort läuft weiter und die Menschen, die das Wort weitertragen, laufen auch weiter. Es ist wieder eine knappe Notiz: Barnabas und Saulus kehren zurück, nach erfolgreicher Geldübergabe, nach Antiochia, muss man wohl ergänzen. Und mit Johannes Markus haben sie einen neuen Reisegefährten. Das Team wächst.

 In wie viel Not                                                                                                                    hat nicht der gnädige Gott                                                                                                über dir Flügel gebreitet

 Das habe ich schon so oft gesungen                                                                          Das habe ich auch oft erlebt                                                                                        Nicht wunderbar                                                                                                                    aber zum Wundern                                                                                                               Nicht mit himmlischen Engeln                                                                                         an meiner Seite                                                                                                                aber mit irdischen Engeln                                                                                        Engeln, auch ohne Flügel und Lichtglanz

 So leuchtet                                                                                                                   Deine Herrlichkeit, mein Gott, auf                                                                                     Und doch spüre ich auch da                                                                                                 Du, Gott,                                                                                                                           weitest mir die Welt                                                                                                           lässt mich auf Hilfe hoffen                                                                                                auf Rettung warten                                                                                                                 auf einen Ausweg                                                                                                               in verfahrenen Situationen                                                                                                    in denen wir wie eingefangen sind.

 Du machst frei                                                                                                                  aus Gefängnismauern                                                                                                        und aus den inneren Gefängnissen                                                                                   in die wir uns so leicht                                                                                                     selbst festsetzen. Amen