Neuland

Apostelgeschichte 11, 19 – 30

 19 Die aber zerstreut waren wegen der Verfolgung, die sich wegen Stephanus erhob, gingen bis nach Phönizien und Zypern und Antiochia und verkündigten das Wort niemandem als allein den Juden.

 Lukas greift in seiner Schilderung zurück auf vorher Erzähltes. Seit der Steinigung des Stephanus waren Glieder der Jerusalemer Gemeinde unterwegs – in Phönizien und Zypern und bis nach Antiochia. Sie können nicht schweigen von dem, was sie als Glauben neu entdeckt haben. Aber sie verstehen sich nicht als Missionare in der Heidenwelt. Sie halten sich an „ihre Leute“, sie verkündigten das Wort niemandem als allein den Juden. Die Verkündigung ist an Israel gerichtet, weil Jesu der Messias Israels ist. „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“( Matthäus 15,24) Auf dieses Wort Jesu könnten sie sich berufen. Es ist ein Herrenwort, das sie leitet.

 20 Es waren aber einige unter ihnen, Männer aus Zypern und Kyrene, die kamen nach Antiochia und redeten auch zu den Griechen und predigten das Evangelium vom Herrn Jesus. 21 Und die Hand des Herrn war mit ihnen und eine große Zahl wurde gläubig und bekehrte sich zum Herrn.

Aber schreibt Lukas. Es gibt auch Andere. Es gibt Abweichler von dieser Linie, die bis dahin auch die Gemeinde in Jerusalem eingehalten hatte., Männer aus Zypern und Kyrene, Leute, die selbst aus der Diaspora kommen. Vielleicht hat die größere Offenheit für die Griechen genau damit zu tun. Sie gehen auch zu den Griechen. Sie haben eine eindeutige Botschaft, sie predigten das Evangelium vom Herrn Jesus. Nicht irgendetwas, nicht Freiheit vom jüdischen Gesetz, nicht die Überlegenheit des Monotheismus – der Herr Jesus steht in der Mitte. Sie finden offene Ohren. Und sie werden von Gott bestätigt. Die Hand des Herrn war mit ihnen. Das heißt doch: Gott selbst bestätigt diesen Weg.

Was in dem großen Bericht über den Weg des Petrus zu Kornelius schon sichtbar wird, das ereignet sich hier sozusagen unter der Hand. In der Sprache von heute: es sind Leute, die aus dem Milieu kommen, das sie mit ihrer Botschaft ansprechen. Weil sie selbst so denken wie ihre Gesprächspartner, deshalb können sie die Griechen erreichen. Ihr „Erfolg“ kommt nicht von ungefähr. Gott bedient sich ihrer, um eine Brücke zu den Griechen zu schlagen.

 Und auch das mag eine Rolle spielen. Antiochia ist ein Riesen-Stadt, die drittgrößte der Zeit damals. „Das Evangelium kommt in die Weltstadt.“ (O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 153) Offen für viele Einflüsse. „Auf den Straßen ein buntes Völkergemisch, ohne Bodenständigkeit, ohne Verwurzelung in eine feste Tradition“ (O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 153) In Städten kann eine neue Bewegung leichter Fuß fassen als auf dem Land.

 Man wagt es ja kaum zu denken, aber die neuen Glaubensbewegung ist eher ein städtisches als ein ländliches Phänomen. Wobei selbst eine große Zahl darf nicht dazu verführen zu denken: Antiochia sei jetzt eine christliche Stadt geworden.

Ich erlaube mir einen gedanklichen Ausflug ins Heute. Wer Menschen erreichen will, muss ihre Sprache sprechen – und muss dazu ihr Leben teilen. Milieu-Grenzen werden nicht so überwunden, dass man sich eine Sonnenbrille aufsetzt, seine Frisur ändert, Lederklamotten anzieht und eine vermeintlich coole Sprache einübt. Wer ein Milieu erreichen will, wird das nur tun, wenn er selbst in diesem Milieu „heimisch“ wird oder heimisch ist. Alles andere ist zu kurz gedacht, auch wenn es strategisch noch so gut eingefädelt erscheint.

Es gibt eine innere Grenze der Glaubwürdigkeit für den Satz des Paulus: „Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin -, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne.“ (1.Korinther 9,20) Diese Grenze ist das eigene Leben. Es redet lauter als alle missionarischen Anpassungsstrategien.

22 Es kam aber die Kunde davon der Gemeinde von Jerusalem zu Ohren; und sie sandten Barnabas, dass er nach Antiochia ginge. 23 Als dieser dort hingekommen war und die Gnade Gottes sah, wurde er froh und ermahnte sie alle, mit festem Herzen an dem Herrn zu bleiben;24 denn er war ein bewährter Mann, voll Heiligen Geistes und Glaubens. Und viel Volk wurde für den Herrn gewonnen.

 Was in Antiochia entstanden ist, spricht sich bis nach Jerusalem herum. Barnabas wird geschickt, einer, der das Vertrauen der „Kirchenleitung“ in Jerusalem hat. Wer sind die sie? Die Apostel? Die Säulen in Jerusalem? Fragen, die sich stellen, die Lukas aber nicht beantwortet. Und noch eine Frage: Steckt Misstrauen hinter dem Satz: Sie sandten Barnabas. Ist Barnabas als Visitator gesandt, der auf die richtige Linie achten soll? Soll er anschließend Bericht erstatten, damit man in Jerusalem weiß, was zu tun ist?

 So kann man denken, wenn man die Jerusalemer Gemeinde milieu-verengt und juden-christlich festgelegt denkt. Es kann aber auch anders sein. Barnabas, das hatte sich schon gezeigt, als er Saulus zu den Aposteln brachte, ist einer, der ein weites Herz hat. Einer, der positiv denkt, sich freuen kann an dem, das es mit dem Evangelium vorwärts geht, unabhängig davon, ob es alten Regeln folgt. Dann wäre gerade seine Sendung ein Zeichen der Apostel: Wir trauen euch.

 Barnabas sieht die Gnade Gottes und wird froh. Hier gibt es ein Wortspiel im Griechischen, das auf Deutsch nicht wiederzugeben ist. Χάρις, Charis, die Gnade und εχάρη, er wurde froh, hängen vom Wortstamm her unmittelbar zusammen. Aus dieser Freude am Handeln Gottes kommt dann auch sein Ermahnen, sein Ermutigen. So lässt sich das entsprechende griechische Wort auch übersetzen. 

Barnabas ist eine der zentralen Figuren in diesem Geschehen. Der „Visitator“ aus Jerusalem stammt aus Zypern. Er ist auch materiell großzügig, freigiebig (4,37) Er ist nicht eng, sondern weit, nicht ängstlich, sondern gelassen, nicht auf die eigene Bedeutung bedacht, sondern einer, der andere stärkt. Es ist eben nicht der warnend erhobene Zeigefinger, der Barnabas kennzeichnet, sondern die Fähigkeit, Rückenwind zu geben. Wertschätzen können. Ermutigen. Bestärken. Darin zeigt sich, dass Barnabas ein bewährter Mann, voll Heiligen Geistes und Glaubens ist. Er macht seinem Namen „Sohn des Trostes ( 4,36) alle Ehre. Ein Glücksfall für die Gemeinde. Eine Gabe Gottes.

 25 Barnabas aber zog aus nach Tarsus, Saulus zu suchen. 26 Und als er ihn fand, brachte er ihn nach Antiochia.

Warum sucht Barnabas Saulus? Ich versuche es mit Begründungen: Eine könnte sein: Er braucht fähige Mitarbeiter. Er erinnert sich beeindruckt an das, was er in Jerusalem mit Saulus erlebt hat, wieder in Damaskus aufgetreten war. Er hat eine Gespür für „junge Talente“. Das sind gute Erklärungen. Menschlich einleuchtend. So würden wir heute denken.

Aber es geht auch anders. Hinter diesem Suchen des Barnabas steckt der Herr, auch wenn er nicht ausdrücklich benannt wird. Das auserwählte Werkzeug kann auf die Dauer nicht in Tarsus bleiben. „Hier, in Antiochien ist für diesen Man der Platz, der ihm von Gott bestimmt ist.“ (O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 156) Wenigstens vorläufig. So gehen sie nach Antiochia. Das ist der Ort mit der Öffnung. Das ist die „progressive Gemeinde“.

Und sie blieben ein ganzes Jahr bei der Gemeinde und lehrten viele. In Antiochia wurden die Jünger zuerst Christen genannt.

 Der erste Auftritt des Saulus an der Seite des Barnabas: Sie sind Lehrer in der Gemeinde.

„Dass die beiden sogar (καί) ein ganzes Jahr in der antiochenischen Gemeinde als Lehrer zusammenwirkten, wird als eine besondere Fügung bezeichnet, als ein besonderes Gnadenjahr der Gemeinde.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, S. 353) In dieser Zeit kommt ein Name für die Leute auf, die sich zur Gemeinde halten. Christen. Χριστιανούς. Der Name kommt wohl daher, dass sie dauernd von Jesus als dem Christus reden. Es ist eine Bezeichnung von außen, nicht eine Selbstbezeichnung.

 27 In diesen Tagen kamen Propheten von Jerusalem nach Antiochia. 28 Und einer von ihnen mit Namen Agabus trat auf und sagte durch den Geist eine große Hungersnot voraus, die über den ganzen Erdkreis kommen sollte; dies geschah unter dem Kaiser Klaudius. 29 Aber unter den Jüngern beschloss ein jeder, nach seinem Vermögen den Brüdern, die in Judäa wohnten, eine Gabe zu senden.

 Es ist nicht sonderlich aufregend, dass Propheten von Jerusalem nach Antiochia kommen. Es gibt Propheten in der Urgemeinde. Wohl nicht nur in Jerusalem Paulus rechnet wie selbstverständlich mit der prophetischen Gabe. Einer von ihnen, Agabus, kündigt eine Hungersnot an. Unter Kaiser Klaudius, das wissen wir aus römischen Quellen, gab es in den Jahren 46- 48 n. Chr. mehrere Hungersnöte.

 Diese angekündigte Hungersnot löst einen Gemeindebeschluss aus. Es sind nicht Einzelne, die sich verantwortlich fühlen. Es ist die Gemeinde, die eine Kollekte für Jerusalem sammelt! Dahinter steht der Gedanke: Wir hängen aneinander. Wir sind füreinander verantwortlich. „Wenn “ein” Glied leidet, so leiden alle Glieder mit“(1. Korinther 12,26) Das gilt nicht nur Gemeinde-intern. Das gilt auch für die Gemeinden untereinander. – gilt auch für Gemeinden! Alle beteiligen sich, jeder nach seinen Möglichkeiten.

 30 Das taten sie auch und schickten sie zu den Ältesten durch Barnabas und Saulus.

 Der Beschluss wird ausgeführt. Ob es sich bei dieser Kollekte schon um einen frühen Vorläufer der Kollekte handelt, für die Paulus später unter anderem in Korinth eindringlich wirbt (2. Korinther 8-9), ist nicht klar. Als Überbringer der Kollekte werden Barnabas und Saulus ausgewählt. Sie sind Vertrauensleute, auch, was die Finanzen angeht.

 Ich erinnere mich – ein wenig amüsiert – an meine Anfangszeit als Pfarrer. Einer unserer Kirchenvorsteher, im Alltagsleben Bankdirektor, hat über mich den schönen Satz gesagt. „Predigen kann er ja. Ob er auch mit Geld umgehen kann, wird sich zeigen müssen.“ Es ist ein Ding, sich den Worten eines Menschen anzuvertrauen und ein anderes, ihm Geld anzuvertrauen. Saulus wird auch Geld anvertraut.

 Herr Jesus                                                                                                                           Du gibst alles                                                                                                                    was es dafür braucht                                                                                                      dass Deine Gemeinde                                                                                        Menschen erreicht mit dem Evangelium

 Du gibst Deinen Geist                                                                                                     Du wählst Menschen als Zeugen                                                                                    Du öffnest Ohren                                                                                                               Du erreichst Herzen                                                                                                          Du bereitest die vor                                                                                                             die die Botschaft von Dir hören                                                                                       Du schließt Herzen auf

so dass neuer Glaube entsteht

All das hast Du damals getan

und willst es heute wieder tun

bei uns

durch uns

Gib

dass wir Dir

unser Leben öffnen

so dass Du uns gebrauchen kannst. Amen