Ein zuvorkommender Gott

Apostelgeschichte 10, 34 – 48

34 Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; 35 sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm. 36 Er hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist Herr über alle.

Der Prediger Petrus fängt bei sich selbst an. Was auch immer seine Zuhörer erwarten, ob er ihnen gerecht werden wird. Er jedenfalls hat etwas neu gelernt, oder, wenn nicht neu, so doch in Wahrheit, für die eigene Person, existentiell: Mag sein, wir Menschen denken in Grenzen und sind von ihnen bestimmt. Gott aber ist anders. In jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm. Gott hat seine Leute überall und er hat überall Freude an ihnen.

Und so, mit dieser Lernerfahrung, bindet Petrus in einem einzigen Satz die Exklusivität und die Universalität des Weges Gottes zusammen. Das Wort des Friedens ist an Israel gerichtet. Aber der das Wort ist, der ist Herr über alle. Es ist eine Verbindung,die wir bis heute wohl noch nicht so recht eingeholt haben.

37 Ihr wisst, was in ganz Judäa geschehen ist, angefangen von Galiläa nach der Taufe, die Johannes predigte, 38 wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit Heiligem Geist und Kraft; der ist umhergezogen und hat Gutes getan und alle gesund gemacht, die in der Gewalt des Teufels waren, denn Gott war mit ihm. 39 Und wir sind Zeugen für alles, was er getan hat im jüdischen Land und in Jerusalem.

Dann kommen wieder die Grunddaten einer Christus-Predigt aus den Anfängen des Weges der Gemeinde. „Die Verse 37-41 enthalten das kürzeste „Leben Jesu“ im Neuen Testament.“(G. Stählin, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 155) Mit der Taufe Jesu hat alles angefangen und mit seinem Wandern durch Galiläa. Er hat Gutes getan und alle gesund gemacht. Er hat aus der Gewalt des Teufels befreit. Er hat gehandelt in der Kraft des Geistes. Gott war mit ihm. Das ist wie eine Zusammenfassung für alles, was Jesus getan hat.

Auffällig: Petrus sagt nicht: Er war der Sohn Gottes. Vielleicht würde diese „theologische Lehr-Formel“ die gottesfürchtigen Zuhörer in die falsche Richtung denken lassen. Es geht Petrus darum, die Taten Jesu als Taten aus der Gegenwart Gottes zu beschreiben, Jesus als den, auf dem der Geist Gottes ruht.

Gott war mit ihm – vielleicht ist das zugleich eine Brücke zu den Hörern, zu dem, was sie für sich erhoffen können. Ihr werdet ja nicht Jesus-gleich werden. Ihr werdet auch nicht wie der eingeborene Sohn Gottes werden. Aber das dürft auch ihr für euch erhoffen, wie es für Jesus war, dass Gott mit euch ist.

.Den haben sie an das Holz gehängt und getötet. 40 Den hat Gott auferweckt am dritten Tag und hat ihn erscheinen lassen, 41 nicht dem ganzen Volk, sondern uns, den von Gott vorher erwählten Zeugen, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er auferstanden war von den Toten.

Jetzt ist von dem die Rede, was an Jesus geschehen ist. Sie – das sind Römer und Juden. Beide werden nicht ausdrücklich genannt. Ist das Schonung der Gefühle? Vorsicht vor römischer Verärgerung? Aber seine römischen Zuhörer werden von selbst wissen, wer für Kreuzigungen zuständig ist. Aber er ist nicht am Kreuz und nicht im Grab geblieben. Gott hat ihn auferweckt am dritten Tag und hat ihn uns erscheinen lassen.

Und jetzt folgt ein unglaublich kühner Satz: uns, den von Gott vorher erwählten Zeugen. Das ist eine weitreichende Deutung. In der Berufung zum Apostel, so sagt Petrus, war das von Anfang an im Blick, dass wir Zeugen seiner Auferstehung werden. Als Jesus uns, die Zwölf, gerufen hat, da hat er das als Ziel seines Rufes gesehen.

Der Gottesknecht sagt:„Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an.“(Jesaja 49,1) Jeremia hört von sich sagen: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker“ (Jeremia 1,5) Und Paulus wird nach Galatien schreiben: „Als es aber Gott wohl gefiel, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch seine Gnade berufen hat, dass er seinen Sohn offenbarte in mir, damit ich ihn durchs Evangelium verkündigen sollte…(Galater 1, 15) In diese Reihe, derer, die von Anfang an berufen sind, stellt Petrus sich mit den Aposteln. Wir sind Zeugen von Anfang an, nicht nur geschichtlich, sondern durch den Ruf Gottes.

42 Und er hat uns geboten, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er von Gott bestimmt ist zum Richter der Lebenden und der Toten. 43 Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.

Und dann nennt er noch einmal in knappster Weise das, worum es bei Jesus geht: Jesus ist von Gott bestimmt zum Richter der Lebenden und der Toten. – „Dies ist der älteste Beleg für eine im nach-apostolischen Schrifttum weit verbreitete Formel, die auch in das apostolische Glaubensbekenntnis Eingang fand.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 173)Er, Jesus, ist der Gegenstand des Zeugnisses aller Propheten. Das ist eine kühne Verdichtung der Schriften der Propheten – eine Art Leseanweisung an die Christenheit bis heute, so wie sie auch Jesus nach dem Johannes-Evangelium formuliert: „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt.“ (Johannes 5, 39)

Im Glauben an ihn wird das Leben eines Jeden Gott Recht, weil, wer an ihn glaubt, Vergebung der Sünden empfangen wird. Mit meinen Worten kann ich es so sagen: In Jesus wird Zukunft eröffnet, weil die Vergangenheit geklärt wird. Die Altlasten der Vergangenheit sind abgetan und dürfen den Weg nach Vorne nicht mehr versperren. Und er, der so die Vergangenheit geklärt hat, der kommt allen Menschen und also auch uns als Richter entgegen. Wie sollte man da nicht zuversichtlich werden?

44 Während Petrus noch diese Worte redete, fiel der Heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhörten.

Petrus ist noch nicht fertig mit seiner Predigt, seinen Worten. Da fällt ihm Gott ins Wort. Der Heilige Geist fiel auf alle, die dem Wort zuhörten.Macht das die Predigt zweitrangig, nebensächlich? Nein! Hat die Predigt des Petrus das zustande gebracht? Wieder: Nein! Hier fallen das Wort des Predigers und das Handeln Gottes in eins. Petrus hat Jesus bezeugt und Gott bezeugt nun Jesus. Seine „Predigt“ hat kein anderes Thema als die Predigt des Petrus: Jesus Christus.

Es ist keine Predigt über die Wirkungsweisen des Heiligen Geistes, die hier zur Gabe des heiligen Geistes führt. Es ist eine Jesus-Predigt. Für damalige Verhältnisse eine ziemlich standardisierte Jesus-Predigt. Es kommt alles vor, was vorkommen muss. Nicht sonderlich originell. Nicht sonderlich theologisch „geistreich“. Aber: Von Gott bestätigt, unterstrichen, in Kraft gesetzt durch den Geist. Er gibt dieser „biederen Predigt Rückenwind und Nachdruck. Das zu überlegen kann befreien von überfordernden Anforderungen an Predigten, eigene und fremde. Wenn Gott sein Werk tun will, dann reichen die ziemlich schlichten, herkömmlichen Worte und können Gott nicht hindern. Auch hier, im Blick auf die Predigten gilt

Das war ja stets dein Wesen von alten Zeiten her,                                                                 dass du dir hast erlesen, was schwach, gebeugt und leer.“ F. W. Krummacher

45 Und die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, entsetzten sich, weil auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde; 46 denn sie hörten, dass sie in Zungen redeten und Gott hoch priesen.

Jetzt sind alle durcheinander. Jetzt brechen die Dämme. Die Gabe des Heiligen Geistes an die Heiden – das ist mehr als sich die Christus-gläubigen Juden rund um Petrus vorstellen können. Sie entsetzten sich, so wie sich die Zeugen der Wunder Jesu auch immer entsetzten. Genauer steht da: „Sie waren außer sich.“ Da steht mit εξέστησανein Wort, das mit der Ekstase, der Verzückung des Petrus im Hause Simons des Gerbers zusammen fällt. Ist die Ekstase des Petrus ein Auslöser für das Geschehen, so führt sie nun zu einer erneuten „Ekstase“, diesmal bei denen, die aus der Beschneidung sind. So werden die jüdischen Begleiter des Petrus umschrieben.

Da antwortete Petrus: 47 Kann auch jemand denen das Wasser zur Taufe verwehren, die den Heiligen Geist empfangen haben ebenso wie wir?48 Und er befahl, sie zu taufen in dem Namen Jesu Christi.

Petrus zieht die Konsequenzen. „Die – älteste Taufordnungen widerspiegelnde – Frage des Petrus nach einem Taufhindernis kann unter diesen Umständen nur noch eine rhetorische sein. Denn wo Gott selbst so eindeutig gehandelt hat, kann es für Menschen ein solches Hindernis nicht mehr geben. Kein noch so fest gefügtes theologisches Urteil oder Vorurteil könnte das Recht dazu geben, diesen Heiden das Taufwasser vorzuenthalten.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 174) Es ist ähnlich wie bei dem Kämmerer aus Äthiopien. Es bleibt nur noch der Nachvollzug. Gott hat gehandelt. Menschen kommen nach.

Es wird viel darüber nachgedacht, dass dieser Schritt zu den Heiden historisch nicht so gewesen sein kann, dass Petrus der Wegbereiter war. Paulus ist doch der Heidenmissionar und Petrus und die anderen sind eher die Bremser. Wenn das historisch stimmt, dann wird hier sozusagen wider die Historizität die Autorität des Petrus für den Überschritt über die Grenzen in Anspruch genommen, um Paulus vom Stigma des Alleingangs zu befreien.

Aber diese Geschichte des Lukas erzählt anders. Vom ersten bis zum letzten Schritt ist Gott der Akteur in diesem Geschehen in Joppe und Cäsarea. Menschen sind „nur“ Ausführende. Es ist nicht Petrus, der den Weg frei macht, so wenig wie es später Paulus sein wird. Sie alle stolpern in gewisser Weise nur seinem, Gottes Heils-Willen nach.

Damit ist auch die Frage der Legitimität der Heiden-Mission hier schon entschieden: es ist Gott, der Herr Jesus, sein Geist, der über die Grenzen führt. Es ist nicht der Expansionswille der Gemeinde. Es ist nicht der theologische nur konsequente Schritt einer universalistischen Schau des Glaubens, es ist nicht die einzig mögliche Konsequenz des Monotheismus, es ist nicht die logische Folgerung aus „Jesus ist der Herr über alle.“ Es ist Gott, der durch seinen Geist führt, Schritt um Schritt.

Das mag dann nach direktem Eingreifen Gottes in die Geschichte klingen, nach einem supra-naturalistischen Gottesbild. Es ist gleichgültig angesichts dessen, wie Lukas hier erzählt.

Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.                       Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.               Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.          Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.                                                   Gebet aus dem 14. Jahrhundert

 So ehrwürdig alt dieses Gebet auch ist, es ist gefährlich. Es trägt in sich die latente Gefahr der Selbstüberforderung. Wir müssen Gott ersetzen. Wir müssen ihm Hand und Fuß verleihen. Und wenn wir es nicht tun, hat Gott keine Hände und keine Füße, keine Augen und keine Ohren, keinen Mund mehr. Gegen diese merkwürdige Sicht von der unendlichen Bedeutung des Menschen macht Lukas wiederholt Front, Jesus übrigens auch: Ich sage euch, wenn diese schweigen, so werden die Steine schreien.“ (Lukas 19,40) Schon der – gerade im lukanischen Doppelwerk – häufige „Engel-Einsatz“ spricht gegen diese Sicht der Dinge.

 Das Dogma unserer Zeit, dass Gott in seinem Handeln immer an Menschen gebunden wird, wird hier ausgehoben oder genauer: umgedreht. Menschen sind mit ihrem Handeln, wenn es denn dem Weg Gottes dienen soll, immer an Gottes zuvorkommendes Handeln gebunden. Wir glauben an einen zuvorkommenden Gott – in des Wortes wirklicher Bedeutung.

Da baten sie ihn, noch einige Tage da zubleiben.

Die Leute um Kornelius haben Petrus vor Augen. Sie spüren, dass es gut ist, ihn bei sich zu haben. Und indem sie ihn so einladen, zeigen sie auch: Wir haben verstanden, dass dich deine alten Grenzen nicht mehr begrenzen.

Herr, mein Gott                                                                                                           manchmal                                                                                                                   kommen wir nicht nach                                                                                                           hinter Deinem Willen                                                                                                       Menschen zu finden                                                                                                           hinter Deiner Art                                                                                                              Grenzen außer Kraft zu setzen                                                                                        hinter Deiner Güte                                                                                                                  die liebt                                                                                                                              ohne Wenn und Aber

 Wir sind langsamer                                                                                                               im Denken                                                                                                                               im Sagen                                                                                                                                       im Handeln                                                                                                                            im Glauben                                                                                                                     langsamer als Dein Geist

Es ist gut                                                                                                                                 dass Du uns zuvorkommst                                                                                               Das entlastet uns                                                                                                                      Wir müssen nicht neue Wege erfinden                                                                                  nur Deinen Wegen nachkommen. Amen