Unverhofft und unvermutet

Apostelgeschichte 10, 1 – 20

 1 Es war aber ein Mann in Cäsarea mit Namen Kornelius, ein Hauptmann der Abteilung, die die Italische genannt wurde. 2 Der war fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Haus und gab dem Volk viele Almosen und betete immer zu Gott.

Eben noch war Joppe Schauplatz des Geschehens. Und jetzt lenkt Lukas den Blick weiter nach Cäsarea am Meer, nicht allzu weit von Joppe entfernt. Der Ort ist „Garnisonsstadt“. Eine Einheit des römischen Heeres ist dort stationiert. In dieser Einheit, deren Namen Lukas zu nennen weiß, die Italische genannt , ist ein Hauptmann mit Namen Kornelius. Nicht nur sein Name ist bekannt, sondern auch seine innere Einstellung: fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Haus. Einer, der, obwohl Besatzungssoldat die Nähe zum jüdischen Volk sucht. Einer, der wohl auch angezogen ist vom Glauben Israels an den einen Gott.

Fromm wird er von Lukas genannt, ευσεβής steht da im Griechischen. Das Wort ist im NT nicht durch den christlichen Glauben gefüllt. Es ist mehr eine noch schwebende, suchende Religiosität. So ist also Kornelius einer, der auf dem Weg ist, auf der Suche, eben, einer der gottesfürchtig ist, aber noch nicht wirklich dazu gehört. Diese Einstellung „brachte ihn an die Schwelle des Judentums: Er ist nicht nur persönlich fromm., sondern gehört auch mit seinem ganzen Hauswesen dem Kreis der „Gottesfürchtigen” an, Da diese nicht beschnitten waren, galten sie für die Juden dennoch als unrein.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 168) Da ist also eine Grenze im Spiel.

3 Der hatte eine Erscheinung um die neunte Stunde am Tage und sah deutlich einen Engel Gottes bei sich eintreten; der sprach zu ihm: Kornelius! 4 Er aber sah ihn an, erschrak und fragte: Herr, was ist? Der sprach zu ihm: Deine Gebete und deine Almosen sind vor Gott gekommen und er hat ihrer gedacht.

Gott spannt leise feine Fäden.“ Nach der Beschreibung kommt die Geschichte in Gang. Sie wird durch Gott in Gang gesetzt. Das ist wichtig für die ganze folgende Erzählung: Gott ist hier initiativ. Die Menschen, sowohl Kornelius als auch Petrus kommen immer nur nach.

Ein Engel Gottes tritt auf. Es wird nicht gesagt, dass Kornelius gerade im Gebet ist. Erst später im Fortgang der Erzählung ( 10,30) erfährt der Leser aus dem Mund des Kornelius, dass er tatsächlich betete. Kornelius hat sich an der jüdischen Gebetspraxis orientiert. Sie ist ihm vertraut, wohl auch eine Hilfe. „Das Nachmittagsgebet… wurde in der Regel um die neunte Stunde, gegen 15 Uhr, verrichtet.“ (J.Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 168)

Gleichwohl ist Kornelius erschrocken über diese Unterbrechung seines Betens. Auch fromme Beter rechnen in der Regel nicht damit, dass sie Engelbesuch erhalten. Dieser Engel bringt gute Nachricht für Kornelius. Deine Gebete und deine Almosen sind vor Gott gekommen und er hat ihrer gedacht. Du kommst im Himmel vor. Mit Deinem Beten. Mit Deinem Leben.

Es gibt viele, die das Gebet für ein Selbstgespräch halten. Es ist gut, für sich selbst einmal Dinge zu benennen, Gedanken auch nur für sich selbst auszusprechen. Gebet sei so eine Art inneren Klärungsprozess ist die Idee dahinter. Aber weiter als bis zur eigenen Zimmerdecke reicht unser Beten nicht.

Hier höre ich eine andere Botschaft: Das ist die Chance, die Verheißung, die über der Zeit des Gebetes liegt: Wo Menschen sich zu Gott kehren, da will Gott in ihr Leben hinein wirken. Wo Menschen mit Gott sprechen, zu ihm beten, da kann Gott das Wort nehmen.

5 Und nun sende Männer nach Joppe und lass holen Simon mit dem Beinamen Petrus. 6 Der ist zu Gast bei einem Gerber Simon, dessen Haus am Meer liegt.

Dann wird es ganz konkret. Der Bote Gottes bleibt nicht im Allgemeinen. Er hat einen klaren Auftrag. Sende Männer nach Joppe. Zu Simon mit dem Beinamen Petrus. Und damit es nicht zu lange dauert, wird auch die Adresse mitgeliefert: Bei einem Gerber Simon, dessen Haus am Meer liegt. Nichts wird den Zufall überlassen durch diese Boten.

7 Und als der Engel, der mit ihm redete, hinweggegangen war, rief Kornelius zwei seiner Knechte und einen frommen Soldaten von denen, die ihm dienten, 8 und erzählte ihnen alles und sandte sie nach Joppe.

Es zeichnet den Militär aus, dass er diesen Auftrag sofort weitergibt. Es zeichnet diesen besonderen Militär aus, dass er einen in seiner Truppe hat, der wie er fromm ist wie er selbst und dass er seinen Soldaten erzählt, was ihm widerfahren ist. Hier ist eine religiöse Erfahrung keine intime Privatsache. Sie kann mitgeteilt werden. Ob sich darin auch etwas von der menschlichen Qualität dieses Soldaten zeigt?

9 Am nächsten Tag, als diese auf dem Wege waren und in die Nähe der Stadt kamen, stieg Petrus auf das Dach, zu beten um die sechste Stunde.

Gott spannt leise feine Fäden.“ Jetzt verknüpft der meisterhafte Erzähler Lukas die Orte und die Personen. Die Soldaten des Kornelius sind auf dem Weg zu Petrus. Und der – betet. Es ist nicht die ganz gewöhnliche Gebetszeit. Um diese Zeit wird eigentlich gegessen. Aber es liegt Lukas wohl daran zu zeigen, wie sich diese Gebete an verschiedenen Orten schon, ohne dass die Beteiligten es wissen, zu einem Netz verknüpfen. Ich denke, dass wir als Leserinnen lernen sollen durch die Erzählung: Es ist Gott, der hier als Netzwerker mit seinen betenden Leuten am Werk ist.

10 Und als er hungrig wurde, wollte er essen. Während sie ihm aber etwas zubereiteten, geriet er in Verzückung 11 und sah den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde. 12 Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. 13 Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! 14 Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen. 15 Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. 16 Und das geschah dreimal; und alsbald wurde das Tuch wieder hinaufgenommen gen Himmel.

Weil Petrus um die Essenszeit betet, ist es kein Wunder, dass er Hunger bekommt. Er wartet auf Essen. Eine „Ekstase überfällt ihn, während für ihn das Essen vorbereitet wird“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, S. 338) Er sieht den Himmel offen. Das erinnert an Stephanus. Aber hier ist es nicht der Herr, den er sieht. Der Hungrige sieht, was den Hunger stillen könnte. Aber es nicht darf, weil alles, was er da in diesem himmlischen „Tischtuch“ sieht ihm, dem Juden, unrein ist. Darum ist die Stimme, die er hört und ihr Befehl, den sie ausspricht eine Zumutung: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Und Petrus antwortet, wie es sich für den gesetzestreuen Menschen, der er auch als Jesus-Jünger immer noch ist, gehört: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen.

Er, der vor dem Hohen Rat gesagt hat: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (5,29), er leistet der Himmelsstimme Widerstand. Es ist für Petrus noch nicht ausgemacht, wer da mit ihm spricht. Stimmen hören – das passiert öfters. Ekstase ist noch nicht wie von selbst von Gott. Und es ist noch nicht ausgemacht, wie das gemeint ist, ob er nicht geprüft werden soll.Petrus ist offensichtlich niemand, der sofort jeden Traum, jeden Gedanken in der heißen Mittagssonne für Gottes Reden hält. Er ist eher nüchtern, zurückhaltend und hält es so: Statt an Träume oder Gesichte hält er sich lieber an das, was seine Schriften ihm sagen und da gibt es klare Sätze zum Thema, was nicht gegessen werden darf.

Dreimal wiederholt sich der Vorgang, der Befehl vom Himmel und der Widerspruch des Petrus. Petrus ist kein leichtgläubiger Mensch. Es ist gut zu lesen: Der Himmel ist geduldig mit Petrus. Die Stimme vom Himmel befiehlt nicht nur, sie „argumentiert“ auch: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. Sie gibt Petrus ein Argument an die Hand, das ihn nicht gleich umstimmt, das ihm aber zu denken geben wird. Ist es nicht in Gottes Souveränität, die Grenzen von rein und unrein zu verschieben? Später wird ein christlicher Autor schreiben: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.“ (1. Timotheus 4,4). So weit ist Petrus in Joppe noch lange nicht. Vision hin oder her.

 17 Als aber Petrus noch ratlos war, was die Erscheinung bedeute, die er gesehen hatte, siehe, da fragten die Männer, von Kornelius gesandt, nach dem Haus Simons und standen an der Tür, 18 riefen und fragten, ob Simon mit dem Beinamen Petrus hier zu Gast wäre. 19 Während aber Petrus nachsann über die Erscheinung, sprach der Geist zu ihm: Siehe, drei Männer suchen dich; 20 so steh auf, steig hinab und geh mit ihnen und zweifle nicht, denn ich habe sie gesandt.

Die Vision ist nicht strittig. Aber sie hat für Petrus noch nichts geklärt. Sie hat ihn eher in große Ratlosigkeit gestürzt. Aber nun stehen Menschen vor der Tür und fragen nach ihm. Petrus kennt sie nicht. Und er ist auch noch gar nicht offen für sie. Er ist noch völlig befasst mit dem, was ihm da in seiner Verzückung als Erscheinung widerfahren ist.

 Es braucht ein neues Wort des Geistes an ihn, das ihn auf den Weg bringt. Er bekommt einen Auftrag. Geh mit ihnen und zweifle nicht, denn ich habe sie gesandt. Das muss für ihn eindeutig sein. Hier hat der Geist des Herrn das Wort. Petrus wäre von sich aus nie und nimmer nach Cäsarea gegangen. Er wäre wohl auch nicht aufgrund seines Gesichtes gegangen, wenn da nicht Menschen vor der Tür gestanden hätten, die nach ihm fragten. Und auch als er dann mitgeht, ist er wohl noch voller Zweifel und Fragen und. Ausgesprochen skeptisch, ob denn das wirklich der Wille Gottes ist.

 Es ist viel, was Gott hier von Petrus verlangt: dass er ihn auf einen Weg stellt, der ihn jetzt schon über seine Grenzen hinausführt. Und doch: Nur auf diesem Weg wird Petrus erfahren, wie groß sein Gott ist.

 Heiliger Gott                                                                                                                unverhofft und unvermutet                                                                                                     berührt uns                                                                                                                               Dein Engel                                                                                                                               erreicht uns Deine Wirklichkeit                                                                                             Unverhofft und unvermutet                                                                                                    weitet sich die Welt                                                                                                                um uns                                                                                                                                      Was früher gegolten hat                                                                                                        wirkt überholt                                                                                                                           veraltet                                                                                                                                      aus der Zeit gefallen

Aber es erschüttert                                                                                                                 uns auch                                                                                                                                  macht ratlos                                                                                                                             stellt Fragen                                                                                                                             stellt in Frage  

Und wir sollen doch weiter gehen.

Gib Du uns                                                                                                                                in alle Ratlosigkeit und alles Fragen hinein                                                                     Deine Nähe                                                                                                                              Deinen Geist. Amen