Kein Hindernis

Apostelgeschichte 8, 26 – 40

 26 Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. 27 Und er stand auf und ging hin.

Der Einsatz der Erzählung ist eine Irritation. Aber ist dass erste Wort. Philippus hat alle Hände voll zu tun in Samarien. Die Menschen hängen an ihm, an seinen Lippen. Sie nehmen das Wort Gottes auf. Erfolgreiche Verkündigung. Eine offene Tür. Wie gerne würde er wohl weiter machen, weiter machen, weiter machen.

Und dann: Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus. Wie? frage ich. Im Traum, durch das Wort eines Menschen, durch ein inneres Erleben? Kein Wort über das Wie. Nur eine Platzanweisung, ohne jeden weiteren Inhalt. Auf dieses Wort hin verlässt Philippus das gesegnete Missionsfeld und geht an die Straße nach Gaza, in die Einöde, in der Mittagshitze, in der kein vernünftiger Mensch unterwegs ist.

 Und er stand auf und ging hin. Keine Diskussion. Kein Wortwechsel mit dem Engel. Ich denke, dass er geht, weil er gehen muss, und gleichzeitig innerlich fragt: „Was soll ich da? Steinen predigen? Hyänen von Jesus erzählen?“ Die Antwort lässt auf sich warten. Aber nicht lange. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. 28 Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.

 Wochen, Monate zuvor hatte die Geschichte an einem anderen Ort schon einen Anfang genommen. Zu einer Reise von fast 2000km brach da ein Mensch auf. Nicht irgendeiner: ein Finanzminister, Angehöriger der Hochschicht. Aber er fuhr nicht mit Diplomatengepäck, fuhr nicht zu einer Finanz-Konferenz oder zu einem großen Geschäft: er fuhr, um Gott anzubeten. Was sind das für Strapazen   von Nubien nach Jerusalem. Was sind das für Gefahren   vor Wegelagerern, vor Unfällen, vor Stürmen sind auch Minister nicht sicher. Und was sind das für Unbequemlichkeiten: das eigene Bett fehlt, die Dienerschaft, das gewohnte Essen. Und alles nur, um in Jerusalem anzubeten!

Muss man denn nach Jerusalem, um anzubeten? Ist Gott denn nicht überall? So werden ihn wohl manche Freunde gefragt haben. Und er hat vielleicht nur hilflos gezuckt mit den Achseln und gesagt: Ich muss nach Jerusalem. Was ich bis jetzt von diesem Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs gehört habe, das zieht mich dorthin.

 Mich fasziniert das: Da macht einer sich auf die Suche nach Gott und nimmt dafür alles Mögliche an Gefahren und Strapazen in Kauf. Wie viel nehmen wir auf uns, um Gott zu suchen? Wie weit gehen wir, um ihm auf die Spur zu kommen?

 Wie weit ist er wohl gekommen mit seiner Reise? Bis nach Jerusalem. Aber wie weit im Tempel? Wie weit vor allem innerlich? Was ist die spirituelle Bilanz dieser Reise? Er ist in Jerusalem an unüberwindliche Grenzen gestoßen: `Halt‘, haben die Tempelwachen gerufen – nicht in das Heiligtum, du bist „nur“ ein Nubier. `Halt‘, haben sie gerufen, nicht über den Vorhof hinaus: Du bist kein vollwertiger Mann.

Und einer wird es ihm erklärt haben, vielleicht sehr feinfühlig, vielleicht auch hart: Im Gesetz steht, dass kein Verschnittener, kein Eunuch zum Volk Gottes gehören darf. „Kein Entmannter oder Verschnittener soll in die Gemeinde des HERRN kommen.“ (5. Mose 23,2) Das Volk Gottes ist nur etwas für Gesunde. Was für eine bittere Botschaft ist das: Zutritt nur für Gesunde, für geistig und körperlich wohlgeratene Menschen. Was für ein Schmerz muss das im Herzen dieses Mannes gewesen sein – so weit getrieben von seiner Sehnsucht nach Gott  und dann doch nur Grenzen.

29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! 30 Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? 31 Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?

 Der ganze Ertrag der Reise: Eine Jesaja-Rolle. Als ob einer heutzutage nach Rom führe, ins Kloster ginge, auf den Athos reiste, den Jakobsweg bis nach Santiago de Compostella liefe und nur ein Buch mit nach Hause bringt. Und jetzt auf der Heimfahrt die neue Grenze: Er versteht nicht, was er liest, Für teures Geld hat er eine Jesaja-Rolle gekauft. Er ist noch nicht fertig mit diesem Gott, aber er versteht sein Wort nicht.

 Als der Wagen des Kämmerers kommt, ist klar: Für diesen Menschen steht Philippus, hier. Für diesen einen Menschen ist er von Gott hier hergeschickt. Für diesen einen Menschen hat Gott ihn aus seiner Arbeit in Samarien heraus genommen.

 Mit diesem dürren Satz: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! wird die Frage des Philippus beantwortet. Warum bin ich hier, wo doch in Samarien die Arbeit drängt.

 Ich übertrage nach heute. An manche Stellen stellt uns Gott nur für ein Wort. In manche Aufgaben ruft uns der Herr nur um eines Menschen willen. Das dürfen wir als Mitarbeiter Jesu doch auch für uns glauben: Er wird uns den Wagen entdecken lassen, zu dem er uns hin schickt. Er wird es uns verstehen lassen, wenn unsere Stunde gekommen ist. Bis dahin gibt es nur eines: Sich wirklich der Führung des Geistes anvertrauen, sich offen zu halten für sein Reden in unser Leben hinein. Nur wer warten lernt, wird nicht ständig den Plänen Gottes davonlaufen, wird nicht ständig mit den eigenen Vorstellungen beschäftigt sein und deshalb keine Zeit haben für Gottes manchmal rätselhafte Führungen.

 Sie finden einander, weil Philippus fragt: „Verstehst du auch, was du liest?“ Das ist der Schlüssel zur Seele des Kämmerers. Er wird ernst genommen in seinem Suchen und Fragen. Er muss nicht schon fertig sein. Die Frage des Philippus erlaubt ihm, seine eigenen Fragen nicht zu verschweigen. Die Frage des Philippus zeigt ihm: Hier werde ich ernst genommen. Ich darf fragen.

 Wie anders heute. Wir nehmen meistens nur die ernst, die Antworten haben, Erklärungen abgeben, Perspektiven aufzeigen. Vielleicht bleiben deshalb so viele allein, so viele auch auf Abstand zum Glauben, weil sie nicht oder viel zu wenig fragen dürfen.

 Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. 32 Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7-8): »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. 33 In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.« 34 Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? 35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.

Eine Bibelstunde auf einem Reisewagen. Er rumpelt über die Straße und auf dem Wagen wird das Evangelium erklärt. Es ist eine Erklärung des Glaubens aus dem Buch des Propheten heraus. Es ist das, was Lukas ja wieder und wieder sagt: Die Schrift, das Wort des alten Bundes zeigt, wer Jesus ist, zeigt, was Gott mit seiner Sendung in die Welt tut. Auf die Schrift hören ist für Lukas auf das Wort der hebräischen Bibel hören. Das vergessen wir Leser heutzutage so leicht: Die Schriften des Neuen Testamentes sind alle noch nicht da und noch nicht Grundlage der Verkündigung.

Es ist ja nicht irgendeine Stelle aus der Bibel, die er da liest. Es ist ein Abschnitt aus dem Gottesknechtslied des Jesaja, in dem die erste Gemeinde den Weg Jesu prophetisch angesagt gefunden hat. Und sie redet davon, dass der, dessen Leben nach menschlichen Maßstäben zerstört, fruchtlos ist, viele Nachkommen hat. Was für ein Satz für einen, der nie Nachkommen wird zeugen können.

 36-37 Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?

 Weil es der Kämmerer erlaubt hat, hat Philippus von Jesus gesprochen und der Kämmerer hat gehört. Philippus hat das Ohr – und das Herz – des Kämmerers gefunden. Der hat wohl auch wiederholt nachgefragt. Und im Hören und Nachfragen entsteht ein Wunsch: Ich will zu diesem Jesus gehören.

 In dieser Frage merken wir noch einmal, wie verwundet er ist. Kann ich dazu gehören? Gibt es irgendein Hindernis? So fragt der, der zurückgestoßen worden ist. So fragt der, der an seine Grenzen gekommen ist. So fragt der, der oft gehört hat: Bis hierher und nicht weiter. Und in dieser Frage liegen Angst, und Sehnsucht ganz eng beieinander.

Was mag dem Kämmerer nach einigen Stunden „Unterweisung“ noch alles unklar gewesen sein. Aber er hatte genug gehört, um zu ahnen: Da ist eine unendlich große Liebe, die mir das Leben eröffnen will. Da tritt mir der Eine entgegen, der mein zerbrochenes und zerschnittenes Leben heil macht. Da tritt mir der Eine entgegen, der mich trägt, auch wo ich keine Zukunft mehr habe. Da tritt mir der Eine entgegen, der mir die Ewigkeit aufschließt. Und ich darf zu ihm gehören und es braucht nichts dazu als die Taufe: hinein gegeben in seinen Tod, auferstanden in ein Leben mit ihm.

 In „westlichen Texten“ (einem Teil der alten Handschriften, die im Westen des römischen Reiches geschrieben sind) der Apostelgeschichte wird an dieser Stelle ein Frage-Antwort-Spiel überliefert: „Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so mag es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.“

 Es hat guten Sinn, dieses Gespräch zu überliefern. Es ist der Dialog, der in ähnlicher Weise mit Taufbewerbern in der alten Kirche geführt wurde. Wir lernen hier altkirchliche, westliche Taufliturgie kennen. Es geht um die Ernsthaftigkeit des Taufbegehrens. Es geht um die Zustimmung zum zentralen Bekenntnis der christlichen Gemeinde. Darauf lasse ich mich ein. Das will ich bekennen – sagt der Taufbewerber. Taufe ist nicht irgendeine Waschung. Es ist der Schritt in eine Lebensbeziehung.

 Aber genauso macht es auch Sinn, Frage und Antwort wegzulassen. Nein, du musst keine Vorleistungen bringen. Du hast die Botschaft gehört und wenn sie dich ruft, deine Sehnsucht weckt, dann magst du auch die Taufe empfangen. Die Taufe ist ja kein Schlusspunkt, sie ist der Anfang einer Lebensreise und du, der die Taufe begehrt, wirst auf dieser Reise alles lernen und erfahren, was du brauchst, um im Glauben zu wachsen und zu reifen.

 38 Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. 39 Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

 Weil es kein Hindernis gibt, weil auch das Verschnitten-Sein nicht hindert so wenig wie die Hautfarbe, deshalb wird der Kämmerer getauft. Ein atemberaubendes Tempo wird hier angeschlagen. Aber es ist wohl wie so oft: Die biblischen Autoren erzählen im Zeitraffer-Modus, was bei uns Jahre dauert.

 Es gibt keine Grenze, die dich ausschließt. Das ist wohl auch die Botschaft, die Lukas seinen Lesern weiter geben will. Von diesem Glauben ist keiner ausgeschlossen. Das ist die Erfahrung der Liebe Gottes, die dem Kämmerer zuteil wird. Wer so geliebt wird, wer so beschenkt wird – wie sollte der nicht fröhlich werden? Wie sollte der sich nicht freuen – so beschwerlich auch der Reiseweg noch werden mag, der vor ihm liegt. „Er aber zog seine Straße fröhlich“. Damit entschwindet der Kämmerer unseren Augen. Seines Glaubens gewiss und mit Freude erfüllt zieht er Gott entgegen.

 40 Philippus aber fand sich in Aschdod wieder und zog umher und predigte in allen Städten das Evangelium, bis er nach Cäsarea kam.

 Ist das für Philippus nur eine – zugegeben wunderbare – Episode? Er ist in ein neues Arbeitsfeld versetzt und tut, was er vorher schon getan hat. Er zog umher und predigte in allen Städten das Evangelium, bis er nach Cäsarea kam. Das ist seine Berufung – ob einem Einzelnen gegenüber oder vielen.

Gott, Du,                                                                                                                               der mich sucht,                                                                                                                      den ich suche                                                                                                                    Weite Wege bin ich gegangen                                                                                             bei meiner Suche                                                                                                                  an meine Grenzen gestoßen                                                                                      Manchmal war ich so weit                                                                                                  dass ich aufgeben wollte.

Geführt hast Du mich                                                                                                             auf Wege                                                                                                                              die ich nicht wollte                                                                                                                    die mir öde vorkamen                                                                                                      Sackgassen.

Aber ich bin Dir gefolgt                                                                                                           Deinem Geist                                                                                                                            der mich anrührt                                                                                                                     und den ich nie begreife

Du hast                                                                                                                                      mich mit Menschen                                                                                                         zusammen gebracht                                                                                                         mich fragen lassen                                                                                                            mich ihre Fragen hören lassen                                                                                              und oft genug erschrecken lassen                                                                                           an ihren Fragen und meinen eigenen

Über uns selbst hinaus                                                                                                         hast Du geführt                                                                                                                gerufen                                                                                                                                   Weg geöffnet                                                                                                                         Du hast Dich uns verbunden                                                                                                mir verbunden                                                                                                                      mich verbunden mit Dir                                                                                                           im Wasser                                                                                                                              im Wort                                                                                                                                     in die Zukunft hinein. Amen