Gegen den Widerstand – Gottes Weg

Apostelgeschichte 7, 17 – 43

 17 Als nun die Zeit der Verheißung sich nahte, die Gott dem Abraham zugesagt hatte, wuchs das Volk und mehrte sich in Ägypten, 18 bis ein andrer König über Ägypten aufkam, der nichts wusste von Josef. 19 Dieser ging mit Hinterlist vor gegen unser Volk und misshandelte unsre Väter und ließ ihre kleinen Kinder aussetzen, damit sie nicht am Leben blieben.

Gott behält seinen Plan im Auge. Er ist ja der Herr der Zeiten. Als nun die Zeit der Verheißung sich nahte, die Gott dem Abraham zugesagt hatte…Stephanus wechselt von der Geschichte Gottes mit Abraham und den Erzvätern zur Geschichte des Volkes. Das Volk in der Fremde gerät in Bedrängnis. Es ist der fremde König, der Pharao, der sie bedrückt, der nichts wusste von Josef. Der Pharao hat keinen Blick für die verborgene Geschichte Gottes, der in Israel sein Volk hat. Und wieder stellt sich wie von selbst die Frage an die Zuhörer des Stephanus: Seid ihr genau so blind für Gottes Geschichte wie der Pharao damals?

 20 Zu der Zeit wurde Mose geboren und er war ein schönes Kind vor Gott und wurde drei Monate ernährt im Hause seines Vaters. 21 Als er aber ausgesetzt wurde, nahm ihn die Tochter des Pharao auf und zog ihn auf als ihren Sohn. 22 Und Mose wurde in aller Weisheit der Ägypter gelehrt und war mächtig in Worten und Werken.

 Mose wird bewahrt. Mit einem Einzelnen, einem Kind, fängt die Rettungsgeschichte Gottes an. Mit einem Kind, das in einem fremden „Vaterhaus“ aufwächst. Mose gilt als der Sohn der Pharaos-Tochter, so wie Jesus für den Sohn des Josef gehalten wurde. Lese ich zu viel, wenn ich das mitlese? Dieser Mose bleibt kein Kind. Er wird zum Mann, mächtig in Worten und Werken. Der geborene Volksführer.

23 Als er aber vierzig Jahre alt wurde, gedachte er, nach seinen Brüdern, den Israeliten, zu sehen. 24 Und sah einen Unrecht leiden; da stand er ihm bei und rächte den, dem Leid geschah, und erschlug den Ägypter. 25 Er meinte aber, seine Brüder sollten’s verstehen, dass Gott durch seine Hand ihnen Rettung bringe; aber sie verstanden’s nicht. 26 Und am nächsten Tag kam er zu ihnen, als sie miteinander stritten, und ermahnte sie, Frieden zu halten, und sprach: Liebe Männer, ihr seid doch Brüder; warum tut einer dem andern Unrecht? 27 Der aber seinem Nächsten Unrecht getan hatte, stieß ihn von sich und sprach (2.Mose 2,14): »Wer hat dich zum Aufseher und Richter über uns gesetzt? 28 Willst du mich auch töten, wie du gestern den Ägypter getötet hast?«

Als Mose sein Volk führen will, wird es kompliziert. Stephanus erzählt die Geschichte des Mose als eine Geschichte der Ablehnung durch sein Volk. Er stößt auf Widerstand. Während die Erzählung im Exodus-Buch eher kritische Töne gegenüber Mose andeutet, weil er auf eigene Faust handelt, das Recht in die eigenen Hände nimmt und sie dabei beschmutzt, nicht den Zeitpunkt Gottes erwarten kann, klingt hier eher Kritik an Israel an. Er meinte aber, seine Brüder sollten’s verstehen, dass Gott durch seine Hand ihnen Rettung bringe; aber sie verstanden’s nicht. Der Gedanke liegt nahe: Die Israeliten haben damals den Befreier Mose genauso abgelehnt wie sie heute den Messias Jesus ablehnen. Auch er bringt ja die Rettung Gottes und auch ihn verstehen sie nicht. „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche.“(Lukas 9,14)

 Wobei auch diesmal wieder die Brücke gebaut wird, die Lukas seinen jüdischen Leserinnen und Lesern gerne zeigt: Sie verstanden’s nicht. Es ist nicht Bosheit, es ist Unverständnis,m Blindheit, die sie Mose nicht erkennen lässt. Aber: Die Zeit der Blindheit, der entschuldbaren Unwissenheit geht mit der Christus-Predigt der Apostel zu Ende!

 29 Mose aber floh wegen dieser Rede und lebte als Fremdling im Lande Midian; dort zeugte er zwei Söhne. 30 Und nach vierzig Jahren erschien ihm in der Wüste am Berge Sinai ein Engel in einer Feuerflamme im Dornbusch. 31 Als aber Mose das sah, wunderte er sich über die Erscheinung. Als er aber hinzuging zu schauen, geschah die Stimme des Herrn zu ihm (2.Mose 3,5-10): 32 »Ich bin der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs.« Mose aber fing an zu zittern und wagte nicht hinzuschauen. 33 Aber der Herr sprach zu ihm: »Zieh die Schuhe aus von deinen Füßen; denn die Stätte, auf der du stehst, ist heiliges Land! 34 Ich habe gesehen das Leiden meines Volkes, das in Ägypten ist, und habe sein Seufzen gehört und bin herabgekommen, es zu erretten. Und nun komm her, ich will dich nach Ägypten senden.«

 Mose flieht, geht in die Wüste, führt eine „bürgerliche Existenz“, wenn auch als Fremdling im Lande Midian. Gott aber hält auch in dieser Zeit an seinem Willen fest. Er will sein Volk retten. Dazu beruft er – in der Fremde – ausgerechnet diesen Mose, den Israeliten vorher in die Flucht getrieben hatten. Die Erzählung erinnert noch einmal daran: Es ist Gott, der sich erbarmt über das Schreien seines Volkes. Israel verdankt sich, seine ganze Existenz dem Erbarmen Gottes. Es wird gerettet, weil Gott der Erbarmer ist.

 35 Diesen Mose, den sie verleugnet hatten, als sie sprachen: »Wer hat dich als Aufseher und Richter eingesetzt?«, den sandte Gott als Anführer und Retter durch den Engel, der ihm im Dornbusch erschienen war. 36 Dieser Mose führte sie heraus und tat Wunder und Zeichen in Ägypten, im Roten Meer und in der Wüste vierzig Jahre lang. 37 Dies ist der Mose, der zu den Israeliten gesagt hat (5.Mose 18,15): »Einen Propheten wie mich wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern.« 38 Dieser ist’s, der in der Gemeinde in der Wüste stand zwischen dem Engel, der mit ihm redete auf dem Berge Sinai, und unsern Vätern. Dieser empfing Worte des Lebens, um sie uns weiterzugeben.

 Der Ton in der Rede wechselt. Aus der ruhig fließenden Erzählung wird Stakkato: Dieser! Dieser! Dieser! Gott hat Mose erwählt, berufen gesandt. Wie große Dinge hat Gott an Mose getan. Wieder verteidigt sich Stephanus nicht. Aber wer im Ohr hat: Wir haben ihn Lästerworte reden hören gegen Mose und gegen Gott.(6,11) der versteht, wie hier diese Anklage ad absurdum geführt wird, widerlegt, ohne dass sie auch nur eines Wortes gewürdigt wird. Dieser empfing Worte des Lebens, um sie uns weiterzugeben. Mehr und Größeres kann doch von Mose wahrlich nicht gesagt werden. Damit ist die Anklage widerlegt.

 39 Ihm wollten unsre Väter nicht gehorsam werden, sondern sie stießen ihn von sich und wandten sich in ihrem Herzen wieder Ägypten zu 40 und sprachen zu Aaron (2.Mose 32,1): »Mache uns Götter, die vor uns hergehen; denn wir wissen nicht, was diesem Mose, der uns aus dem Lande Ägypten geführt hat, widerfahren ist.« 41 Und sie machten zu der Zeit ein Kalb und opferten dem Götzenbild und freuten sich über das Werk ihrer Hände.

 Umso schärfer tritt der Gegensatz hervor: So wunderbar hat Gott an Mose und durch Mose gehandelt – und so undankbar ist die Reaktion des Volkes. Das Volk hat sich ihm ständig verweigert. Sie stießen ihn von sich und wandten sich in ihrem Herzen wieder Ägypten zu. Sie sind rückwärtsgewandt. Sie verlieren die Zukunft Gottes in dieser Kehrtwende. Das ist die Gefahr, wenn man Gottes Retter ablehnt: Man verbaut sich die eigene Zukunft in der kindischen Freude über das Werk der eigenen Hände.

 Das Volk, nein, unsere Väter haben den Retter abgelehnt. Noch einmal schließt sich Stephanus mit seinen Anklägern zusammen. Wir gehören zusammen. Ich bin einer von euch. Diese Geschichte der Ablehnung des Retters ist auch meine Geschichte.

 42 Aber Gott wandte sich ab und gab sie dahin, sodass sie dem Heer des Himmels dienten, wie geschrieben steht im Buch der Propheten (Amos 5,25-27): »Habt ihr vom Hause Israel die vierzig Jahre in der Wüste mir je Opfer und Gaben dargebracht? 43 Ihr trugt die Hütte Molochs umher und den Stern des Gottes Räfan, die Bilder, die ihr gemacht hattet, sie anzubeten. Und ich will euch wegführen bis über Babylon hinaus.«

 Jetzt kommt das Aber Gottes, dasdie Geschichte Israels auch prägt. Gott hat zugewartet, hat Boten gesandt, hat Rettung angeboten. Aber irgendwann ist die Geduld Gottes erschöpft. Wenn der Ruf zur Umkehr kein Echo in den Herzen findet, dann kommt es zum Gericht: Gott gab sie dahin. Da steht im Griechischen das Wort παρέδωκεν, Es ist das gleiche Wort, das Paulus verwendet, wenn er davon spricht, wie die Heiden unter die Herrschaft der Sünde geraten. Darum hat Gott sie in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben in die Unreinheit, sodass ihre Leiber durch sie selbst geschändet werden, sie, die Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient haben statt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen.“ (Römer 1, 24-25) Dahinter steht ein tiefe, gesamt-biblische Einsicht: „Man wird mit dem gestraft, womit man sündigt.“ (Weisheit 11,16) Nichts anderes sagt Stephanus hier.

 Es ist kein Zweifel – Stephanus sieht das Volk, das sich gebärdet wie die Heiden. Aus der scheinbar neutralen Schilderung ist urplötzlich eine scharfe Anklage geworden. Stephanus ist offensichtlich bei den Propheten Israels „in die Schule gegangen“. Er sagt nichts, was nicht schon bei den Propheten nachzulesen wäre. Das Bußgebet des Nehemia (Nehemia 9, 7-37) legt den Finger auf die gleichen Wunden, auf die Stephanus hier zeigt.

 Spätestens jetzt müssen die Zuhörer unruhig werden. Denn sie können spüren, worauf das alles hinaus läuft. Und: Wenn man es gut meint mit Stephanus, muss man sagen: Du handelst dir mit diesen scharfen Worten vielleicht auch das Schicksal der Propheten ein.

 Heiliger Gott                                                                                                                        von Deinen großen Taten                                                                                                     kann ich nie genug                                                                                                                 hören und erzählen.

Auf Deine großen Taten zu schauen                                                                                  erhebt das Herz                                                                                                            tröstet                                                                                                                                     stärkt                                                                                                                                      ermutigt.

 Du hast                                                                                                                          Menschen dazu gebraucht                                                                                                    Dein Werk                                                                                                                            vorwärts zu bringen.

Du hast                                                                                                                                     oft genug                                                                                                                                  dabei auch Widerstand erfahren                                                                            Kleinglauben                                                                                                                  Unglauben                                                                                                                              Eigensinn.

Gib Du                                                                                                                                      in unsere Zeit hinein                                                                                                              ein neues Sehen                                                                                                                    Deiner Taten                                                                                                                           ein neues Hören                                                                                                                     auf Dein Wort                                                                                                                          ein neues Gehen                                                                                                                    Deiner Wege. Amen