Engelsgleich – Nichts als ein Bote

Apostelgeschichte 6, 8 – 15

 8 Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk.

 Schon dieser kurze Satz zeigt: Die neu in Dienst genommenen Diakone sind keine zweite Wahl. Wunder und große Zeichen – das wird sonst von den Apostel berichtet. Offensichtlich ist Stephanus auf Augenhöhe mit den Zwölf, was seine „Begabung“ angeht. Ein Mensch voll Gnade und Kraft, erfüllt von Gott, berufen von Gott, in Dienst genommen von Gott.

 Alles, was die Apostel „auszeichnet“ dass sie berufen sind, geist-begabt, beauftragt, ist hier auch von Stephanus gesagt.Darum ist es nicht abwegig, wenn in Kommentaren darüber nachgedacht wird, ob er und die anderen Diakone nicht in Wahrheit „Gemeindeleiter“ der griechisch sprechenden Christen in Jerusalem sind. Es hätte dann eine jüdische „Ur-Gemeinde“ und sehr früh eine hellenistische „Tochter-Gemeinde“ gegeben. Ein Milieu-spezifisches Nebeneinander, das der Verbreitung des Evangeliums dient. Ob das nicht ein Vorbild für uns heute sein kann?

 9 Da standen einige auf von der Synagoge der Libertiner und der Kyrenäer und der Alexandriner und einige von denen aus Zilizien und der Provinz Asien und stritten mit Stephanus. 10 Doch sie vermochten nicht zu widerstehen der Weisheit und dem Geist, in dem er redete.

 Stephanus beschränkt sich keinesfalls auf den „Tisch-Dienst“. Er ist einer, der seine Rede-Begabung in den Dienst der Gemeinde stellt. „Stephanus ist – das dürfte der historische Hintergrund sein – innerhalb seines griechisch-sprachigen Herkunftsmilieus missionarisch tätig gewesen und hat so den Konflikt ausgelöst.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 112) Es gibt eine Menge Leute aus den unterschiedlichen, landsmannschaftlich gefärbten Synagogen, die mit ihm diskutieren. Doch wohl über die Wahrheit des Christus-Zeugnisses. Und sie alle ziehen den Kürzeren.

 Die Beredsamkeit, die Kraft seiner Argumente, die Begeisterung – das alles macht ihn unwiderstehlich – und ruft zugleich den Widerstand hervor. Es ist ein Vorgang, der sich im Lauf der Geschichte oft zeigt, nicht nur, wenn es um das Evangelium geht: Wer zu viele Diskussionen „gewinnt“, wird irgendwann zum roten Tuch für die Unterlegenen. Es muss nicht einfach Neid sein, der Menschen gegen Stephanus aufbringt. Es reicht das Gefühl der Unterlegenheit.

 11 Da stifteten sie einige Männer an, die sprachen: Wir haben ihn Lästerworte reden hören gegen Mose und gegen Gott.

 Die Geschichte wiederholt sich. Wie im Prozess gegen Jesus werden auch jetzt wieder Leute angestiftet, die Stephanus beschuldigen: Lästerworte gegen Mose und gegen Gott habe Stephanus gesagt, ist ihre Anklage.Das meint, dass Stephanus das Gesetz in Frage gestellt haben soll und das er Gott gelästert haben soll. „Nach Sifre Num 15,30f (33a) ist Gotteslästerer, wer freche Reden gegen die Tora führt.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, S. 237) Die Logik ist: Wer „Mose“ in Frage stellt, stellt auch Gott in Frage. Wie nahe auch Lukas diesem Denken ist, zeigt sich, wenn er im Evangelium als Wort Jesu aufschreibt: Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören.“ (Lukas 16,29)

 Weil man das Wort nicht vom Boten des Wortes trennen kann, darum lästert Gott, wer den Boten in Frage stellt. „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.“ (Lukas 10,16) Dieses Wort Jesu darf nicht zur Formel werden, mit der die Boten Unterwerfung verlangen, also zum Wort, das die eigene Macht sichert. Aber es ist doch ein wichtiger Hinweis auch heute: Keine leichtfertige Kritik an denen, die das Wort weiter sagen. Man immunisiert sich mit solcher Kritik womöglich gegen ihre Worte, auch gegen ihre Worte, die Gottes Wort bezeugen.

 12 Und sie brachten das Volk und die Ältesten und die Schriftgelehrten auf, traten herzu und ergriffen ihn und führten ihn vor den Hohen Rat 13 und stellten falsche Zeugen auf, die sprachen: Dieser Mensch hört nicht auf, zu reden gegen diese heilige Stätte und das Gesetz. 14 Denn wir haben ihn sagen hören: Dieser Jesus von Nazareth wird diese Stätte zerstören und die Ordnungen ändern, die uns Mose gegeben hat.

 Die Anklagen lösen Aktivitäten der Administration aus. Zum wiederholten Mal wird einer der Jünger vor den Hohen Rat gebracht. Es sind die Leute aus der jüdischen Diaspora, die hier ein Verfahren gegen Stephanus, den Mann aus der hellenistischen Gemeinde anstiften. Wie so oft sind die Zugezogenen die, die am schärfsten auf die Tradition und das Alt-Hergebrachte achten. Sie sichern sich ja so ihre eigene Zugehörigkeit. Sie also, Leute aus der Synagoge der Libertiner und der Kyrenäer und der Alexandriner und einige von denen aus Zilizien und der Provinz Asien, ergreifen ihn, bringen ihn vor den Rat und führen Zeugen auf: Falsche Zeugen, so weiß es Lukas. Ihr Vorwurf: Stephanus redet gegen den Tempel und gegen das Gesetz. Er kündigt die Zerstörung des Tempels durch Jesus von Nazareth an und den Umsturz aller alten und ehrwürdigen Ordnungen.

 Verschärft wird die Anklage dadurch, das seine Reden nach ihren Zeugnis nicht einmalige Ausrutscher sind. Er macht das alles beständig. Er hört nicht auf, so zu reden. Er ist sozusagen in seinen Worten ein notorischer „Tempelschänder“.

 Lukas nennt das alles Aussagen von falschen Zeugen. Richtig ist allerdings: „Durch Jesus hat der Tempel seine Funktion als Ort der Gegenwart Gottes verloren, durch ihn ist auch eine neue, radikale Deutung des Willens Gottes zur Notwendigkeit geworden, die weit über das mosaische Gesetz hinaus führt und ihre alleinige Norm im Liebesgebet hat.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 114) So mischen sich Missverständnisse, falsch gehörte Worte und eine durchaus richtig wahrgenommene Herausforderung zu einer gefährlichen Anklage.

 15 Und alle, die im Rat saßen, blickten auf ihn und sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht.

 Man kann es förmlich sehen: Nachdem diese Anklagen vorgebracht sind, richten sich alle Blicke im Hohen Rat auf den Verklagten. Aber sie sehen keinen schuldbewussten Menschen vor sich stehen, keinen voller Menschenfurcht, sondern einen mit einem Angesicht wie eines Engels Angesicht.

 Was ist damit gemeint? „Da schickt sich ein Mann zur Verantwortung an, der in einer oberen Welt zu Hause ist.“ (O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 90) Noch auf der Erde schon überirdisch. Engelsgleich. Es könnte auch anders klingen. Da steht einer, der nicht mit seiner Botschaft verstummt, weil sie und wenn sie Widerstand findet. Er behält das Angesicht eines Boten. Er bleibt auch jetzt, vor Gericht, zuallererst Bote Gottes und wird nicht sein eigener Verteidiger.

 So gelesen zeigt sich auf dem Gesicht des Stephanus nicht irgendetwas Überirdisches, sondern er wird erkennbar als der, der er schon die ganze Zeit ist, als Bote Jesu Christi. Er ist engelsgleich, weil er Bote ist und nicht, weil er überirdisch strahlt.

 Mir fallen Menschen wie Paul Schneider, der „Prediger von Buchenwald“ und Helmuth James Graf von Moltke ein, in ihrem Widerstand gegen das NS-Regime. Sie mögen nicht gestrahlt haben, sondern Todesangst und Furcht im Herzen gespürt haben. Und doch haben sie ein Angesicht wie eines Engels Angesicht. Weil sie für die Wahrheit Zeugen waren.

Heiliger Gott                                                                                                                           erfülle Du uns mit Deiner Kraft                                                                                        Deiner Weisheit                                                                                                               Deinem Mut                                                                                                                          dass wir einstehen                                                                                                                 für Dich                                                                                                                                     die Wahrheit das Leben den Glauben                                                                                 zur Zeit und zur Unzeit.

 Lass uns reden                                                                                                                        wenn wir reden sollen                                                                                                        Lass uns schweigen                                                                                                                 wo wir nichts zu sagen haben                                                                                                 Mache uns frei von der Versuchung                                                                                Gespräche gewinnen zu wollen.                                                                                        Lehre uns                                                                                                                               dass wir Menschen verletzen und verlieren können                                                                weil es uns nur um unser Siegen                                                                                             in Diskussionen geht.

Hilf uns                                                                                                                                   dass wir nie etwas anderes sein wollen                                                                              als Deine Zeugen                                                                                                                      Boten Deiner Wahrheit. Amen