Gott kann

Apostelgeschichte 3, 11 – 16

 11 Als er sich aber zu Petrus und Johannes hielt, lief alles Volk zu ihnen in die Halle, die da heißt Salomos, und sie wunderten sich sehr.

 Der Geheilte geht nicht seiner Wege. Er nimmt nicht seine Heilung und macht sich fort. Er bleibt bei den beiden Aposteln. Warum? Aus Dankbarkeit? Aus Neugier? Weil er spürt, dass bei ihnen einen Zugang zum Leben ist, der seine Lebenssehnsucht stillen könnte? Der Text sagt nichts über seine Motive – nur, dass er bleibt.

 Er hat etwas Grundlegendes verstanden. Es geht im Glauben nicht darum, eine positive Erfahrung abzukriegen. Es ist alles falsch, wenn einer seine Heilung nimmt wie einen erfolgreichen Einkauf und seiner Wege geht. Er hielt sich zu Petrus und Johannes. Darin gewinnt seine Heilung Tiefe, gewinnt sie festen Halt, wird er stabil. Er scheint zu spüren: hier wird meine Seele gesunden und Kraft gewinnen, so wie meine Beine gesundet sind und Kraft gewinnen. Der Weg seiner Heilung geht weiter.

 Weil er bleiben, bleiben auch andere. Er ist eine Sensation, einer, de man gesehen haben muss. Einer, auf den man zeigt. Es ist wie mit dem von den Toten auferweckten Lazarus: „Alle Welt läuft ihm nach.“ (Johannes 12,19) Das Volk kann sich gar nicht satt sehen und genug staunen über das, was da im Gang ist. Ein sonst ruhiger Ort der Sammlung wie die Halle Salomo wird zum Ort, wo es summt wie in einem Bienenschwarm.12 Als Petrus das sah, sprach er zu dem Volk: Ihr Männer von Israel, was wundert ihr euch darüber oder was seht ihr auf uns, als hätten wir durch eigene Kraft oder Frömmigkeit bewirkt, dass dieser gehen kann?

 Petrus hört das Geraune. Er sieht die aufgeregten Gesichter. Und darum reagiert er. Nicht das ist das Problem, dass die Leute aufgeregt sind uns sich wundern. „Dass das Volk sich über den Geheilten „wundert“, wird nicht kritisiert, wohl aber, dass es die Apostel „anstarrt“, als hätten sie „in eigener Kraft“ oder Frömmigkeit bewirkt, dass der zuvor Lahme umher gehen kann.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, S. 152)Das ist das Problem, dass sie die beiden Apostel, Johannes und Petrus für die halten, die das drauf haben, die Wundertäter aus eigenerKraft oder Frömmigkeit –δυνάμις ή ευσεβεία sind beides im NT hoch geschätzte Begriffe! sind. Es ist der uralte Versuch, Menschen übermenschliche Kräfte bedenkenlos zuzuschreiben, weil damit diese Kräfte irgendwie auch für den „Normalo“ zugänglich werden. Was die können, könnten wir doch im Grundsatz auch! Solange kein Gott am Werk ist, hat doch alles seine innerweltliche Ordnung.

 13 Der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, der Gott unsrer Väter, hat seinen Knecht Jesus verherrlicht, den ihr überantwortet und verleugnet habt vor Pilatus, als der ihn loslassen wollte. 14 Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und darum gebeten, dass man euch den Mörder schenke; 15 aber den Fürsten des Lebens habt ihr getötet. Den hat Gott auferweckt von den Toten; dessen sind wir Zeugen.

Als Petrus so redet, haben da die Zuhörer gedacht: sind wir im falschen Film? Wovon redet der? Was hat das alles mit diesem Jesus zu tun? Vielleicht ist die Hinrichtung am Kreuz ja gerade noch so in Erinnerung – obwohl: sie ist ja schon Monate vorbei. Und wer weiß, wer von denen, die jetzt im Tempel sind, auch damals in Jerusalem war.

 Aber Petrus muss von Jesus reden. Denn das Wunder steht nicht auf sich selbst und nicht auf ihrer Kraft. Das Wunder vor ihren Augen kommt ja aus den Händen des Gottes Abrahams und Isaaks und Jakobs, des Gott unsrer Väter. Er ist am Werk. Und er hat sein Werk zu tun begonnen an dem, den ihr verworfen habt. Aus der scheinbar so abwegigen Rede wird ein noch viel abwegiger Angriff: Ihr habt den Fürsten des Lebens getötet. Ihr, die ihr nicht genug staunen könnt über das Leben, das sich in gesunden Knochen zeigt – ihr habt den in den Tod gegeben, der das Leben selbst ist.

 Es ist wieder eine Kurzfassung, ähnlich wie in der Pfingstpredigt, die in einem Satz sagt, was geschehen ist und zugleich, was dieses Geschehen für eine Bedeutung hat. „Apostel Jesu Christi haben nur ein Thema: Jesus, der Gekreuzigte und auferstandene, ist der Messias.“(O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 51) Hart prallen das Handeln der Menschen und das Handeln Gottes aufeinander. Aus dem Handeln er Menschen kommt der Tod, aus dem Handeln Gottes das Leben.

 Und es ist schon wahr: Hier wird deutlich, wie Gott aus dem Todeshandeln grundlos, bedingungslos, nur von seiner Liebe getrieben, Leben werden lässt. Er hält an dem Fest, den die Menschen verworfen haben. „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden.« (Lukas 20,17) Gott schreibt die Geschichte Jesu anders weiter als es die Menschen geplant hatten.

Und wieder: Den hat Gott auferweckt von den Toten; dessen sind wir Zeugen. Das ist das zentrale Zeugnis der Gemeinde: der tot Gesagte, tot Geschlagene, tot Geglaubte lebt. Die letzte Grenze der Welt, der Tod, ist zerbrochen. Darum kann das Leben siegen. Weil er, Jesus lebt und Leben gibt. Und alles, was die Jünger sagen können, ist: Wir haben ihn gesehen, das Leben, diesseits und jenseits des Todes. Immer ist er da. „Das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben,“ (1. Johannes 1,2) Wen ich das lese, spüre ich noch über die Jahrtausende hinweg das Staunen in diesem Satz.

16 Und durch den Glauben an seinen Namen hat sein Name diesen, den ihr seht und kennt, stark gemacht; und der Glaube, der durch ihn gewirkt ist, hat diesem die Gesundheit gegeben vor euer aller Augen.

 „Nach einer weit verbreiteten Auslegung wäre in V. 16 vom Glauben des Geheilten und nicht von dem der Apostel die Rede. Aber dagegen spricht nicht nur die Tatsache, das die vorher gegangene Wundergeschichte nichts von einem Glauben des Kranken als Vorbedingung der Heilung weiß.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5; S. 76) Das ist eine wichtige Klarstellung. Sie bewahrt vor lieblosen Forderungen an Menschen, die auf Heilung hoffen. Genauso müssen freilich auch die vor einem falschen Denken bewahrt werden, die für andere um Heilung beten und wenn sie ausbleibt, den eigenen Glauben dann fragwürdig finden.

 So oder so – es ist nicht der Glaube, der heilt, schon gar nicht die Gläubigkeit – es ist der Herr. Es ist der Name über alle Namen, der gesund macht, auf die Beine stellt. Es ist ein schmaler Grad, richtig oder falsch vom Glauben zu reden. Der Glaube empfängt Wunder, aber er macht sie nicht. Der Glaube ist nicht die notwendige Voraussetzung dafür, dass ein Wunder geschehen kann. Er ist aber wohl die notwendige Voraussetzung dafür, dass man ein Wunder sehen kann. „In V. 16B wird der Zusammenhang von Glauben und Heilung weiter geklärt: Es ist der durch Jesus selbst gewirkte Glaube, der dem zuvor Lahmen diese Unversehrtheit, die umfassende ( im Gotteslob zum Ausdruck gekommene) Heilung seiner Person verliehen hat.Δί α̉υτου̃ gibt die Urheberschaft an.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, S. 154)

 Ohne den Glauben sieht man nur eine Sensation. Der Glaube aber sieht Christus am Werk. Und darum sieht er das Wunder, weil er den sieht, der wirkt – den die Menschen verworfen und getötet haben und der von Gott bestätigt worden ist. Seine Lebenskraft, seine Gegenwart in dieser Welt voll Tod – das ist das Wunder, von dem wir alle leben.

Herr Jesus                                                                                                                              Du handelst                                                                                                                      durch Menschen wie Petrus und Johannes                                                                          Du willst ihren Glauben                                                                                                     damit andere daran heil werden.

 Du willst                                                                                                                              auch unseren Glauben                                                                                                     damit andere daran heil werden                                                                                             wieder auf die Beine kommen                                                                                            neuen Mut schöpfen                                                                                                     Hoffnung gewinnen                                                                                                                   in getroster Zuversicht                                                                                                        nach vorne schauen.

 Herr                                                                                                                                 unser Glaube hat nie genug                                                                                                      an uns selbst                                                                                                                            Er ist nie darin am Ziel                                                                                                           dass wir gläubig sind

 Unser Glaube will mehr                                                                                                           als wir selbst ihm zutrauen –                                                                                             dass Deine Gegenwart                                                                                                     aufleuchtet in der Welt                                                                                                             dass Menschen                                                                                                                        froh werden und frei                                                                                                                  und das Lob des Vaters                                                                                                        Raum gewinnt                                                                                                                        weil das Leben siegt. Amen